Weltpolitik

Keine WM im Sklavenhalterstaat!

Katar dementiert, dass es aufgrund der Arbeitsbedingungen auf Großbaustellen für die FIFA-Weltmeisterschaft Tote gibt. Das ist schlichtweg dreist.

Ein Kommentar von HANS BERGER, 03. Juni 2015 –

Die Führung des autoritär regierten Scharia-Emirats Katar hat auf Medienberichte reagiert, die die Arbeitsbedingungen während der Vorbereitungen auf die Fußballweltmeisterschaft 2022 thematisierten, die in der Golfdiktatur ausgetragen werden soll. „Das ist vollständig unwahr. Tatsächlich hat nach fast fünf Millionen Arbeitsstunden auf Baustellen für den Worldcup kein einziger Arbeiter sein Leben verloren. Kein einziger“, lässt die Regierung in Doha verlauten. (1)

Unmittelbarer Anlass für die Erklärung war ein zuvor erschienener Artikel in der Washington Post, in dem  Christopher Ingraham darauf hinwies, dass sich die Verbrechen der FIFA nicht auf Korruption, Selbstbereicherung und Betrug reduzieren lassen. Die Mafia des Weltfußballs habe vielmehr katastrophale Auswirkungen auf die wirkliche Lebenssituation von Menschen. Zeigen ließe sich das, so Ingraham, kaum irgendwo deutlicher als in Katar. Er wertet die verfügbaren Daten zu Todesfällen bei der Vorbereitung zur WM aus und zeigt in einer Grafik, dass kein anderes Sportevent, weder in Peking, noch in Sotschi an die Sterberate in Katar heranreicht.

Das und der Umstand, dass die WM-Vergabe durch die FIFA nun erneut mediale Aufmerksamkeit genießt, dürfte Doha zur Reaktion genötigt haben. Die Regierung der wahhabitischen Monarchie beklagt sich nun über den „enormen Schaden für Image und Reputation Katars“. „Das Resultat des Artikel in der Post ist, dass nun Leser überall auf der Welt dazu gebracht wurden, zu glauben, dass tausende migrantischer Arbeiter in Katar umgekommen sind oder umkommen werden, während die Einrichtungen für die Weltmeisterschaft 2022 gebaut werden“, heißt es in der Erklärung weiter.

Eine derart dreiste Wortmeldung kann wohl jenseits der inhaftierten FIFA-Granden höchstens noch Franz Beckenbauer glauben. Der hatte schon vor längerem bekundet, er habe „noch nicht einen einzigen Sklaven in Katar gesehen“. Die Arbeiter – das meinte er ernst – seien „weder in Ketten, noch gefesselt und haben keine Büßerkappe am Kopf“. (3) Jeder Beobachter mit irgendeiner Form von Verstand und Sachkenntnis dagegen wird die Propaganda aus Katar als das erkennen, was sie ist: Lüge.

Etwa 90 Prozent der Werktätigen in dem aufgrund von Öl- und Gasreserven extrem reichen Emirat sind ausländische Arbeiter. Sie sind dem auch in Saudi-Arabien oder dem Libanon gängigen Kafala-System unterworfen. Dieses bindet den Arbeiter an einen „Paten“, den Unternehmer, der ihn beschäftigt. Dieser Patron verfügt dann über den Arbeiter, in den meisten Ländern, in denen das Kafala-System zur Anwendung kommt, existiert der Arbeiter juristisch nicht ohne seinen „Patron“. Oft werden die Reisedokumente vom Arbeitgeber einbehalten. Das Kafala-System bedeutet nicht nur die völlige Entmündigung der Arbeiter, es steht auch synonym für Niedriglohn, Missbrauch und Rechtslosigkeit. Zahlreiche Menschenrechtsorganisationen, NGOs und die Vereinten Nationen (4) haben die Golfstaaten bereits zur Veränderung ihrer Arbeitsgesetzgebung aufgefordert. „Das Sponsorengesetz (Kafala sponsorship system) muss reformiert werden. Das Gesetz verpflichtet ausländische Arbeiter unter anderem dazu, die Genehmigung ihres Arbeitgebers einzuholen, wenn sie diesen wechseln oder Katar verlassen möchten. Das kann dazu führen, dass ausgebeutete Arbeiter in Katar festsitzen und nicht ausreisen können. Ausserdem fördert es die Zwangsarbeit. Diese verpflichtende Ausreisegenehmigung muss abgeschafft werden“, fasst Amesty International zusammen. (5)

Schon bevor der erste Arbeiter auf WM-Baustellen starb, bestanden diese Arbeitsbedingungen – und schon anhand von ihnen hätte man sehen können, was zu erwarten war. Aber die FIFA und die Investoren der Fußballweltmeisterschaft kümmerten sich nicht um migrantische Arbeiter in Katar, schließlich hatte selbst der Kaiser Beckenbauer keine Ketten und Büßerkappen entdecken können. Und so mussten für den Profit Menschen sterben. Mehrere tausend werden es sein, bis 2022 – darin sind sich glaubwürdigere Beobachter als die Regierung Katars einig. Der Internationale Gewerkschaftsbund (ITUC) hat in einer ausführlichen Studie geschätzt, es werden etwa 4000 Menschen der Profitgier der Akteure zum Opfer fallen. (6)

Viel Druck aus Europa war zunächst nicht zu erwarten. Die Bundesregierung – gegen die Golfdiktaturen immer besonders nachsichtig – lobt immer noch die „konstruktiven“ Bemühungen Katars. (7) Denn: „Die Profiteure der faktischen Sklavenarbeit in dem technisch hypermodernen, aber mit einem mittelalterlichen Sozialsystem ausgestatteten Feudalstaat, sind nicht nur Golfaraber aus der örtlichen Oberklasse. Viele von ihnen sitzen in Europa“, schreibt Bernard Schmid auf Telepolis. (8)

Erst die Korruptionsermittlungen gegen die FIFA-Paten scheinen es nun möglich zu machen, dem Wüstenstaat die WM zu entziehen. Regierungen und Investoren beginnen zu hinterfragen, ob das wirklich die richtige Entscheidung war. Eine Schande, dass das erst jetzt passiert.  


 

Anmerkungen

(1)  http://www.qna.org.qa/en-us/News/15060218340056/Qatars-Government-Communication-Office-Denies-Washington-Post-Article-about-Worker-Conditions-in-Qatar

(2) http://www.washingtonpost.com/blogs/wonkblog/wp/2015/05/27/a-body-count-in-qatar-illustrates-the-consequences-of-fifa-corruption/

(3) https://www.youtube.com/watch?v=ZUPfm4zsVNQ

(4) http://www.theguardian.com/global-development/2014/apr/25/un-qatar-abolish-kafala-migrant-worker-system

(5) http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=1&ved=0CCEQFjAA&url=http%3A%2F%2Fwww.srf.ch%2Fsendungen%2Fclub%2Fcontent%2Fdownload%2F6412024%2F81334694%2Fversion%2F2%2Ffile%2FBericht%2520Amnesty%2520International%2520Schweizer%2520Sektion.pdf&ei=8AhvVfGrG4PIyAO-1oHoDg&usg=AFQjCNH5u520zrjgL2qv7i6buRCdDkx8Ew&bvm=bv.94911696,d.bGQ&cad=rja

(6)  http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/019/1801944.pdf

(7) http://www.ituc-csi.org/IMG/pdf/the_case_against_qatar_en_web170314.pdf

(8) http://www.heise.de/tp/artikel/44/44601/1.html

(9) http://www.manager-magazin.de/finanzen/boerse/sorge-um-fussball-wm-2022-boerse-in-katar-bricht-ein-a-1036890.html

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