Finanzwelt

»Die Kriminalisierung der Bargeldnutzung ist weit fortgeschritten«

Der Wirtschaftsjournalist Norbert Häring setzt sich schon lange für den Erhalt des Bargelds ein. Bereits 2016 schrieb er das Buch Die Abschaffung des Bargelds und die Folgen – Der Weg in die totale Kontrolle, in dem er auf die Gefahren für Freiheitsrechte, Privatsphäre und Datenschutz hinwies. Danach erschienen die Bücher Schönes neues Geld (2018) und Endspiel des Kapitalismus (2021). Darüber hinaus informiert Häring regelmäßig auf seinem Blog Geld und mehr über das Thema. Mit ihm sprach THOMAS TRARES.

HINTERGRUND Herr Häring, inzwischen ist es zehn Jahre her, dass Sie das Buch Die Abschaffung des Bargelds und die Folgen geschrieben haben. Darin hatten Sie unter anderem den damaligen Chef der Deutschen Bank, John Cryan, zitiert. Dieser behauptete damals, dass das Bargeld ineffizient sei und in zehn Jahren nicht mehr existieren werde. Nun ist es immer noch da. Was hat der gute Mann damals nicht verstanden?

NORBERT HÄRING Wenn Cryan geglaubt hat, was er sagte, dann hat er sich von dem Propagandafeuerwerk beeindrucken lassen, das damals gegen das Bargeld abgebrannt wurde. Es führte damals direkt zur Abschaffung des 500-Euro-Scheins durch die EZB und gab den Startschuss zu einem Prozess, der zu einer europaweiten Barzahlungsobergrenze führte. Aber wahrscheinlich hat er es nur gesagt, weil er an dieser Kampagne beteiligt war. »Bargeld ist altmodisch und nicht zukunftsfähig« ist eine der wichtigeren Propagandabehauptungen im Krieg gegen das Bargeld.

HINTERGRUND Wenn Sie heute auf die Zeit seit Erscheinen Ihres ersten Bargeld-Buchs zurückblicken, welche Ihrer Befürchtungen haben sich seither bewahrheitet? Was ist nicht eingetreten?

HÄRING Ich habe zwar keine Prognosen angestellt, aber man hätte damals schon befürchten können, dass die Verdrängung des Bargelds schneller vorangeht, als es tatsächlich geschehen ist. Die Entwicklung ist aber durchaus besorgniserregend. Sehr viele Behörden nehmen kein Bargeld mehr an. Die Kriminalisierung der Bargeldnutzung ist weit fortgeschritten. Schon wer mehr als 1.000 Euro abhebt oder einzahlt, macht sich verdächtig.

HINTERGRUND Wie sieht heute Ihre Prognose in punkto Bargeld aus? Welche Zukunft geben Sie ihm noch?

HÄRING Ich kann und will das nicht prognostizieren. Ich kämpfe dafür, dass es eine gute und lange Zukunft ist.

HINTERGRUND EU-Kommission und Europäische Zentralbank (EZB) wollen nun mit dem digitalen Euro eine Art digitales Bargeld einführen. Sie sind ja ein erklärter Gegner dieses Projekts. Können Sie kurz zusammenfassen, worin Sie die größten Gefahren sehen?

HÄRING Der digitale Euro soll so ausgestaltet werden, dass er mit dem Bargeld in Konkurrenz tritt. Das wird die Verdrängung des Bargelds beschleunigen. Dem steht kein Vorteil für die Bürger gegenüber. Sie können jetzt auch schon sehr einfach digital bezahlen, europaweit und darüber hinaus. Welchen rechtlichen Status das Geld hat, mit dem sie bezahlen, kann ihnen egal sein. Angeblich soll der digitale Euro unser digitales Bezahlsystem von dominierenden US-Konzernen wie Visa, Mastercard und Paypal unabhängiger machen. Aber das könnten EZB und EU viel leichter erreichen, wenn sie unterstützen würden, dass ein Bankenkonsortium eine europaweite Bezahllösung entwickelt und durchsetzt. Ein Problem habe ich damit, dass der digitale Euro programmierbare Zahlungen fördern soll. Das schafft gefährliche Eingriffs- und Steuerungsmöglichkeiten. Zum Beispiel in Form eine CO₂-Budgets für Bürger oder Zusatzkosten für unerwünschte Waren und Dienstleistungen.

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