Weltpolitik

Syrien: Westen forciert Eskalation

Von SEBASTIAN RANGE, 28. März 2013 –

Syrien EskalationIn den vergangenen Monaten wurden die „Rebellen“ in Syrien massiv aufgerüstet. Von den unter US-Aufsicht organisierten Waffenlieferungen profitieren vor allem die radikal-islamistischen Kräfte, die Syrien in ein Kalifat verwandeln wollen. Trotz der Ausbildung der Aufständischen durch westliche Geheimdienste sind diese nach wie vor weit davon entfernt, aus eigener Kraft einen Sturz der Regierung von Präsident Baschar al-Assad herbeiführen zu können. Vertreter der syrischen „Exilregierung“ fordern daher eine Intervention der NATO in Form des Einsatzes der Patriot-Raketen, um eine „Schutzzone“ nach libyschen Muster zu errichten. Zu diesem Zweck werden Anlässe fingiert.

Der Präsident der als Exilregierung bezeichneten Syrischen Nationalen Koalition (SNC), Ahmed Moas al-Khatib, trat am vergangenen Wochenende von seinem Posten zurück. Dennoch nahm er auf dem Gipfeltreffen der Arabischen Liga in Doha am Dienstag den Sitz für Syrien ein, der seit November 2011 nicht mehr besetzt worden war. Die syrische Regierung protestierte gegen die Vergabe des Sitzes an ein „nicht legitimiertes Gremium“.

Al-Khatib war erst im November 2012 ins Amt gekommen. Im Januar hatte er die Bereitschaft signalisiert, mit der syrischen Regierung in Verhandlungen zu treten. Vorsichtige Hoffnungen auf eine baldige friedliche Lösung des Konflikts kamen auf. Doch al-Khatibs Verhandlungsofferte stieß auf scharfe Kritik aus den eigenen Reihen. Innerhalb des SNC dominieren die Kräfte, die auf einen militärischen Sieg – unter Mithilfe ausländischer Dschihadisten – setzen.

Konsenskandidat von Washingtons Gnaden

Al-Khatibs Rücktritt erfolgte Tage nachdem Ghassan Hitto als Premierminister des SNC durchgedrückt worden war. Noch vor einem halben Jahr war der 50jährige US-Staatsbürger nahezu unbekannt. Erst im November 2012 schloss sich Hitto dem SNC an und verlegte seinen Aufenthaltsort von den USA in die Türkei. Hitto lebte zuvor über 35 Jahren in den Vereinigten Staaten und arbeitete dort bis zum November als Manager. Syrien hat er schon seit Jahrzehnten nicht betreten. Dafür werden ihm aber gute Kontakte nach Katar nachgesagt. Jener Golf-Diktatur, die neben Saudi-Arabien als Hauptsponsor der bewaffneten islamistischen Kräfte in Syrien fungiert und den Sturz Assads propagandistisch mittels des regierungsnahen Fernsehsenders Al-Jazeera flankiert.

Der neue Premier Hitto lehnt jedweden Dialog mit der Assad-Regierung ab und bezeichnete deren Sturz sowie die Versorgung der Bevölkerung in den „befreiten Gebieten“ als seine vorrangigen Ziele.

Trotz seiner anschließenden Präsentation als „Konsenskandidat“, spaltete Hittos Wahl den SNC. Rund zwanzig der ursprünglich anwesenden siebzig Koalitionäre nahmen nicht an der Abstimmung teil. Hitto erhielt mit 35 Stimmen gerade einmal die Zustimmung der Hälfte der ursprünglichen Delegierten. Ein Dutzend hochrangiger Mitglieder verließ die Koalition einen Tag nach der Wahl aus Protest.

Auch die Signale aus den Reihen der Freien Syrischen Armee (FSA) fielen widersprüchlich aus.

Der Stabschef der FSA, Salim Idriss, der sich auch als „Staatsfeind Nummer Eins“ inszeniert, kündigte zunächst an, sich der neuen Exilregierung unterzuordnen. Deren Geltungsbereich erstrecke sich laut seiner Ansicht auf das gesamte Land, während er die Assad-Regierung als Besatzer bezeichnete. Er drohte auch mit einer strafrechtlichen Verfolgung jener Institutionen, die sich nicht loyal gegenüber der Exilregierung erklärten. (1)

Doch von Loyalität kann selbst in den Reihen der FSA keine Rede sein. Deren Militärrat verweigerte Hitto prompt die Gefolgschaft. (2) Inzwischen hat auch Idriss seine Loyalität wieder aufgekündigt. (3) Die Wahl des US-Bürgers Hitto zum „Premierminister“ zeige, dass „von Washington nicht einmal der Versuch unternommen wird, die Abhängigkeit der Anti-Assad-Allianz von den USA zu kaschieren“, kommentierte die junge Welt den Vorgang. (4)

Al-Khatib, dessen Rücktritt vom SNC bislang nicht anerkannt wird, stand dem Konzept einer Exilregierung kritisch gegenüber, da es im Widerspruch zum sogenannten Kofi-Annan-Plan steht. Unter der Schirmherrschaft des ehemaligen UN-Generalsekretärs waren Ende Juni 2012 in Genf unter Beteiligung des Westens, Russlands und Chinas die Bildung einer syrischen Übergangsregierung aus Vertretern der derzeitigen Regierung und der Opposition beschlossen sowie Eckpunkte eines Überganges festgelegt worden.

Doch die in Genf vorangetriebene Suche nach einer politischen Lösung des Konflikts wurde bereits eine Woche später von den USA und ihren Verbündeten konterkariert. Auf dem Treffen der „Freunde Syriens“ – jener Staatenkoalition unter maßgeblicher Beteiligung der USA, Katars und Saudi-Arabiens, die auch mittels terroristischer Gewalt einen Sturz Assads herbeiführen will – Anfang Juli in Paris wurde unbeirrt am Abdanken Assads als Vorbedingung für Verhandlungen festgehalten. Annan erklärte daraufhin seinen Rückzug als Vermittler. Die Erklärung der „Freunde Syriens“ bezeichnete er als „wirklich nicht hilfreich“. „Wenn sie als Vorbedingung für Gespräche fordern, Assad muss zurücktreten, machen sie es unmöglich, die Leute an einen Tisch zu bringen. Es war klar, dass er das nicht akzeptieren würde“, erklärte ein sichtlich enttäuschter Annan gegenüber der ARD. (5)

Westen rüstet „Al-Qaida“ massiv auf

Der neue „Premierminister“ Hitto steht in der Tradition der Eskalation, wie sie von den „Freunden Syriens“ von Anbeginn forciert wurde. Die USA spielen dabei ein doppeltes Spiel. In öffentlichen Erklärungen wird stets behauptet, man unterstütze die Rebellen nur mit „nicht-tödlicher“ Ausrüstung, und noch im Januar wurde erklärt, man favorisiere eine Übergangsregierung.

Es heißt auch, US-Präsident Barack Obama habe dem Drängen aus den Reihen seiner Administration nicht nachgegeben, die Rebellen direkt zu bewaffnen. Als Scharfmacher in dieser Frage erwiesen sich insbesondere die damalige Außenministerin Hillary Clinton, der damalige CIA-Direktor David Petraeus und der seinerzeitige Verteidigungsminister Leon Panetta. Dass sie alle drei nach Obamas zweiter gewonnener Präsidentschaftswahl aus ihren Ämtern schieden, wurde von einigen Beobachtern auch als Zeichen der Neuausrichtung seiner Nahost-Außenpolitik bewertet und in Bezug auf Syrien als Tendenz gedeutet, die US-Regierung sei zu der Einsicht gelangt, ein Regimewechsel könne auf absehbare Zeit militärisch nicht zu erreicht werden und daher müsse man eine politische Lösung ernsthaft in Betracht ziehen.  

Doch zur gleichen Zeit wurden die bewaffneten Kämpfer der Opposition insgeheim unter Federführung des US-Auslandsgeheimdienstes CIA massiv aufgerüstet. Seit November 2012 wurden 3 500 Tonnen Waffen und Munition – laut Hugh Griffiths vom Stockholmer Internationalen Friedensforschungsinstitut (SIPRI) eine „konservative Schätzung“ (6) – an die Aufständischen geliefert.

Das Kriegsmaterial stammt aus kroatischen Beständen. Seit der Wiederwahl Obamas wurden nach Angaben der New York Times 160 Frachtflüge organisiert. Hauptumschlagplatz sei der Flughafen Esenboga nahe Ankara. Auch über Jordanien gelange die Fracht an die Kampfer in Syrien. (7) Wie mittlerweile bekannt ist, unterhalten die USA in Jordanien Ausbildungslager für die Aufständischen. „Wie ein Rebellenkommandant zugab, umfasst das Trainingsprogramm die Schulung an Panzer- und Luftabwehrraketen – also genau an jenem Typ von Waffen, die man der Opposition bisher vorenthielt.“ (8)

Die von der CIA koordinierten Lieferungen sollen von Katar und Saudi-Arabien finanziert worden sein. Gerechtfertigt wird die Beteiligung des US-Geheimdienstes an der massiven Aufrüstung mit der Behauptung, dadurch solle gewährleistet werden, dass die Waffen nicht in die „falschen Hände“ gelangen. Wie das Wall Street Journal berichtet, teilt die CIA ihr geheimdienstliches Wissen auch mit Einheiten der „Rebellen“. Die Lieferung von Waffen und Informationen spiegele das Bemühen der Obama-Administration wider, die säkularen Kräfte unter den Aufständischen zu stärken. (9)

In Kontrast dazu steht die Aussage von US-General Martin Dempsey, dem Vorsitzenden des Vereinigten Generalstabes und Obamas höchstrangigem Militärberater: „Vor sechs Monaten hatten wir ein unklares Verständnis von der Opposition, und jetzt würde ich sagen, ist es sogar noch unklarer“, erklärte er vor einer Woche. (10)

Nachweislich finden die Waffen ihren Weg zu den radikal-islamistischen Kräften, die im ideologischen Dunstfeld Al-Qaidas agieren. Die Aufrüstung aus kroatischen Beständen war Ende Januar ans Tageslicht gekommen, als der auf Waffen in Konfliktzonen fokussierte Blogger Eliot Higgins bemerkte, dass sich die radikal-islamistische Gruppe Ahrar al-Sham mit den neuen Waffen präsentierte. (11)

Die Welt spezifizierte das Arsenal der Dschihadisten: „Rückstoßfreie Panzerabwehrkanonen vom Typ M60, Panzerfäuste der Baureihe M79 Osa, Panzerabwehrraketenwerfer mit dem Kürzel RPG-22 und Granatenwerfer vom Typ Mikor MGL/RGB-6.“ Auch die im Dezember 2012 von den USA als Terrorgruppe eingestufte Al-Nusra-Front kann sich als neuer Besitzer dieser Waffen glücklich schätzen. (12)

Al-Nusra ist ein Ableger des „Islamischen Staates Irak“, der als irakische Abteilung al-Qaidas gilt. Ahra al-Sham und Al-Nusra sind in der Syrischen Islamischen Front (SIF) organisiert, der neben der Syrischen Befreiungsfront (SLF) wichtigsten Rebellengruppe. „Letztere gilt als moderate Vereinigung von Islamisten, zu denen Salafisten und Muslimbrüder gehören. (…) Als moderate Islamisten können die meisten dieser Gruppen nur im Vergleich mit der SIF bezeichnet werden. Bei deren Gründung im Dezember 2012 verbündeten sich elf radikale salafistische und dschihadistische Organisationen. Die SIF wird von Ahrar al-Scham dominiert. Die (…) kooperieren mit der Al-Nusra-Front und gelten im gemeinsamen Einsatz als Elitetruppen der Rebellen. Im Gegensatz zur SLF hat die SIF ein landesweites Netzwerk aufgebaut, das militärisch und ideologisch zusammenarbeitet“, schreibt Syrien-Kenner Alfred Hackensberger. (13)

Der Militärchef der FSA bezichtigt die der Muslimbruderschaft nahestehende Gruppen, Waffen „für die Zeit nach der Revolution“ zu horten, um dann die Macht übernehmen zu können. „Sie werden einer unserer ersten Gegner sein, die wir bekämpfen müssen.“ (14)

Bereits jetzt kommt es zu tödlichen Kämpfen zwischen den verschiedenen Fraktionen. So gab es jüngst bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen der Al-Nusra Front und der in der SLF organisierten Farouk-Brigade, die eher den Muslimbrüdern nahesteht. Selbst sie sind in den Augen der Al-Nusra „Ungläubige“, die es zu bekämpfen gilt. (15)

Es zeichnet sich ab, dass mit dem Sturz Assads der Krieg noch lange nicht vorbei sein wird. Die Vertreter der SIF lassen keinen Zweifel daran aufkommen, dass eine Demokratie mit ihnen nicht zu machen ist. Syrien solle ein Kalifat werden, so ein Vertreter von Ahrar al-Scham. Auch Al-Nusra will einen zivilen Staat nicht akzeptieren. „Die Al-Nusra-Frontz und die SIF kontrollieren große Landesteile im Norden und Osten Syriens. Täglich versuchen sie, ihre Herrschaft auszubauen. Sie sind an allen wichtigen Frontabschnitten im Einsatz und die ersten, die sich eroberte Waffenlager sichern und die Kontrolle über neue Gebiete übernehmen.“ (16)

Dank der umfangreichen Unterstützung der „Freunde Syriens“ befinden sich weite Teile des Landes bereits unter Kontrolle jener Gruppen, die für gewöhnlich als „Al-Qaida“ bezeichnet werden. Diese Entwicklung ist kein Betriebsunfall.

Bereits im August letzten Jahres erklärte Ed Husain, Senior Fellow for Middle Eastern Studies des einflussreichen und regierungsnahen US Think Tanks Council on Foreign Relations, warum man auf „Al-Qaida“ als Verbündetem nicht verzichten könne, wenn man Syriens Regierung stürzen will: „Die syrischen Rebellen wären heute ohne Al-Qaida in ihren Reihen unermesslich schwächer. Die Einheiten der Freien Syrischen Armee sind weitgehend erschöpft, zerstritten, chaotisch und ineffektiv. (…) Al-Qaidas Kämpfer können jedoch helfen, die Moral zu steigern. Der Zustrom der Dschihadisten bringt Disziplin, religiöse Leidenschaft, Kampferfahrung aus dem Irak, Finanzmittel von sunnitischen Sympathisanten aus den Golfstaaten, und am wichtigsten, tödliche Resultate, mit sich. Kurz gesagt, die FSA braucht Al-Qaida.“ (17)

Laut Husain kämpfe „Al-Qaida“ in Syrien mit „westlichem Einverständnis“ und werde voraussichtlich nach einem Regimewechsel „die de-facto Kontrolle über Teile Syriens ausüben“. (18) In diesem Zusammenhang sei angemerkt, dass Ahrar al-Sham „schon lange vor dem 15. März 2011“, als Proteste in der Stadt Dara’a den Arabischen Frühling nach Syrien brachten, damit begonnen hatte, „Brigaden aufzustellen“. (19) Für diesen Zweck erhielt die Organisation Millionenbeträge aus Katar und Saudi-Arabien.

Fingierte Kriegsgründe

Trotz der laut eines US-Offiziellen „voluminösen“ Waffenlieferungen und der Rekrutierung tausender ausländischer Kämpfer, sind die „Rebellen“ nicht in der Lage, einen Sieg zu erringen. Im Gegenteil haben sie seit Jahresbeginn erhebliche Verluste erlitten.

Auch der Rückhalt in der Bevölkerung schwindet zusehends. Beispielhaft zitiert The Globe and Mail einen oppositionellen Aktivisten aus Aleppo mit den Worten: „Die Leute hier mögen das Regime nicht, aber die Rebellen hassen sie regelrecht.“ (20)

Der österreichische Außenminister Michael Spindelegger räumte ein, die Diskussion über eine mögliche Belieferung der syrischen Opposition mit Waffen habe den Blick darauf verstellt, dass eine Mehrheit der Syrer offenbar noch immer Assad unterstützt (21) – und darin besteht das eigentliche Dilemma derjenigen, die mit aller Gewalt einen Regimewechsel anstreben.

Das erklärt, warum trotz aller Propaganda von Assads bevorstehendem Ende und vermeintlicher Auflösungserscheinungen der Armee die von den „Freunden Syriens“ kontrollierte Exilregierung um eine westliche Militärintervention bettelt. Auf dem Gipfel der Arabischen Liga verlangte al-Khatib von den USA, den „Schutzschirm der Patriot-Raketen über den Norden Syriens zu erweitern“. (22) Ein Vertreter der NATO erklärte daraufhin zwar, es bestünde nicht die Absicht, militärisch in Syrien einzugreifen, doch laut Aussage des Obersten Befehlshabers der NATO für Europa, US-Admiral James Stavridis, bereite sich das Bündnis auf eine Intervention nach libyschem Muster vor. (23)

Anlass für die Stationierung der Patriot-Raketen in der Türkei, an der sich neben den USA und den Niederlanden auch Deutschland beteiligt, war der Granatbeschuss auf das türkische Grenzdorf Akçakale Anfang Oktober 2012, bei dem eine Frau und ihre vier Kinder starben.

Das türkische Militär reagierte – trotz ungeklärter Urheberschaft des Beschusses – mit Angriffen auf Stellungen der syrischen Armee. Im Eiltempo stellte das türkische Parlament der Regierung unter Premierminister Erdogan einen Blankoscheck für eine militärische Intervention im arabischen Nachbarland aus. Die NATO übernahm ungeprüft die Darstellung der türkischen Regierung, die den Vorfall nicht untersuchen ließ, verurteilte den Angriff als „aggressive Handlung“ und stufte diese als „Verstoß gegen das internationale Recht“ ein. Im Rahmen der „Bündnissolidarität“ wurde dann die Stationierung der Patriot-Raketen beschlossen.

Wie mittlerweile bekannt wurde, handelte es sich bei dem Granatbeschuss um eine fingierte Aktion Aufständischer, die offenkundig in Absprache mit der türkischen Regierung erfolgt war – anders lässt sich deren rasche und einseitige Reaktion kaum erklären. Sie diente dem Ziel, den internationalen Druck auf Syrien zu erhöhen.

In einer zwei Monate alten Meldung der österreichischen Militärzeitschrift Der Soldat, die als Sprachrohr des Verteidigungsministeriums gilt, heißt es diesbezüglich: „Jene Werfergranate aus Syrien, die fünf Türken tötete, stammt eindeutig aus NATO-Beständen. Es scheint so, als hätte das NATO-Mitglied Türkei die syrischen Aufständischen mit Waffenlieferungen unterstützt. Allerdings müssten diese Lieferungen mit anderen NATO-Staaten abgestimmt sein.“ (24)

Wochen vor dem Angriff auf Akçakale traf US-Außenministerin Hillary Clinton Premierminister Erdogan in Istanbul. Gesprächsthema sei auch die „Einrichtung von Schutzzonen“ auf syrischem Gebiet gewesen. Die Türkei arbeite „seit Monaten an Plänen für eine Militärintervention im südlichen Nachbarland“, schrieb der Tagesspiegel Mitte August 2012. Ziel der Kooperation mit den USA sei es, „auf alle schlimmen Szenarien“ vorbereitet zu sein, die eine „grenzüberschreitende Aktion auslösen“ könnten. Laut dem türkischem Außenminister wolle die Türkei eine solche Operation nicht im Alleingang starten. (25)

Der Vorfall in Akçakale reiht sich ein in jene perfide Strategie oppositioneller Gruppen, die der Publizist Jürgen Todenhöfer als „Massaker-Marketing“ bezeichnet. Um den internationalen Druck zu erhöhen, seien pünktlich vor UN-Sitzungen Massaker begangen worden, für die dann die Assad-Regierung verantwortlich gemacht wurde.

Auch der jüngst erfolgte Einsatz mutmaßlicher Chemiewaffen fällt wahrscheinlich unter die Kategorie des Angriffs unter falscher Flagge. US-Präsident Obama hatte den Einsatz von Chemiewaffen im vergangenen Jahr als „rote Linie“ bezeichnet, deren Überschreiten die von den „Rebellen“ gewünschte Intervention auslösen würde.

Als bei einem Raketenangriff vergangene Woche nahe Aleppo mindestens 26 Menschen starben, darunter Soldaten der Armee, sprachen Augenzeugen von einem starken Chlorgeruch, der Erstickungsanfälle ausgelöst habe. Regierung und Opposition beschuldigten sich daraufhin gegenseitig, Chemiewaffen eingesetzt zu haben. Die syrische Regierung forderte unmittelbar eine Untersuchung durch die Vereinten Nationen. Russland stützte die Darstellung der syrischen Regierung und erklärte, man habe den Einsatz von Chemiewaffen durch die bewaffnete Opposition registriert. Der Konflikt sei damit auf eine „neue Ebene“ gehoben worden. (26)

US-Präsident Obama äußerte hingegen während seines Israel-Besuches „tiefstes Misstrauen“ gegenüber der Behauptung, oppositionelle Kräfte trügen die Verantwortung. US-Vertreter wollten sich allerdings nicht festlegen, ob überhaupt Chemiewaffen eingesetzt worden waren. Frankreich und Großbritannien, die innerhalb der EU vehement für Waffenlieferungen an die „Rebellen“ eintreten, nutzten die Gunst der Stunde und formulierten in einem Brief an die EU-Außenbeauftragte Ashton ihre Sorge über die Bereitschaft der Führung in Damaskus, chemische Kampfstoffe zu verwenden. Auch der Direktor des israelischen Militärgeheimdienstes, Aviv Kochavi, schlug in diese Kerbe und behauptete, Assad bereite den Einsatz von Chemiewaffen gegen sein eigenes Volk vor. (27) „Wir glauben, dass sie eine Scud(-Rakete) mit chemischen Stoffen abgefeuert haben”, zitierte die Nachrichtenagentur dpa einen hochrangigen Aufständischen in Aleppo. „Die Rebellen stecken nicht hinter dem Angriff.”

Wie der britische Telegraph berichtete, weisen die Umstände aber tatsächlich auf die „Rebellen“ als Urheber hin. Überreste einer Scud-Rakte seien nicht gefunden worden. Zudem seien sich Experten unter anderem aufgrund der niedrigen Opferzahl einig, dass keine konventionellen Chemiewaffen eingesetzt wurden. Vielmehr habe es sich um eine mit Chlorgas angereicherte improvisierte Waffe gehandelt, wie sie bereits im Irak von Al-Qaida eingesetzt wurde. Deren syrischer Abkömmling, die al-Nusra-Front, habe Zugang zu Chlorgas, da sich in Aleppo eine entsprechende Fabrik befinde, die unter Kontrolle der Aufständischen stehe. (28)

Offenbar sollte mit dem Raketenangriff ein Überschreiten der „roten Linie“ fingiert werden, um eine Intervention zu provozieren, oder zumindest jenen Staaten, die wie Frankreich und Großbritannien eine offene Aufrüstung der Opposition fordern, argumentative Munition zu liefern. Die noch zu Jahresbeginn aufkeimenden Hoffnungen auf eine friedliche Lösung haben sich zerschlagen. Angesichts der während dieser Zeit von den „Freunden Syriens“ insgeheim betriebenen Aufrüstung der Aufständischen waren sie ohnehin unbegründet.

Anmerkungen

(1) http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/naher-osten/konflikt-in-syrien-assad-und-seine-gegner-werfen-einander-chemiewaffen-einsatz-vor-12120143.html
(2) http://rt.com/news/snc-president-katib-resigns-748/
(3) http://www.usatoday.com/story/news/world/2013/03/24/syrian-rebel-military-leader-rejects-new-pm/2014761/
(4) http://www.jungewelt.de/2013/03-27/033.php
(5) ARD-Dokumentation „Die Syrien Falle – Deutschland und der Krieg gegen Assad“, ausgestrahlt am 13. Februar 2013

(6) http://www.thenews.com.pk/Todays-News-1-167647-CIA-aids-huge-arms-smuggling-to-Syria
(7) http://www.nytimes.com/2013/03/25/world/middleeast/arms-airlift-to-syrian-rebels-expands-with-cia-aid.html?pagewanted=all&_r=2&
(8) http://www.welt.de/politik/ausland/article114557771/Westliche-Waffen-fuer-Islamisten-in-Syrien.html
(9) http://online.wsj.com/article/SB10001424127887324373204578376591874909434.html
(10) http://news.yahoo.com/top-general-urges-caution-syria-options-rebels-203123774.html
(11) http://brown-moses.blogspot.co.uk/2013/01/evidence-of-multiple-foreign-weapon.html
(12) http://www.welt.de/politik/ausland/article114557771/Westliche-Waffen-fuer-Islamisten-in-Syrien.html
(13) http://www.welt.de/politik/ausland/article114762680/Das-Dilemma-des-Westens-mit-den-Waffenlieferungen.html
(14) ebd.
(15) http://world.time.com/2013/03/26/in-syria-the-rebels-have-begun-to-fight-among-themselves/
(16) http://www.welt.de/politik/ausland/article114762680/Das-Dilemma-des-Westens-mit-den-Waffenlieferungen.html
(17) http://www.cfr.org/syria/al-qaedas-specter-syria/p28782
(18) http://www.cfr.org/syria/syria-why-al-qaeda-winning/p28862
(19) http://world.time.com/2012/07/26/time-exclusive-meet-the-islamist-militants-fighting-alongside-syrias-rebels/
(20) http://www.theglobeandmail.com/news/world/syria-live/article9816335.ece
(21) http://www.wirtschaft.com/20130324-oesterreichs-aussenminister-eu-hat-bislang-zu-wenig-in-syrien-getan-97267
(22) http://www.jungewelt.de/2013/03-27/045.php
(23) http://www.jungewelt.de/2013/03-22/054.php
(24) http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=18875
(25) http://www.tagesspiegel.de/zeitung/usa-und-tuerkei-planen-fuer-syrien-intervention-vereinbarung-bei-besuch-clintons-in-istanbul/6990496.html
(26) http://www.deutsch-tuerkische-nachrichten.de/2013/03/471400/syrische-rebellen-haben-offenbar-chemiewaffen-eingesetzt/
(27) http://www.welt.de/politik/ausland/article114446525/Assad-bereitet-Einsatz-von-Chemiewaffen-vor.html
(28) http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/middleeast/syria/9950036/Syria-chemical-weapons-finger-pointed-at-jihadists.html

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