Kein guter Tag

Nürnberg: S-Bahn-Betrieb privatisiert

Das britische Verkehrsunternehmen National Express hat den Zuschlag auf das Nürnberger S-Bahn-Netz bekommen. Schon jetzt kommen Bedenken über die Auswirkungen auf Belegschaft und Fahrgäste auf –

So richtig glücklich war am Ende keiner mit der Entscheidung. Die Deutsche Bahn spricht von einem „schweren Schlag, Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly erklärte, es sei „leider kein guter Tag für den ältesten Bahnstandort in Deutschland“, und sogar Tobias Richter, Deutschland-Geschäftsführer des britischen Konzerns National Express Rail, kann sich „lebhaft vorstellen, wie es den Kollegen bei der DB Regio jetzt geht“. (1)

Zumindest letzterer hätte uneingeschränkt Grund zur Freude. Sein Unternehmen hat in einem Ausschreibungsverfahren der Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG) das billigste Angebot gemacht und den Zuschlag für den Nürnberger S-Bahn-Betrieb mit sieben Millionen Zug-Kilometer bekommen. Der tschechische Konzern Skoda soll 38 Triebwagen liefern, ab 2018 soll das Netz an den britischen Betreiber übergeben werden.

Welche Auswirkungen das haben wird, ist unklar. Allerdings werden schon jetzt Befürchtungen laut, die Umstellung könne sich negativ auf Belegschaft wie auf Fahrgäste auswirken. National Express ist ein profitorientiertes Privatunternehmen, das billige Angebot muss Mehrwert abwerfen, soll sich der Zuschlag rentieren. Martin Burkert, SPD-Abgeordneter aus Nürnberg für den Bundestag, befürchtet, der Wettbewerb könnte „auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen“ werden, wenn es um Löhne und Sozialleistungen gehe. Betroffen seien nach ersten Erkenntnissen 500 bis 700 Beschäftigte, Tarifvertrag mit dem neuen Betreiberunternehmen gebe es zu diesem Zeitpunkt keinen. (2)

Auch für die Fahrgäste könnten sich Veränderungen ergeben, und das nicht unbedingt zum Besseren. Bei vergleichbaren Umstellungen kam es immer wieder zu Reibereien. „Ein S-Bahn-Netz aus dem Stand heraus zu betreiben, ist durchaus schwierig“, meint Oberbürgermeister Maly. Allerdings: National Express gilt als pünktlichster Bahnbetreiber in Großbritannien, darauf kann das Unternehmen verweisen.

Dass die Privatisierung und der damit verbundene Kostendruck nicht nur auf die Beschäftigten sondern auch auf die Kunden durchschlagen könnte, darauf verweisen aber andere Erfahrungen mit National Express. In Großbritannien waren es vor allem Sicherheitsbedenken, die zu einer öffentlichen Debatte um das Unternehmen führten. Paul Clark von der Labour-Party verfasste 2009 einen offenen Brief an das Unternehmen, in dem er von reduzierten Sicherheitsüberprüfungen, von Zügen mit defekten Bremsen berichtete. „Zunehmende Kürzungen bei der Belegschaft zusammen mit einem erhöhten Druck sicherzustellen, dass die Züge sicher fahren, hat zu Ängsten in der Belegschaft geführt, dass ein großer Unfall ‚gleich um die nächste Ecke‘ bevorsteht.“ (3) Das Unternehmen wies damals die Vorwürfe entschieden zurück. Sicherheit habe für National Express „höchste Priorität“.


 

Anmerkungen

(1) http://www.sueddeutsche.de/bayern/britische-firma-uebernimmt-s-bahn-betrieb-kein-guter-tag-fuer-nuernberg-1.2334053
(2) http://www.merkur-online.de/bayern/nuernberger-s-bahn-wird-von-briten-uebernommen-meta-4699811.html
(3) http://www.theguardian.com/business/2009/jul/06/national-express-safety-warning
(4)

 

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