Literatur

Die offenen Fragen um den Anschlag auf das Münchner Oktoberfest

So könnte es gewesen sein – oder so ähnlich – oder auch nicht –

Eine Rezension von Sabine Schiffer, 21. Januar 2010 –

Auf jeden Fall scheint Wolfgang Schorlau mit seinem neuen Kriminalroman wieder einmal näher an der Wahrheit zu liegen, als die Berichterstattung. Mit Das München Komplott lässt er Privatermittler Georg Dengler anknüpfen an vorherige Fahndungserfolge, die immer brisante Themen der Zeitgeschichte aufgreifen. Nachdem Denglers erster Fall die Leser nicht nur spannend unterhielt, sondern auch eintauchen ließ in die dubiosen und ungeklärten Hintergründe des Mordes an Treuhandchef Rohwedder sowie möglichen Strippenziehern der Deutschen Vereinigung, so wie sie schließlich durchgeführt wurde, so greift Schorlau diesmal die widersprüchlichen Ungeklärtheiten um den Anschlag auf das Münchner Oktoberfest 1980 auf.

Zunächst einmal kann man seine Verwunderung nachvollziehen, warum eigentlich einer der größten Terroranschläge in Deutschland so wenig im kollektiven Gedächtnis verankert ist. Warum wird die Erinnerung an dieses Ereignis so wenig lebendig erhalten? Und damit befinden wir uns schon mitten in der Fragerunde, die Schorlau rund um die Aufklärungsversuche der Hintergründe des Attentats aufwirft. Dabei begleiten wir Dengler auf eine desillusionierende Odyssee, die so mancher wache Zeitgenosse in den letzten Jahren auch im wirklichen Leben durchmachen musste – wenn es um die Rechtfertigungen politischer Wendungen ging, die so gar nicht mit unserem Grundgesetz und dem Völkerrecht konform gehen wollten: Hier nun wird die Frage der Verknüpfung von NPD und Verfassungsschutz, dem Konkurrenzgehabe zwischen Verfassungsschutz und Innenministerium sowie dem Kompetenzgerangel zwischen BKA und Verfassungsschutz öffentlich und nachvollziehbar gemacht. Dabei kann heute die sog. Birthler-Behörde, die die Stasi-Akten verwaltet, noch gute aufklärende Dienste leisten, weil so manches unentdeckte Wissen aus dem Westen hier nicht vernichtet wurde.

Den Prozess der Desillusionierung macht Dengler diesmal nicht nur anhand seiner Fundstücke – die dann mal schnell vernichtet werden – um den Anschlag auf das Oktoberfest durch, sondern auch in Bezug auf andere Aspekte der jüngeren Geschichte. Etwa die Erkenntnisse um die Aktivitäten der NATO-Geheimarmeen, wie Daniele Ganser sie in seiner Dissertation nachgewiesen hat – Stichwort: Gladio und Bologna-Attentat, das man versuchte, linken politischen Gruppen in die Schuhe zu schieben. Eine nüchterne Bilanz, die einer der Protagonisten in dem aktuellen Fall Denglers artikuliert, ist etwa die: „Wo Terror ist, sind die Geheimdienste nicht weit!“ Und zwar die eigenen, sehr oft der CIA bzw. seine Kooperationspartner, die sich dennoch nicht seiner nachhalten Freundschaft sicher sein können.

Bei der Lektüre des wieder einmal spannend geschriebenen Krimis, der auch Herz-Schmerz und Einblicke hinter die Kulissen von politischen Instanzen bietet, fragt man sich immer wieder einmal, was nun Fakt und was Fiktion sein könnte. Ich muss an dieser Stelle gestehen, dass ich mich dabei gründlich vertippt habe: tatsächlich ist das mehrfach erwähnte Field Manual 30-31, eine Blaupause für konspirative Aktionen in „befreundeten“ Gastländern, Fakt und nicht Fiktion, wie ich gehofft hatte. Es ist am Ende des Buches gar mit abgedruckt – sowie ganz am Schluss eine kurze Stellungnahme des Autors über seine Fundstücke, die Faktensammlung und seine ganz persönliche Desillusionierung. Wobei er mit Romanen wie Brennende Kälte, der unter anderem die Waffentests deutscher Provenienz in ausländischen Kriegsgebieten thematisiert, oder die Verarbeitung des Stoffes um die Privatisierung von Wasser in Fremde Wasser schon ein ordentliches Stück des Weges gegangen war.

Wie bei den Vorgängerkrimis, so bildet auch diesmal wieder der Schluss den eindeutigen Schwachpunkt der Erzählung – irgendwie muss sich, bei aller aufkommenden Bedrohung durch die ertappten Mächtigen, doch wieder alles so lösen lassen, dass Dengler und seine Freunde nicht nur überleben, sonder auch wieder völlig frei sind für den nächsten Fall. Denn es wird freilich noch genügend unter den Teppich gekehrte Skandale geben, auch in diesem unserem Land. Die schon vorangekündigte Lösung des jeweiligen Knotens am Schluss mit einer lebensechten Denger-Puppe kann man dabei allenfalls als Notlösung durchgehen lassen.

Das verzeiht man dem Autor jedoch gerne, schätze ich zumindest seine akribische Recherche und die Fähigkeit, die brisanten Entdeckungen jenseits des politischen Tagesgeschehens, sogar unterhaltsam und gleichzeitig nachdenklich stimmend ohne erhobenen Zeigefinger, einem breiten Publikum darbringen zu können. Und genau dieses breite Publikum wünsche ich den Schorlau-Büchern, wie auch den zusätzlichen Informationen auf seiner Website schorlau.de, wie auch uns allen – denn von der Aufklärungsarbeit, die hier geleistet wird, kann sich so mancher Vertreter der Vierten Gewalt noch eine gehörige Portion abschneiden!  Auf den Verfassungsschutz würde der Eingeweihte schon wesentlich weniger hoffen, als immer noch auf die Medien. Mehr wird nicht verraten, denn die Originallektüre darf man sich einfach nicht entgehen lassen!

Schorlau, Wolfgang (2009): Das München-Komplott. Denglers fünfter Fall. Kiepenheuer & Witsch, 336 Seiten, ISBN 978-3-462-04132-3.  Webseite des Schriftstellers Wolfgang  Schorlau: http://www.schorlau.de/

Dr. Sabine Schiffer ist Medienwissenschaftlerin und Leiterin des Instituts für Medienverantwortung in Erlangen. (www.medienverantwortung.de)

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