Freihandel zerstört Regenwald

Waldbrand im Hinterland

Flächenbrände in Moor und Tropenwald

In Indonesien brennen jährlich riesige Flächen Moore und Tropenwald ab, um Platz für Palmölplantagen zu schaffen. Angeheizt wird die Umweltkatastrophe durch die Lebensmittelindustrie, kurzsichtige Energievorschriften und bilaterale Freihandelsabkommen

Mit dramatischer Regelmäßig­keit brennen in Indonesien jedes Jahr weite Flächen der dort noch verbliebenen Re­genwälder und Torfmoore ab. Wochenlang liegen dann die großen Inseln Sumatra und Borneo und auch Malaysia unter einer dich­ten Smogschicht. Die Feuer setzen in einem Monat mehr klimaschädliches Kohlendioxid und Methan frei als Deutschland in einem ganzen Jahr. Schuld an der Umweltkatastro­phe sind in erster Linie illegale Brandrodun­gen für neue Palmölplantagen, gegen die der Staat nur halbherzig bis gar nicht vorgeht. Zu groß ist der dabei zu erwartende Profit, zu stark der Einfluss der Ölmafia: Der Wert der Palmölexporte Indonesiens liegt bei um­gerechnet etwa 16 Milliarden Euro. Mit welt­weit 66 Millionen Tonnen pro Jahr ist Palmöl das meist produzierte Pflanzenöl überhaupt. Allein in Indonesien und Malaysia sprießen die Ölpalmen in Monokulturen auf einer Fläche fast fünfmal so groß wie die Schweiz. Geht es nach der Regierung, soll sich die Fläche bis 2025 noch verdoppeln. Um Platz für immer neue Plantagen zu schaffen, wer­den die Wälder abgeholzt und die indigene Bevölkerung brutal vertrieben. Mit den Bäu­men verschwinden aber auch seltene Tierar­ten wie Orang-Utan, Tiger und Zwergelefant.

 

Dreimal so klimaschädlich wie Erdöl

Palmöl ist billig. Der niedrige Weltmarkt­preis und die einfache Verarbeitung haben dazu geführt, dass es inzwischen in jedem zweiten Supermarktprodukt steckt: in Kek­sen, Margarine und Tiefkühlpizza ebenso wie in Seifen, Körpercremes und Waschmitteln. Ein erheblicher Teil findet sich außerdem in den Tanks unserer Autos. Nach einer aktuel­len Studie im Auftrag des Naturschutzbundes Deutschland landet der größte Teil europäi­scher Palmölimporte im Sprit – mehr als in Lebensmitteln und Kosmetik. Möglich macht dies der gesetzliche Beimischungszwang an Kraftstoff auf Basis nachwachsender Roh­stoffe. Dieser sogenannte „Biosprit“ ist aber tatsächlich genau das Gegenteil: Aus Palmöl produzierter Sprit ist dreimal so klimaschäd­lich wie Treibstoff aus Erdöl. Das liegt in erster Linie an den fatalen Landnutzungs­änderungen. Ein Viertel aller indonesischen Palmölplantagen ist auf Torfböden angelegt; von den neu geplanten Flächen soll sogar mehr als die Hälfte in Sumpf- und Torfregen­waldgebieten liegen. Torf ist ein fossiler Koh­lenstoffspeicher, der bei seiner Verbrennung das gebundene Klimagas wieder freisetzt – jeder abgebrannte Hektar Regenwald setzt 702 Tonnen Kohlendioxid frei, bei Wald mit Torfmooren sind es sogar 1 652 Tonnen. Hin­zu kommen noch 55 Tonnen pro Jahr durch Oxidation des ausgetrockneten Torfbodens. Das führt die angeblich neutrale Klimabilanz von Energie aus Palmöl ad absurdum.

 

Freihandel zerstört Regenwald

Doch das Riesengeschäft mit Palmöl ist nicht zu bremsen. Indonesien und Malaysia wollen nun mit der Schweiz ein Freihandels­abkommen abschließen, welches eine Zoll­freiheit für das Pflanzenöl beinhalten soll. Das ist nach Angaben des Bundesrates zum jetzigen Stand „der sensibelste Verhandlungs­punkt“. Das Abkommen könnte dazu führen, dass billiges Palmöl den schweizerischen Markt flutet und – neben den beschriebenen Auswirkungen der Regenwaldzerstörung – auch die heimische Rapsölproduktion gefähr­det. Der Durst einiger Schweizer Unterneh­men nach dem Pflanzenfett lässt sich jedoch schwer stillen. Allein der Nestlé-Konzern verbraucht jährlich 445 000 Tonnen Palmöl. Dabei wird davon geredet, dass ja nur nach­haltig produziertes Palmöl gewünscht sei, was auch immer das sein mag. Seit mehreren Jahren gibt es zwar den sogenannten Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl (RSPO), der von Firmen wie Unilever und der Umweltor­ganisation WWF ins Leben gerufen wurde. Die Initiative vergibt ein Gütesiegel, das aber sehr umstritten ist. Faktisch haben die Regen­waldrodung für Ölpalmplantagen und daraus resultierende Landkonflikte mit der lokalen Bevölkerung nicht ab-, sondern in den letz­ten Jahren weiter zugenommen. Wälder von angeblich schlechter Qualität dürfen mit dem Segen des Siegels abgeholzt werden. Dieses Land wird von der Regierung als Ödland be­zeichnet, obwohl es von der lokalen Bevölke­rung traditionell für die Viehhaltung und das Sammeln von Naturprodukten genutzt wird. Nur sogenannte Gebiete mit „hohem Schutz­wert“ bleiben vom Kahlschlag verschont. Ins­gesamt 256 Umwelt- und Menschenrechtsor­ganisationen aus aller Welt lehnen daher das RSPO-Gütesiegel als Etikettenschwindel und „Greenwashing“ ab, berichtet die Hamburger Umweltorganisation „Rettet den Regenwald“, die auch eine Petition gegen das Schweizer Freihandelsabkommen gestartet hat.

 

Herkunft des Palmöls muss klar sein

Ist eine Palmölproduktion ohne Regen­waldzerstörung aber vielleicht in Zukunft möglich? Zumindest einige Initiativen und Selbstverpflichtungen der Konzerne lassen hoffen: Im Jahr 2011 verpflichtete sich bei­spielsweise der Palmölerzeuger Golden Agri Resources, keine weiteren Regenwälder in Ölpalmplantagen umzuwandeln. Zwei Jah­re später zog der weltgrößte Palmölhänd­ler und bis dahin schrillste Umweltsünder Wilmar International nach und verkündete, künftig kein Palmöl mehr zu produzieren und zu handeln, das mit Regenwald- und Torfmoorzerstörung sowie Menschenrechts­verletzungen in Verbindung steht. Mehrere Firmen, darunter Nestlé, Ferrero, Unilever und Colgate-Palmolive, erklärten sich eben­falls bereit, ihre Einkaufspolitik und Liefer­ketten entsprechend anzupassen. Im Jahr 2014 schloss sich dem dann auch Procter & Gamble als Reaktion auf öffentlichen Druck, insbesondere von Greenpeace, an. Die Um­weltschützer untersuchen und bewerten die Angaben von 14 internationalen Firmen nach grundlegenden Kriterien: Kann das Palmöl zur Plantage rückverfolgt werden? Halten sich die Zulieferer an die Vorgaben zum Waldschutz? Und wie verfahren sie mit denen, die weiterhin Wälder zerstören? Pepsi, Colgate-Palmolive und Johnson & Johnson schnitten im Vergleich am schlechtesten ab. Mit Ferrero konnte nur ein einziger der über­prüften Hersteller den Weg bis zur Plantage vollständig zurückverfolgen. Der Konzern setze sich „engagiert für den Wandel der ge­samten Industrie ein“, lobte Greenpeace. Aber auch dem Giganten Nestlé bescheinigt die Kampagne „Forests Not Fires“ mittlerweile hohe Standards und gute Fortschritte bei der Rückverfolgbarkeit des Palmöls. Es besteht also berechtigte Hoffnung auf einen Wandel.

Drucken

Drucken

Teilen

Voriger Artikel US-Wirtschaft als Vorbild Die „Amerikanisierung“ der europäischen Arbeitsverhältnisse
Nächster Artikel Jerusalem-Frage Eine fortschreitende Geschichtstragödie