Weltpolitik

US-­Sicherheitsstrategie: Alter Wein in neuen Schläuchen

Es kann nur einen geben! »Quem deus vult perdere dementat prius.« (Wen Gott vernichten will, den macht er zuerst wahnsinnig.) Andererseits: Wer verrückt ist, bemerkt auch den Ruin nicht mehr.

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Foto: Habibistan Quelle: Pixabay Lizenz
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Am 7. Dezember 2025 kommen­tierte das Magazin Der Spiegel die neue Nationale Sicherheits­strategie der USA wie folgt:

Wie schön für Putin: Europa von den USA abspalten – läuft. Europa spalten – läuft. Die liberalen Regierungen diskreditieren – läuft, alles im Einklang mit Trump. Sein Lachen, das sind die Alarmglocken für das liberale Europa.1

Offenbar fiel den »Putin-­Verstehern« im Spiegel nichts Besseres ein. Wer weiß, ob der Oberteufel Putin überhaupt lacht. Lachen ist ein sehr menschlicher Wesens­zug. Aber Spaß beiseite. Der deutsche Bun­deskanzler sagte zur neuen US-Strategie unter anderem:

Ihr [USA] braucht auf der Welt auch Partner, und einer der Partner kann Europa sein, und wenn Ihr mit Europa nix anfangen könnt, dann macht wenigs-tens Deutschland zu Eurem Partner.2

Ausnahmsweise teile ich die Einschätzung des Spiegel, dass die Glocken unüberhörbar Alarm schlagen. Ganz sicher, was die geis­tige Gesundheit angeht.

Was die USA in Gestalt ihrer neuen Nationalen Sicherheitsstrategie vorleg­ten, ist eine atemberaubende Dokumentation ihres Machtanspruchs. Geschrie­ben in einfacher Sprache, teilweise wolkig formuliert, steht doch unmissverständlich fest: Die Regeln, denen die USA angeblich folgen wollen, gelten allenfalls für andere und sind im Übrigen reine Auslegungssache.

Mit dieser Strategie legt die Administration von US-­Präsident Donald Trump einen in­telligent gemachten und gleichzeitig durch­ aus heuchlerischen Neuaufguss dessen vor, was US-­Politik nach 1990 erklärter­maßen immer war: Es kann nur ein Im­perium geben. Was die Trump­-Administration jedoch klar erkennt: Die USA können im Augen­blick nicht mehr, wie sie wollen. Weder national noch international. Sie brauchen eine Atempause zur Konsolidierung. Und sie brauchen »Lastenteilung«. Der US-­He­gemonieanspruch bleibt bestehen.

Die Strategie enthält eindeutig die selbstbewusste Ansage: Wir waren die Besten. Wir bleiben die Besten, die Wichtigsten, die militärisch Überlegenen. Nun wird nur noch deutlicher, was schon in der ersten Trump­-Präsidentschaft auf­ schien: Die Maske des wohlwollenden He­gemons ist gefallen. Da ist keine Eloquenz à la Obama, keine großväterliche Tattrig­keit à la Biden. Die ganze hässliche Fratze des Imperiums liegt bloß: Ein Imperium hat keine Freunde. Es hat Interessen. Die haben immer Vorrang. Um sich selbst zu retten, wird es zu zerstören suchen, wen und was es kann.

Kurzum, das US­-Imperium tritt nicht kampflos ab oder zieht sich isolationis­tisch aus der Welt zurück. Die Frage ist nicht einmal offen, wen es zwecks Eigen­rettung zum Fleddern auserkoren hat. Alle, allen voran die europäischen Vasallen, vornehm auch »Alliierte« genannt. Damit hinreichend viel zum Fleddern übrig bleibt, müssen diese jedoch zur Be­sinnung kommen.

Normalerweise müsste der Spiegel fragen: Wie bitte? Ihr, die USA, habt uns über Jahre in den Russenhass getrieben, in die selbstmörderische Politik von Russland­ Sanktionen und der Unterstützung eures Stellvertreterkrieges in der Ukraine – und nun, da dieser den Bach runtergeht, habt ihr mit allem gar nichts mehr zu tun, feiert eure Energieunabhängigkeit als ein Stand­bein globaler Machtausübung und mokiert euch auch noch darüber, dass deutsche Unternehmen wegen der hohen Energie­ preise nunmehr in China investieren?

Aus imperialer Sicht ist natürlich jede deutsche Investition in China ein Verlust. Wenn schon Auslandsinvestitionen, dann gefälligst in den USA.

Man mag gar nicht mehr daran erin­nern, dass die Nord­-Stream­-Erdgaspipe­lines immer von den USA bekämpft wurden, weil es ein kluges Projekt war, das im deutschen bzw. im EU­-Interesse lag. Viel zu viele haben in schönster transatlanti­scher Verbundenheit vom gleichen impe­rialen Notenblatt gesungen, und nun stellt sich heraus: Dankbarkeit oder gar Großzü­gigkeit sind keine politischen Kategorien. Schon gar nicht, wenn es um imperiale Konsolidierung geht.

Man will gar nicht daran erinnern, dass die USA die Diskussion um die NATO­-Mit­gliedschaft der Ukraine immer wieder ent­fachten. Mit Trump ist die im Augenblick offenbar nicht zu machen. Die US-­Amerika­ner sind mehrheitlich kriegsmüde, das Land ausgezehrt. Wäre es nicht schön, wenn es Trump gelänge, Russland und China auseianderzudividieren?

Man vergleiche das mit der Aussage des deutschen Außenministers Johann Wade­phul vor seiner China-­Reise im Dezember 2025: »Kein anderes Land hat so viel Ein­fluss auf Russland wie China und kann sein Gewicht so sehr dafür einsetzen, dass Russ­ land endlich zu ernsthaften Verhandlun­gen bereit ist, die die Souveränität der Uk­raine achten.«3

Wenn man keine eigene Diplomatie be­treibt, bettelt man anderswo und vergisst, dass China Vorschläge vorlegte, die die Bi­den-­Administration in Grund und Boden stampfte. Der Westen, so die Zeitung Financial Times im Februar 2023, würde einer chinesischen Friedensinitiative, die einen sofortigen Waffenstillstand for­dert, skeptisch gegenüberstehen und zi­tierte den damaligen US­Außenminister Anthony Blinken:

Wer möchte nicht, dass die Waffen schweigen? Aber wir müssen unglaublich vorsichtig sein, welche Fallen gestellt werden könnten.

Und weiter im Text:

Der russische Präsident Wladimir Putin könnte zu dem Schluss kommen, dass ›da die Dinge für ihn schlecht laufen‹, seine ›beste Option darin besteht, einen sofortigen Waffenstillstand zu fordern‹ und einen ›eingefrorenen Konflikt‹ zu schaffen, so Blinken.4

2023 hing Blinken der Strategie »Siegfrie­den« an und war Teil der Scharade, die Uk­raine könne militärisch gewinnen. Nun ist die Lage unübersehbar anders und impe­riale Flexibilität gefragt.

Man will gar nicht daran erinnern, wie enthusiastisch bestimmte »Europäer« im Wahlkampf 2016 auf Seiten Hillary Clin­tons standen, wie sehr sie Trump (und dessen Anhängerschaft) von Anfang an verachteten, wie bereitwillig sie der Lüge von der russischen Wahlbeeinflussung zu Trumps Gunsten glaubten. Es war ja nicht nur der damalige NATO­Generalsekretär Jens Stoltenberg, der das »Bauchgefühl« hatte, Clinton werde gewinnen. Dass jener das dann aber auch noch in seiner Biogra­fie genauso erzählte, setzt der Dummheit die Krone auf.5

Was soll man von politisch Verantwort­lichen erwarten, die ihrem »Bauchgefühl« trauen, den zahlreichen Beteuerungen von Barack Obama oder von »Experten« glau­ben, statt ganz kühl einen Plan A und einen Plan B zu haben?

Trump, der ein Meister darin ist, sich nur das zu merken, was ihm gerade poli­tisch gelegen kommt, hat leider ein vorzüg­liches Gedächtnis, wenn es um seine Person geht. Der hat einen ganz langen Atem, um tatsächliche und vermeintliche Kränkun­gen heimzuzahlen. Auch deshalb strebt er verbissen danach, den Friedensnobelpreis einzuheimsen. Für etwas ganz Reales, wie das zeitweilige Einfrieren eines tatsächli­chen Krieges, genauer gesagt den in der Uk­raine. Dann kann er Obama endgültig die lange Nase zeigen. Dieser hatte Trump 2011 im Weißen Haus öffentlich gedemütigt, sich selbst zum »König der Löwen« erklärt.

Obama vergalt so das Gerücht, er sei nicht in den USA geboren. Trump verbrei­tete es damals aktiv. Es stammte allerdings aus dem Wahlkampf 2008.6

2011 hatte Obama bereits den Friedens­nobelpreis erhalten. Für eine Rede. Effek­tiv rettete Obama die großen US-Banken, aber nicht den »kleinen Mann«, startete mehr Kriege als seine Vorgänger, von den verdeckten Operationen ganz zu schwei­gen, einschließlich in der Ukraine. Ohne das politische Versagen von Obama, der mit »Yes we can« so viel Hoffnung versprach, wäre Trump wahrscheinlich nie ins Oval Office gelangt.

Trump hat nichts vergessen: Nicht das erste Impeachment (anlässlich eines Tele­fonats mit Wolodymyr Selenskyj), nicht die strafrechtlichen Untersuchungen der Biden­-Administration, nicht das Brand­marken als »moskaufreundlich« (oder gar Agent des Kremls) und schon gar nicht, wie freudig sich europäische »Alliierte« mit Obama und Clinton verbanden, sich dann beim greisen Joseph Biden anbiederten und unterordneten und schließlich ihre Karten auf Kamala Harris setzten.

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PETRA ERLER, Jahrgang 1958, promovierte am Institut für Internationale Beziehungen an der Akademie für Staat und Recht in Potsdam. 1990 war sie zunächst Beraterin und Mitglied des Planungsstabs von DDR-Außenminister Markus Meckel, wurde dann zur Staatssekretärin im Amt des Ministerpräsidenten Lothar de Maizière berufen, zuständig für EG-Fragen. Ab 1991 arbeitete sie als Referatsleiterin für EG-Politik an der Vertretung des Landes Brandenburg in Bonn. 1999 wurde sie Mitglied des engsten Mitarbeiterkreises (»Kabinett«) von EU-Kommissar Günter Verheugen und war zwischen 2006 und 2010 dessen »Kabinettschefin«. Sie ist seit 2010 Geschäftsführerin eines Strategieberatungsunternehmens in Potsdam und außerdem publizistisch tätig.

1 www.spiegel.de/politik/deutschland/news-wladimir-putin-russland-ukraine-a- 40b4be63-cfed-4154-9720-15b541d3af67
2 www.tagesschau.de/inland/merz-usa-trump-102.html
3 www.tagesschau.de/wirtschaft/weltwirtschaft/wadephul-china-102.html
4 www.ft.com/content/c0d1c5e3-7cfe-4221-88bf-0eb3bfd58968 (Bezahlschranke)
5 www.theguardian.com/world/2025/oct/04/im-leaving-trump-said-theres-no-
reason-to-be-here-any-more-inside-the-meeting-that-brought-nato-to-the-brink 6 www.bbc.com/news/election-us-2016-37391652

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