Sozialabbau

Wegen der Probleme der US-Wirtschaft müssen immer mehr Amerikaner hungern

Obama: Bericht des US-Landwirtschaftsministeriums über Nahrungsmangel "beunruhigend" –

Von AMY GOLDSTEIN, 25. November 2009 –

Die Wirtschaftskrise in den Vereinigten Staaten hat die Anzahl der Amerikaner, die nicht genug zu essen haben, auf das höchste Niveau ansteigen lassen, seit die Regierung dieses Problem untersucht. Aus einem neuen Bericht (des US-Landwirtschaftsministeriums) geht hervor, dass es für nahezu 50 Millionen Menschen – und fast ein Viertel aller Kinder – im letzten Jahr schwierig war, sich ausreichend zu ernähren.

In einer Zeit, in der die wachsende Armut, die weit verbreitete Arbeitslosigkeit und andere Auswirkungen der Rezession gut dokumentiert wurden, ist der am Montag veröffentlichte Bericht des US-Landwirtschaftsministeriums die erste ausführliche Erhebung der Regierung zu den Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Versorgung der (US-)Amerikaner mit Nahrungsmitteln.

Das in dem Bericht erfasste Ausmaß der Ernährungsprobleme – in einigen Fällen sogar des blanken Hungers – erschreckt sogar diejenigen, die bisher nichts gegen die wachsende Armut tun wollten und sich an die immer länger werdenden Schlangen vor den Nahrungsmittel-Tafeln und Suppenküchen gewöhnt hatten. Die Ergebnisse verstärken auch den Druck auf das Weiße Haus und auf den Präsidenten Obama; er hatte versprochen, dass Kinder nicht mehr hungern müssten, und nannte den Bericht "beunruhigend".

Die Daten belegen, dass immer mehr Familien mit Kindern nicht mehr ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgt sind. Im Jahr 2008 lebten fast 17 Millionen Kinder – das sind 22,5 Prozent aller Kinder – in Haushalten, in denen das Essen zuweilen knapp ist; das waren rund 4 Millionen Kinder mehr als im Jahr davor. Und die Anzahl von Heranwachsenden, die tatsächlich hungerten, stieg von etwa 700.000 auf fast 1,1 Millionen.

Von den (US-)Amerikanern aller Altersstufen litten mehr als 16 Prozent – oder 49 Millionen Menschen – manchmal unter Nahrungsmangel; im Jahr 2007 waren es noch knapp 12 Prozent gewesen. Der Zuwachs an Menschen, die nicht genügend zu essen haben, war 2008 bei Kindern und Erwachsenen wesentlich größer als in jedem anderen Jahr des Erfassungszeitraumes.

In der Region um Washington weichen die Daten zum Nahrungsmangel sehr stark voneinander ab. In den letzten drei Jahren hatten durchschnittlich 12,4 Prozent der Haushalte in Washington D.C. mindestens Probleme bei der Beschaffung von Nahrungsmitteln; damit lag die Hauptstadt leicht über dem Bundesdurchschnitt. In Maryland hatten durchschnittlich 9,6 Prozent (der Haushalte zu wenig zu essen), in Virginia waren es 8,6 Prozent.

Die regionalen und nationalen Daten stammen aus einer Erhebung zur Nahrungsmittelversorgung in den Vereinigten Staaten, die das Landwirtschaftsministerium seit 1995 jährlich durchführen lässt; sie beruht auf Daten des Census Bureau (des Büros für Volkszählung).

Darin werden Amerikaner erfasst, die sich nicht ausreichend mit angemessener Nahrung versorgen können – Menschen, die in der Sprache der Experten unter "Nahrungs-Unsicherheit" leiden – und solche, die so wenig zu essen haben, dass sie hungern müssen.

Der jüngste Bericht basiert auf einer Umfrage, die im Dezember 2008 durchgeführt wurde. Mehrere unabhängige Experten für soziale und politische Fragen, die sich mit dem Problem des Hungerns befassen, erklärten, sie hätten den Bericht mit Spannung erwartet und mit wachsenden Schwierigkeiten bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln gerechnet, seien aber dennoch über das starke Anwachsen des Problems überrascht gewesen. "Das ist unvorstellbar. Bei uns herrschen jetzt Zustände wie in einem Land der Dritten Welt", sagte Vicki Escarra, die Präsidentin der Organisation Feeding America (Essen für Amerika), der größten Vereinigung, die Ausgabestellen für kostenlose Nahrungsmittel und andere Notversorgungseinrichtungen betreibt.

"Das ist wirklich erschütternd," sagte James D. Weill, der Präsident des Food and Action Center (des Zentrums für Ernährung und Aktionen) in Washington. "Die kränkelnde Wirtschaft hat viele Menschen näher an den Rand des Abgrunds gedrängt", sagte Weill. "Dann kam dieser riesige Sturm und stieß sie hinunter."

Obama, der während der Kampagne vor der Präsidentenwahl im letzten Jahr versprochen hatte, er werde bis 2015 den Hunger unter Kindern beseitigen, verkündete diese Absicht auch am Montag wieder. "Meine Regierung hat sich verpflichtet, den steigenden Trend zum Hungern umzukehren," teilte der Präsident in einer Erklärung mit. Das Problem lasse sich nur durch die Schaffung neuer Jobs lösen, sagte Obama. Er zählte auch Schritte auf, die der Kongress und die Regierung bereits unternommen haben oder unternehmen wollen, einschließlich der Erhöhung der Gelder für Lebensmittelgutscheine und der Freigabe von 85 Millionen Dollar durch den Kongress, mit denen versucht werden soll, Kinder auch während des Sommers zu ernähren, wenn subventionierte Schulfrühstücke und Mittagessen nicht zur Verfügung stehen.

In einer Pressekonferenz erklärte Landwirtschaftsminister Tom Vilsack: "Diese Zahlen sind ein Weckruf für uns, wir müssen uns ernsthaft um die Versorgung mit Nahrungsmitteln und um den Hunger kümmern, um die Ernährung und die Sicherstellung des Essens in diesem Land."

Vilsack schrieb die Verschlechterung bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln in erster Linie dem Anstieg der Arbeitslosigkeit zu, die jetzt über 10 Prozent liegt, und sieht auch Menschen bedroht, die unterbeschäftigt sind (also zu wenig Geld verdienen). Er gab zu, "dass sich die Zahlen im Lauf des Jahres 2009 noch verschlechtert haben könnten", obwohl noch nicht klar sei, ob die vom Kongress und von der Regierung in diesem Jahr ergriffenen Maßnahmen zur Stimulierung der Wirtschaft das Problem nicht abgemildert hätten.

Mark Nord, der Hauptautor des Berichts aus dem US-Landwirtschaftsministerium, teilte mit, bei einer weiteren Untersuchung des Ministeriums sei festgestellt worden, dass in den meisten Familien, in denen das Essen knapp ist, mindestens ein Erwachsener einer Vollzeitbeschäftigung nachgeht, woraus sich ergebe, dass Nahrungsmangel auch durch zu niedrige Löhne und nicht durch Arbeitslosigkeit allein verursacht werde.

Aus dem Bericht geht hervor, dass die Lebensmittel-Hilfsprogramme der US-Regierung ihren Zweck nur teilweise erfüllen, obwohl (Landwirtschaftsminister) Vilsack die Meinung vertrat, dass die Lebensmittelversorgung (großer Teile der Bevölkerung) ohne sie noch viel schlechter wäre. Mehr als die Hälfte der Befragten, die angaben, zu wenig Nahrungsmittel zu haben, hatten im vorherigen Monat an einem Ernährungsprogramm der Regierung zur Bekämpfung des Hungers teilgenommen: Sie hatten Lebensmittelgutscheine, subventionierte Mittagessen in Schulen oder Hilfen aus dem WIC-Programm, dem Nahrungsprogramm für Frauen (Women) mit Babys (Infants) oder kleinen Kindern (Children), erhalten (s. http://www.fns.usda.gov/wic/ ).

Im Jahr 2008 waren 4,8 Millionen Haushalte auf private Nahrungsmittelspenden angewiesen, 2007 waren es nur 3,9 Millionen Haushalte gewesen. 2008 verköstigten sich Menschen aus 625.000 Haushalten in Suppenküchen, fast 90.000 mehr als im Jahr zuvor.

Der Bericht zeigt, dass vor allem alleinerziehende Frauen mit Kindern unter Nahrungsmittelknappheit leiden. Im letzten Jahr musste mehr als ein Drittel der alleinerziehenden Mütter um ausreichendes Essen kämpfen, und jede siebte berichtete, dass auch gehungert wurde; das bedeutet nicht, dass es in Familienhaushalten keine Probleme bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln gibt. Aus dem Bericht geht auch hervor, dass schwarze oder Spanisch sprechende Menschen mehr als doppelt so häufig wie Weiße über knappe Lebensmittel klagen.

In der Umfrage zur Feststellung der Nahrungsmittelknappheit wurde Menschen eine unsichere Versorgung mit Nahrungsmitteln attestiert, wenn sie mehrere aus einer ganzen Reihe von Fragen mit "ja" beantworteten. Gefragt wurde unter anderem, ob ihnen im letzten Jahr manchmal des Essen ausging, bevor sie Geld für neue Nahrungsmittel hatten, ob sie es sich nicht leisten konnten, ausgewogene Mahlzeiten zu verzehren, und ob Erwachsene in der Familie manchmal weniger aßen oder Mahlzeiten ganz ausließen, weil ihnen das Geld für Essen fehlte. Der Bericht definierte den Grad ihrer Unterversorgung mit Nahrungsmitteln über die Anzahl der Fragen, die sie mit ja beantworteten.


Der Artikel erschien unter dem Titel America’s economic pain brings hunger pangs am 17. November 2009 bei The Washington Post.

Übersetzung: Wolfgang Jung – Luftpost Kaiserslautern www.luftpost-kl.de

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