Kolumbien, Interpol und ein Cyberguerillero

Von MAURICE LEMOINE:

Unmittelbar nach den Bombenangriffen Kolumbiens in Ecuador, bei denen am 1. März Raúl Reyes – die Nummer zwei der Guerillaorganisation Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens (FARC) – ums Leben kam, präsentierten die Regierung von Alvaro Uribe und Medien mehrere Computer des hochrangigen Guerilleros. Die Datenträger sollen als Kriegstrophäe im attackierten Feldlager sichergestellt worden sein und belastende Informationen über die Staatschefs von Venezuela und Ecuador, Hugo Chávez und Rafael Correa, enthalten. Doch ein Bericht von Interpol über die Funde wurde nicht aufmerksam genug gelesen.

Die Geschichte beginnt am 1. März 2008. 25 Minuten nach Mitternacht erreicht die erste von insgesamt zehn „intelligenten“ Bomben, mit einem GPS (Global Positionsbestimmungssystem) ausgestattet, ihr Ziel. Wir befinden uns aber nicht etwa im Mittleren Osten. Die Szene spielt sich in Ecuador ab, kaum zwei Kilometer von der Grenze zu Kolumbien entfernt, wo der Putumayo-Fluss die beiden Staaten trennt. Plötzlich tauchen aus dem Nachthimmel vier Kampfhubschrauber auf, Typ Black Hawk OH-60. An Bord befinden sich 44 Mitglieder kolumbianischer Spezialkommandos, die eigens aus den Reihen der Schnellen Eingreiftruppe Kolumbiens (FUDRA) ausgewählt wurden. Sie müssen aber nicht mehr kämpfen. In dem provisorischen Feldlager der FARC-Guerilla, das von den Bombeneinschlägen völlig verwüstet wurde, liegen 23 Leichen derjenigen, die im Schlaf ermordet wurden.[i]  Unter ihnen: Raúl Reyes, die Nummer zwei und zugleich der „Außenminister“ der Guerillaorganisation. Sein Körper wird wie eine Trophäe nach Kolumbien geschafft.

Am frühen Morgen setzt sich Kolumbiens Präsident Álvaro Uribe mit seinem ecuadorianischen Amtskollegen Rafael Correa in Verbindung. Er erklärte ihm die Situation wie folgt: Aus Ecuador unter Beschuss genommen hätten sich die kolumbianischen Militärkräfte in den Hubschraubern zur Wehr gesetzt und die Rebellen verfolgt. Ebenso wie sein Verteidigungsminister Juan Manuel Santos versichert Uribe über den Tag hinweg, dass keine Schüsse von kolumbianischem Territorium abgegeben worden seien. Auch sei „der ecuadorianische Luftraum nicht verletzt“ worden.

Im ersten Moment schenkte Correa den Worten des kolumbianischen Präsidenten Glauben. Beide stehen fast jeden Tag telefonisch in Verbindung und haben eine freundschaftliche Beziehung. Noch zwei Wochen zuvor hatte Correa im privaten Rahmen bei einem Kaffee einem Berater des venezolanischen Präsidenten gegenüber versichert: „Sag Hugo Chávez, dass ich mich gut mit Uribe verstehe und, wenn er will, zwischen ihnen vermitteln kann.“

Protest aus Lateinamerika

Wenig später wird Correa der Betrug klar. Als Ecuadors Armee am Ort des Geschehens eintrifft, kommt die Wahrheit ans Licht: Die Kolumbianer sind nicht nur in ecuadorianisches Territorium eingedrungen, sondern es hat, wie Correa am 2. März auf einer Pressekonferenz erklärte, ein „wahres Massaker“ stattgefunden. Der Tod des Guerillachefs Reyes löste auf mehreren Ebenen eine Kettenreaktion aus. Die Regierung in Quito brach die Beziehungen mit Bogotá ab und entsandte elftausend Soldaten an die Grenze. Die Maßnahme wurde unmittelbar von Venezuela flankiert, dessen Staatsführung zehn Bataillone an die Demarkationslinie verlegte. Es war keine voreilige Entscheidung, sondern eine gut überlegte Aktion. „Wir wollen keinen Krieg“, erklärte Chávez, „aber wir erlauben weder dem Imperium (gemeint sind die USA, d. Red.), noch seinem Schoßhund, dass sie unsere Einheit schwächen.“ Auch werde man nicht erlauben, dass die Grenzen der Nachbarstaaten verletzt werden.

Von „Verurteilung“ war später keine Rede, aber alle südamerikanischen Staaten reagierten mit „Ablehnung“ auf die kolumbianische Invasion. Nur von den USA wurde Bogotá im Namen des „Kampfes gegen den Terrorismus“ unterstützt. Von Journalisten darauf angesprochen, erklärte der stellvertretende Ministerialrat „für die westliche Hemisphäre“ (Lateinamerika) im US-Außenministerium, Craig A. Kelly: „In erster Linie sind wir der Meinung, dass ein Staat das Recht haben sollte, sich gegen eine terroristische Bedrohung zu wehren und wenn wir über Grenzen reden, müssen wir den gesamten Kontext beachten, also auch die ständigen Grenzverletzungen durch die FARC“. Es folgte eine weitere Nachfrage eines Journalisten: „Bedeutet das zum Beispiel, dass es keine Einwände dagegen geben würde, wenn Mexiko bei der Verfolgung von Drogenhändlern mit militärischen Truppen auf US-amerikanisches Territorium vorstößt?“ Kellys Antwort: „Ich werde mich hier nicht auf eine theoretische Diskussion einlassen …“.[ii]

Es wurde über die Art der Flugzeuge spekuliert, die bei dem High-Tech-Bombenangriff am 1. März eingesetzt wurden. So gab es die Berichte über fünf Erdkampfflugzeuge „Super Tucano EMB 314“ (des brasilianischen Rüstungskonzerns Embraer) und drei zweimotorige Cessna A-37 Dragonfly (aus US-Waffenschmieden) der kolumbianischen Luftwaffe, die von der Basis in Tres Esquinas im Departement Caquetá gestartet sind. Doch die eingesetzten Bomben können von keinem dieser Flugzeuge abgeworfen werden. Bislang gibt es nur eine Gewissheit: Die gleichen Bomben haben während der US-Invasion in Irak schwere Verwüstungen angerichtet …

Der Schatten Washingtons fiel erneut auf den Konflikt, als Correa einige, sagen wir, Ungereimtheiten entdeckte. Vor allem aber, als er herausfand, dass sein eigener Generalstab ihn belogen hatte. Die Spannungen erreichten ihren Höhepunkt mit einer Erklärung des Generals Jorge Gabela, einem Kommandanten der ecuadorianischen  Luftwaffe. Gabela gab an, dass die Radarstation in der Nähe von Santa Rosa, wo sich das attackierte FARC-Camp befand, wegen Wartungsarbeiten seit einigen Tagen außer Funktion war. Als Correa den Chef des militärischen Nachrichtendienstes, Mario Pazmiño, von seinem Posten entband, sagte er sichtlich erbost: „Schluss mit den Nachrichtendiensten, die auch im Dienst der US-Botschaft stehen (…) Es gibt hier Amtsträger, die sich eher der CIA als ihrer eigenen Regierung gegenüber verpflichtet fühlen!“

Der Präsident ersetzte den Verteidigungsminister Wellington Sandoval durch eine Person seines Vertrauens, Javier Ponce. Indem er die Initiative in die eigene Hand nahm, provozierte er den geschlossenen Rücktritt des gesamten Kommandostabes der Streitkräfte sowie der Oberkommandierenden des Heeres, der Marine und der Luftwaffe.

Plötzlich fand sich ein Präsident an vorderster Front, der zuvor schon störend aufgefallen war. Hatte Correa nicht schon während seiner Wahlkampagne angekündigt, die US-amerikanische Luftwaffenbasis im ecuadorianischen Manta schließen zu lassen? Der Pachtvertrag für diese „Ausländische Operationsbasis“ (Foreign Operation Location, FOL) wurde von den USA 1999 für zehn Jahre unterzeichnet und endet 2009. Am 28. Februar 2008 verabschiedete die verfassunggebende Versammlung Ecuadors mit dem Ziel der „Neugründung des Landes“ einen Artikel, in dem es heißt: „Ecuador ist ein Territorium des Friedens, das die Etablierung ausländischer Militärbasen untersagt“. Mit seiner herausragenden technologischen Ausstattung leistet die Basis in Manta einen wichtigen Beitrag bei der US-amerikanischen Militärhilfe für Kolumbien. Während der Operation am 1. März wurde von diesem Stützpunkt aus die Kontrolle des Luftraums gewährleistet.

Bogotá eröffnete das politische Trommelfeuer mit der Bekanntmachung, dass der Armee bei der Militäraktion am 1. März ein Laptop in die Hände gefallen sei, der Raúl Reyes gehörte. In kürzester Zeit wurden aus dem einen Laptop drei, später sogar noch mehr. Diese Datenträger, so hieß es weiter, enthielten unglaubliche Geheiminformationen über die beschämenden Kontakte der Präsidenten Chávez und Correa zu den FARC.

Der Laptop von Reyes

In Ermangelung von Beweisen kamen die ersten Fragen auf. Berichtet wurde, dass sich das Hauptlager von Reyes in Kolumbien nahe der Grenze zu Ecuador befand.[iii] In diesem Teil der Putumayo-Region unterhalten die FARC zahlreiche Verstecke, Refugien und Feldlager. Aber der Guerillaführer soll die Grenze zum Nachbarland mit (letztlich) drei Computern, zwei Festplatten und drei USB-Sticks überquert haben? In dieser Liste fehlen nur noch ein Geldsafe und ein tragbarer Fernseher! Das Bombardement kostete 23 Menschen das Leben. Nach Angaben der ecuadorianischen Armee rissen die zehn Bomben Krater mit einem Durchmesser von 2,4 Metern und einer Tiefe von 1,8 Metern in den Dschungelboden und entwurzelten Bäume in einem weiten Umkreis. Aber die Computer von Reyes sollen unbeschädigt sichergestellt worden sein. Möglich ist das, aber Zweifel bleiben.

Dann sprachen die Computer. Die spanische Tageszeitung El País, Speerspitze einer permanenten Kampagne gegen die progressiven Regierungen Lateinamerikas, stellte keine weiteren Fragen. Am 12. März erfuhren ihre Leser unter dem Titel „Die FARC finden Zuflucht in Ecuador“, dass „die Guerilleros sich im Norden Ecuadors in Lastwagen bewegen, wie ein Funktionär der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) erfahren hat.“ Der anonyme OAS-Mitarbeiter sei „erstaunt“ gewesen, bei einem Besuch in der Region mit „perfekt ausgerüsteten FARC-Mitgliedern“ die Grenze zu überqueren. Die Leser dieses Berichtes werden nie erfahren, dass der OAS-Generalsekretär José Miguel Insulza am 15. März in einem Brief an den Herausgeber der Zeitung seiner „Betroffenheit und Entrüstung“ über den Beitrag Ausdruck verleiht: „Ich kann Ihnen versichern, dass diese Erklärungen absolut falsch sind, da die OAS keine besonderen Missionen entsandt, noch Funktionäre, gleich welcher Ebene, in der Region eingesetzt hat. Es ist deswegen unmöglich, dass irgendein Mitarbeiter dieser Organisation entsprechende Äußerungen gemacht hat.“[iv]

Trotzdem haben sich Reyes und seine Mitkämpfer in Ecuador aufgehalten. Seit mehreren Monaten war der Kommandant der Guerilla der wichtigste Kontakt für alle Emissäre – Franzosen, Schweizer, Spanier, Venezolaner, Ecuadorianer –, die mit den FARC über die Freilassung von deren Gefangenen und Geiseln verhandelt haben, unter ihnen auch die Franko-Kolumbianerin Ingrid Betancourt.

Als Ausdruck ihrer Unnachgiebigkeit hat die bewaffnete Oppositionsbewegung über lange Zeit hinweg auf einen direkten Dialog mit der kolumbianischen Regierung bestanden. Ein „humanitärer Austausch“ – Guerilleros gegen FARC-Gefangene – war die einzige Option. Das Ziel war hochpolitisch: Über diesen Dialog wollten die FARC den völkerrechtlichen Status einer Krieg führenden Partei erreichen. Denn obwohl sie 2002 in internationale Listen terroristischer Organisationen aufgenommen wurden, haben die FARC diese Klassifizierung nie akzeptiert. Uribe aber wollte nie in einen Dialog mit der Guerilla eintreten, und noch viel weniger wollte er die FARC offiziell als Krieg führende Partei anerkennen.

Als der venezolanische Präsidenten Hugo Chávez sich am 31. August 2007 in den Konflikt mit einer Verhandlungsinitiative einschaltete, veränderte das alles. Binnen kürzester Zeit war die seit 2002 bestehende politische Blockade gebrochen. Nachdem die Guerilla ohne Bedingungen sieben ihrer Gefangenen entließ, erklärte Caracas: „Die FARC handeln nach einer mehr politischen Logik, was ein gutes Zeichen für künftige Entwicklungen ist.“ Die Frustration lag auf Seiten des kolumbianischen Präsidenten, der die Bilder der Befreiten sehen musste, die sich herzlich bei den rot bekleideten Mitgliedern der venezolanischen Regierung bedankten.

Tatsächlich hatten die Verhandlungen in Caracas zuvor in aller Öffentlichkeit mit den Kommandanten der FARC, Iván Márquez und Rodrigo Granda, stattgefunden.[v] Einige Gespräche wurden mit Reyes persönlich in dem inzwischen berühmten Lager in Ecuador geführt. In Paris war das ebenso bekannt wie in Quito. Ein beunruhigendes Detail aber ist, dass sich in der Woche vor der Militäroperation des 1. März französische Unterhändler in Panamá mit dem Hohen Kommissar für den Frieden der kolumbianischen Regierung, Luis Carlos Restrepo, getroffen hatten. Restrepo sagte den Emissären mit Nachdruck: „Halten Sie den Kontakt mit Reyes aufrecht, er ist Ihr Mann. Er ist es, der die Befreiung von Ingrid (Betancourt, d. Red.) ermöglichen wird.“ Das erklärt die unglaubliche Wut des ecuadorianischen Präsidenten Correa, als er später sagte: „Sehen Sie sich diese Niedertracht von Álvaro Uribe an! Er wusste, dass im März zwölf Gefangene der FARC freigelassen werden sollten, unter ihnen Ingrid Betancourt. Er wusste es und er benutzte seine Kontakte, um diesen Hinterhalt zu legen.“ Einen Verhandlungsführer zu töten war eben schon immer der beste Weg, um die Verhandlungen zu blockieren.

Dieser Streit trat in ein neues Kapitel ein, als am 3. März General Oscar Naranjo, der Chef der kolumbianischen Polizei, Pressevertretern ein blendendes Spektakel bot. Unter Berufung auf Material, das „nahe der Leiche von Reyes“ gefunden wurde, enthüllte er eine „Waffenbrüderschaft zwischen den FARC und der Regierung von Venezuela“ sowie politische und wirtschaftliche Verbindungen zwischen der Guerilla und Correa, vor allem während dessen Wahlkampagne.

Die Rolle der Medien

Ich unterstelle nichts, noch stütze ich mich auf Mutmaßungen. Alles stammt aus Zeitungen und von TV-Sendern. Auf der Basis „explosiver Dokumente“ (allesamt aus den berüchtigten Computern), die freundlicherweise von den kolumbianischen Geheimdiensten „aufbereitet“ wurden, setzten sich die spanische Zeitung El País und das kolumbianische Blatt El Tiempo an die Spitze der Kampagne.[vi] Apropos: El Tiempo ist Eigentum der Familie Santos, der sowohl der amtierende Vizepräsident Fransisco Santos als auch der Verteidigungsminister Juan Manuel Santos angehören.

Am 4. März titelt El País: „Bogotá entlarvt die Unterstützer der FARC“. In dem Artikel „Die Papiere der FARC belasten Chávez“ (El País, 10. Mai 2008), der erste Beitrag einer Artikelserie der Journalistin Maite Rico[vii], konnte man erfahren, dass „Chávez, ohne mit der Wimper zu zucken, der Bitte um 300 Millionen Dollar“ der Guerilla nachgekommen war. Am 12. März folgte der Artikel, der auf den Widerspruch des OAS-Generalsekretärs stieß. Später wurde im Rahmen der Serie enthüllt, dass „mit dem Chavismus verbundene Gruppen (…) regelmäßig (…) in den Lagern der FARC in Venezuela trainiert werden“ (Maite Rico, 11. Mai 2008). Es gebe für diese „Lehrgänge“ sogar Wartelisten.

Als die Zeitschrift The Economist (The FARC Files, 24. Mai 2008) an die Großzügigkeit Chávez‘ gegenüber den FARC erinnerte – auch hier war von den 300 Millionen US-Dollar die Rede –, nennt er als Quelle seiner Informationen eine Nachricht von Raúl Reyes, die in El País und in dem kolumbianischen Wochenblatt Semana abgedruckt worden war. Als weiteren Beweis seiner investigativen Arbeit, führte The Economist ein Dokument an, das aus der US-Zeitung The Wall Street Journal stammte. Darin hieß es: „Der venezolanische Innenminister Ramón Rodríguez Chacín hatte die FARC gebeten, venezolanische Soldaten in Guerillataktiken auszubilden“. Ignoriert wurde, dass das Wall Street Journal diese Information seinerseits aus der US-Tageszeitung Miami Herald kopiert hatte.

Es folgten weitere schier unglaubliche Enthüllungen. Zwischen den Jahren 2000 und 2002 sollten die FARC gemeinsam mit der baskischen Untergrundorganisation ETA ein Attentat gegen kolumbianische Persönlichkeiten in Madrid geplant haben, unter ihnen der amtierende Vizepräsident Francisco Santos, der ehemalige Staatschef Andrés Pastrana sowie die Ex-Botschafterin in Spanien, Noemí Sanín (El Tiempo, 2. Juni. 2008). Zwar war ein solcher Anschlag – und das aus gutem Grund – von niemandem gefordert worden, aber die Behauptung stand im Raum. Zudem sollen die FARC versucht haben, Uran zu bekommen, um eine "schmutzige Bombe" zu bauen (BBC, 5. März 2008). In Bezug auf die immer wiederkehrenden „Dokumente von Reyes“ hieß es – auf diesen Punkt wurde bestanden –, dass die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Chávez und den kolumbianischen Rebellen bis in das Jahr 1992 zurückreichen. Damals habe der heutige Staatschef während seiner Haftstrafe, die er wegen eines versuchten Umsturzes am 4. Februar jenes Jahres verbüßte, 150.000 US-Dollar von den FARC erhalten (Le Figaro, 5. März 2008; The Wall Street Journal, 11. März 2008). Diese Dollar muss Chávez in der Gefängniskantine ausgegeben haben. Denn als er 1994 aus der Haft entlassen wurde, fand er, bar jeder Ressourcen, in einem kleinen Appartement im Zentrum von Caracas Zuflucht, das seinem späteren Innenminister Luis Miquilena gehörte, der ihm auch ein Auto zur Verfügung stellte.[viii]

Die französische Tageszeitung Le Monde berichtete zwar verhaltener. Trotzdem leitete sie einen Artikel mit Zitaten eines Deserteurs der Guerilla ein. "Nach Angaben des Deserteurs haben einer der FARC-Chefs, Iván Márquez, und der historische Anführer Manuel Marulanda jeweils Aufenthalte in Venezuela absolviert." Diese Nachricht wird den Lesern ebenso im Hinterkopf bleiben wie der Titel der Zeitung Le Figaro: "Gefährliche Beziehungen zwischen den FARC und Chávez." (15. März 2008)

Es ist fast unnötig, zu erwähnen, dass in Venezuela die Tageszeitungen El Nacional und El Universal sowie die Privatsender Radio Caracas Televisión (RCTV) und Globovisión die Situation ausschlachteten. Mit Enthusiasmus berichteten sie über die Stellungnahmen des Gouverneurs des Bundesstaates Zulia und ehemaligen Präsidentschaftskandidaten, Manuel Rosales, der Chávez "Vaterlandsverrat" vorwarf.

Einer der zahlreichen Leitartikel der US-Tageszeitung The Washington Post über Venezuela brachte diese enorme Medienkampagne auf den Punkt: "Wenn mit diesem Skandal um die Computer nur richtig umgegangen wird, kann das Loch weiter ausgehoben werden, in dem die angebliche `Bolivarische Revolution‘ versinkt."

Kritiker könnten nun den berechtigten Zweifeln entgegnen: Wie kann man die Wahrhaftigkeit von Dokumenten anzweifeln, deren Authentizität von der Internationalen kriminalpolizeilichen Organisation, bekannter unter dem Kürzel Interpol, anerkannt wurde? Dieses fragwürdige Argument wurde sowohl von Bogotá als auch von den genannten Medien immer wieder angeführt. Geht man dieser Frage aber ernsthaft nach, kommen einige nicht uninteressante Details ans Tageslicht.

Am 4. März bat der kolumbianische General Naranjo Interpol um eine unabhängige Prüfung des Inhalts von "acht informationstechnologischen Beweismitteln". Nachdem die Organisation der Bitte nachkam, stellte ihr Generalsekretär, der US-Amerikaner Ronald K. Noble, am 15. Mai in Bogotá den Untersuchungsbericht vor. Nobles höfliche Worte über General Naranjo, der just neben ihm Platz genommen hatte, und das Departamento Administrativo de Seguridad (DAS), die Geheimpolizei Kolumbiens[ix], können wir hier getrost übergehen. Statt dessen einige zusätzliche Daten: Naranjo war zuvor Chef der kolumbianischen Antidrogenpolizei. Er musste von diesem Posten zurücktreten, als bekannt wurde, dass sein Bruder Juan David im März 2007 in Deutschland festgenommen wurde – wegen Drogenhandels. Venezuelas Innenminister Rodríguez Chacín kritisierte indes Naranjos Kontakte zu dem bekannten „Narco“ (Drogenhändler, d. Red.) Wilmer Varela, der am 29. Februar 2008 ermordet wurde. Eine ähnliche Bilanz hat die DAS vorzuweisen. Ihr Ex-Vorsitzender Jorge Noruega wurde am 22. Februar 2007 verhaftet, weil er Paramilitärs Ressourcen der Geheimpolizei zur Verfügung gestellt hatte.

Nach den Informationen und Erklärungen von Noble beschränkte sich Interpol bei den Untersuchungen darauf, „die Daten auf den acht Beweisträgern zu erfassen (…); festzustellen, ob die Benutzerdaten – die viel zitierten „Dokumente“ also[x] – am 1. März oder später auf irgendeine Weise verändert wurden; festzustellen, ob die kolumbianischen Behörden die acht Beweismittel gemäß den international anerkannten Richtlinien behandelt haben“. Aber „die Untersuchung beinhaltete weder eine Aussage über die Korrektheit der gespeicherten Benutzerdateien noch eine Bewertung ihrer Interpretation durch jedwede Staaten“.

Mit anderen Worten: Die Interpol-Experten, die aus Singapur und Österreich stammten und kein Spanisch sprachen, haben die Inhalte nicht untersucht. Und das aus gutem Grund. Die auf den acht Beweismitteln insgesamt gespeicherten 609,6 Gigabyte enthielten 37.873 Textdokumente, 452 Kalkulationstabellen, 210.888 Bilddateien, 22.481 Internetseiten, 7.989 elektronische Adressen (wobei es keinen Hinweis auf die E-Mails gibt, auf die in den Medien so breit Bezug genommen wurde), 10.537 Multimediadateien (Ton und Video) sowie 983 verschlüsselte Dateien. „Nicht-technisch ausgedrückt, entspricht diese Datenmenge 39,5 Millionen üblichen Microsoft-Word-Dateien und wenn alle sichergestellten Daten aus solchen Dateien bestünden, benötigte man bei einem Pensum von täglich hundert Seiten mehr als tausend Jahre, um alle zu sichten.“

Das ist eine Menge Material – selbst für einen Mann wie Raúl Reyes, der sich ohne Unterlass im Urwald bewegte, der unter den widrigen Bedingungen der Guerilla lebte und zum Zeitpunkt seines Todes kaum 69 Jahre alt war. Die kolumbianische Regierung konnte von den Daten aber kaum genug bekommen. Binnen weniger Stunden streute sie vereinzelte geheime Informationen von den Festplatten, um später kontinuierlich über die Inhalte zu informieren. Auch viele der Journalisten konnten nicht genug bekommen. Sie skandalisierten die (von Interpol geprüften!) „Dokumente“ und trauten ihren Informationen blind.

Bei der Lektüre des Interpol-Berichtes ist man von den leichtfertigen Formulierungen überrascht. Wenn es etwa heißt: „Reyes und Guillermo Enrique Torres, alias Julián Conrado[xi], beide Kommandanten der FARC, kamen bei der Operation ums Leben“ (Seite elf, Absatz zwei in der spanischen Version). Tatsächlich hatte die Regierung in Bogotá nach der DNA-Analyse der zweiten von dem Kommando sichergestellten Leiche (neben den Resten von Reyes) die Nachricht vom Tod Conrados widerrufen müssen. Für Überraschung sorgt aber auch ein weiterer Absatz, in dem es heißt: „Die FARC wurden von Kolumbien und anderen Interpol-Mitgliedsstaaten als terroristische Organisation eingestuft“. Diese Aussage ist mit Vorsicht zu genießen, da diese Einstufung lediglich von den USA, Kolumbien, Peru, der Europäischen Union und Israel (insgesamt 31 Staaten) vorgenommen wurde. Das sind gerade einmal 17 Prozent der insgesamt 186 Interpol-Mitglieder.

Beachtlicher noch ist aber folgender Satz des Berichtes: „Die acht Beweismittel der FARC gehörten Raúl Reyes“. Diese Aussage müsste mindestens so umformuliert werden: „Die Interpol von den kolumbianischen Behörden zur Verfügung gestellten Beweismittel“. Stattdessen greift die Polizeibehörde freudig die Version Bogotás auf, obgleich kein Zeuge der angeblichen Sicherstellung der Beweise nahe der Leiche von Reyes beigewohnt hat. Diese Ungereimtheiten verleiteten Präsident Correa während eines Besuches in Paris am 13. Mai zu der Frage: „Wer will beweisen, dass die Computer tatsächlich aus dem Lager der FARC stammen?“

Drei Tage der Manipulation

Als General Naranjo am 4. März in einer ersten E-Mail um Unterstützung von Interpol bat, erwähnte er „drei (3) Computer und drei (3) USB-Speichersticks“, wie im Anhang zwei des Berichtes zu lesen ist. In seiner Antwort am 5. März erklärt sich Noble im Namen seiner Organisation zur Untersuchung von „drei (3) Computern und drei (3) USB-Speichersticks“ bereit. In einem Brief der DAS-Direktorin María Pilar Hurtado, an Interpol ist am 6. März plötzlich von „drei Laptops, drei USB-Speichern und zwei Festplatten“ (Anhang vier) die Rede. Wo kamen diese beiden Festplatten auf einmal her? Hatten sie sich vielleicht versteckt?

Am Ende kommt der Interpol-Bericht zu dem Schluss, dass „zwischen dem 3. März 2008, 11:45 Uhr, und dem 10. März 2008, als die Beweismittel den Interpol-Experten übergeben wurden, damit sie Kopien der Festplatten erstellen, keine Daten auf den Beweismitteln erschaffen, hinzugefügt oder gelöscht wurden“. Am 3. März zur genannten Uhrzeit hatte die darauf spezialisierte Einheit der kolumbianischen Polizei die Computer und Speichermedien übernommen. Auch stellt der Bericht fest, dass „der Umgang mit den Daten (…) während dieser Zeit gemäß den international anerkannten Prinzipien zum Umgang mit elektronischen Beweismitteln erfolgt ist“.

Aber was ist zwischen dem 1. März, dem Datum der angeblichen Sicherstellung, und dem 3. März geschehen? In dem Rapport heißt es dazu, dass in dieser Zeit ein Agent der kolumbianischen Antiterroreinheit „unter extremen Handlungsdruck (…) direkt auf die Inhalte der Beweismittel zugegriffen hat“ und dass die Computer mit einem weiteren Rechner verbunden wurden, „ohne dass zuvor eine Kopie der Festplatte erstellt wurde und ohne dass entsprechende Sicherungsprogramme Anwendung gefunden haben“. Während der genannten drei Tage fand also ein Zugriff statt, der, wie Interpol schreibt, „nicht den international anerkannten Prinzipien entsprach“. Ein unglaublicher Vorgang, wenn man beachtet, dass 48.055 Daten neu geschaffen, geöffnet, verändert oder überspielt wurden.

Kein Gericht wird sich auf die Ergebnisse eines solches Berichtes stützen können, wenn es über eine Person oder ein Land urteilen soll. Doch die Gerüchte sind in die Welt gesetzt, und sie machen große Schlagzeilen. Wenn es um Ecuador und vor allem um Venezuela geht, werden diese Gerüchte nie abreißen. Auch wenn die Bedingungen heute nicht gegeben sind, diese Länder als „Terror- oder Schurkenstaaten“ zu klassifizieren, schafft die Medienkampagne die dafür notwendigen Grundlagen. Denn tatsächlich, so meint Maximilien Arvelaiz, ein Berater von Präsident Chávez, „will George W. Bush propagandistische Zeitbomben legen, damit es unabhängig vom Ergebnis der Präsidentschaftswahlen im November sehr schwierig sein wird, die US-Politik gegenüber Venezuela zu verändern“.

Auf anderer Ebene macht es diese Psy-op (Psychologische Operation, im Geheimdienstjargon) sehr schwierig, die Verhandlungen zur Befreiung der weiteren Gefangenen wieder aufzunehmen. Zumal Venezuela und Ecuador von jeder Vermittlung ausgeschlossen sind. Doch auch das kann sich ändern, wenn es einer neuen Intrige dient.


Marice Lemoine ist Chefredakteur der französischen Ausgabe von Le Monde diplomatique. Sein Beitrag erschien in Frankreich und in weiteren Ländern in der Juli-Ausgabe 2008. In der Deutschland-Ausgabe sowie in der deutschsprachigen Ausgabe in der Schweiz wurde er nicht gedruckt.

Übersetzung aus dem Spanischen: Harald Neuber



[i]            Unter den Toten befanden sich ein ecuadorianischer Bürger, vier junge mexikanische Studenten und als vierundzwanzigstes Opfer ein kolumbianischer Soldat. Er starb nicht durch „feindliches Feuer“, wie Bogotá später verbreitete, um ihm Staatsehren zuteil werden zu lassen, sondern wurde von einem herabstürzenden Baum erschlagen. Ein fünftes mexikanisches Opfer, ebenfalls eine Studentin, wurde später von ecuadorianischen Einsatzkräften gerettet.

[ii]            BBC, London, 7. März 2008

[iii]            Diese Information ist gesichert und kann von dem Autoren dieses Artikels bezeugt werden. Siehe: »Prisioneros y rehenes del conflicto colombiano«, Le Monde diplomatique, Ausgabe für den Cono Sur, Buenos Aires, April 2006

[iv]            Siehe: http://www.vtv.gob.ve/detalle.php?s=2&id=4546 (16.07.2008)

[v]            Siehe: »Quién mató a los 11 diputados?«, Interview mit Rodrigo Granda, Le Monde diplomatique, Ausgabe für den Cono Sur, Buenos Aires, August 2007

[vi]            El País, eine »Mitte-links-Zeitung«, gehört dem multinationalen Kommunikationskonzern Prisa, der fast eintausend Radiostationen in Spanien, den USA, Mexiko, Panama, Costa Rica, Kolumbien, Argentinien und Chile kontrolliert und dadurch täglich fast 30 Millionen Hörer erreicht. In Kolumbien kontrolliert Prisa Radio Caracol, das umgangssprachlich in Anlehnung an den Einfluss der Paramilitärs auch »Radio Paracol« genannt wird. In Mexiko kontrolliert Prisa Radiopolis, in den Vereinigten Staaten GLR Networks und dessen sechzig Sender.

[vii]            Maite Rico war in den 1990er Jahren Korrespondentin von El País in Mexiko. Damals wurde sie durch ihre feindliche Haltung gegenüber der in Chiapas aktiven zapatistischen Armee zur Nationalen Befreiung (EZLN) bekannt. Zusammen mit den damaligen Korrespondenten der spanischen Tageszeitung El Mundo in Mexiko, Bertrand de la Grange, veröffentlichte sie: Sous-commandant Marcos. La géniale imposture, Plom/Ifrane, Paris, 1998.

[viii]            Siehe: Maurice Lemoine, Chávez Presidente!, Flammarion, Paris, 2004.

[ix]            Die Zitate stammen aus der Abschrift der Pressekonferenz und dem Interpol-Bericht mit dem Titel: „Forensischer Bericht von Interpol über die von Kolumbien sichergestellten Computer und IT-Ausrüstung der FARC“.

[x]            Benutzerdateien werden direkt von dem Benutzer geschaffen, er ist damit verantwortlich für den Inhalt. Die Dateien des Betriebssystems werden vom Computer während der Arbeit benutzt (Anschalten, Betrieb, Abschalten). Die Anwendungsdateien hängen mit der auf einem Computer installierten Software zusammen (Textprogramm, Medienprogramme, Antivirussoftware usw.)

[xi]            Conrado ist bekannt als „Guerillero mit der Gitarre“ und gehört der FARC-Musikgruppe „Los Compañeros“ an.

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