Weltpolitik

Wir werden wie ein großes Israel sein

Die Ukraine strebt eine strategische Allianz mit dem Judenstaat an. Vor allem rechte Militärs betrachten ihn als gelobtes Land extralegaler und unerbittlich harter Kriegsführung. Durch die veränderten Machtverhältnisse im Nahen Osten könnte eine Annäherung an Kiew auch für Netanjahu Sinn ergeben.

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Foto: The Presidential Administration of Ukraine; Quelle: Wikidemia Commons; Lizenz
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Der Militärführer Andrij Bilezkij ist voller Bewunderung für den Staat Israel. „Weniger Blutvergießen können wir nur erreichen, wenn die Ukraine die Grundprinzipien der Existenz Israels verinnerlicht“, meinte er schon 2021, seinerzeit Ex-Kommandeur des nazistischen „Asow“-Bataillons und Parteichef des Nationalen Korps, bevor er die „Rückgratlosigkeit“ von Präsident Wolodimir Selenskij und dessen Order für eine Feuerpause und einen Truppenteilrückzug verfluchte. „Keine Verhandlungen führen, wenn mit Terror gedroht wird, und auf einen Schlag immer mit stärkerer Gewalt antworten“, machte Bilezkij als Erfolgskonzept Israels aus und verlangte, dass seine Regierung diesem folgt. „Dann wird niemand mehr den Wunsch haben, uns mit Gewalt zu bedrängen.“ 1 Monate später bedauerte Bilezkij die Massenauswanderung wehrfähiger Ukrainer in den Judenstaat, „wo die Hauptvoraussetzung für die Staatsbürgerschaft der Militärdienst ist“. Für ihn war der Exodus eine bittere Folge der Präsidentschaft eines „Schauspielers“ ohne Kampferfahrung, unter der sich der „Pazifismus“ ausbreite. In Israel dagegen, wo alle Staatsführer Soldaten gewesen seien, herrschten einzigartige Bedingungen. Es sei „ein Beispiel für die Erziehung einer Nation, die seit über 70 Jahren im Krieg steht“. 2

Im Spätsommer 2025 erklärte Bilezkij, mittlerweile zum Kommandeur des 3. Korps der ukrainischen Armee aufgestiegen, gegenüber The Times: „Selbst wenn ein fragiler Frieden vereinbart werden würde, sollte die Ukraine ihre Gesellschaft nach israelischem Vorbild militarisieren. Bilezkij, der knapp zwei Monate später von Selenskij vom Oberst zum Brigadegeneral befördert werden sollte, betonte, dass in seiner Truppe auch israelische Staatsbürger kämpfen würden. 3

Diese Behauptung findet sich in den Social Media vielfach bestätigt. Es gibt zahlreiche Berichte und Porträts von israelischen Söldnern und anderen Kämpfern, praktisch alle Ex-Soldaten der Israel Defense Forces (IDF) – viele hochspezialisiert, etwa mit Sniper-Ausbildung. Manche prahlen damit, Hunderte von Feinden getötet zu haben. 4 Die Beziehungen werden verstärkt durch jüdisch-stämmige Ukrainer – besonders sogenannte Zhidbanderovets, zionistische Anhänger des Bandera-Flügels der faschistischen Organisation Ukrainischer Nationalisten (die zeitweise beim Holocaust und bei der Partisanenbekämpfung mit Hitlerdeutschland kollaboriert hatte). Nicht wenige halten sich in Israel für Reha-Maßnahmen nach Verwundungen oder einfach nur zur Erholung von ihren Fronteinsätzen auf, um die schönen Strände und andere touristische Angebote zu genießen. 5 Bereits Ende 2022 war auch eine „Asow“-Delegation zu einem „Arbeitsbesuch“ nach Israel gereist – nicht zuletzt, um dort in der Öffentlichkeit die Lüge zu verbreiten, dass es in der Bewegung, deren Kern Kampfeinheiten der Armee, Nationalgarde und des Militärgeheimdienstes bilden, keine Nazis gäbe. „Einer meiner besten Freunde ist Jude, und der ist in ‚Asow'“, beteuerte ein Mitglied. Sinn und Zweck des Besuchs war allerdings, bei Treffen mit israelischen Regierungsbeamten für eine engere Rüstungs- und Ausbildungskooperation zu werben. 6

Ernsthafte Bedrohung

Solche Annäherungen spiegeln Entwicklungen in der bilateralen Verteidigungspolitik Israels und der Ukraine sowie vermeintliche Sachzwänge Kiewer Regierungen seit der von rechtsextremistischen Milizen getragenen Maidan-Revolte und dem an- schließenden Staatsstreich im Februar 2014, durch den ein prowestliches Regime an die Macht gekommen war. 2022, rund eineinhalb Monate nach Beginn des russischen Einmarschs, hatte Selenskij im Rahmen einer Rede vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen angekündigt: „Wir werden wie ein großes Israel sein.“ Daniel B. Shapiro von der Scowcroft Middle East Security Initiative des Atlantic Council legte für das Vorhaben eine „Road Map“ mit unter anderem folgenden Punkten vor: Sicherheit ist Gesellschaftsprinzip, alle Bürger sind in das Warn- und Abwehrsystem für Bedrohungen eingebunden, viele bewaffnet. Es werden intensive Sicherheitspartnerschaften mit westlichen Großmächten abgeschlossen, die „großzügige militärische Hilfe leisten“. Die Geheimdienste werden weiter ausgebaut und aufgerüstet. Mehr High-Tech-Ausbildung von Angehörigen der Streitkräfte trägt zur schnelleren Erweiterung des zivilen Innovationsökosystems bei, das wiederum die Entwicklung neuer Sicherheitstechnologien beschleunigt. 7

Im Juli 2025 hatte der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha nach einem Treffen in Kiew zwischen seinem israelischen Amtskollegen Gideon Sa’ar und Präsident Selenskij „eine tiefere Zusammenarbeit“ unter anderem insbesondere im Bereich Verteidigung und Cybersicherheit angekündigt. „Das iranische Regime ist eine ernsthafte Bedrohung nicht nur für Israel, sondern auch für die Ukraine, insbesondere im Hinblick auf seine Partnerschaft mit Russland“, begründete Sa’ar diesen Schritt zu einer strategischen Allianz Israels mit der Ukraine, inklusive der Intensivierung der Kooperation ihrer Geheimdienste. 8 „Wir planen, die Perspektiven einer Zusammenarbeit in der Rüstungsindustrie zu prüfen und vielversprechende gemeinsame Projekte abzustimmen“, so Sybiha. 9 Es gab schon früher kleine Joint Ventures; seit 2008 hat das ukrainische Unternehmen RPC Fort die Lizenz, israelische Tavor-, Galil- und Negev-Gewehre zu produzieren.

Israels Lieferungen

Im August 2025 erhielt die Ukraine von Israel ein in den USA hergestelltes Patriot- Luftverteidigungssystem – die erste Waffenlieferung im laufenden Krieg, die von Präsident Selenskij offiziell bestätigt wurde –, weitere sollen folgen. Bereits 2022 hatte Israel Helme, kugelsichere Westen, Gasmasken und andere Schutzausrüstung, 2023 auch Raketenfrühwarnsysteme geschickt.10 Spätestens als bekannt wurde, dass der Iran Russland mit Shahed-Drohnen beliefert hat, zeichnete sich ein Aufweichen des Neutralitätskurses und eine wachsende Unterstützungsbereitschaft der israelischen Regierung gegenüber Kiew ab. Etwa als sie in Reaktion auf diesen „strategischen Fehler“ dem ukrainischen Militär geheimdienstliche Daten über die Fluggeräte ihres Todfeindes übermittelte – laut IDF-Kreisen ohnehin „das Beste“ für die Beziehungen ihres Landes zur NATO. 11 Dass die Anfang 2025 von der israelischen Vize-Außenministerin Scharren Haskel in Aussicht gestellte

Übergabe russischer Waffen, die die IDF im Libanon und in Syrien von der Hisbollah erbeutet hatte, an die ukrainische Armee stattgefunden hat, wurde zwar offiziell nicht bestätigt. Es gibt aber nach Recherchen der Tageszeitung Israel Hayom Anhaltspunkte, dass die tödliche Fracht mit auf der NATO-Basis Ramstein in Deutschland stationierten US-Air-Force-Maschinen vom IDF-Stützpunkt Hatzerim in der Negev-Wüste zum Militärflughafen Rzes- zow in Polen – dem Hauptdrehkreuz für westlichen Militärhilfe – nach Kiew geflogen wurde.12

„Obwohl israelische Unternehmen aufgrund von Vorschriften daran gehindert werden, ihre Verteidigungsprodukte an die Ukraine zu verkaufen, haben viele Hauptauftragnehmer sowie Start-ups Wege gefunden, ihre Lösungen in das umkämpfte europäische Land zu bringen“, berichtete The Jerusalem Post. 13 So sollen zudem heimlich Satellitenbilder von russischen Truppenpositionen 14 und über die USA und Polen Antidrohnensysteme an Kiew geliefert worden sein – Kriegstechnologie, die nicht zur Ausfuhr zugelassen ist. Laut israelischen Medien schaute das Verteidigungsministerium einfach weg. 15

Israel hilft auch bei der medizinischen Versorgung der ukrainischen Armee mit gepanzerten Krankenwagen, zeitweise hat es ein Feldhospital in der Westukraine unterhalten. Ukrainische Ärzte nehmen in Israel an Programmen der Agentur für internatio- nale Zusammenarbeit zur Entwicklungsförderung des Außenministeriums zur Behandlung von Militärangehörigen teil. Das israelische Modell der psychotherapeutischen Betreuung von Soldaten wurde von der Ukraine als Grundlage ihres Rehabilitationssystems übernommen.

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SUSANN WITT-STAHL (Jg. 1961) lebt und arbeitet als freie Journalistin und Autorin in Hamburg. Seit 2014 ist sie Chefredakteurin des Kulturmagazins Melodie & Rhythmus und schreibt u. a. für die Tageszeitung junge Welt. Arbeitsschwerpunkte: Prowestlicher Faschismus, Ideologiekritik der modernen Kriege, der Kulturindustrie und der imperialen Linken. Veröffentlichungen (Auswahl): „‚Antifa heißt Luftangriff!‘ Regression einer revolutionären Bewegung“ (Hg. mit Michael Sommer 2014); „Gegen Entfremdung. Lyriker der Emanzipation und streitbarer Intellektueller. Gespräche über Erich Fried“ (mit Moshe Zuckermann 2021); „Der Bandera-Komplex. Der ukrainische Faschismus – Geschichte, Funktion, Netzwerke“ (Hg. 2024).

1 t.me/BiletskyAndriy/1581
2 t.me/BiletskyAndriy/2647
3 thetimes.com/world/russia-ukraine-war/article/andriy-biletsky-azov-troops-
tzfbj2v9p
4 facebook.com/story.php?story_fbid=24067751176252360&id=100003324395918 5 x.com/mossrobeson__/status/1766610891590537609
6 jungewelt.de/artikel/441452.asow-neonazis-in-israel.html
7 atlanticcouncil.org/blogs/new-atlanticist/zelenskyy-wants-ukraine-to-be-a-big-
israel-heres-a-road-map
8 blogs.timesofisrael.com/israel-and-ukraine-deepen-strategic-ties-amid-growing-
iranian-threat
9 ukrinform.de/rubric-polytics/4018008-ukraine-und-israel-haben-groes-potenzial-
11 thecradle.co/articles-id/1840
12 israelhayom.com/2025/01/26/did-israeli-seized-arms-make-their-way-to-ukraine-
on-us-aircraft
13 jpost.com/international/article-862097
14 jpost.com/israel-news/article-719525
15 timesofisrael.com/israeli-defense-firm-selling-anti-drone-systems-to-ukraine-by-
way-of-poland

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