Film / Fernsehen

The Hurt Locker, die Oscar-Verleihung und die Rehabilitation des Irakkriegs

Von DAVID WALSH, 12. März 2010 –

Die diesjährige Oscar-Verleihung war ein banales und kraftloses Spektakel.

Die drei Filme, die von der Akademie am höchsten ausgezeichnet wurden, Tödliches Kommando (The Hurt Locker) , Precious and Inglourious Basterds, verkörpern zusammen, wie rückschrittlich und verkommen die Filmindustrie ist. Sie segeln alle unter falscher Flagge.

hurt lockerThe Hurt Locker
erweist sich trotz seines Anspruchs, „unpolitisch“ und „neutral“ zu sein, in einer unappetitlichen Weise als kriegsbefürwortend und als pro-imperialistischer Film. Precious hingegen watet in sozialer Rückständigkeit , für die er die Unterdrückten selbst verantwortlich macht. Er bietet durchaus keinen mitfühlenden Blick auf das Leben der Afroamerikaner in den Innenstädten. Quentin Tarantinos abstoßender Inglorious Basterds nimmt in Anspruch, ein Anti-Nazi-Film zu sein, aber bietet eine eigene Variante von Porno-Sadismus, dem mehr als nur eine Spur von Faschismus anhaftet.

Drei wirklich abschreckende Werke.

Nur wenige Tage nach der illegalen Invasion im Irak verurteilte der Dokumentarfilmer Michael Moore vor sieben Jahren im März 2003, als er einen Oscar für Bowling for Columbine entgegennahm, George W. Bush als „fiktiven Präsidenten“ und fügte hinzu: „Wir erleben, wie ein Mann uns aus fiktiven Gründen in den Krieg schickt… [Wir] sind gegen diesen Krieg, Mr. Bush. Schande über Sie.“

Sieben Jahre nach Moores prinzipieller Erklärung hat die Filmindustrie in schändlicher Manier das Handtuch geworfen und selbst den Anschein von Opposition gegen die Kolonialkriege im Nahen und Mittleren Osten und in Zentralasien fallengelassen. Die Wahl von The Hurt Locker als Bester Film ist Bestandteil der andauernden konzertierten Rehabilitierung des Irakkriegs im liberalen politischen und medialen Establishment. Der Autor Robert Dreyfuss der Zeitschrift The Nation erkennt in der betrügerischen jüngsten Parlamentswahl im Irak „hoffnungsvolle Zeichen“, und der Think Tank der US-Demokraten, Center for American Progress, vertritt die Theorie, dass eben diese Wahl „der jüngste Schritt der Iraker ist, ihre eigenen Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen“. Auf diese Weise signalisiert das offizielle linke und liberale Milieu seine Zustimmung zur dauerhaften Anwesenheit der USA im Irak, um die riesigen Ölvorräte des Landes kontrollieren zu können.

Die gutsituierten „Antikriegs“-Liberalen in Hollywood, deren Opposition gegen die Invasion des Irak 2003 eine Menge mit kulturellen und psychologischen Vorbehalten gegenüber der Bush-Regierung zu tun hatte, hat inzwischen eingelenkt. Die Wahl Barack Obamas war für sie, wie für dieses ganze gesellschaftliche Milieu, die Erfüllung all ihrer politischen Bestrebungen.

Die Regisseurin von The Hurt Locker, Kathryn Bigelow nutzte ihre Danksagung für den Oscar für die Beste Regie, um „diesen Preis den Männern und Frauen im Militär zu widmen, die täglich ihr Leben im Irak und in Afghanistan und sonst wo riskieren.“ Als sie sich später noch für den Oscar für den Besten Film bedankte, bekräftigte sie noch einmal: „Vielleicht noch eine Widmung an alle Männer und Frauen in aller Welt, die… eine Uniform tragen… Sie sind für uns da und wir für sie.“

Sie sind nicht „für uns“ da. Das amerikanische Militär ist eine Berufsarmee, keine Wehrpflichtigenarmee. Sie arbeitet ähnlich wie ein Todeskommando auf globaler Ebene im Interesse der amerikanischen Finanzelite. Alle möglichen ehemals Linken und Liberalen stellen sich jetzt hinter die imperialistische Kriegsführung und rechtfertigen das oft mit der Formel, man müsse „die Truppen unterstützen“. Das ist eine elende, feige Parole. Sie bedeutet nichts anderes als jede Kritik an den brutalen Konflikten, ihren Ursachen, an der Art und Weise wie sie geführt werden und an ihren Zielen zu missbilligen und zu unterdrücken.

Der Erfolg der Oscar-Kampagne für The Hurt Locker belegt den intellektuellen Bankrott der Kritiker und der Elite von Hollywood. Der Film kam beim Publikum nicht an, aber dieser Thriller, schrieb Jeremy Kay im Guardian, „wurde zum Liebling der Kritiker und als bester Irakkriegs-Film aus den USA gelobt, ja als bester Kriegsfilm überhaupt seit vielen Jahren“. Er ist nichts dergleichen, aber viel bessere Filme wie Battle for Haditha und In the Valley of Elah, und andere wurden von den amerikanischen Medien bewusst stiefmütterlich behandelt.

Die Werbeagentur, die angeheuert wurde, um The Hurt Locker zu propagieren, konzentrierte sich ganz auf die Aussicht, dass mit Bigelow zum ersten Mal eine Frau den Regie-Oscar gewinnen konnte. „Der Gedanke war berauschend“, schreibt Kay, „und ich kann bezeugen wie schnell er sich in den Adern Hollywoods verbreitete. Innerhalb eines Tages nach den Nominierungen am 2. Februar wurde über fast nichts anderes mehr gesprochen.“

Mit anderen Worten, das Geschlecht des Regisseurs war wichtiger als alles andere. Natürlich ist das nicht alles. Die Juroren der Akademie stürzten sich auch wegen seines Themas auf The Hurt Locker.

Unter dem Deckmantel von Objektivität und „Authentizität“ stellt Bigelows Film den Irakkrieg aus der Sichtweise eines „wilden Mannes“ dar, des Bombenräumexperten William James. Die amerikanischen Streitkräfte als Besatzungstruppen werden zu keinem Zeitpunkt in Frage gestellt und die Arbeit dieses furchtlosen (ehrlich gesagt, eher psychotischen) Menschen wird als heldenhaft dargestellt, weil er Tausende Leben rettet.

Die kurzen eingestreuten Dialoge zwischen den Bombenentschärfungen sind gekünstelt und wenig überzeugend. Bigelow hat keinen Schimmer, wie Soldaten sind, oder wie Menschen interagieren. Ihre Filme (The Loveless, Near Dark, Blue Steel, Point Break, Strange Days) sind nicht aus dem Leben gegriffen, sondern entspringen konfusen und trüben Schemata und enthalten teilweise Züge poststrukturalistischer und postmodernistischer Philosophie.

In ihrem ersten Film, The Set-Up (1978), zum Beispiel, tragen zwei Männer auf einer Straße einen Kampf aus, während „die Zeichenleser Sylvère Lotringer und Marshall Blonsky die Bilder in darüber gesprochenem Text dekonstruieren“, so beschreibt es die New York Times. Bigelow erläuterte das Thema später einmal. „Das Stück endet damit, dass Sylvère darüber spricht, dass man in den 1960er Jahren den Feind außerhalb seiner selbst gesehen hat, mit andern Worten als Polizisten, Regierung, das System, aber so ist es eigentlich gar nicht. Der Faschismus ist äußerst hinterhältig, wir reproduzieren ihn ständig.“

Man ist versucht, noch einmal zu sagen: Sprich für dich selbst! Bigelow ist offensichtlich von Gewalt und Macht… und Krieg fasziniert, den sie verführerisch und „extrem dramatisch“ findet. Bigelow hängt der Idee an, „dass es vermutlich eine grundlegende Notwendigkeit für Konflikte gibt“ und fühlt sich von der Vorstellung angezogen, dass es „ eine Psychologie der Sucht oder Faszination des Kampfes“ gebe.

Bewunderer Bigelows behaupten, sie beklage oder kritisiere solche Verhältnisse. Aber in Wirklichkeit glorifiziert The Hurt Locker die Gewalt und umgibt sie mit einem Glamour, den die Filmemacherin mit „verstärkten emotionalen Reaktionen“ verbindet. Das alles, inklusive der Elemente halbverdauter Anklänge an Nietzsche, ist ziemlich ungesund, sogar bedrohlich, korrespondiert aber mit Stimmungen in Teilen der so genannten „radikalen“ Intelligenz in den USA.

Bigelows Film nach einem Skript des ehemaligen „eingebetteten“ Militärreporters Mark Boal ist kein Antikriegsfilm. Er hält lediglich gelegentlich inne und sinniert über den hohen Preis, den amerikanische Soldaten für das Abschlachten irakischer Aufständischer und Zivilisten zahlen müssen. Solange sie dabei lange Gesichter ziehen und Zeichen von Erschöpfung und Stress zeigen, können die amerikanischen Truppen, soweit es Bigelow betrifft, ruhig weiter töten und Chaos verbreiten.

Die World Socialist Web Site schrieb im August letzten Jahres: „Der größte Trugschluss des Films ist, dass seine Produzenten zu glauben scheinen, es sei möglich, den psychologischen und moralischen Zustand der amerikanischen Truppen genau zu porträtieren, ohne den Charakter des Irak-Feldzugs insgesamt einzubeziehen, als ob letzterer keinen Einfluss darauf hätte, wie die Soldaten handeln und denken.“

The Hurt Locker war bei den Juroren Hollywoods deswegen erfolgreich, wie ein Kommentator anmerkte, weil er „die Zuschauer nicht zwingt, ein politisches Urteil über den Krieg zu fällen“, d.h. er passt sich selbst an die Ultrarechten, das Pentagon und die Obama-Regierung an.

Die jährliche Oscar-Verleihung ist mehr als nur eine Gelegenheit für Hollywood, sich selbst zu feiern. Die Übertragung, die von vierzig Millionen Menschen in den USA verfolgt wurde, ist zu einem der Rituale des amerikanischen Lebens geworden, zu einem weiteren Vehikel, mit dem die öffentliche Meinung geformt und manipuliert wird.

Daher ist die Verleihung von Anfang bis Ende zu einem völlig abgekapselten, sterilen Ereignis geworden. Niemand darf aus der Reihe tanzen oder käme auch nur auf die Idee, es gibt praktisch keinen Moment mehr, der nicht dem Drehbuch folgen würde. Vielleicht hat die Oscar-Verleihung nie ein wirklich goldenes Zeitalter gehabt, aber es gab immerhin Zeiten, als zumindest echte Gefühle oder sogar Opposition möglich waren.

Selbst der Dokumentarfilmpreis, den Moore 2003 für seinen Film erhielt, war streng kontrolliert. Judith Ehrlich und Rick Goldsmiths The Most Dangerous Man In America: Daniel Ellsberg and the Pentagon Papers war einer der in dieser Kategorie nominierten Filme. Ellsberg, der 1971 die geheime Geschichte des Pentagon im Vietnamkrieg enthüllt und der Version der Regierung einen schweren Schlag versetzt hatte, war bei der Verleihungszeremonie am Sonntag anwesend. Wie peinlich wäre es in der gegenwärtig vorherrschenden Atmosphäre von Korruption und Furcht gewesen, an jemanden erinnert zu werden, der einmal gegen die Autoritäten aufgestanden war.

Stattdessen ging der Preis an The Cove, einen Film über ein japanisches Fischerdorf, wo jährlich Tausende Delphine und Schweinswale getötet werden. Das Thema mag ja preiswürdig sein, aber es ist gewiss weniger wichtig, als der Kampf gegen den mörderischen Vietnamkrieg oder seine Pendants heute, die Kriege im Irak und in Afghanistan.

Die diesjährige Oscarverleihung erreichte, kurz gesagt, einen neuen Tiefpunkt. Ehrliche Regisseure, Autoren und Schauspieler müssen ihren Mund aufmachen und handeln. Die gegenwärtige Lage ist jedenfalls vom Standpunkt der Filmindustrie und der Gesellschaft schlicht untragbar.


Der Artikel erschien im Original am 11. März unter dem Titel The Hurt Locker, the Academy Awards and the rehabilitation of the Iraq war bei wsws.org. Übersetzung wsws.org, Red. überarbeitet.

Drucken

Drucken

Teilen

Voriger Artikel Film / Fernsehen Film/Fernsehen
Nächster Artikel Film / Fernsehen Ein rechtsextremer Filmkaufmann klagt gegen die VVN-BdA