Innenpolitik

Immer tiefer verstrickt: Geheimdienste und Nazi-Terror

Hinweis: Die Bilder sind aus den archivierten Hintergrund-Texten vor 2022 automatisch entfernt worden.

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Von SEBASTIAN RANGE, 16. November 2011 –

Neue Erkenntnisse im Fall der sogenannten „Döner“-Mordserie erhärten den Verdacht, dass der Verfassungsschutz in die Angelegenheit verwickelt ist. Zwischen 2000 und 2006 wurden insgesamt acht türkischstämmige und ein griechischer Kleinunternehmer durch Schüsse ermordet. Für die Taten soll eine Neonazi-Terrorzelle namens „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) verantwortlich sein, der auch Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die sich nach einem Bankraub selbst getötet haben sollen, sowie deren Freundin Beate Zschäpe, die sich anschließend der Polizei stellte, angehört haben sollen. Das Trio lebte bereits seit über zehn Jahren unerkannt in der Illegalität, die letzten Jahre im sächsischen Zwickau.

Der letzte Mord im Rahmen der „Döner“-Mordserie geschah am 6. April 2006 in Kassel und traf den 21-jährigen Betreiber eines Internetcafés, Halit Yozgat. Im Unterschied zu den vorangegangenen Taten befanden sich mehrere Zeugen im Laden.

„Der oder die Täter müssen sich sehr sicher fühlen. Jedenfalls verhalten sie sich so. Der Tatort liegt an einer viel befahrenen Straße. Nur etwa 200 Meter entfernt eine Polizeistation. Und in dem Internet-Café sitzen zur Tatzeit fünf Personen. Aber als die Polizei erscheint, findet sie nur vier Tatzeugen vor. Ein Mann hat sich entfernt. Fahndungsaufrufe bringen nichts. Der Mann meldet sich nicht“, heißt es in einem ARD-Radiofeature des Bayerischen Rundfunks vom April 2010. (1)

Erst anhand der Daten, die der flüchtige Mann während des Surfens im Internet hinterließ, konnte er zehn Tage nach der Tat ausfindig gemacht werden. Bei einer anschließend durchgeführten Hausdurchsuchung wurden Schusswaffen gefunden. Doch der vermeintliche Mord-Komplize entpuppte sich als Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes (VS).

Der Tatverdacht gegen ihn habe sich laut den Ermittlungen nicht erhärtet. Der Verfassungsschützer habe den Laden bereits kurz vor der Tat verlassen gehabt und sei daher nicht Zeuge des Verbrechens geworden. Auch hätte ihn die Auswertung seiner Fahrtenbücher und Kreditkartenabrechnungen entlastet, da sich darin keine Nähe zur Mordserie erkennen ließ.

Laut einem heutigen Bericht der Bild-Zeitung habe die Auswertung allerdings tatsächlich ergeben, dass der VS-Mann bei sechs der neun Mordtaten in der Nähe war – was den Verdacht einer Komplizenschaft selbstverständlich erhärtet. (2)

Nicht so für den hessischen Verfassungsschutz, der diese Tatsache für entlastend hielt – schließlich bedeutet es ja im Umkehrschluss, dass ihr Mitarbeiter bei drei der neun Taten nicht zugegen war.

Durch einen Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) war bereits am Montag, den 14. November, bekannt geworden, dass der Verfassungsschutz-Mitarbeiter während des Mordes an Halit Yozgat entgegen seiner Behauptung tatsächlich anwesend war. Nach dem Mord „soll [er] sogar noch Geld auf die Theke gelegt haben, die Gebühr für die Computernutzung“, so die FAZ. (3)

Damit war ein Mitarbeiter des deutschen Inlands-Geheimdienstes während mindestens einem der Morde direkt vor Ort anwesend – und anstatt als Zeuge bei der Aufklärung der Tat mitzuwirken, versuchte er sich den Ermittlern zu entziehen und belog diese, als sie ihn aufspürten. Auch für die neue Version hat der Geheimdienstmann offenbar eine Ausrede parat. „Warum er sich nicht gemeldet hatte, erklärte er den Ermittlern so: Er habe nichts von den wenige Meter neben ihm abgefeuerten Schüssen gehört, sei einfach gegangen und habe zehn Tage lang keine Nachrichten gehört“, schreibt Bild. (4) Wie der Zufall es wollte, war der Mord im Kasseler Internetcafé der letzte der Serie – war die Spur Richtung Verfassungsschutz zu heiß geworden?

Der hessische Verfassungsschutz schweigt sich zur Rolle eines seiner Beamten in der Mordserie aus. Zu den Vorwürfen, der Mitarbeiter sei noch zum Zeitpunkt eines der Morde in einem Internetcafé gewesen, wollte sich die Behörde am Dienstagmorgen (15. November) nicht äußern. „Wir nehmen dazu keine Stellung“, sagte ein Sprecher auf Anfrage. (5)

Die Bild-Zeitung war es auch, die als Erste über die in der ausgebrannten Zwickauer Wohnung gefundenen „legalen illegalen Papiere“ – also Ausweisdokumente, die echt sind, aber auf falsche Identitäten ausgestellt wurden – berichtete. Den innenpolitischen Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Hans-Peter Uhl, zitierte das Blatt diesbezüglich: „Solche Papiere erhalten im Regelfall nur verdeckte Ermittler, die im Auftrag des Nachrichtendienstes arbeiten und vom Nachrichtendienst geführt werden. Das heißt: die in enger Zusammenarbeit mit dem Nachrichtendienst agieren.“ (6)

Die von der Bild-Zeitung gezogene Schlussfolgerung, dass die Papiere vom Verfassungsschutz ausgestellt worden sein müssen, bezeichnete Spiegel-Online anschließend als „forsch“. Denn schließlich würde der Verfassungsschutz an V-Leute, also an angeworbene Informanten, „so gut wie nie“ Ausweise mit falschen Identitäten ausgeben. „Solche Methoden würden höchstens bei Kronzeugen oder Auslandsagenten eingesetzt.“ (7)

Als „forsch“ wäre – wenn überhaupt – nur die Bewertung des Spiegel zu bezeichnen, der, obwohl nur Bruchstücke der Öffentlichkeit bekannt sind, offenbar bereits von vornherein ausschließen kann, dass Mitglieder der Neonazi-Terrorzelle mehr als „nur“ Informanten gewesen sein könnten.

Hingegen ist die Schlussfolgerung der Bild-Zeitung die nächstliegende. Denn allein die Behörden können echte Ausweise ausstellen. Und nur auf Anweisung von höheren Stellen bzw. Geheimdiensten werden Ausweise auf nicht existente Identitäten ausgestellt.

Nachdem das Trio Ende der 1990er Jahre in Jena abgetaucht war, da gegen die Drei ein Haftbefehl wegen verschiedener Sprengstoffdelikte ausgestellt worden war, vermuteten Ermittler bereits, dass hier staatliche Stellen ihre Hand ihm Spiel hatten, die es den Neonazis ermöglichten, in den Untergrund abzutauchen und sich dem Zugriff der Fahnder zu entziehen.

Laut Gerüchten soll „ein Vermerk aufgetaucht sein, der belegt, dass Beate Z. verdeckt für den Verfassungsschutz gearbeitet haben soll.“ (8)

Gesichert ist hingegen, dass das Trio auch nach dem Abtauchen Kontakte zu ihren alten politischen Weggefährten unterhielt und dass der Verfassungsschutz auch über Details ihrer Flucht informiert war. (9)

Einerlei: Verfassungsfeinde – Verfassungsfreunde

Auszuschließen ist jedoch, dass es sich bei den mutmaßlichen Mitgliedern der NSU um Geheimdienst-Agenten im klassischen Sinn gehandelt hat. Also um Männer, die für den Zweck ausgebildet wurden, eine bestimmte Szene und Struktur zu unterwandern. Denn der politische Werdegang der NSUler ist seit ihrer Jugend bekannt und nachvollziehbar. Wenn überhaupt, dann wurde der Verfassungsschutz erst im Rahmen ihrer rechtsextremen Aktivitäten auf sie aufmerksam und hat sie infolgedessen eventuell angeworben. Die Wege wären zumindest äußerst kurz gewesen. Denn die mutmaßlichen Serienmörder waren vor ihrem Abtauchen in den Untergrund in der Neonazi-Kameradschaft „Thüringer Heimatschutz“ (THS) aktiv. Chef der Neonazi-Kameradschaft war bis zu seiner Enttarnung als VS-Spitzel im Jahr 2001 Tino Brandt. Seit 1994 arbeitete Brandt für den Thüringer Verfassungsschutz. In den rund sieben Jahren kassierte der Neonazi 200.000 DM aus der Staatskasse, also circa 800 DM wöchentlich. Mit diesem Geld wurde der THS maßgeblich aufgebaut. Die rund 80 Mitglieder umfassende militante Kameradschaft kann somit auch als ein Produkt der Behörde bezeichnet werden, die ihrem Namen nach die Verfassung schützen soll. Brandts „Gehaltsstufe“ lässt darauf schließen, dass er mehr war als nur ein einfacher Zuträger. Die meisten V-Leute in der rechtsextremen Szene können von so einem üppigen Einkommen nur träumen.

Es war aber nicht die Finanzierung der „Heimatschützer“, die den damaligen thüringischen Verfassungsschutz-Präsidenten Helmut Roewer stolpern ließ und ihn schließlich im Jahr 2000 das Amt kostete, sondern – neben verschiedenen Verfahren wegen schweren Betruges – der Fall des Thomas Dienel. Der ehemalige NPD-Landeschef Dienel wurde 1995 vom Verfassungsschutz angeworben und erhielt bis 1997 rund 40.000 D-Mark aus der Staatskasse. Mit den Geldern finanzierte er den Kauf von Waffen, mit denen er eine von ihm gegründete „Wehrsportgruppe“ ausstatte. Dienel saß zuvor wegen des Überfalls auf ein Asylbewerberheim, Volksverhetzung und anderer Delikte mehrere Jahre im Gefängnis.

Nicht nur finanziell lohnte sich die Zusammenarbeit mit dem VS. Auch ein gegen ihn eingeleitetes Verfahren zur Aberkennung der bürgerlichen Grundrechte sei durch den Einfluss seiner Geheimdienstbetreuer abgewendet worden. „Man hat mich gedeckt“, zitiert der Spiegel den Neonazi. (10) Weiter heißt es dort: „Dienel rüstet sich für ein Comeback in der Szene und deutet seine Spitzelkarriere posthum als Dienst für die nationale Sache um: Er habe den Verfassungsschutz nicht mit Nachrichten beliefert, sondern die Geheimdienstler ‚als Informationsquelle abgeschöpft’.“

Auch Brandt betonte nach seiner Enttarnung, dass er den VS benutzt habe und nicht umgekehrt.

Da stellt sich die Frage, wer da wen unterwandert hat: Die Verfassungsfeinde den Verfassungsschutz oder umgekehrt?

Wenn in der linken Szene ein vermeintlicher Mitstreiter als Mitarbeiter des Verfassungsschutzes oder eines anderen Dienstes enttarnt wird, erfolgt daraufhin für gewöhnlich die „Exkommunikation“ des Spitzels: Er wird aus allen Strukturen ausgeschlossen, behördenintern gilt er als „verbrannt“ und im linken Umfeld als nicht mehr einsetzbar.

Bezeichnenderweise ist es aber in der rechten Szene nicht unüblich, dass ein der Spitzeltätigkeit überführter „Kamerad“ weiterhin politisch aktiv sein kann. Das ist in der Szene zwar umstritten und führt zuweilen zu Spaltungen, aber viele sehen in der Spitzeltätigkeit keinesfalls einen Verrat, sondern eine im Nettoeffekt für den politischen Kampf Vorteile bringende Angelegenheit.

Zum einen gibt es die finanziellen Zuwendungen, die „der Sache“ sehr dienlich sind. Zum anderen bietet der Kontakt zum VS oftmals Schutz vor den Strafverfolgungsbehörden. Außerdem ist die rechte Szene generell stark durchsetzt von V-Leuten, was natürlich dort auch bekannt ist. Nach dem Motto „ich kann denen nichts sagen, was sie nicht ohnehin schon wissen, aber bekomme dafür Gelder, mit denen ich unseren Kampf finanzieren kann“, dürfte der eine oder andere Aktivist seine Zusammenarbeit vor sich und seinen Kampfgefährten gerechtfertigt haben. Und zu schlechter Letzt gibt es zuweilen auch eine ideologische Verbundenheit zwischen beiden Seiten.

Eine Zusammenarbeit zwischen VS und Neonazis aufgrund ideologischer Gemeinsamkeiten erscheint zunächst weit hergeholt. Aber gerade im Fall Thüringen liegt der Verdacht nahe, dass die großzügige staatliche Finanzierung, mittels derer die gewaltbereite Neonazi-Szene straffer organisiert wurde, (auch) einen solchen Hintergrund haben könnte.

Der vor elf Jahren geschasste VS-Präsident Roewer ließ die Neonazis großzügig finanzieren, während er gleichzeitig ein umfangreiches Dossier über Thüringens damaligen Oppositionsführer Bodo Ramelow von der Partei Die Linke, anlegen ließ. Dafür, dass er den Kampf gegen links zu seiner persönlichen Angelegenheit machte, spricht die Tatsache, dass er selbst loszog, um linke Demonstranten zu fotografieren. (11) Bei einem öffentlichen Vortrag erschien er im Ludendorff-Kostüm mitsamt Pickelhaube. (12) General Erich Ludendorff war 1923 an dem gescheiterten Putschversuch beteiligt, durch den Adolf Hitler an die Macht gebracht werden sollte.

Ein gegen den Juristen Roewer wegen Untreue eingeleitetes Strafverfahren wurde im Jahr 2008 wegen fortdauernder Verhandlungsunfähigkeit vorläufig eingestellt. Offenbar litt aber nicht seine Fähigkeit als Schriftsteller, denn im selben Jahr veröffentlichte er das Buch Im Visier der Geheimdienste: Deutschland und Russland im Kalten Krieg. Seine letzte Publikation (Die Rote Kapelle und andere Geheimdienstmythen) erschien vergangenes Jahr im rechtsextrem eingestuften Ares-Verlag, Tochterunternehmen des in Graz ansässigen Leopold-Stocker-Verlages, der bereits in den 1920er Jahren die nationalsozialistische Sache unterstützte.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht auszuschließen, dass die Unterstützung der rechtsextremen Szene in Thüringen durch den Verfassungsschutz unter Roewers Regie auch als eine Art kameradschaftliche Hilfe zu werten ist. Hinzu kommt ein vor dem Hintergrund der NSU-Morde äußerst brisantes Detail: Roewer führte V-Leute aus der rechtsextremen Szene auf eigene Rechnung, indem er Gelder vom Budget der Behörde abzweigte. Wen er führte, ist bis heute unbekannt. In den vergangenen Tagen gab es jedoch Spekulationen, ob nicht auch die NSU-Mitglieder zu diesen von Roewer persönlich geführten Leuten gehörten. (13)

Der Präsident eines Landes-Verfassungsschutzes heuert auf eigene Rechnung Neonazis an, die jahrelang mordend durchs Land ziehen – das klingt schon sehr nach einem Hollywoodfilm. Dieser Eindruck relativiert sich angesichts der Möglichkeit, dass mögliche Unterstützer der NSU aus den Reihen der Geheimdienste nicht zwangsläufig gewusst haben müssen, was die angeworbenen Neonazis so alles treiben.

Solcherlei Spekulationen kann letztlich nur durch eine lückenlose Aufklärung ein Ende bereitet werden. Der Wille zur Aufklärung scheint aber nicht sonderlich groß zu sein, sonst wäre der ehemalige VS-Präsident Roewer bereits wegen des Tatverdachts der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung festgenommen oder zumindest einem Verhör unterzogen worden.

Rechter Terror nicht neu

Nach dem Massaker, das der Rechtsextremist Anders Breivik Ende Juli in Norwegen verübt hatte, sprach Innenminister Hans Peter Friedrich noch davon, dass es keine Hinweise auf rechtsterroristische Aktivitäten in Deutschland gäbe.

Doch Hinweise gab es viele, Friedrich wollte davon offenbar nur nichts wissen. Abgesehen von über 130 Menschen, die seit der Wiedervereinigung von Rechtsextremisten ermordet worden sind, hat die Polizei „nach Auskunft der Bundesregierung allein zwischen 2002 und 2006 über 200 Spreng- und Brandvorrichtungen bei Neonazis sichergestellt“, erklärte Anna Conrads, innenpolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke im Landtag NRW. (14)

Vergleichbare Sprengstofffunde in der linken Szene hätten gewiss tägliche Verlautbarungen über die Gefahr eines neuen Terrorismus zur Folge gehabt. Noch vor kurzem betrachteten Politiker eine Reihe relativ harmloser Brandsätze, die an Berliner Gleisbetten abgestellt worden waren (nur einer zündete und verursachte Sachschaden, die anderen waren alle funktionsunfähig) als Menetekel einer neuen RAF. Am Rande sei jedoch erwähnt, dass im Fall der Gleisanlagen-Brandsätze von einer geheimdienstlich fingierten Aktion auszugehen ist – zu offensichtlich sind die Ungereimtheiten. (15)  

Deutlich wird jedoch: Politisch motivierte Gewalt von links genießt einen weitaus höheren Stellenwert bei den Strafverfolgern als ihr rechtes Pendant.

Überspitzt ließe sich konstatieren: Wer ungestört vor staatlicher Verfolgung Gewalttaten verüben will, sollte in der rechtsextremen Szene aktiv werden. Früher oder später kommt es dann zum obligatorischen Anwerbeversuch seitens des Verfassungsschutzes und die Täter werden mit Privilegien ausgestattet, die eine Strafverfolgung unmöglich machen oder zumindest erschweren.

Welche Rolle auch immer Mitarbeiter der Geheimdienste bei den Aktivitäten der NSU gespielt haben mögen, Fakt ist, dass das Zwickauer Trio nicht über ein Jahrzehnt ohne staatliche Unterstützer in der Illegalität leben konnte.

Und es ist fraglich, ob diese Unterstützer damit einverstanden sind, dass sich die NSU in Form eines veröffentlichten Videos zu der Mordserie bekannte – zwei Kopien der Videos wurden als DVD an Büros der Linkspartei versandt. (16)

Wenn diese Videos tatsächlich von dem Terror-Trio selbst abgeschickt worden waren, dann allenfalls mit der Absicht, den Untergrund-Kampf in eine neue Phase zu überführen. Möglicherweise stand der jüngste Bankraub damit in Verbindung: Nach der Veröffentlichung der Videos hätten sich die drei Neonazis auf die Flucht begeben müssen. Und dies erfordert viel Geld.

Das Bekenntnis zu der „Döner“-Mordserie und anderen Anschlägen hätte einen immensen Fahndungsdruck auf die NSU und ihr Unterstützer-Umfeld ausgelöst. Nicht auszuschließen, dass der Tod von Mundlos und Böhnhardt in diesem Zusammenhang zu betrachten ist.

Schließlich war in der ersten Berichterstattung, als der rechtsextreme Hintergrund noch nicht bekannt war, von einem dritten Mann die Rede, der laut einem Augenzeugen aus dem Führerhaus des Wohnwagens kletterte, in dem sich die beiden Männer selbst getötet haben sollen. (17)

Spiegel-Online berichtete zudem, dass einem Ermittler zufolge die Spurenlage im Wohnmobil „nicht unbedingt auf einen gemeinsamen Suizid hin[deute]“. Weiter heißt es: „Überhaupt: Warum sollten sich zwei mutmaßliche Schwerkriminelle nach einem geglückten Banküberfall umbringen? Aus Reue? Aus Angst vor der Polizei?“ (18) Das sind berechtigte Fragen. Im selben Artikel findet sich auch ein Hinweis darauf, dass sich Beate Zschäpe den Behörden gestellt habe, um Schutz zu suchen. Was ihr Verhalten wesentlich nachvollziehbarer machen würde, aber nicht so recht zur offiziellen Version passt. Denn die Frage wäre: Schutz vor wem? Und ausgerechnet sucht sie den bei den staatlichen Behörden, die sie doch verfolgen?.

Wurden die beiden Männer vielleicht getötet, damit nicht herauskommt, wer hinter den Mordtaten steckt? Oder sollte eventuell eine neue, zweite Mordserie verhindert beziehungsweise beendet werden?

Am 1. November 2011 wurde in Döbeln, 50 Kilometer von Zwickau entfernt, der Betreiber eines türkischen Döner-Imbisses erschossen. Da der Fall der Mordserie von 2000 bis 2006 gleicht, wurde anschließend in der Presse auch über einen Zusammenhang spekuliert.

In dem Bekennervideo der NSU wurde eine Fortsetzung der Taten unter dem Label „Nationalsozialistischer Untergrund II“ angekündigt. War die jüngste Mordtat Teil dieser Fortsetzung?

Neonazistischer Gewalttäter – günstige Sozialprognose?

Bundeskanzlerin Merkel sprach angesichts des rechten Terrors von einer „Schande für Deutschland“. Um die Schande möglichst klein zu halten, wird man in den Führungsetagen bestrebt sein, den Fall – trotz zwangsläufig gegenteiliger Lippenbekenntnisse – nicht aufzuklären.

Ähnlich wie bei dem Oktoberfest-Attentat 1980 in München, dem größten Terroranschlag in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, bei dem ebenfalls der Geheimdienst eine zwielichtige Rolle spielte. Es deutet Vieles darauf hin, dass der Täter damals nicht alleine handelte, sondern Teil der Gladio-Struktur war, einer paramilitärischen Geheimorganisation von NATO, CIA und des britischen MI6. (19) Polizeiliche und juristische Aufklärung fand zu keinem Zeitpunkt statt. Wichtige Zeugen wurden bis heute nicht befragt, Beweise verschwanden und sämtliche Akten wurden inzwischen vernichtet. In den Verdacht der Unterstützung geriet vor allem die neonazistische Wehrsportgruppe Hoffmann, die dank ihres militaristischen Auftretens schnell im ganzen Land berühmt und berüchtigt wurde. Ihr damaliger Anführer, Karl-Heinz Hoffmann, wurde wegen Geldfälschung, gefährlicher Körperverletzung, Verstößen gegen das Waffen- und Sprengstoffgesetz, Nötigung sowie mehreren Fällen von Freiheitsberaubung angeklagt. 1984 wurde er zu einer Freiheitsstrafe von neun Jahren und sechs Monaten verurteilt, jedoch bereits 1989 wegen guter Führung und „günstiger Sozialprognose” vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen.

2004 erwarb Hoffmann mehrere Immobilien in Sachsen, darunter ein ehemaliges Rittergut mit Herrenhaus und Stallungen. Hoffmann gründete anschließend einen gemeinnützigen Verein und erhielt vom Land Sachsen von 2005 bis 2007 insgesamt 130.000 Euro als Fördergelder für die Erhaltung und Pflege eines Kulturdenkmals.

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Anmerkungen

(1) http://web.ard.de/media/pdf/radio/radiofeature/doenerkiller.pdf
(2) http://www.bild.de/news/inland/bundesamt-verfassungsschutz/sass-beim-mordim-cafe-des-opfers-21008790.bild.html
(3) http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/kasseler-mord-in-neuem-licht-verdaechtiger-verfassungsschuetzer-11529097.html
(4) http://www.bild.de/news/inland/bundesamt-verfassungsschutz/sass-beim-mordim-cafe-des-opfers-21008790.bild.html
(5) dpa-Meldung vom 15.11.2011
(6) http://www.bild.de/newsticker-meldungen/home/13-killer-trio-papiere-20979226.bild.html
(7)  http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,797662,00.html
(8) http://www.bild.de/news/inland/bundesamt-verfassungsschutz/spielt-welche-rolle-in-mord-serie-20964578.bild.html
(9) http://www.welt.de/politik/deutschland/article13715153/Die-moegliche-Verbindung-der-Taeter-zum-Geheimdienst.html
(10) http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-17483243.html
(11) http://wissen.spiegel.de/wissen/image/show.html?did=41106152&aref=image035/E0528/ROSP200502900480049.PDF&thumb=false
(12) ebd.
(13) http://www.stern.de/politik/deutschland/zwickauer-terrortrio-die-braunen-suenden-des-verfassungsschutzes-1751087.html
http://www.welt.de/politik/deutschland/article13715153/Die-moegliche-Verbindung-der-Taeter-zum-Geheimdienst.html
(14) http://www.jungewelt.de/2011/11-14/058.php
(15) http://www.jungewelt.de/2011/10-14/045.php
(16) http://www.linkeblogs.de/?cat=2674
(17) http://www.bild.de/news/leserreporter/bankueberfall/brennendes-wohnmobil-bankraub-20857504.bild.html
(18) http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,797355,00.html
(19) http://www.hintergrund.de/201009141128/politik/inland/waren-geheimdienste-in-das-oktoberfest-attentat-involviert.html

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