Sozialabbau

Niedriglohn-Amerika

Von KRISTINA BETINIS und ANDRE DAMON, 13. August 2013 –

Die US-Wirtschaft vermag es nicht, der bestehenden Massenarbeitslosigkeit mittels der Schaffung neuer Arbeitsplätze maßgeblich entgegen zu wirken. Zudem handelt es sich beim Großteil der neu geschaffenen Stellen um Teilzeit-Jobs oder Aushilfstätigkeiten, die weitaus schlechter bezahlt werden als die Arbeitsplätze, die während der Wirtschaftsflaute 2008-2009 verloren gingen.

Von den gerade mal 162 000 Stellen, die im letzten Monat in den USA neu entstanden sind, sind zwei Drittel Teilzeitstellen, die meisten im Niedriglohnsektor, wie der jüngste Bericht des Arbeitsministeriums aufzeigt, der vergangene Woche veröffentlicht wurde.

Während der letzten vier Monate wurden in den USA 791 000 neue Teilzeit-Jobs geschaffen, aber nur 187 000 Vollzeitstellen. Und das, obwohl Teilzeit-Jobs weniger als 20 Prozent aller existierenden Beschäftigungsverhältnisse in den Vereinigten Staaten ausmachen.

61 Prozent der in diesem Jahr neu geschaffenen Stellen entfallen auf die Niedriglohn-Industrie, obgleich die Beschäftigung in diesem Sektor laut einer Studie von Moody’s Analytics weniger als vierzig Prozent der Gesamtbeschäftigung beträgt. Das stärkste Job-Wachstum gab es im Einzelhandel, in der Nahrungsmittelverarbeitung, im Fracht- und Lagerbereich, in der Gastronomie sowie in der heimischen Gesundheitspflege – Bereiche, in denen weniger als 12 US-Dollar Stundenlohn gezahlt werden.

Der Moody’s-Bericht stellt fest, dass Arbeitsplätze im mittleren Einkommensbereich weniger als 22 Prozent der neu geschaffenen Stellen in diesem Jahr ausmachen, während es bei hochbezahlten Jobs weniger als 17 Prozent sind.

Im letzten Monat fiel der Durchschnittsstundenlohn um zwei Cent auf 23,98 US-Dollar, auch wegen der wachsenden Beschäftigungszahlen im Niedriglohnsektor. Das ist nur die Spitze einer enormen Erosion der Gehälter während der vergangenen fünf Jahre. Zwischen 2007 und 2011 sank das mittlere Einkommen eines Haushaltes nach Angaben des US-Statistikamtes um 11,6 Prozent, von 57,143 US-Dollar auf 50,402 US-Dollar.

Wie eine 2012 veröffentlichte Studie des National Employment Law Project aufzeigt, befindet sich die Mehrheit der seit dem Börsencrash 2008 geschaffenen Jobs im Dumpinglohnbereich, bei Stundenlöhnen zwischen 7,69 und 13,83 US-Dollar. Im Kontrast dazu macht der Anteil von Arbeitsplätzen im mittleren Einkommensbereich – die sechzig Prozent aller während der Rezession verloren gegangenen Arbeitsplätze ausmachten – nur 22 Prozent des Jobwachstums aus, das seit der „wirtschaftlichen Erholung“ eingesetzt hat.

Das überwiegende Wachstum der Niedriglohn- und Teilzeitbeschäftigung hat zu einer signifikanten Steigerung der Armut und sozialen Not beigetragen.

Letzten Monat vermeldete Associated Press, dass vier von fünf US-Amerikanern in „ökonomisch ungesicherten” Verhältnissen leben. Demnach waren vier von fünf US-Bürger während der letzten zwölf Monate entweder arbeitslos, auf Armutsprogramme wie Essensmarken angewiesen, oder ihr Einkommen lag unterhalb von 150 Prozent der Armutsgrenze.

Autobauer wie General Motors, Volkswagen und BMW, haben auf die Rezension im Jahr 2008 mit der starken Ausweitung befristeter Arbeitsverträge reagiert. Vor allem in den Fabriken der Südstaaten, zum Beispiel im Volkswagen-Werk in Chattanooga, Tennessee, stellen die Autokonzerne nur noch über Leiharbeitsfirmen ein. Diesen Beschäftigten kann jederzeit und grundlos gekündigt werden.

Ganze zwölf Prozent der amerikanischen Belegschaft, 17 Millionen Menschen, verfügen nur über solch einen befristeten Arbeitsplatz. Die Anzahl der zeitlich befristeten Leiharbeiter ist seit 2009 um mehr als fünfzig Prozent angestiegen, so die Angaben des Arbeitsministeriums.

Das ungewöhnliche Wachstum der Leiharbeit ist keinesfalls nur ein amerikanisches Phänomen. Wie ein Bericht des britischen Chartered Institute of Personnel and Development zeigt, sind mehr als eine Million Arbeiter im Vereinigten Königreich auf Grundlage eines sogenannten „Nullstunden“-Vertrages beschäftigt. Das heißt, dass es für sie keine Garantie gibt, auch nur eine einzige Stunde pro Woche arbeiten zu können.

Agenda Niedriglohn

Hierbei handelt es sich allerdings nicht um eine Fehlentwicklung oder Anomalie. Die enorme Ausweitung des Niedriglohnsektors in den Vereinigten Staaten ist auch Folge einer gezielten Politik der Obama Administration und beider politischen Parteien, die daran arbeiten, die Profite der Konzerne durch sinkende Arbeitskosten zu steigern.

Mit der Entscheidung, seine Rede über zentrale wirtschaftliche Fragen in einer von dem Internetversandhandel Amazon betriebenen Lagerhalle in Chattanooga, Tennessee, zu halten, bekräftigte Präsident Obama vergangene Woche diese Politik. Das Online-Versandhaus ist berüchtigt dafür, seine Angestellten in den Vertriebszentren mit brutalen Niedriglöhnen und Arbeitsbedingungen zu konfrontieren, wie sie üblicherweise in chinesischen „Sweatshops“ bestehen.

Der Grundlohn für Arbeiter in Amazons Vertriebszentren beträgt 11 US-Dollar die Stunde. Rund die Hälfte der Belegschaft wird über Leiharbeitsfirmen während besonders arbeitsreicher Perioden angeheuert. Angestellte müssen unter extrem heißen Temperaturen arbeiten, dürfen nicht miteinander sprechen, sind Leibesvisitationen ausgesetzt und werden routinemäßig damit bedroht, ihren Job zu verlieren.

In seiner Rede lobte Obama Amazons Schaffung von Arbeitsplätzen und verkündete, der Konzern sei „ein großes Beispiel dafür, was möglich ist“. Obama forderte „neue steuerliche Gutschriften, damit Kommunen, die am härtesten von Fabrikschließungen betroffen sind, neue Investitionen anlocken können“. Das Amazon-Vertriebszentrum, wo er seine Rede hielt, ist genau jener Typus einer „neuen Investition“, auf die sich Obama bezogen hat. Der Staat Tennessee, der eine der höchsten Arbeitslosenquoten der Vereinigten Staaten aufweist, befreite Amazon von den Steuern im Gegenzug dafür, dass der Konzern zwei seiner Lagerhallen dort errichtete.

Trotz Obamas Rhetorik über „angemessen bezahlte” „Mittelschicht-Jobs“, ist die Realität, dass sich seine Administration die Kürzung von Arbeitslöhnen zum Ziel gesetzt hat. Das stellte sie bereits 2009 mit der Restrukturierung von Chrysler und General Motors unter Beweis. Die Obama-Regierung verknüpfte Rettungsgelder für die Autobauer mit der Bedingung, neu angestellten Arbeitskräften den Lohn um fünfzig Prozent zu kürzen.

Diese Politik wird von beiden politischen Parteien sowie den herrschenden Klassen aller Länder getragen. Anfang des Jahres sagte Griechenlands Repräsentantin bei der Europäischen Kommission, Maria Damanaki, gegenüber dem griechischen Radiosender Vima FM, dass „die Strategie der Europäischen Kommission während der beiden letzten Jahre darin bestand, die Arbeitskosten in allen europäischen Ländern zu senken, um die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Konzerne gegenüber der Konkurrenz aus Osteuropa und Asien zu stärken“.

Niedrige Löhne, prekäre Arbeitsbedingungen und eine permanente Angst um den Arbeitsplatz sind alles, was der Kapitalismus der arbeitenden Bevölkerung zu bieten hat.


# Gekürzte deutsche Fassung. Im Original erschienen auf: http://www.wsws.org/en/articles/2013/08/07/pers-a07.html

Übersetzung: Hintergrund

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