Finanzwelt

Das Ende der Finanzkrise ist nicht abzusehen

Eine kurze Chronologie –

Von WALTER WITTMANN, 18. April 2009 –

Seit dem ausgehenden achtzehnten Jahrhundert kam es immer wieder zu Finanzkrisen. Ab dem zwanzigsten Jahrhundert kommen sie stets aus den USA. Finanzkrisen zeichnen sich durch einen typischen Ablauf aus. Sie beruhen auf einer kreditfinanzierten Spekulation und blindem Optimismus. Nicht zu Unrecht sagte der berühmte Spekulant und Börsenschwindler Ponzi: „Wenn der Mensch auf etwas fixiert ist, dann ist er so gut wie blind“. Er sieht keine Gefahren aufkommen, wird entsprechend überrascht, auf den falschen Fuß erwischt. Er fällt sozusagen aus allen Wolken, wenn die Spekulationsblase platzt. Von jenen, die überrascht wurden, ist regelmäßig zu hören: „Das konnte niemand voraussehen“.

Im Mittelpunkt des Interesses stehen die Finanzkrisen nach dem Zweiten Weltkrieg. Man stößt in den sechziger, achtziger und neunziger Jahren und in der laufenden Finanzkrise auf Gemeinsamkeiten. Dazu gehören herausragend folgende Elemente:

1. Fusion (Mergers) und Übernahmen (Acquisitions) grassieren. Letztere werden schwergewichtig mit Krediten finanziert. Sie spielen sich dominant in der Endphase eines Booms und zu Phantasiepreisen ab. Massiv nimmt auch der Auskauf von Unternehmen (Leaveraged Buyout) durch Beteiligungsgesellschaften und/oder das Management zu. Auch hier ist in hohem Maße Kredit im Spiel. Nach der Übernahme „raubt“ man zuerst die Liquidität (Cash) aus. Es kommt auch vor, dass Sonderdividenden, kreditfinanziert, erzwungen werden. Mit Hilfe von (Investment-) Banken werden Kredite in Unternehmensanleihen umgewandelt und am Markt verkauft. Dominant handelt es sich um Anleihen (Bonds) minderer Qualität, als Junk-Bonds (Ramsch) bekannt.

2. Ab den achtziger Jahren spielen neue Finanzinstrumente (Innovationen) eine wachsende und schließlich dominante Rolle. Damals fing man an, Kredite aller Art, herausragend Hypotheken, zu verkaufen. Danach wandelte man diese in handelbare Wertpapiere um (Verbriefung). Sie wurden als „Asset Backed Securities“ (ABS) an private und institutionelle Investoren verkauft. In dem Maße, wie man Risiken veräußern kann, nimmt der Anreiz zu, immer mehr solcher – risikoreicher – Geschäfte zu tätigen. Ab den neunziger Jahren kamen (weitere) Derivate immer mehr zum Zuge. Letztlich handelt es sich (nur) um eine „Multiplizierung“ des Angebotes, abgeleitet u. a. von Aktien, Anleihen, Indizes und Rohstoffen (Commodities). Der Derivatenmarkt belief sich Ende 2008 auf geschätzte 550.000 Milliarden Dollar. Darüber hat niemand, auch die Zentralbanken nicht, den erforderlichen Überblick. Man hat es mit einer Zeitbombe zu tun.

3. An jeder Finanzkrise sind private und institutionelle Spekulanten beteiligt. Sie handeln stets prozyklisch, kaufen erst wenn die Hausse relativ weit fortgeschritten ist. Dabei operieren sie in größtmöglichem Umfang mit Krediten, um kräftig vom Boom profitieren zu können. Hier sehen sie keine Gefahren, schlagen alle – objektive – Warnungen in den Wind. So ist „garantiert“, dass sie immer wieder auf den falschen Fuß erwischt werden, happige Verluste erleiden oder gar untergehen.

Spekulationsblasen platzten regelmäßig, wenn die Mania an den Finanzmärkten in einen kreditbedingten Engpass gerät. Die Banken kriegen „kalte Füße“ und schränken die Kreditvergabe ein. Fangen die Kurse an den Finanzmärkten an zu fallen, so sind Kredite immer weniger durch „Gegenwerte“ abgesichert. Müssen die Kreditnehmer „nachschießen“, sind dazu aber nicht mehr in der Lage, so werden ihre Positionen automatisch liquidiert. Die Spirale dreht rasch nach unten, die Finanzkrise ist nicht mehr abzuwenden.

Die laufende Finanzkrise begann Anfang 2006, ausgehend vom US-Immobilienmarkt. Das konnte man am regelmäßig publizierten „Home Builder Composite Index“ erkennen. Nach unten drehte auch der „Case Shiller Home Price Index“. Mit dem Bruch des Aufwärtstrends wurde ein zuverlässiges Signal gegeben. Schon damals hatte das Volumen an minderwertigen Hypotheken (Sub-Prime) ein rekordhohes Niveau erreicht. Es konnte nur noch abwärts gehen.

In der (realen) Wirtschaft war schon Anfang Januar 2006 eine Mania im Gange. Übernahmen zu schwindelerregenden Preisen eilten von Rekord zu Rekord. Mehr als je zuvor drehten Hedge-Fonds mit gewaltigem Kredithebel am „großen Rad“. Es war nicht mehr zu übersehen: Die Kreditorgie näherte sich ihrem Höhepunkt, die Blase musste bald platzen.

Die Hausse an den Aktienmärkten, die im Frühjahr 2003 begonnen hatte, war inzwischen schon drei Jahre alt. Zunehmend zeigten sich „Ermüdungserscheinungen“. Anfang 2007 war das zyklische Hoch erreicht, was zuverlässige Indikatoren (z. B. Sentiment-Index) anzeigten. Zum Trendbruch kam es im Juni 2007. Nun übernahm die Baisse – bis heute – das Zepter.

Den entscheidenden Anstoß zur Beschleunigung der Finanzkrise gab im Frühjahr 2007 die Sub-Prime-Krise in den USA. Dieser Markt versiegte nahezu abrupt. Wer dort engagiert war, blieb auf seine Papiere sitzen. Damals setzte eine massive und anhaltende Abschreibungswelle ein, die zahlreiche Banken, auch europäische, derart schwächte, dass sie auf Staatshilfe angewiesen waren. Doch damit nicht genug: Damals brach auch der Markt für kurzfristige Anleihen ein. Das beeinträchtigte die Kreditvergabe zwischen den Banken: Eine schwere Vertrauenskrise hatte begonnen, die bis heute (noch) nicht überwunden werden konnte. Es ist daher nur verständlich: Die Notenbanken begannen damals, die Banken mit Liquidität zu versorgen.

Im August 2007 spitzte sich die Kreditkrise zu. Der Geldmarkt war am versiegen. Den Zentralbanken blieb nichts anderes übrig, als massiv zu handeln. Die Europäische Zentralbanken (EZB) pumpte 95 Milliarden Euro in den Geldmarkt. Die US-Notenbank wurde am 17. August aktiv. Damals begann eine Serie von Zinssenkungen zunächst bis in den März 2008 hinein. Zugleich konnten die Banken sozusagen beliebig Geld für 30 Tage leihen. Als Sicherheit war die FED bereit, auch „faule Papiere“ entgegenzunehmen. Das war der Auftakt für einen später gigantischen Aufkauf von „Schrottpapieren“. Nach hartnäckigem Widerstand öffnete auch die Bank of England die Schleusen. Die Finanzindustrie konnte hinfort mit Hilfe um jeden Preis rechnen. Im Herbst 2007 lancierten die USA ein Programm zu Ankurbelung der Konjunktur. Das war der Auftakt für zahlreiche und massive Konjunkturprogramme auch außerhalb der USA, dominant in EU-Ländern.

Im Januar 2008 verschärfte sich die Krise an den Finanzmärkten. Es kam zu einem dramatischen Kurszerfall herausragend bei den US-Hypothekenbanken., den international und global tätigen (Groß-)Banken, sowie bei den US-Investmentbanken (Broker). Zu den berühmten Adressen in den USA gehören u. a. Citigroup, Lehman Brothers und Merril Lynch. Nicht besser erging es den Versicherungen, so American International Group (AIG), die später für den Staat und das FED zu einem „Fass ohne Boden“ wurde. In Europa ragt die UBS heraus, die sich mit Sub-Prime-Papieren im großen Stil verspekulierte. Ähnlich sieht es u. a. bei Barcleys Bank, die Royal Bank of Scotland oder die Finanzgesellschaft Fortis aus.

Im Sommer 2008 eskalierte die Immobilien- und Hypothekenkrise. Die IndyMac Bancerp kollabierte, die größte Pleite seit 1984 als die „Continetal Illinois“ am Ende war. Die IndyMac wurde unter staatlichen Schutz gestellt. Um ganz andere Dimensionen ging es bei Fannie Mae und Freddie Mac. Hier sprangen am 14. Juli 2008 die FED und das Finanzministerium ein, um den Zusammenbruch zu verhindern. Beide – größte – Hypothekenbanken erhielten einen staatlichen Regulator.

Ab Mitte September kamen große Player an der Wall Street unter die Räder. Lehman Brothers ging Pleite. Marril Lynch wurde von der Bank of America „gerettet“. AIG erhielt eine Finanzspritze von 85 Mrd. Dollar vom FED. Goldman Sachs und Morgan Stanley nehmen den Status einer Universalbank an. Washington Mutual kam unter staatliche Kontrolle und wurde umgehend an J. P. Morgan verkauft.

Im Oktober häuften sich Rettungsmaßnahmen: Die britische Regierung garantierte 90 Prozent der Spareinlagen. In Deutschland erhielt die Hypo Real Estate zusätzliche Staatshilfe. Die FED pumpte weiter Liquidität in das Finanzsystem. Am 12. Oktober vereinbarten die Euro-Staaten ein Rettungspaket für Banken. Die G-7-Länder verabschiedeten einen Aktionsplan zur Stabilisierung des Finanzsektors. Ende Oktober/Anfang November wurde eine weitere Runde massiver Zinssenkungen eingeläutet.

Ab Mitte November 2008 kam es zu einer weiteren Eskalation. Am 24. November musste die US-Regierung der Citigroup zu Hilfe eilen. Am 25.11. kündigte die FED ein Paket von 800 Mrd. Dollar zugunsten von (faulen) Hypotheken- und Konsumkrediten an. Die EU beschloss ein Konjunkturprogramm von 200 Mrd. Euro. Es folgte China mit 600 Mrd. Dollar, Japan und zahlreiche, einzelne, EU-Länder. Den Höhepunkt der Eintrübung zum Jahresende bildete die AIG. Von den 127,7 Mrd. Hilfe, die sie im November erhalten hatte, waren bereits 84 Prozent aufgebraucht.

Zur Rettung von Banken und Ankurbelung der Wirtschaft wurden 2008 zuvor unvorstellbare Summen aufgewendet. Allein in den USA sind es 8.000 Mrd. Dollar. Es folgen in Euro Deutschland mit 1.890 Mrd., Großbritannien 1.730 Mrd., Frankreich 1.330 Mrd., Italien 937 Mrd. und Spanien 741 Mrd. Dabei vollzog sich eine gewaltige Verlagerung von Schulden aus dem privaten in den öffentlichen Sektor. In dem Maße, wie der Staat Kapitalspritzen an Banken verabreichte, wurde er auch Aktionär. Nicht wenige Banken sind unter staatliche Kontrolle geraten. Die Zentralbanken zahlreicher Länder haben in historischem Ausmaße Liquidität in das Finanz- und Wirtschaftssystem gepumpt, um den Kollaps zu verhindern. Das kann nicht ohne mittel- und langfristige Konsequenzen bleiben, und: Die Finanzkrise ist voll im Gange, das Ende ist (noch) nicht abzusehen.

Der Autor:

Prof. Dr. Walter Wittmann, geb. 1935, ist Schweizer Finanzwissenschaftler. Bis zu seiner Emeritierung 1998 hatte er den Lehrstuhl für Öffentliche Finanzen an der Universität Freiburg (Schweiz) inne. Von 1980 bis 1988 war er Präsident der schweizerischen Gesellschaft für Zukunftsforschung.

Der Artikel erschien zuerst in Hintergrund – Das Nachrichtenmagazin, Heft 2/2009

Drucken

Drucken

Teilen

Voriger Artikel Finanzwelt Diagnose: „Kapitalismus“
Nächster Artikel Finanzwelt Strategien für Billionen