Weltwirtschaft

Die internationale Atom-Mafia traf sich in Chicago

Friends of the Japanese Opera

Von RÜDIGER HAUDE, 8. April 2011 –

Während am 7. April ein weiteres Erdbeben der Stärke 7,4 die leidgeprüfte Ostküste der japanischen Hauptinsel Honshu erschütterte und damit die dortigen, bereits vor vier Wochen beschädigten Atomkraftwerke in Fukushima Daiichi, Fukushima Daini, Onagawa und Tokai weiteren extremen Erschütterungen aussetzte, traf sich in Chicago, Illinois, die Crème de la Crème der weltweiten Atom-Mafia zu ihrem jährlichen „World Nuclear Fuel Cycle“. Man verwendete (den spärlichen Informationen folgend, die bisher veröffentlicht wurden) nur wenig Zeit aufs Wundenlecken. “Wir müssen anerkennen, dass wir eine Technologie repräsentieren, die sehr viele Menschen verängstigt hat”, sagte Richard Myers, der Vizepräsident für strategische Planung (policy development) der US-Lobby-Organisation „Nuclear Energy Institute“, “aber die Industrie kann den unbegründeten Charakter dieser Angst erklären, und sie kann die Fakten liefern, um dies zu beweisen.” (1)

Die Menschen wissen freilich inzwischen, wie gerade diese Branche mit Fakten umzugehen pflegt. Nehmen wir als ein fast beliebiges Beispiel das Atomkraftwerk Onagawa in Japan. 1999 kam es dort zu einer 15minütigen unkontrollierten Kettenreaktion, nachdem man zum wiederholten Mal Kontrollstäbe im Reaktorkern entfernt statt eingeschoben hatte. Der Vorfall wurde, wie schon ein ähnlicher im Jahre 1988, nicht gemeldet und erst 2007 bekannt. – Im gleichen Jahr 2007 musste die Betreiberfirma, die „Tohoku Electric Power Company“, zugeben, dass es zu einer Notabschaltung im Reaktorblock 1 gekommen war und die Behörden zunächst nicht darüber informiert worden waren. Ausfälle der Radioaktivitätsüberwachung, Brände im Kraftwerkskomplex, undichte Rohrleitungen und verstrahlte Arbeiter markieren die Geschichte dieses speziellen AKWs. (2) Nach der Katastrophe vom 11. März 2011 meldeten die Betreiber ein um das 400fache erhöhtes Strahlungsniveau, führten dies aber auf die Leckagen in der über 100 km entfernten Fukushima-Daiichi-Anlage zurück, obwohl die radioaktiven Partikel dafür gegen den Wind hätten fliegen müssen. Seitdem hat man aus Onagawa nichts mehr gehört.

Soviel zu den „Fakten“. In Chicago – was für ein Traditionsort für das Jahrestreffen einer Mafia! – wurde Anfang April die politische Lage weiter analysiert. Man habe in den verschiedenen Staaten sehr unterschiedlich auf den „Fukushima-Unfall“ reagiert. „Nur ein Land“, schreibt das  Lobby-Organ „World Nuclear News“, „scheint einen Weg eingeschlagen zu haben, der seinem nuklearen Sektor wirklich Schaden zufügt: Deutschland. Ein Delegierter äußerte seine persönlichen Zweifel daran, dass die acht Blöcke, die von der Kanzlerin Angela Merkel heruntergefahren wurden [sic!], jemals wieder ans Netz gehen, wo Politiker darum wetteifern, als die grünsten wahrgenommen zu werden.“

Das ist das einzige Mal in dem 50-Zeilen-Artikel der „World Nuclear News“, dass das Wort „Schaden“ vorkommt. Der Schaden, den diese White-Collar-Gangster in Japan an menschlicher Gesundheit, an der Biosphäre, an privatem Eigentum und an der japanischen Volkswirtschaft angerichtet haben, ist ihnen keine Silbe wert. Wir wissen also, vor welchem Schaden diese Paten des Atoms Angst haben. Grund genug, vor ihnen Angst zu haben – und zwar weltweit.


(1)     Alle Zitate aus: http://www.eurasiareview.com/preparing-for-a-new-nuclear-industry-07042011/
(2)     Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Kernkraftwerk_Onagawa http://en.wikipedia.org/wiki/Onagawa_Nuclear_Power_Plant

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