Medienkritik

Wer nicht lesen will, muss hören

Die Hintergrund-Medienrundschau vom 5.5.2022

(Redaktion/5.5.22) Wir lesen gerne. Und viel. Das wissen die regelmäßigen Leser (!) der Medienrundschau. Aber Lesen ist natürlich nicht der einzige Weg für Information. Viele Medien der Gegenöffentlichkeit im Internet bieten Podcasts an. Wer nicht lesen will oder kann, der kann sich Texte vorlesen lassen. Zum Beispiel bei den Nachdenkseiten oder bei Apolut. Diesen hier übrigens auch (wenn Sie ganz nach unten scrollen). Als kleiner Probelauf. Viele Beiträge anderer Medien sind nur als Podcast verfügbar. Meist sind es Interviews oder Kollegengespräche. Podcasts als Blog zum Hören. Meinungsstark und manchmal auch -schwach. Da unterscheiden sich die Audiobeiträge nicht vom geschriebenen Wort der Gegenöffentlichkeit. Und vom Mainstream natürlich auch nicht.

Klassische Radioformate wie Feature oder Reportage sind noch kaum zu hören. Derzeit. Wir schauen mit Interesse auf das Projekt von Burkhard Müller-Ullrich, der kürzlich Kontrafunk an den Start gebracht hat. Zunächst als Podcast, bald soll mehr daraus werden, hat er Anfang April im ersten Beitrag versprochen (kontrafunk, 30.3.22). Dass er darin gleichzeitig darauf verwies, er wolle bürgerlich und konservativ gegen den links-grünen Mainstream des öffentlich-rechtlichen Rundfunks an senden, haben wir gehört. Und den Kopf geschüttelt. Denn wie so viele andere kämpft Müller-Ullrich gegen eine Chimäre, die er Sozialismus oder, in diesem Fall, links nennt. Das mit der Chimäre kommt von Uli Gellermann. Er hat die Position gegen einen vorgestellten linken Mainstream mit seiner immer spitzen Feder und polemischen Worten im Januar mit Blick auf Corona zusammengefasst (radionalgalerie, 16.1.22). Allerdings: Die Interviews, die Müller-Ullrich für Kontrafunk bisher geführt hat, waren interessant. Und warum nicht einmal auch intelligente andere Meinungen hören? Eben.

Und damit sind wir schon mittendrin in dieser Medienrundschau. Sie ist dem gesprochenen Wort gewidmet. Wir geben Ihnen Tipps zu guten Podcasts und sie können mal rein hören. Beim Autofahren, der Gartenarbeit, zum Einschlafen. Wie immer bei unseren Texten gilt: Das ist eine rein subjektive, situative Auswahl. Was wir gerade gehört haben. Und durch Zufall gesehen. Haben wir etwas überhört, das Sie gerne hören? Immer her damit. Wir lernen gerne und stetig dazu.

Die links-sozialdemokratischen Nachdenkseiten (Podcast-Übersicht) und KenFM-Nachfolger Apolut (Podcast-Übersicht) vertonen, wir haben es schon gesagt, viele ihrer Texte. Kurze Stücke, journalistisch gemacht, allerdings nicht immer fürs Lesen. Das merkt man zuweilen. Bei Apolut gibt es natürlich noch weitere Formate. Vieles auf Video. Aber die Reihe „Apolut im Gespräch“ muss man nicht sehen. Da kann man auch einfach nur zuhören. Und was hier gilt, gilt bei vielen anderen Podcast-Formaten. Sie sind als Video verfügbar, können aber auch nur einfach gehört werden. Da entgeht dem Hörer dann vielleicht mal ein wenig, was im Bild zu sehen wäre, aber unsere Erfahrung sagt: Das ist nicht so schlimm. Der Inhalt kommt auch so rüber.

Das gilt zum Beispiel für Basta Berlin. Benjamin Gollme und Marcel Joppa haben ihren Podcast schon für SNA News gemacht. Nach dem erzwungenen Ende des deutschen Sputnik machen sie alleine weitere und spießen die Politik in ihrem alternativlosen Podcast auf, der weder alternativlos noch ein reiner Podcast ist. Denn auch das Bild der beiden ist sehenswert. Für den, der Zeit hat. Alle anderen bekommen mit dem Ton genügend Informationen unterhaltsam präsentiert. Schön, dass Gollme und Joppa weitermachen (Übersicht).

Mindestens so unterhaltsam mit Gollme und Joppa sind Sven Böttcher und Matthias Burchardt (Website). Der Autor und der Bildungsphilosoph reden sonntags miteinander. Immer um 12 Uhr mittags. Zunächst vor allem über Corona und alles, was irgendwie damit zusammenhängt. Mittlerweile natürlich auch über Kriege und mehr. Aktuelle Folge: „Nuke-rainisches Roulette und ein Neustaat unter dem Radar“ (Youtube, 1.5..22). Immer informativ und mit Quellenangaben zum Weiterlesen.

Den Fokus auf die Weltpolitik richtet der Podcast „Das dritte Jahrtausend“ mit Dirk Pohlman, Mathias Bröckers und Robert Fleischer (Übersicht). Weltpolitik gibt es natürlich auch bei RT DE. Interessant, dass die Podcasts noch nicht verschwunden sind, zumindest sind sie noch an einigen Stellen zu finden (Übersicht). Hier kommt die Information eben von „der anderen Seite“. Das muss man wissen, aber zur Wahrheit gehört: Die Propaganda des Westens wie beispielsweise der Tagesschau ist auch kaum auszuhalten. Bei der Gelegenheit noch ein Querverweis zur Macht um Acht mit dem bereits genannten Uli Gellermann, der auf Apolut Tagesschau-Meldungen auseinandernimmt (apolut, 4.5.22). Die Sendung gibt es auch auf verschiedenen Podcast-Plattformen.

Mancherorts gibt es die Gegenöffentlichkeit mit Sendelizenz. Wobei die auch schon in Frage gestellt wurde. Eine Stunde Radio München gibt es im Großraum München jeden Tag auf Ukw zu hören, ansonsten hat der Sender eine Frequenz auf DAB+ und ist im Netz. Mit hochinteressantem Inhalt. Aktuell beispielsweise hat der Sender einen Beitrag von Ulrich Teusch, eine Rezension zum Buch „Umgekehrter Totalitarismus“ (Multipolar, 22.4.22) hörbar gemacht (Radio München, 5.5.22). Interessant auch ein Interview zur Paradoxie der aktuellen Friedensbewegung (Radio München, 1.5.22).

Womit wir beim Übergang zur alten Gegenöffentlichkeit wären. Denn dazu könnte man Radio München als Bürgerfunk mit meist ehrenamtlichen Mitarbeitern zählen. Was wir ansonsten bisher hatten, war vor allem eine Art neue Gegenöffentlichkeit. Entstanden als Kritik an offiziellen Narrativen zum 11. September, zum Ukraine-Konflikt, zur Corona-Politik. Aber Gegenöffentlichkeit gibt es natürlich schon länger. Auch zum Hören. So wie Radio München, das seit 2014 auf Sendung ist. Viele freie Radios sind älter. Sie senden landauf, landab. Oft gute, tiefgründige Beiträge. Meist ehrenamtlich, idealistisch.

Eine Übersicht über viele dieser Beiträge gibt es auf einer Website. Dort sind dann auch Formate und Darstellungsformen zu finden, die es bei vielen der anderen genannten Anbieter nicht gibt. Und Themen, bei denen sich die Autoren nicht am Mainstream abarbeiten, sondern die am Rande spielen. Oft nicht weniger interessant. Zum Beispiel aus Mali (freie-radios.net, 4.5.22) oder ein Interview mit der Berliner Erwerbslosenberatung (freie-radios.net, 2.5.22). Da sind meist Linke am Werk, Linke, die vermutlich die meisten bisher genannten Podcasts mindestens doof finden. Oder halt noch mehr. Aber auch hier gilt, was oben gesagt wurde: Eine intelligente andere Meinung hat noch keinem geschadet. Wer also Zeit und Lust hat, sollte auch hier einmal rein hören.

Bleiben wir noch kurz bei der klassischen linken Opposition. Große Podcasts mit Strahlkraft und guter Qualität gibt es wenige. Ein paar hat die Rosa-Luxemburg-Stiftung zu bieten (Übersicht) und am bekanntesten ist vielleicht „99 zu eins“, wo beispielsweise auch unsere Autorin Susann Witt-Stahl unlängst im Interview zu hören (und sehen) war (99zueins, 20.4.22). Insgesamt ist bei der marginalisierten politischen Linken noch Luft nach oben. In jeglicher Hinsicht. Tendenziell auch von Links kommt der Wirtschafts-Podcast „Wohlstand für alle“ (Übersicht).

Was fehlt? Vieles. Unter anderem der Hinweis auf The Plattform (Website). Viele der gerade genannten Podcasts (der neuen Gegenöffentlichkeit) gibt es dort. Und noch einige mehr. Andere nicht mehr, irgend etwas scheint da zu knirschen. Intern. Aber das nur nebenbei. Vielleicht finden Sie unter den vielen genannten Hinweisen ja das richtige für Sie. Ansonsten stöbern Sie einfach weiter. Ihre Hinweise nehmen wir gerne in eine der nächsten Ausgaben der Medienrundschau. Bleiben Sie uns gewogen, schauen Sie wieder rein und empfehlen Sie uns weiter. Zu sagen bleibt: Bilden Sie sich Ihre eigene Meinung! Und senden Sie uns gerne Vorschläge für diese Rubrik an redaktion@hintergrund.de.

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