Medienkritik

Journalismus als Legitimation

Journalisten dürfen nicht in die Ostukraine fahren. Oder Veranstaltungen besuchen, die quer zum Mainstream sind. Denn ihre Anwesenheit "legitimiert". So zumindest die Kritik an einem Journalisten, der in der Ostukraine recherchiert hat. Dieses Verständnis von Journalismus hat weitreichende Folgen. Die Hintergrund-Medienrundschau vom 30.9.2022.

Viele Stühle – eine Meinung: Die Bundespressekonferenz in Berlin.
Foto: BM für Digitales und Verkehr, Lizenz: CC BY-ND , Mehr Infos

Themen gibt es genug. Für die Medien und natürlich auch für die Medienrundschau. Drängende, aktuelle, kontroverse. Krisen und Bedrohungen. Und der Zustand des Journalismus. Er erscheint zunächst als Meta-Thema. Als möglicherweise nicht so drängend wie die Frage nach Krieg und Frieden, die in diesen Tagen auch bei uns wieder gestellt wird. Das ist so. Geht es aber um den Journalismus, geht es immer auch um das zentrale Thema: Was wird uns täglich als Realität dargestellt? Unter anderem auch in der so wichtigen Frage nach Krieg und Frieden. Und deshalb nehmen wir uns heute dieses Themas an.

Wenn nur noch die immer einheitlichere Propaganda des Mainstream bleibt, dann werden wir nicht mehr erfahren, was wirklich los ist. Wobei wir nicht behaupten wollen, dass die Medien der Gegenöffentlichkeit immer richtig berichten. Wie sollten sie auch, oder wie sollten wir – in der teilweise unübersichtlichen Gemengelage? Allerdings: Wir versuchen überall hinzuschauen. Mit unseren Möglichkeiten. Auch dorthin, wo der Mainstream wegsieht, die Augen verschließt oder sich einfach weigert.

Womit wir bei den aktuellen Rechercheverboten sind, die beispielsweise den Journalisten Patrik Baab betreffen. Wir hatten bereits darüber berichtet, dass sein Aufenthalt in der Ostukraine, sein Auftritt bei einer Pressekonferenz, für den Mainstream Anlass waren, ihn – und einige andere – an den digitalen Pranger zu stellen (Hintergrund, 27.9.22). Heute möchten wir uns weitergehende Gedanken über das Selbstverständnis eines Journalismus machen, der öffentliche Schandpfähle errichtet.

Zunächst aber noch einmal zur Sache selbst. Patrik Baab ist derzeit mit einem russischen Begleiter in Russland und der Ostukraine unterwegs. Der NDR-Journalist, der sich in der passiven Phase der Altersteilzeit befindet, hat sich in der Vergangenheit mit einigen aufsehenerregenden Recherchen einen Namen gemacht. Zuletzt tauchte sein Name auch in Verbindung mit den Geschehnissen im NDR-Landesfunkhaus Kiel auf. Baab hatte sich öffentlich gegen die Leitung des Funkhauses positioniert, politische Einflussnahme und die Verhinderung von Recherche angeprangert (Business Insider über Yahoo, 1.9.22). Baab wurde abgemahnt, man traf sich vor Gericht und schloss einen Vergleich.

Vor diesem Hintergrund liest sich beispielsweise Baabs aktuelles Buch „Recherchieren“ noch einmal anders. Wir werden noch darauf zurückkommen. Erst einmal zu Baabs aktuellen Recherchen. Er hat sich in der Ostukraine auch die Referenden angeschaut, die im deutschen Mainstream unisono als „Scheinreferenden“ tituliert werden (zur Genese des Begriffs: Neulandrebellen, 23.9.22). Das hätten er und die anderen Deutschen nicht tun dürfen. Zumindest wenn es nach Lars Wienand ginge. Der Journalist bei t-online.de hat mehrere Beobachter – offizielle Wahlbeobachter und Journalisten wie Baab – vorgestellt. Und eindeutig klar gemacht, was er davon hält.

Er [gemeint ist ein kommunaler Energiemanager, Anm. Redaktion] ist aber nicht der einzige Deutsche, der dort im zweifelhaften Einsatz ist. Nach Recherchen von t-online sind mindestens vier „Beobachter“ aus Deutschland angereist, um die Scheinreferenden über den Anschluss an die Russische Föderation in positives Licht zu rücken. Einige sind seit Jahren als pro-russische Akteure bekannt. Einer steckt hinter einer Petition, Deutschland solle russische Soldaten freundlich empfangen. Und ein weiterer verlor nach der Berichterstattung von t-online seine Stelle an einer Hochschule. (t-online.de, 27.9.22)

„Zweifelhaft“ als charakterisierendes Adjektiv, das wertfreie Wort Beobachter in Anführungszeichen. Es sind kleine Details, die schon bei diesem doch eher nachrichtlichen Absatz von der Mission des Lars Wienand künden. Denn dass ein Lehrbeauftragter seine Stelle an der Hochschule verliert, das hat mit Wienand zu tun. Und mit dem Artikel, in dem genau die Sätze stehen, die wir eben zitierten.

Unliebsame Meinungen und deren Verbreiter werden heutzutage umgehend entfernt. Der Fall Patrik Baab ist dabei typisch, der zitierte Artikel von t-online.de ein Musterbeispiel: Eine Person agiert in einem Umfeld, das vom Mainstream als außerhalb des zugelassenen Raumes definiert wird. Die Person wird ausgeschlossen. Cancel Culture. Wer sich mit der Person einlässt, eingelassen hat oder einlassen will, gilt als kontaminiert. Kontaktschuld. Jetzt wird die Distanzierung erwartet. Manchmal dauert das eine Weile, bei Patrik Baab ging es schnell. Sehr schnell.

Vermutlich lief es wie folgt: Der Journalist erfährt von Baabs Anwesenheit vor Ort, recherchiert in dessen Umfeld und stellt eine Presseanfrage an die Berliner Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW). „Wissen Sie, was Ihr Lehrbeauftragter dort treibt? Bei den Scheinreferenden? Der legitimiert die doch! Finden Sie das gut?“ So könnte es gewesen sein. Wie genau, spielt keine Rolle, denn laut eigener Aussage telefoniert die Hochschule mit dem Delinquenten, der durch seine bloße Anwesenheit am falschen Ort zur falschen Zeit zu einem solchen gemacht wurde. Und dann wird eine Stellungnahme eiligst auf der Homepage veröffentlicht. Tenor: Wir verurteilen und trennen uns (HMKW, 26.9.22). Unterdessen ist der Artikel im Netz erschienen. Autor Wienand kann den Vollzug seiner Mission gleich noch einbauen, online lässt sich vieles rasch ändern und erweitern. Die diversen Hinweise unter dem Artikel – mittlerweile (30.9.) sind es vier – zeugen davon.

Man kann darüber streiten ob es klug war, vor der Kamera auf einem Podium über die Beobachtungen beim Referendum zu sprechen, wie es Baab und sein Kollege getan haben. Aber legitimiert das eine so drastische Maßnahme wie die sofortige Kündigung eines Lehrauftrags (übrigens auch an der Uni Kiel)? Legitimiert die ganze Sache überhaupt irgendwas, denn Baab und den anderen deutschen Beobachtern wird ja vorgeworfen, durch ihre bloße Anwesenheit die Referenden zu legitimieren.

„Journalisten müssen überall hingehen“, sagt der Münchener Kommunikationswissenschaftler Prof. Michael Meyen im Gespräch mit Hintergrund. Der Vorwurf, der nun Baab trifft, sei nicht neu. Journalisten sei beispielsweise vorgeworfen worden, AfD-Parteitage zu legitimieren, weil sie davon berichten. Meyenergänzt: „Wenn Journalisten etwas legitimieren, dann dürfte kein Journalist nach Katar zur Fußball-WM fahren.“ Wie aber sollten Journalisten denn etwas herausbekommen, wie sollten sie erfahren, was passiert, wenn sie zu bestimmten Gruppen der Gesellschaft nicht gehen und bestimmte Länder nicht besuchen dürften, fragt der ausgebildete Journalist.

Für Michael Meyen ist Patrik Baab ein Repräsentant der alten Schule des Journalismus. Einer, der losfährt, um zu verstehen und zu sehen, was passiert. „Die Kritik an Baab passt zum Journalismus, der nicht mehr rausfährt, sich die Dinge nicht mehr vor Ort anschaut“, sagt Meyen. Und vielleicht sei es das Problem, dass alte Schule auf neue Schule trifft. Der ehemalige Investigativreporter des NDR trifft auf den leitenden Redakteur Recherche von t-online.de – und hat vor den Augen des Mainstream keine Chance. Mehrere Zeitungen und Online-Portale stürzen sich auf ihn, der NDR muss erklären, wie er zu der Reise steht (Shz, 28.9.22, Bezahlschranke).

„In einem funktionierenden System würde der NDR Patrik Baab die Reise bezahlen“, sagt Michael Meyen. In solch einem funktionierenden System würden Reporter versuchen, von vor Ort zu berichten und die Lage darzustellen. Was zweifellos nicht einfach gewesen wäre. Aber notwendig. Dass der deutsche Mainstream nicht vor Ort berichtet hat, erklärt er selbst damit, dass er eben die Referenden nicht legitimieren wolle. So schrieb es ein NDR-Redakteur auf Anfrage (RT DE, 26.9.22).

Patrik Baab selbst hat in seinem Buch „Recherchieren“ mit Bezug auf den Psychologieprofessor Rainer Mausfeld über die Vorgaben des politischen Narrativs für Journalisten geschrieben:

Deutschland als freiheitlicher Rechtsstaat und Teil der westlichen Wertegemeinschaft; das Existenzrecht des Staates Israel und die Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen; die Unterstützung der NATO und die Solidarität mit Amerika; die Verteidigung der marktwirtschaftlichen Ordnung; die Unterstützung der EU und mehr. (Patrik Baab, Recherchieren, 2022, S. 14)

Volker Lilienthal, Journalismus-Professor an der Uni Hamburg, hat in seiner jüngst erschienenen Rezension des Buches die Aussage Baabs, wer sich nicht an dieses Narrativ halte, könne es in Deutschland schwer haben, als „grenzwertig“ bezeichnet (M&K, Heft 3/2022). Am Ende der Rezension kritisiert er, dass Baab auf Basis seines Buches ein Seminar in Kiel abgehalten habe. Denn mit der Position, viele Journalisten seien „politisch aber umso mehr gefestigte Lohnschreiber“, wie sie Baab vertritt, könne man keine jungen Menschen für die Recherche begeistern. Das soll nun auch nicht mehr passieren, Lilienthals Wunsch geht in Erfüllung. Und gleichzeitig bekommt Patrik Baab recht. Es wird ihn nicht freuen.

Noch ein weiterer Vorgang gibt Baab, aber auch allen anderen recht, die von einer gesteuerten einheitlichen Mainstream-Berichterstattung sprechen. Den Nachdenkseiten ist ein internes Dokument zugespielt worden, das Sie sich in jedem Fall einmal anschauen sollten.

Das Dokument gibt einen erhellenden Einblick in das Ausmaß der horizontalen und vertikalen Strukturen der, man kann es nicht anders sagen, bundesdeutschen Staatspropaganda, insbesondere was die behördliche Einbindung von Medien (z.B. Spiegel und Stern), westlichen Social-Media-Konzernen, Bildungseinrichtungen und den sogenannten „Faktencheckern“ angeht. Selbst Grundschulkinder werden ins Visier genommen. Aus all dem ergibt sich der konzertierte Versuch einer Informations-Gleichschaltung durch die Bundesregierung. (Nachdenkseiten, 29.9.22)

Nein, wir schreiben jetzt nicht von Fassungslosigkeit angesichts dessen, was da ausgebreitet wird. Okay, wir haben es doch getan. Aber wir waren davon ausgegangen, dass es so oder ähnlich läuft. Was meinen Sie: Wie viele Medien des Mainstream haben bis jetzt die Berichterstattung aufgegriffen? Keines. War ja klar. Wobei wir uns gerne immer wieder überraschen lassen. Aber nicht mehr in dieser Medienrundschau. Die beenden wir mit der Bitte, dass Sie sich Ihre eigene Meinung bilden mögen. Und uns gewogen bleiben. Wenn Sie mögen, schreiben Sie uns doch an redaktion@hintergrund.de.

Drucken

Drucken

Teilen

Voriger Artikel Corona Die Querdenker im Mainstream
Nächster Artikel Medienkritik Zwei gegen den Mainstream