Wohnungskrise: Vom Markt- zum Staatsversagen
Ohne eine grundlegende Neuausrichtung wird die dramatische Krise der Wohnraumversorgung nicht zu bewältigen sein.
Foto: Derks24; Quelle: Pixabay; LizenzDass sich der seit vielen Jahren konstatierte Mangel an bezahlbarem Wohnraum vor allem in Großstädten und Ballungsräumen zu einer umfassenden Versorgungskrise entwickelt hat, die längst auch die vielbeschworene „Mitte der Gesellschaft“ erreicht hat und zu dramatischen sozialen Verwerfungen führt, wird mittlerweile von keinem politischen Akteur mehr infrage gestellt. Von der kommunalen bis zur Bundesebene, von der AfD bis zu den Linken, von Mieterorganisationen bis zu Immobilien- und Wirtschaftsverbänden wird unisono vor einer „sozialen Zeitbombe“ gewarnt und schnelle Abhilfe verlangt. Wobei sich die jeweiligen Vorschläge zur Überwindung je nach Interessenlage deutlich unterscheiden und von einer „Entfesselung des Wohnungsmarktes“ durch Steuergeschenke für private Investoren und umfassende Deregulierung des Bau- und des Mietrechts bis hin zu umfassenden öffentlichen Wohnungsbauprogrammen, strengen Mietenregulierungen und Vergesellschaftungen der Bestände großer Immobilienkonzerne reichen.
Die Zahlen sind in der Tat dramatisch. Der Mangel an bezahlbaren Wohnungen wird auf bis zu zwei Millionen geschätzt, und der Neubau stagniert. Da dieser Mangel durch die Logik des Marktes zu explodierenden Mieten führt, müssen mittlerweile Millionen Haushalte 40 Prozent und mehr von ihren Einkünften für die Wohnkosten aufbringen. Laut einer viel beachteten Studie des Stadtsoziologen Andrej Holm tangiert diese Belastung mittlerweile für 13 Prozent aller Haushalte in Großstädten das Existenzminimum. Die Suche nach einer günstigen Wohnung ist in vielen Städten mittlerweile so gut wie aussichtslos, bis zu 200 oder mehr Bewerbungen für entsprechende Angebote sind keine Seltenheit.
Entsprechend gestiegen ist auch die Zahl der Wohnungs- und Obdachlosen. Wobei Letztere nur die sichtbare Spitze des Eisberges sind. Laut offiziellen Statistiken gibt es derzeit bundesweit rund 50.000 bis 60.000 Obdachlose, die ganz oder überwiegend auf der Straße leben. Es ist jedoch von einer wesentlich höheren Dunkelziffer auszugehen. Als wohnungslos gelten knapp 500.000 Menschen, die behördlich untergebracht wurden, also über keinen Mietvertrag verfügen. Auch hier ist von einer erheblichen Grauzone auszugehen, da viele Wohnungslose sich irgendwie informell bei Bekannten oder in prekären, nicht vertraglich erfassten Untermietverhältnissen durchschlagen.
Der markanteste Hotspot der Wohnungs- und Obdachlosigkeit ist Berlin. Wie die zuständige Senatsverwaltung auf Anfrage eines Abgeordneten vor einigen Monaten mitteilte, gibt es in der Stadt derzeit rund 55.000 erfasste Obdach- und Wohnungslose, wobei Flüchtlinge, die trotz Aufenthaltsstatus weiterhin in Gemeinschafts- und Sammelunterkünften leben, nicht mitgezählt und auch die erwähnten Grauzonen nicht berücksichtigt werden. Bis zum Ende des Jahrzehnts rechnet die Landesregierung mit einem Anstieg der erfassten Wohnungslosen auf knapp 90.000.
Aber wie konnte sich das alles so entwickeln? Warum ist ein Land, das lange Zeit über eine der reichsten und stabilsten Volkswirtschaften der Welt verfügte, nicht in der Lage, angemessenes Wohnen als eines der elementaren sozialen Grundbedürfnisse für alle Schichten der Bevölkerung zu gewährleisten?
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RAINER BALCEROWIAK lebt und arbeitet als Journalist in Berlin. Neben seiner Tätigkeit als Redakteur beim MieterEcho der Berliner Mietergemeinschaft schreibt er als Autor für verschiedene Medien, unter anderem die NachDenkSeiten und Der Freitag.