9/11-Anschläge: Spannungen zwischen Washington und Riad

In den USA wächst der Druck, Dokumente freizugeben, die eine Verbindung saudischer Stellen zu den 9/11-Attentätern belegen sollen. Riad droht derweil mit Abzug seiner US-Vermögen, sollte ein Gesetz durchkommen, das es erlaubt, saudische Offizielle wegen Verwicklungen in die 9/11-Anschläge vor US-Gerichten anzuklagen –  

Von REDAKTION, 20. April 2016 –

Am heutigen Mittwoch traf Barack Obama in Saudi-Arabien ein. Nach einem Treffen mit König Salman ibn Abd al-Aziz Al Saud will der US-Präsident zum  Gipfel des Golfkooperationsrates weiterreisen. Der Besuch fällt inmitten wachsender Spannungen zwischen Washington und Riad.

Wie die New York Times am Wochenende berichtete, drohte der saudische Außenminister Adel al-Dschubeir kürzlich damit, Vermögenswerte in einer Gesamthöhe von 750 Milliarden US-Dollar aus den USA abzuziehen. Anlass ist eine Gesetzesinitiative, die Hinterbliebene der Opfer der Anschläge vom 11. September 2001 angeregt haben. Sollte der US-Kongress das Gesetzesvorhaben billigen, könnten Mitglieder beziehungsweise Mitarbeiter der saudischen Regierung in den Vereinigten Staaten wegen Unterstützung der 9/11-Anschläge vor Gericht angeklagt werden. Das saudische Königshaus befürchtet das Einfrieren seiner US-Vermögen, sollte eine entsprechende Anklage gerichtlich in die Wege geleitet werden.

Die 9/11-Hinterbliebenen werfen Riad vor, einige der offiziell als Attentäter beschuldigten Männer unter anderem mit Geldzahlungen unterstützt zu haben. „Eifrig“, so die New York Times, arbeite das Weiße Haus an der Verhinderung des Gesetzesvorhabens, und sorge damit  für „Wut unter den Hinterbliebenen“. Es sei verblüffend, dass „unsere Regierung die Saudis gegenüber ihren eigenen Bürgern in Schutz nimmt“, zitiert die Zeitung Mindy Kleinberg, deren Ehemann am 11. September 2001 im World Trade Center starb. (1)

Auch Kristen Breitweiser, die ebenfalls durch die Anschläge zur Witwe wurde, fragt sich, warum die US-Regierung nicht „die Rechte der US-Bürger schützt, die Opfer der Terrorattacke“ wurden. Offenbar habe das arabische Königreich „zu viel in die US-Wirtschaft investiert, um zur Rechenschaft gezogen“ werden zu können. (2)

Mittlerweile ist der Streit um die Gesetzesinitiative auch Thema des Präsidentschaftswahlkampfs. Der demokratische Kandidat Bernie Sanders sagte angesichts der saudischen Drohung, die Vermögensaktiva aus den Vereinigten Staaten abzuziehen, die USA ließen „sich nicht erpressen“. Das saudische Königreich spiele eine „sehr gefährliche Rolle“ in der weltweiten Verbreitung jener fundamentalistischen Ideologie, der auch der „Islamische Staat“ und al-Qaida anhingen.

Sanders spricht sich ebenso wie seine Rivalin im Kampf um die Präsidentschaftskandidatur für die Gesetzesinitiative aus. Über ihren Sprecher ließ Hillary Clinton verlauten, dass sie die Bemühungen der 9/11-Hinterbliebenen unterstütze, die für den Terrorakt Verantwortlichen „zur Rechenschaft zu ziehen“. (3)

Auftrieb erhalten die Befürworter der Initiative durch jüngste Aussagen des ehemaligen Senators Bob Graham. Er leitete von 2001 bis 2003 den Geheimdienstausschuss des Senats. In dieser Funktion saß er dem Ausschuss des Senats vor, der – gemeinsam mit einem Ausschuss des Repräsentantenhauses – nach dem 11. September die erste Untersuchung der Anschläge durchführte, die insbesondere aufklären sollte, ob die US-Sicherheitsbehörden diese hätten verhindern können. Im Dezember 2002 hatte die „Joint Inquiry“ des Kongresses ihren Abschlussbericht vorgelegt.

Vor zehn Tagen sprach Graham gegenüber dem US-Sender CBS von einer „substanziellen“ Unterstützung der 9/11-Terroristen durch saudische Stellen – gemeint waren Regierungsmitglieder, wohlhabende Einzelpersonen und einflussreiche Wohlfahrtsverbände. (4) Graham verwies in diesem Zusammenhang auf einen 28-seitigen Bericht, den unter anderem das FBI für den Kongressausschuss angefertigt hatte, und der der Frage nachging, wer die 9/11-Hijacker in den USA unterstützt hatte. Das Dokument steht bis heute unter Verschluss. Über seinen Inhalt dürfen die Mitglieder des Ausschusses, die ihn einsehen konnten, weder öffentlich reden, noch durften sie die daraus gewonnen Erkenntnisse in den Abschlussbericht einfließen lassen.

Dennoch waren in den vergangenen Jahren immer wieder Details durchgesickert, die Graham nun erneut in den Fokus der öffentlichen Debatte rückt – und damit den Druck auf das Weiße Haus erhöht, die Dokumente freizugeben. Bereits in der Vergangenheit sprach der Ex-Senator von „unwiderlegbaren Beweisen“ für eine Unterstützung der 9/11-Hijacker durch saudische Stellen. (5)

In dem 28-seitigen Geheimpapier soll es insbesondere um die Verbindungen von Nawaf al-Hamzi und Khalid al-Mihdhar zu Omar al-Bayoumi gehen. Erstere werden zu den  Führungsköpfen der 9/11-Hijacker gezählt, und sollen an der Entführung der Passagiermaschine beteiligt gewesen sein, die ins Pentagon krachte.

Bei letzterem soll es sich um einen saudischen Agenten handeln, der laut Graham bereits vor 9/11 vom FBI als solcher identifiziert worden war. Al-Bayoumi hatte al-Hamzi und al-Mihdhar nach ihrer Einreise in die USA im Januar 2000 am Flughafen in Empfang genommen. (6) Anschließend lebten sie für zwei Wochen im Appartement des saudischen Agenten in San Diego. Danach verschaffte al-Bayoumi seinen beiden Landsmännern eine Wohnung in der kalifornischen Stadt, hinterlegte ihre Kaution und bezahlte „gelegentlich die Miete“, wie es in einem FBI-Bericht heißt. (7) Die Ermittlungsbehörde muss es wissen, schließlich teilten die beiden Männer ihr neues Domizil mit einem ihrer Informanten. (8)

Die CIA hatte die beiden Saudis bereits 1999 als al-Qaida-Mitglieder identifiziert. Dennoch konnten al-Hamzi und al-Mihdhar unbehelligt in die USA einreisen und dort ungestört unter den Augen der Sicherheitsbehörden agieren. Al-Bayoumi soll auch in Kontakt zu Hani Hanjour gestanden haben, dem mutmaßlichen Piloten des Pentagon-Fluges. (9)

Der Agent hatte offenbar „Zugang zu unbegrenzter Finanzierung aus Saudi-Arabien“, wie es im Abschlussbericht der „Joint Inquiry“ heißt. (10) Beispielsweise stellte er vierhunderttausend US-Dollar für den Kauf einer Moschee in San Diego zur Verfügung. „Al-Bayoumi kam hier her, baute alles finanziell auf, die al-Qaida-Zelle in San Diego und die Moschee“, berichtete ein FBI-Ermittler bereits im Oktober 2001 gegenüber US-Medien. (11) Drei Monate zuvor war al-Bayoumi nach Großbritannien übergesiedelt, um dort ein Studium aufzunehmen, das er auch nach 9/11 fortsetzen konnte. Ende 2002 setzte er sich in Folge weiterer Medienberichte schließlich nach Saudi-Arabien ab.

Al-Qaida im Weißen Haus

Enge Beziehungen unterhielt der saudische Agent auch zu jenem Mann, der als erster US-Bürger von der CIA auf eine Tötungsliste gesetzt wurde. Die Rede ist von Anwar al-Awlaki, der seit 1996 in San Diegos Moscheen radikale Reden schwang und schließlich zehn Jahre nach 9/11 im Jemen von einer US-Drohne getötet wurde.

Seit 1999 stand er wegen seiner extremistischen Äußerungen und seinen Kontakten zu verdächtigen Organisationen unter Beobachtung des FBI. Die gegen ihn eingeleitete Untersuchung wurde aber im Jahr 2000 eingestellt. Noch unter Beobachtung stehend, unterhielt er enge Kontakte zu al-Hazmi und al-Mihdhar. US-Behörden bezeichneten al-Awlaki als „spirituellen Mentor“ der beiden mutmaßlichen Hijacker. Ermittler gingen auch davon aus, dass er in die 9/11-Anschlagspläne eingeweiht war. (12) Ein Nachbar hatte zudem nach dem 11. September berichtet, wie er einen Monat zuvor von dem Prediger gewarnt wurde, dass bald „etwas sehr Großes“ geschehen würde. (13)

Dennoch konnte al-Awlaki die USA Anfang 2002 ungehindert verlassen. Erst danach wurde vom US-Außenministerium ein Haftbefehl gegen ihn erlassen. Am 10. Oktober 2002 reiste er wieder in die Vereinigten Staaten ein. Wie der Zufall es wollte, hatte das US-Justizministerium einen Tag zuvor angeordnet, den Haftbefehl aufzuheben. Doch die Aufhebung wurde erst am 11. Oktober in Vollzug gesetzt. Trotz des noch gültigen Haftbefehls wurde al-Awlaki gleich nach seiner Festnahme beim Eintreffen am New Yorker Kennedy-Flughafen wieder laufen gelassen. In einem Brief an das FBI stellte der Kongressabgeordnete Frank R. Wolf diese ungewöhnliche Tatsache fest und warf in diesem Zusammenhang die Frage auf, woher die FBI-Beamten vor Ort von der noch nicht vollzogenen Aufhebung des Haftbefehls gewusst haben konnten. (14)

Zehn Tage später reiste al-Awlaki wieder ab, ohne dass die US-Behörden Schwierigkeiten machten – obwohl gegen ihn immer noch wegen Geldwäsche im Zusammenhang mit terroristischen Aktivitäten ermittelt wurde. (15) Von Ende 2002 bis 2004 forderte er dann in Großbritannien Muslime in seinen Predigten zum Dschihad auf. Dort soll er auch die Attentäter vom 7. Juli 2005 zu ihrer Bluttat inspiriert haben.

Allein an dem Tag, als al-Hazmi und al-Mihdhar ihr neues Domizil in San Diego bezogen, telefonierte der saudische Agent al-Bayoumi viermal mit dem extremistischen Prediger. Laut Bob Graham stieg mit der Ankunft der beiden al-Qaida-Mitglieder in den USA zudem die Anzahl der Gespräche sprunghaft an, die al-Bayoumi mit saudischen Regierungsbeamten in Washington und Los Angeles führte.

Den Wohnort für die Neuankömmlinge hatte er offenbar bewusst ausgesucht. Denn gleich gegenüber lebte Osama Bassnan, der in dem Abschlussbericht des US-Kongresses als „Unterstützer Bin Ladens“ bezeichnet wird, der Verbindungen zu den Hijackern unterhalten habe. Der Bericht bezeichnet Bassnan darüber hinaus als „engen Gefährten“ al-Bayoumis. (16)

Über ihre Ehefrauen sollen die beiden Männer Geldtransaktionen abgewickelt haben, die ursprünglich vom saudischen Botschafter in den USA, Prinz Bandar bin Sultan, in die Wege geleitet wurden. Laut dem US-Magazin TIME gab Prinz Bandar mindestens fünfzehntausend US-Dollar an Bassnan weiter. (17)

Bandar galt als enger Freund der Familie des damaligen Präsidenten. Das Verhältnis war so innig, dass George W. Bush dem saudischen Botschafter den Spitznamen „Bandar Bush“ verlieh. Er war „praktisch selbst Regierungsmitglied“, heißt es bei Wikipedia über den Prinzen. „Er besuchte unangemeldet das Weiße Haus und galt als der einzige in Washington angesiedelte Botschafter, der Personenschutz durch das Auswärtige Amt erhielt.“

Ein enger Freund des Präsidenten, der die 9/11-Terroristen mit Geldern versorgte? Das 28-seitige Geheimdokument, für dessen Freigabe sich Bob Graham von Anbeginn einsetzte, könnte nicht nur (ehemalige) Mitglieder der saudischen Regierung in arge Bedrängnis bringen. In seinem 2008 veröffentlichten Buch Intelligence Matters sprach Graham im Zusammenhang mit al-Bayoumi und al-Awlaki von einer „Vertuschung“ seitens der US-Regierung. Anders lassen sich auch die Einlassungen der 9/11-Untersuchungskommission, die Ende 2002 als parteiübergreifender Ausschuss des US-Kongresses eingerichtet wurde, kaum bezeichnen.

„Unsere Untersuchung hat keine glaubwürdigen Beweise dafür zutage gefördert, dass irgendeine Person in den Vereinigten Staaten den Hijackern substantielle finanzielle Unterstützung gab“, heißt es im Abschlussbericht der 9/11-Kommission. „Ebenso haben wir keine Beweise dafür gefunden, dass irgendeine ausländische Regierung – oder Beamte einer ausländischen Regierung – finanzielle Mittel zur Verfügung stellten. Die US-Regierung war nicht in der Lage, die Quelle der Gelder für die 9/11-Attacke zu bestimmen.“ Ohnehin sei die Frage der Finanzierung der Anschläge „von geringer praktischer Bedeutung“, so das fragwürdige Fazit der Kommission. (18)

Präsident Obama will innerhalb der kommenden zwei Monate eine Entscheidung über die Freigabe der brisanten Dokumente fällen, deren Inhalt wohl kaum mit dem abschließenden Urteil der 9/11-Kommission in Einklang zu bringen sein dürfte.


 

Anmerkungen

(1) http://www.nytimes.com/2016/04/16/world/middleeast/saudi-arabia-warns-ofeconomic-fallout-if-congress-passes-9-11-bill.html?_r=3
(2)https://consortiumnews.com/2016/04/18/saudi-arabia-coerces-us-over-911/
(3) http://sputniknews.com/world/20160419/1038226622/obama-saudi-911-bernie-hillary.html
(4) http://www.cbsnews.com/news/60-minutes-911-classified-report-steve-kroft/
(5) http://www.salon.com/2004/09/08/graham_8/
(6) http://www.webcitation.org/5bRFR2Hb4
(7) https://web.archive.org/web/20110215000000*/http://intelfiles.egoplex.com/2002-04-15-FBI-LHM-omar-al-bayoumi2.pdf
(8) http://www.cbsnews.com/news/hijackers-lived-with-fbi-informant/
(9) http://legacy.sandiegouniontribune.com/news/nation/terror/20020914-9999_1n14connect.html
(10) fas.org/irp/congress/2002_rpt/911rept.pdf, Seite 174
(11) http://legacy.sandiegouniontribune.com/news/nation/terror/20011027-9999_1n27mosque.html
(12) http://abcnews.go.com/Blotter/FtHoodInvestigation/anwar-awlaki/story?id=9200720
(13) https://web.archive.org/web/20101108113451/http://www.accessmylibrary.com/article-1G1-106107199/failure-communicate-congressional-probe.html
(14) www.foxnews.com/projects/pdf/mueller.pdf
(15) http://www.wnd.com/2003/08/20331/
(16) fas.org/irp/congress/2002_rpt/911rept.pdf, Seite 175 ff.
(17) https://web.archive.org/web/20090104212450/http://www.time.com/time/magazine/article/0,9171,1003790,00.html
(18) Bericht der 9/11-Untersuchungskommission, S.172, avalon.law.yale.edu/sept11/911Report.pdf

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