Medienkritik

Die Vierte Gewalt und die Kriegsbegeisterung

Die Medienkritik von Harald Welzer und Richard David Precht in Buchform hat im vergangenen Jahr viel Zustimmung, aber auch Kritik erhalten. Ein Manko: Es fehlten die Daten für die Behauptung, die Medien würden über Krieg und Frieden in der Ukraine zu einseitig berichten und die Eskalation befördern. Nun hat Harald Welzer nachgelegt und präsentiert Details, die die Thesen des Buches stützen. Die Hintergrund-Medienrundschau vom 28. April 2023 fasst die wichtigsten Ergebnisse zusammen.

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Nicht nur Gast in allen Talkshows: Marie-Agnes Strack-Zimmermann hier mit NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg im März 2022.
Foto: NATO, Lizenz: BY-NC-ND, Mehr Infos

Eine Frau steht in vorderster Front – der Heimat- und Medienfront. Marie-Agnes Strack-Zimmermann kämpft verbal gegen Russland und für immer mehr Waffenlieferungen gen Osten in die Ukraine. War sie vor dem Krieg nur Düsseldorfern und politischen Insidern in Berlin ein Begriff, ist die Abgeordnete mittlerweile omnipräsent. Schließlich ist die FDP-Frau mit der markanten Kurzhaarfrisur Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Bundestages. Expertise: Sie stammt aus Düsseldorf, dem Sitz von Rheinmetall, Deutschlands größtem Waffenhersteller. Zudem ist sie Mitglied im Präsidium der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik sowie im Förderkreis Deutsches Heer. Waffenschwester Strack-Zimmermann pocht stetig auf die Erhöhung des Wehretats. Ganz im Sinne der Unternehmen, die in den beiden Vorfeldorganisationen der Aufrüstung den Ton angeben.

Strack-Zimmermann war immer wieder Thema unserer Medienrundschau und ist es auch heute. Zumindest zum Teil. Denn sie und ihre Botschaft vom hehren Kampf der Ukrainer gegen die bösen Russen ist omnipräsent in den Medien. Das war uns bereits bewusst – als Bauchgefühl, das wir durch eigene Anschauung gewonnen hatten. Eine aktuelle Studie hat dies nun objektiviert. Erstellt haben sie der Soziologe Harald Welzer und Leo Keller, Inhaber des Beratungsunternehmens Blue Ocean Semantic Web. Ihre Analyse ist diese Woche in der Neuen Rundschau des S. Fischer Verlags erschienen. Strack-Zimmermann thront dabei unter den „politischen Experten“ über allen anderen. Sie wurde in den Leitmedien im Untersuchungszeitraum von Februar 2022 bis Januar 2023 mehr als doppelt so oft zitiert wie ihr Waffenbruder Anton Hofreiter, der in der Liste der Experten an zweiter Stelle steht.

Harald Welzer holt mit der Studie nach, was an dem von ihm gemeinsam mit Richard David Precht im vergangenen Herbst veröffentlichten Buch zur Vierten Gewalt vielfach kritisiert wurde. Mit der großen Datenmenge, ausgewertet wurden rund 107.000 Artikel und 13,5 Millionen Tweets, schließt Welzer zusammen mit seinem Co-Autor die Lücke des Buches, das die Einseitigkeit der Medienberichterstattung zum Thema hatte, aber keine empirischen Belege enthielt. Die sind nun da.

Bevor wir uns die Ergebnisse näher anschauen, zunächst ein Dank an Friedrich Küppersbusch. Er hat uns in seiner wöchentlichen Kolumne bei Küppersbusch TV auf die Studie aufmerksam gemacht und sie auf gewohnt überspitzte Weise zusammengefasst (Küppersbusch TV auf Youtube, 26.4.23). Anschauen lohnt sich wie immer. Und noch eine zweite Vorbemerkung: Wir haben im vergangenen September in einer Medienrundschau bereits auf das Buch von Welzer und Precht hingewiesen und ihm in weiten Teilen zugestimmt (Medienrundschau vom 7.10.2022). Richtig ist aber auch das, was der Kommunikationswissenschaftler Michael Meyen schrieb.

Ich lerne: Auf den Rahmen kommt es an. Auf das Bekenntnis zu den Glaubenssätzen der herrschenden Mitte. Noch in der Einleitung rechnen Precht und Welzer gewissermaßen im Vorübergehen erst mit der Bild-Zeitung ab und dann mit den Schmuddelkindern in der Türkei, in Russland, in China, in der arabischen Welt. Motto: bei uns doch nicht. „Völlig falsch“ sei der Eindruck, die Regierung oder gar der Staat würden die Leitmedien manipulieren. Auch hier folgt die Wiederholung auf dem Fuße. Dass die „veröffentlichte Meinung von der öffentlichen“ auch in Deutschland „derzeit“ abweiche, habe „mit einer gelenkten Manipulation überhaupt nichts zu tun“. (Rubikon, 21.10.22)

Auch die Studie kommt immer wieder darauf zurück, was denn „demokratietheoretisch“ die Aufgabe der Medien sei. Nämlich die Vermittlung verschiedener Positionen und nicht die Rolle eines politischen Akteurs. Dass die Pressefreiheit die Freiheit von zweihundert reichen Leuten ist, ihre Meinung zu verbreiten, hat allerdings schon der Publizist Paul Sethe in den 1960er Jahren festgestellt. Karl Marx schrieb bereits ein Jahrhundert früher, dass die herrschende Meinung stets die Meinung der Herrschenden sei. Neu ist das also alles nicht. Wir wollten diese Kritik an Welzer und Precht noch einmal erwähnt haben, denn es kommt nicht von ungefähr, dass beide Autoren trotz scharfer Kritik an den Leitmedien, die sie zuweilen treffend „amtierende Medien“ nennen, von diesen weiterhin zitiert und abgedruckt werden.

Nun aber zur Sache: Zur Berichterstattung dieser Medien an der Seite der Kriegstreiber. Dabei ist die Einseitigkeit in der veröffentlichten Meinung laut Welzer und Keller ein typisches Krisensymptom:

Krisen haben diese unangenehme Eigenschaft, dass niemand weiß, wie sie sich entfalten werden; das Wissen und die Routinen, die in Zeiten der Normalität erworben wurden, sind hier nur begrenzt hilfreich, aber gerade in Krisenzeiten besteht erhöhter Deutungsbedarf, weil die unsichere Entwicklung ja durchaus als beunruhigend oder bedrohlich empfunden wird. Deshalb kann man in Krisenzeiten mit unklarer Entwicklungsperspektive – oder fehlendem »Skript« – historisch immer wieder eine rasche Verengung des Diskursraums beobachten. Je unklarer und beängstigender eine Situation, desto eindeutiger die normativen Perspektiven und die daraus resultierenden Forderungen an die verantwortlichen Akteure. Es findet eine Komplexitätsreduktion zugunsten von eindeutigen Pro- und Kontra-Haltungen statt.

Das Schwarz-Weiß der Ukraine-Berichterstattung kennen wir aus anderen Krisen, die beiden Autoren weisen zurecht auf aktuelle Inhaltsanalysen zur Flüchtlingskrise des Jahres 2015 und zu Corona hin. Gut und Böse sind in den Medien bei diesen Themen klar verteilt. Dabei richtet sich der Fokus der Leitmedien auf das politische Berlin, wie der emeritierte Professor für Journalistik, Michael Haller, konstatiert hat.

Als Akteure, über die berichtet wird, macht die Studie politische Experten wie Strack-Zimmerman und Hofreiter aus. Auch Rolf Mützenich und Sahra Wagenknecht gehören zu den meistgenannten, jedoch weit hinter der Kriegstreiberin der Liberalen. Regierungsmitglieder werden in der Auflistung separat gekennzeichnet. Ebenso erhellend ist der Blick auf die „wirklichen“ Experten abseits von Parteibüchern und Parlamenten. Also auf die Wissenschaftler. Sie werden vor allem dann vermehrt zitiert, wenn sie für Waffenlieferungen sind. Und noch etwas fällt auf:

Um sich ein Bild von den militärischen Bedingungen und internationalen Verflechtungen des Kriegsgeschehens machen zu können, wären Gastbeiträge internationaler Militärs und Wissenschaftlerinnen, wie sie etwa in der Financial Times oder im Guardian zu finden sind, sicher hilfreich. Autoren, deren Analysen andernorts als wichtig betrachtet werden, wie etwa Ivan Krastev, Gideon Rachman, David Remnick, Keith Gessen oder Ranjan Nair, sucht man in den deutschen Leitmedien meist vergeblich.

In Deutschland hat man sich von der internationalen Perspektive verabschiedet, meinen Welzer und Keller.

Die Berichterstattung zu einem global wirksamen Ereignis wie dem Ukrainekrieg fällt in Deutschland unfassbar provinziell und geradezu fahrlässig monoperspektivisch aus – wozu übrigens passt, dass die meisten Ereignisse auf dem Schlachtfeld vom ominösen „britischen Geheimdienst“ berichtet werden. Man fragt sich, ob die deutschen Geheimdienste wie der deutsche politische Journalismus vor allem an Deutschland interessiert sind. Und was sie eigentlich sonst so machen.

Genauso fällt bei der Debatte über Panzerlieferungen, die im Januar dieses Jahres die Medien bestimmte, das Urteil eindeutig aus. Eindeutig insofern, wie wir es als Beobachter erwartet hatten. Wie wurde der Kanzler in dieser Zeit angesehen? Als Zögerer. Mehr noch als zuvor.

Der »Zögerer-Vorwurf« gegen Scholz wurde im Januar in den Leitmedien um den Faktor 3.5 häufiger erhoben als in den elf Monaten davor. Zeitgleich nimmt die Thematisierung von Risiken wie einer Entgrenzung des Krieges oder einer Eskalation zum Atomkrieg im Januar 2023 signifikant ab.

Dass die beiden Autoren am Ende Mäßigung von den Medienschaffenden einfordern, wundert angesichts der zitierten Ausschnitte nicht mehr. Insbesondere können sie im Kontrast zu den Ergebnissen aus ihrer quantitativen Inhaltsanalyse immer wieder darauf hinwiesen, dass die (in Umfragen gemessene) Stimmung in der Bevölkerung keineswegs so eindeutig ist wie die Meinung der führenden Journalisten. Das wiederum ist auch die Kernaussage des Buches „Vierte Gewalt“: Es werde eine Mehrheitsmeinung gemacht, auch wenn sie keine ist. Ein letztes Zitat aus der aktuellen Studie:

An der seit Kriegsbeginn stattfindenden normativen Umformatierung zentraler gesellschaftlicher Ziele und zivilisatorischer Minima – von Frieden auf Rüstung, von Klimapolitik auf Verteidigungspolitik, von diplomatischen Konfliktlösungsstrategien auf militärische – hat der politische Journalismus, wie unsere Befunde zeigen, jedenfalls einen guten Anteil. Bleibt zu hoffen, dass die große Eskalation eines entgrenzten Kriegs oder eines Atomkriegs auch dann ausbleibt, wenn so viele ihre Aufgabe darin zu sehen scheinen, sie herbeizuschreiben.

Die Kritisierten haben sich bislang damit nicht weiter beschäftigt. Mit Ausnahme des Tagesspiegels. Dessen Autor hält die Schlussfolgerung, die Mainstream-Journalisten schrieben einen entgrenzten Krieg oder gar einen Atomschlag herbei, für eine „wilde These“. Für diese hätte es „nicht so viele Megatonnen an Material gebraucht“, das Buch hätte ausgereicht (Tagesspiegel, 25.4.23). Wenn also eine empirische Studie missliebige Ergebnisse zeitigt, möge sie bitte unterbleiben. Oder was will der Autor uns damit sagen?

Uns wird dadurch wieder einmal klar, wie wichtig die Alternativmedien, die Medien der Gegenöffentlichkeit, die Oppositionsmedien sind. Für den letzten dieser drei Begriffe plädiert Paul Schreyer. Der Journalist und Mitherausgeber des Online-Magazins Multipolar verweist dafür in einem aktuellen Interview mit Daniele Ganser auf die Verwendung des Begriffs in anderen Ländern (Daniele Ganser auf Youtube). Das ist durchaus schlüssig, wobei dadurch der Fokus auf die Opposition zur Regierung gelegt wird. Will man das Verhältnis zum Meinungsdiktat der Leitmedien beschreiben, sind vielleicht die anderen beiden Begriffe treffender.

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Doch wie man sie auch nennen will: Das Interview von Ganser und Schreyer macht die Bedeutung der Medien abseits des Mainstream mit Blick auf die Themen dieser Zeit deutlich. Corona, die Ukraine, der 11. September 2001 kommen zur Sprache. Und Schreyer berichtet von einem Gespräch, das er vor zehn Jahren mit einem Journalisten der Zeit geführt hat. Die Zeitung konfrontiere die Leser nicht mit kontroversen Positionen, weil das die Leserschaft verunsichern könnte. Womit wir wieder bei den Themen Krise, Schwarz-Weiß-Berichterstattung und Meinungsmache wären. Und bei der Haltung der Medien, die missionieren und nicht informieren wollen. Positiv könnte man gleichwohl sagen, dass die Mehrheitsmeinung zwar konstruiert wird, aber nicht verfängt. Zumindest noch nicht bei allen.

Wir werden das weiter beobachten müssen. Nachdem wir jetzt einen Monat Pause gemacht haben, schauen wir in den kommenden Wochen wieder in die Medien. Genug zu sehen und zu kritisieren gibt es immer. Und neben der Kritik versuchen wir es besser zu machen. Mit den bescheidenen Ressourcen, die wir als Oppositionsmedium haben. Bleiben Sie uns bitte gewogen, bilden Sie sich Ihre eigene Meinung und schreiben Sie uns gerne an redaktion@hintergrund.de. Und abonnieren Sie unseren Newsletter!

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