Deutsche Geschichte

Die Großverschwörung des Kapitals gegen die Demokratie

Vor 90 Jahren übertrug Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler das Amt des Reichskanzlers. Hinter ihm standen Teile des Großkapitals, das die Wahlkampagne der neuen Regierung nach Kräften unterstützt hatte. Auch finanziell. Heute können wir die Geschichte als Verschwörung gegen die Demokratie erzählen.

Die Allianz zwischen Hitler, NSDAP und Wirtschaft war das Resultat einer Verschwörung. Hier: Hitler mit Gustav Krupp, 1940.
Foto: Anonym Lizenz: Gemeinfrei, Mehr Infos

Wir schreiben den 20. Februar 1933. Industrie- und Finanzbosse treffen sich mit der Politik, mit der neuen Regierung. Sie ist seit nicht einmal einen Monat im Amt, eingesetzt vom Reichspräsidenten. So wie es sich gehört. Regierung und Großkapital sprechen über die nächsten Schritte. Man kennt sich. Schließlich gibt es seit Jahren Gespräche dieser Art, die Beziehung ist ein Auf und Ab.1 Aber einige der Eckpfeiler der Politik der neuen Regierung hat die Wirtschaft nicht nur gutgeheißen, nein, sie hat sie gleich mitentwickelt. Politik und Großindustrie verschwören sich gemeinsam mit der Hochfinanz gegen Demokratie und Arbeiterbewegung. Endgültig in Stein gemeißelt wird die Verschwörung an diesem 20. Februar. Die Beteiligten verabreden den Abschied von der verfassungsmäßigen Ordnung. Dazu nutzen sie die Verfassung.

Es soll noch einmal gewählt werden. Anfang des Monats war der Reichstag aufgelöst worden, denn die Regierung aus Nationalsozialisten und Deutschnationalen hatte keine Mehrheit. Die Wahl im vorausgegangenen November war als „Niedergang Hitlers“ (Vossische Zeitung) gesehen worden, der sozialdemokratische Vorwärts hatte „Abwärts mit Hitler“ getitelt.2 Es ging indes in die Gegenrichtung. Denn der Reichspräsident hat Hitler trotzdem als Reichskanzler eingesetzt.

Nun soll die Regierung die Mehrheit gewinnen. Mit allen Mitteln. Dann ginge es verfassungskonform in Richtung Diktatur. So der Plan. Daran haben die Kapitalisten seit Jahren gearbeitet, nun scheint ihre Chance gekommen. Und es gelingt. Mit viel Geld von der Industrie für den Wahlkampf, mit Angstmacherei vor der Arbeiterbewegung, mit massiver Gewalt, dem allen Anschein nach inszenierten Reichstagsbrand3 und falschen Versprechungen gewinnt die Regierungspartei gemeinsam mit ihren Verbündeten die Wahl am 5. März 1933. Am Ende des gleichen Monats ermächtigt das Parlament den Reichskanzler, selbst Gesetze erlassen zu dürfen. Die Grundrechte gelten nicht mehr. Die Gewaltenteilung ist Geschichte, die Diktatur ist Gegenwart. Der Diktator: Adolf Hitler.

Schauen wir aus heutiger Sicht auf das Verhältnis von Kapital und Politik in der Weimarer Republik, ist die Machtübergabe an Adolf Hitler und die NSDAP als Verschwörung von Großindustrie, Hochfinanz und den rechten politischen Parteien zu rekonstruieren. Eine Verschwörung verläuft nicht immer geradlinig. Die Kapitalisten suchten während der Jahre der Weimarer Republik verschiedene Verbündete, gingen selbst in die Parlamente und finanzierten verschiedene rechte Parteien. Die NSDAP war dabei keineswegs der Favorit aller Bosse. Einige von ihnen standen Hitler und seinen Gefolgsleuten über die Jahre kritisch gegenüber und mussten immer wieder von den überzeugten Nazis in den eigenen Reihen für sich gewonnen werden: Der „Sozialismus“ im Namen der Partei habe mit den Zielen der Roten, der Arbeiterbewegung, nichts zu tun. Er diene vor allem der Täuschung. Hitler persönlich habe dies gegenüber führenden Kapitalisten mehrfach betont.

Viele Treffen zwischen dem „Führer“ und seinen Mitstreitern fanden ab Mitte der 1920er Jahre statt. Sie sind dokumentiert und können datiert werden. Bei Geheimtreffen unter Ausschluss der Öffentlichkeit stellte Hitler den deutschen Industriellen und Bankiers ein Programm vor, das sich von dem offiziellen Propaganda-Programm in vielen Punkten unterschied. Die Industrie arbeitete zu dieser Zeit bereits länger an einem Gegengewicht zur Arbeiterbewegung. Immer klarer wurde dabei: Um deren Massenbasis etwas entgegenzusetzen, braucht es eine Massenpartei von rechts. Ab etwa 1928, als die bürgerlichen Parteien die Mehrheit im Reichstag verloren, spätestens aber nach 1930 wurde auch den Bossen klar: Diese faschistische Massenpartei kann nur, sagen die einen, muss notgedrungen, sagen die anderen, die NSDAP sein. Versuche mit der DVP oder der DNVP hatten nicht gefruchtet. Beide Parteien waren immer Honoratiorenparteien geblieben.

Die Verschwörung der Bosse, um die eigenen Privilegien zu sichern, gegen die Arbeiterklasse begann jedoch nicht erst in der Weimarer Republik. Sie geht zurück auf die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zumeist liberale Werkvereine sollten ein Gegengewicht zu proletarischer Arbeiterpartei und Gewerkschaften bilden. Nur während des Ersten Weltkrieges kam es quasi zu einem Burgfrieden.

Unmittelbar danach paktierten die Gewerkschaften mit den Arbeitgebern gegen die revolutionären Erhebungen. Die Sozialdemokraten riefen das Militär zu Hilfe und einer der ihren – Gustav Noske – wurde zum „Bluthund“ (1920). Die neue Republik hatte zumindest aus Sicht der Arbeiterbewegung gleich zu Beginn mehrere Makel.

Auch nach 1918 versuchte das Kapital stetig weiter, auf die Arbeiter Einfluss zu nehmen und die Zugeständnisse in der Folge der Revolution zu kassieren. Der Großindustrielle Ernst von Borsig beispielsweise spricht in einem Vortrag auf der Tagung des Reichsverbandes der Deutschen Industrie im März 1924 von Volksgemeinschaft statt Klassenkampf. Kein neuer Begriff. Aber er wird noch groß Karriere machen. Joseph Goebbels spricht zu dieser Zeit noch nicht von Volksgemeinschaft. Aber mit dem Kapital. 1926 notierte er beispielsweise:

Montag Nachmittag mit Herrn [Fritz] von Bruck zusammen, einem führenden Industriellen des Rheingebiets. … Er hielt uns ein politisches wirtschaftliches Kolleg von fabelhaftem Ausmaß. Mit dem Mann kann man zusammenarbeiten…. Bestätigte bis zum letzten Punkt unsere Ansichten über den Bolschewismus. Wir sind auf der richtigen Fährte.“

Die Zusammenarbeit mit Industriellen wie dem Hoesch-Direktor von Bruck oder von Borsig war vorbereitet. Von Borsig war übrigens ab 1924 Vorsitzender der Vereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und bereits in den frühen 20er Jahren ein wichtiger Geldgeber der NSDAP. Die beiden Genannten sind nur zwei der Bosse, die gemeinsam mit der politischen Rechten fortwährend gegen die Demokratie paktierten. Andere Personen wären Emil Kirdorf, in einflussreicher Wirtschaftsführer aus dem Ruhrgebiet, der Hitler als „Freund“ bezeichnete, oder Albert Vögler, ein Rechtspolitiker und bedeutender Unternehmer, der bereits 1923 die NSDAP finanziell unterstützte. Personen wie von Borsig, Kirdorf und Vögler traten neben ihren Klassenfreunden bis 1933 immer auf Seiten der Reaktion auf, agitierten gegen die Republik, für den autoritären Staat und einen Diktator im Sinne der Wirtschaft.

Demokratie und Kapital, das passte für sie nicht zusammen. Denn hinter der Demokratie lauert die Revolution, lauert die organisierte Arbeiterbewegung. Um die „Volksgemeinschaft“ gegen den real existierenden Klassenkampf zu setzen, müssen die offen antirepublikanischen Kräfte die Macht übernehmen. Die Industriellen versuchten das ihre, um daran mitzuwirken. Sie schwankten vor dem Januar 1933 noch zwischen von Papen, von Schleicher und Hitler. Einigen der Bosse hat der „Führer“ der NSDAP zu viele Freiräume, von Papen lasse sich besser führen. Hitler hingegen nutzte die Freiräume, um seine Position gegenüber dem Kapital zu festigen und um seine Massenbasis sowie seine Schlägertrupps in Stellung zu bringen.

Nach der Wahl im November plädierten einige der Kapitalisten für Hitler als neuen Reichskanzler. Die Industrielleneingabe stellte laut dem Historiker Karsten Heinz Schönbach „das politische Programm der Nazindustriellen dar: Errichtung einer offenen Diktatur über eine anti-parlamentarische Verfassungsänderung, in deren Vorfeld Hitler bereits zum Kanzler ernannt werden sollte, um über eine Massenbasis eine stabile Diktatur zu gewährleisten.“ 4

Ende Januar 1933 ist es dann soweit. Hitler ist Reichskanzler von Hindenburgs Gnaden. Für die Diktatur unter seiner Führung brauchte es das zu Beginn dieses Textes beschriebene Geheimtreffen am 20. Februar. Hier verschworen sich praktisch die neue Reichsregierung und Teile des Großkapitals gegen die Republik. Hjalmar Schacht, Reichsbankpräsident bis 1930 und wieder ab März 1933, sprach auf diesem Treffen von der „Schicksalsstunde der Wirtschaft“ und rief die Anwesenden zu Großspenden für den anstehenden Wahlkampf auf. In der Rückschau vor dem Nürnberger Militärgericht sagte er, dass das die Industrie selbstverständlich immer bestrebt gewesen [sei], mit den Machthabern eines Staates zu gehen“. Dass die Kapitalisten vielfach vorangegangen sind, davon schwieg er an dieser Stelle. Schacht wurde übrigens in Nürnberg in allen Anklagepunkte freigesprochen. Genauso, wie das auch viele Historiker bis heute mit dem Großkapital versuchen, dessen Rolle bei der Machtübergabe an Hitler und der Errichtung der Diktatur immer noch kleingeredet wird. Dagegen kann man mit Karsten Heinz Schönbach konstatieren, der Faschismus hatte „seinen Ursprung in dem Bedürfnis der deutschen Kapitalisten und der mit ihnen verbundenen Oberschicht nach einer politischen Lösung im Kampf mit der revolutionären Arbeiterbewegung. Dieser Kampf war zu einer Machtfrage gesellschaftlichen Ausmaßes geworden“. Die Kapitalisten haben diesen Klassenkampf mithilfe oder, anders ausgedrückt, unter Zuhilfenahme der NS-Faschisten gewonnen. Mit fatalen Folgen.

Allein erklärt dies den NS-Faschismus aber nicht. Verschwörungen in Geschichte und Gegenwart sind kaum monokausal zu erklären. Auch gerade jene nicht, die solch verheerende Folgen wie die Verschwörung gegen Republik und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik hatte. Denn während das Kapital den Faschismus vorantrieb, versagte die Arbeiterbewegung. Etwa 80 Prozent der Bürger der Weimarer Republik waren Lohnabhängige, gehörten im weitesten Sinne zum Proletariat. Warum diese zu einem großen Prozentsatz ihr Kreuz bei der NSDAP und den anderen Rechtsparteien machten, das lässt sich nicht einfach durch Hinterzimmergespräche zwischen der NSDAP-Führung und dem Großkapital erklären.

Hier kommt die „Massenpsychologie des Faschismus“ ins Spiel. Wilhelm Reich hat sie bereits 1933 analysiert. Reich näherte sich dem Faschismus von der anderen Seite, von der Charakterstruktur der Menschen her, dem „subjektiven Faktor“, der Leerstelle des Marxismus-Leninismus. In der nach 1945 revidierten Auflage seines Buches schreibt Reich: „In diesem charakterlichen Sinne ist ,Faschismus‘ die emotionelle Grundhaltung des autoritär unterdrückten Menschen der maschinellen Zivilisation und ihrer mechanistisch-mystischen Lebensauffassung. Der mechanistisch-mystische Charakter der Menschen unserer Epoche schafft die faschistischen Parteien und nicht umgekehrt.“5

Reichs Erkenntnisse helfen den Sieg des NS-Faschismus ebenso zu verstehen, wie die Forschungen zum Scheitern der Arbeiterbewegung. Denn sie ist auch am eigenen Unvermögen untergegangen, spätestens in der Zeit der existenziellen Bedrohung zusammenzustehen und eine Einheitsfront zu bilden. Dieser standen Sozialdemokraten und Kommunisten entgegen. Es gelang ihnen nicht, die Differenzen zu überbrücken, und für beide schien Hitler keine übermäßige Gefahr, einigen gar nur als Durchgangsstation zur Revolution.

Allerdings muss klar gesagt werden: Verschwörungen funktionieren auch gerade deshalb, weil die Gegenseite, diejenigen, gegen die sich verschworen wird, ihnen nicht stark genug entgegenzutreten vermochte. Und die Führer der Arbeiterbewegung hatten zudem den Charakter der Massen und offenbar auch ihren eigenen nicht verstanden. So sei zum Abschluss noch einmal Wilhelm Reich zitiert, der, zu jener Zeit selbst Mitglied der KPD, in der ersten Auflage der „Massenpsychologie des Faschismus“ die Selbstkritik im Angesicht der Niederlage fordert. Reich wurde kurz darauf ausgeschlossen – aus der KPD und der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung.6

„Die Formen, unter denen sich die Machtergreifung des Nationalsozialismus vollzog, erteilten dem internationalen Sozialismus eine unauslöschliche Lehre: dass die politische Reaktion sich nicht mit Phrasen, sondern nur mit wirklichem Wissen, nicht mit Appellen, sondern nur durch Weckung echter revolutionärer Begeisterung, nicht mit bürokratisierten Parteiapparaten, sondern nur mit innerlich demokratischen, jeder Initiative Raum gebenden Arbeiterorganisationen und überzeugten Kampftruppen schlagen lassen wird. Sie belehrten uns, dass Fälschung von Tatsachen und oberflächlich suggestive Ermutigung mit Sicherheit zur Entmutigung der Massen führt, wenn die eiserne Logik des geschichtlichen Prozesses die Wirklichkeit enthüllt.“7

Anmerkungen und Quellen:

1 Dieser Text ist in großen Teilen eine geraffte und zugespitzte Zusammenfassung des Buches „Faschismus und Kapitalismus“ von Karsten Heinz Schönbach. (vgl. Fußnote 4) Er ist eine bearbeitete Fassung einer Rezension, die erstmals 2021 in der Tageszeitung junge Welt erschien. Die Zitate stammen, so nicht anders ausgewiesen, allesamt aus diesem Buch.

2 Thorsten Eitz/Isabelle Engelhardt: Diskursgeschichte der Weimarer Republik, Band 2, Oetwil am See 2015, S. 110

3 Vgl. Alexander Bahar/Wilfried Kugel: Der Reichstagsbrand. Geschichte einer Provokation: Das Ende einer Legende, Köln 2013, kurze Diskussion der verschiedenen Thesen in meiner Rezension für den Deutschlandfunk: https://www.deutschlandfunk.de/das-raetsel-reichstagsbrand-100.html

4 Karsten Heinz Schönbach, 2020, „Faschismus und Kapitalismus Ein Bündnis zur Zerschlagung von Demokratie und Arbeiterbewegung. Mit einer Dokumentation aus den geheimen Dokumenten der Hitler-Förderer aus Großindustrie und Hochfinanz“, trafo Wissenschaftsverlag, Berlin.

5 Wilhelm Reich, Massenpsychologie des Faschismus, Köln 1971, S. 13

6 Vgl. Andreas Peglau, Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus, Gießen 2013

7 Wilhelm Reich, Massenpsychologie des Faschismus, Kopenhagen 1933, S. 5f.

 

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