Der Energiepreisschock und die "German Inflationsangst"
Mit Beginn des Iran-Kriegs und der faktischen Schließung der Straße von Hormus erlebt die deutsche Wirtschaft bereits zum zweiten Mal binnen weniger Jahre einen massiven Energiepreisschock.
Foto: IADE-Michoko, Quelle: Pixabay, LizenzNach Inflationsraten von über zehn Prozent infolge des Ukraine-Kriegs beginnen die Preise nun abermals zu steigen. Erneut fordern geldpolitische Hardliner, vornehmlich aus dem deutschsprachigen Raum, die Zinsen zu erhöhen. Doch damit könnte die Europäische Zentralbank (EZB) ein und denselben Fehler gleich zweimal begehen, wie Kritiker meinen. Schon 2022 habe die Notenbank den Energiepreisschock mit der falschen Medizin bekämpft und letztlich nur die Wirtschaft abgewürgt. Wiederholt sich die Geschichte nun erneut?
Klar ist jedenfalls, dass die Teuerung zuletzt wieder deutlich an Fahrt aufgenommen hat. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) lag die Inflationsrate in Deutschland im April bei 2,9 und im März bei 2,7 Prozent. Im Februar, also vor Ausbruch des Iran-Kriegs, waren es nur 1,9 Prozent. »Der erneute Anstieg der Energiepreise infolge des Iran-Kriegs hat im zweiten Monat in Folge die Gesamtteuerung verstärkt. Besonders der anhaltende Preisdruck bei Kraftstoffen ist für die Verbraucherinnen und Verbraucher deutlich spürbar«, erklärte Destatis-Präsidentin Ruth Brand.1 Damit hat sich die Inflation in den vergangenen beiden Monaten nicht nur stark beschleunigt, vielmehr liegt sie nun auch deutlich über dem Zielwert der EZB von zwei Prozent.
Falken fordern höhere Zinsen
Das wiederum hat umgehend geldpolitische Falken wie Bundesbank-Präsident Joachim Nagel auf den Plan gerufen. »Ich habe noch einen Rest Hoffnung auf eine weitgehende Entspannung im Nahen Osten. Aber wir können die hohen Energiepreise nicht ausblenden. Zinserhöhungen werden immer wahrscheinlicher, wenn sich das Inflationsbild nicht grundsätzlich ändert«, sagte Nagel in einem Interview mit dem Handelsblatt. Inflationsraten über vier Prozent in einzelnen Monaten wollte er auch nicht mehr ausschließen. Außerdem ließ Nagel keinen Zweifel daran aufkommen, dass die EZB gewillt ist, die Inflationsrate mittelfristig nahe zwei Prozent zu halten. »Wir werden unseren Job machen – ohne Wenn und Aber«, sagte er. 2
Nagels Stimme hat Gewicht. Als Bundesbank-Präsident gehört er auch dem EZB-Rat an, dem obersten Entscheidungsgremium der Notenbank. Dort stößt Nagels Position auf Zustimmung. »Aus heutiger Sicht halte ich eine Zinserhöhung im Juni für nötig«, sagte kürzlich auch EZB-Direktorin Isabel Schnabel, die ebenfalls im EZB-Rat sitzt. 3 Und nicht zuletzt wies auch der österreichische Notenbankchef Martin Kocher darauf hin, dass die stark steigende Inflation die mittelfristigen Inflationserwartungen weiter nach oben verschieben könnte. »Es ist Aufgabe der Zentralbank zu verhindern, dass diese Risiken Wirklichkeit werden. Ein wichtiges Instrument dafür sind Zinserhöhungen«, erklärte er. 4
Die »German Inflationsangst«
Dass ausgerechnet die deutschsprachigen Mitglieder des EZB -Rats zu den vehementesten Befürwortern einer restriktiven Geldpolitik gehören, überrascht nicht. Denn während in anderen Ländern oft Arbeitslosigkeit, Deflation oder Depression als größte Bedrohungen wahrgenommen werden, hat sich hierzulande das Trauma der Hyperinflation von 1923 tief in die DNA eingebrannt. In der repräsentativen Erhebung »Die Ängste der Deutschen«, die die R+V Versicherung seit 1992 durchführt, belegt die Angst vor Teuerung regelmäßig einen Spitzenplatz. 5
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THOMAS TRARES ist Diplom-Volkswirt. Er hat an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz studiert. Danach war er Redakteur bei der Nachrichtenagentur »vwd«. Seit 2004 arbeitet er als freier Wirtschaftsjournalist in Berlin.
1 https://www.destatis.de/DE/Presse/ Pressemitteilungen/2026/05/PD26_161_611.html
2 https://www.handelsblatt.com/finanzen/geldpolitik/ bundesbank-chef-nagel-bei-der-inflation-kann- einiges-auf-uns-zukommen/100222123.html
3 https://www.bloomberg.com/news/ articles/2026-05-08/schnabel-ezb-muss-zinsen- erhohen-wenn-energiepreise-inflation-treiben
4 https://www.oenb.at/Presse/oenb-blog/2026/2026- 05-01-erhoehte-wachsamkeit-in-der-geldpolitik- inflationsrisiko-gestiegen.html
5 https://www.ruv.de/newsroom/themenspezial-die- aengste-der-deutschen/pressemitteilungen/2025-09- 18-studie-aengste-der-deutschen
