Corona

Die Querdenker im Mainstream

Bill Gates mit der Weltkugel in der Hand auf der Titelseite der Welt am Sonntag: Kommen die "Verschwörungstheorien" im Mainstream an? Oder vollziehen die Kollegen jetzt nur das nach, was die Alternativmedien schon lange berichten? Die Hintergrund-Medienrundschau vom 23. September 2022.

Bill Gates im September 2022
Foto: Governor Tom Wolf, Lizenz: CC BY, Mehr Infos

Erinnern Sie sich noch? Zu Ostern 2020 bekam ein kleiner älterer Herr mit Brille sehr viel Sendezeit in den Tagesthemen. Er sprach davon, dass „Wir“ die ganze Weltbevölkerung impfen würden. Erinnern Sie sich auch noch daran, was passierte, als die Alternativmedien diesen Mann unter ihre Lupe nahmen? Wie sehr insbesondere die öffentlich-rechtlichen Sender mit „Faktenchecks“ der Kritik entgegentraten? Und erinnern Sie sich an ein ganz spezielles Video mit immenser Reichweite, das in die Schusslinie geriet? Das Portal musste wenige Monate später schließen bzw. sich umbenennen. Vermutlich erinnern Sie sich. Zumindest an einiges. Sonst wären Sie kaum in der Hintergrund-Medienrundschau gelandet. Ihnen ist sicher auch klar, von wem die Rede ist: William Henry Gates III, genannt Bill, der zusammen mit seiner Frau für die eigene Stiftung, globale Allianzen mit WHO, Regierungen und Impflobbyisten um die Welt tingelt.

Der Mainstream, durch den vor diesem denkwürdigen Tag hier und dort noch kritische Töne geklungen waren, begann eiligst, sich von sich selbst zu distanzieren (so der SWR). Von Verschwörungen durfte nicht die Rede sein. Bis jetzt. Als bräche nach über zwei Jahren ein heimliches Gelübde, wagte sich die Welt am Sonntag aus der Deckung. Am vergangenen Wochenende veröffentlichte das Blatt eine umfassende Recherche zu Gates’ Macht. Mit vielem von dem, was im April 2020 bereits in den Fokus der „Alternativen“ geraten und teilweise kenntnisreich analysiert worden war, wartet jetzt der Mainstream auf.

Ein kurzer Rückblick – April 2020. Albrecht Müller schrieb auf den Nachdenkseiten, dass es ein Skandal sei, wenn ein Multimilliardär derart viel Sendezeit bekomme. Sogar devote Fragen äußerte der Moderator nur spärlich, Müller resümierte:

9 Minuten und 23 Sekunden dauerte dieses Interview. Dann bedankte sich der Tagesthemen-Moderator bei Bill Gates und dieser dankte artig zurück. Im Gespräch selbst war von Seiten des Microsoft-Gründers oft von „Wir“ die Rede. Dabei ging es tatsächlich vermutlich um Eigeninteressen, um die Rentabilität seiner Investitionen in Impfstoffe zum Beispiel und um das boomende Geschäft von Microsoft sowieso. (Nachdenkseiten, 16.4.2020)

Am gleichen Tag veröffentlichte das Online-Magazin Multipolar eine umfassende Analyse über den „Impfaktivismus der Gates-Stiftung“. Liest man den Text in der Rückschau, findet sich vieles von dem, was später tatsächlich passierte. Das damalige Fazit des Autors:

Ein kritischerer Umgang mit der Gates-Stiftung und ihren Aktivitäten sowie gründliche Informationen über die bereits laufenden Entwicklungen, gerade in der Kombination von Impfaktivismus, digitaler Identität und weitreichender Kontrolle und Überwachung erscheinen dringend notwendig. (Multipolar, 16.4.2020)

Anfang Mai meldete sich Ken Jebsen zu Wort. „Gates kapert Deutschland“ hieß das Video, das in kürzester Zeit über drei Millionen Zugriffe hatte (apolut, 4.5.20). Hannes Hofbauer fasst in seinem Buch zur Zensur (Hintergrund, 20.5.22) die Wirkung wie folgt zusammen:

Damit war für das Establishment offensichtlich eine – selbst gezeichnete – rote Linie überschritten, jenseits derer die Meinungs- und Pressefreiheit ihr Ende zu finden hätte, wenn der Inhalt dem herrschenden Narrativ entgegensteht. Seit damals laufen Zensurvorbereitungen gegen KenFM, die im Oktober 2021 dazu führen, dass das Portal stillgelegt wird. (Ausschnitt bei Multipolar, 11.4.22)

Wir könnten an dieser Stelle noch eine Vielzahl weiterer Texte über Gates und seinen Einfluss aufgreifen. Online, aber auch gedruckt. Vom interessanten Buch von Paul Schreyer über die „Chronik einer angekündigten Krise“ bis hin zu Karl Heinz Roths Buch über die „Blinden Passagiere“ (Hintergrund, 6.7.22). Aber nach dieser ungewöhnlich langen Einleitung wollen wir zum aktuellen Thema kommen: Die Positionen der oft kritisierten und verfemten „Querdenker“ sind im Mainstream angekommen. Da scheint die Welt und ihre Sonntagsausgabe geradezu vorzupreschen, die zum Thema Corona in den vergangenen Wochen einige kritische Berichte, echte „journalistische Recherchen“, veröffentlicht haben.

Nun also Gates persönlich! Bereits auf dem Titelfoto trägt der ehemalige Software-Dealer die Weltkugel ikonenhaft in der Hand. „Er hält die ganze Welt in seiner Hand“ lautet der Titel eines christlichen Kinderliedes – womit dort natürlich Gott gemeint ist. In jedem Fall kennen wir diese Vorstellung bislang aus Verschwörungstheorien: Ein reicher Mensch steuert die Geschicke der Welt. Oder besser gesagt kennen wir diese Denkmuster aus Texten, die vom Mainstream als Verschwörungserzählung delegitimiert werden und sich dadurch jenseits einer vermeintlichen Seriosität bewegen. Was ist passiert? Plötzlich titelt sogar die Welt am Sonntag „Die Machtmaschine des Bill Gates“ und schreibt:

Wenn man die Erfahrungen der Politiker, die Berichte der Prüfer und die Kritik der Gesundheitsexperten zusammenfasst, laufen ihre Sorge letztlich auf einen Punkt hinaus. Es gibt ein einflussreiches Netzwerk, das auf weltpolitische Entscheidungen einwirkt. Es ist mächtig genug, seine Vorstellungen durchzusetzen. Aber kaum jemand kontrolliert es. (Welt am Sonntag, 18.9.22)

Damit lässt sich die Recherche der Journalisten der Welt am Sonntag gut zusammenfassen. Sie haben gemeinsam mit Kollegen von Politico – beide Medien gehören zum Axel Springer Konzern – umfassend recherchiert. Der Artikel hat es in sich, auch wenn wir vieles von dem, was dort jetzt zusammengefasst wurde, schon an anderer Stelle zu lesen und zu hören bekamen. Aber eben in Büchern, alternativen Portalen und vor der Zensurwelle auch auf Youtube. Einiges ist durchaus neu bzw. bestätigt es bisherige Vermutungen. Zum Beispiel der direkte Draht von Melissa und Bill Gates zu Angela Merkel, deren Sprecherin kurz nach einem Telefonat mit dem Ehepaar klarstellte, dass die Patente auf Impfstoffe bestehen bleiben müssten.

Im Artikel geht es vor allem um Impfstoffe. Worum auch sonst bei Gates und Co? Denn er will mit seiner Stiftung schon seit langer Zeit die Welt mit Impfungen beglücken.

Gates war von dem Gedanken getrieben, dass sich Krankheiten am besten ausrotten lassen, wenn eine Allianz aus Staaten, Philanthropen und Forschern sie bekämpft. Und zwar nach den Gesetzen der Marktwirtschaft. (Welt am Sonntag, 18.9.22)

Die Marktwirtschaft ist nicht der Kritikpunkt der Journalisten. Und auch nicht die Frage, ob Impfungen wirklich der Weisheit letzter Schluss in Gesundheitsfragen sind, auch wenn verschiedene Institutionen sie als solche propagieren. Demgegenüber konkurrieren gerade im globalen Süden Programme zum Aufbau nachhaltiger medizinischer Basisversorgung mit Plänen, stattdessen flächendeckend Impfprogramme durchzuziehen. Darauf weist beispielsweise auch Karl Heinz Roth in seinem oben genannten Buch hin. So schreibt er, dass sich in dieser Auseinandersetzung die zweite Option, also die der Impfungen, unter dem Schlagwort „Gates Approach“ durchsetzte. Müssen wir noch mehr sagen? Wenn Sie den ganzen Text lesen wollen, brauchen Sie die gedruckte Ausgabe vom vergangenen Sonntag oder aber ein Online-Abo. Gut zusammengefasst haben den Text aber auch die Kollegen vom Schweizer Magazin Infosperber. Dort finden Sie die wichtigsten Punkte (Infosperber, 19.9.22).

Mit der Recherche der Welt am Sonntag ist es aber noch nicht getan. Weitere verdächtige „Querdenker“ melden sich im Mainstream. Möglicherweise hat kürzlich die Aussage von US-Präsident Biden, die Pandemie sei zu Ende, auch einige Redakteure in Deutschland nachdenklich gestimmt. Schon in den vergangenen Wochen, rund um die Verabschiedung des neuen Infektionsschutzgesetzes, meldeten sich immer mehr kritische Stimmen. Das Gesetz wurde dennoch verabschiedet. Mit Blick auf Bidens Aussage fordert nun Wolfgang Weimer auf der Website von n-tv: „Herr Lauterbach, erklären Sie die Corona-Krise für beendet!“ Und er ergänzt:

Weitsichtige Gesundheitspolitik muss andere Problemthemen wieder stärker in den Blick nehmen. Sie muss Risiken abwägen und nicht dramatisieren. Sie muss zu einer neuen Normalität finden. Joe Biden hat in seinem Interview darauf verwiesen, dass verantwortungsvolle Politik die Kollateralschäden einer Corona-Schutzpolitik stärker mit abwägen müsse. (n-tv.de, 20.9.22)

Auch das war bislang vor allem bei Alternativmedien oder am Rande des Mainstreams zu lesen. Jetzt scheinen die Argumente langsam immer weiter in die Mitte zu drängen. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann beispielsweise sieht den Übergang zur Endemie und hält weitere Maßnahmen nicht mehr für nötig (SWR, 21.9.22). Auch hier reiben wir uns verwundert die Augen. Gerade Kretschmann wurde schließlich in der jüngeren Vergangenheit nicht müde, Grundrechtseinschränkungen zu fordern und die Menschen mit Maßnahmen zu drangsalieren.

Keine Angst: Wir werden nicht zu Unterstützern der genannten Politiker. Aber wir möchten doch darauf hinweisen, dass die angefeindeten Kollegen der Alternativmedien durch viele aktuelle Entwicklungen im Mainstream nachträglich recht bekommen. Öffentliche Entschuldigungen können sie vermutlich nicht erwarten, schon gar keine Rehabilitation. Zumindest einer hat öffentlich Selbstkritik geübt: Tim Röhn, Journalist bei der Welt. Er nahm kürzlich bezüglich der Corona-Berichterstattung der Medien und auch seiner eigenen kein Blatt vor den Mund:

Natürlich gilt all das auch für mich. Ich habe bis zum Herbst 2020 gepennt. Das Eindreschen auf Kritiker hat mich dann immer skeptischer gemacht, dazu Klinik-Recherchen & Beschäftigung mit Schweden, Reisen ins Ausland. Aber erst mal war da auch bei mir: völlige Akzeptanz. Nicht gut. (Twitter, 14.9.22)

Eine derartige Einsicht wird im Fall des Ukraine-Krieges noch lange dauern. Vermutlich zu lange. Die Journalisten fordern Waffen. Mehr Panzer, mehr Krieg für die guten Menschen in blau-gelb. Mehr Tod für die bösen in blau-weiß-rot. Hierzu könnten wir leider mühelos mehr als eine weitere Medienrundschau füllen. Zum Beispiel mit dem Text des Chefkorrespondenten der Deutschen Welle, der für sofortige Panzerlieferungen wirbt und stellvertretend für all die kriegstreiberischen Kollegen (Nachdenkseiten, 22.9.22) steht:

Moderne Panzer für Kiew jetzt, sofort? Die Bundesregierung zögert. Wie so oft in den vergangenen Monaten, wenn es um Waffenlieferungen an die Ukraine ging. Berlin bietet ein widersprüchliches Bild. Da versprechen Regierungsmitglieder, Deutschland stehe ohne Wenn und Aber an der Seite der Ukraine. Gleichzeitig tauchen eben diese Politiker ab, wenn sie klar sagen sollen, ob Deutschland die Leopard-2-Panzer liefern soll oder nicht. Oft klafft eine gewaltige Lücke zwischen Rhetorik und praktischer Tat. (Deutsche Welle, 13.9.22)

Nachdem wir uns kurz zuvor erstaunt die Augen gerieben haben, wenden wir uns bei solchen Texten angeekelt ab. Und beenden diese Medienrundschau mit der Hoffnung, dass Sie uns weiter gewogen bleiben mögen, auch wenn wir Ihnen selten gute Nachrichten präsentieren können. Übrigens: Bei Hintergrund wird in den nächsten Wochen einiges passieren, daran arbeiten wir gerade. Schauen Sie also wieder rein und schreiben Sie uns gerne an redaktion@hintergrund.de.

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