Literatur

Fritz Noll. Ein verspäteter Nachruf

Sein Tod ist ein Verlust für die kommunistische Bewegung

Persönliche Erinnerungen von VOLKER BRÄUTIGAM, 16. März 2011 –

Fritz Noll, vor Jahren Chefredakteur der DKP-Parteizeitung Unsere Zeit (UZ) ist, wie erst jetzt bekannt wurde, Ende Dezember im Alter von 83 Jahren gestorben. Was zuvörderst die Aufgabe seiner Parteigenossen und Nachfolger in der UZ-Redaktion gewesen wäre, erfüllten immerhin seine Gewerkschaftskollegen: Sie widmeten Fritz Noll ein ehrendes Gedenken, das ihm gerecht wurde.

Auszug aus dem Text der Bezirksorganisation Linker Niederrhein der Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft, ver.di-: „…Sein Lebenswerk war der unermüdliche Einsatz für eine bessere Gesellschaft. Seine Leidenschaft gehörte den abhängig Beschäftigten und allen Menschengruppen, die durch gesellschaftspolitische Ungerechtigkeiten und Arbeitgeberwillkür in existenzielle Notlagen geraten waren. Solidarität war für ihn selbstverständlicher Lebensinhalt. Mit kritischer Analyse, intellektuellem Scharfsinn und überzeugender Leidenschaft verstand Fritz es immer wieder, uns alle zum Nachdenken und zur politischen Gegenwehr zu bewegen….“

Ja, so habe auch ich Fritz Noll erlebt, es ist eine stimmige Aussage über den Mitmenschen, Kollegen, Genossen und Freund Fritz Noll. Noch weiter ver.di: „…Seine zahlreichen Wortbeiträge und Reden, seine politischen Reportagen und unzählige Artikel sind uns unvergessen. Auch verdanken wir seinen Initiativen viele spannende gewerkschaftspolitische Begegnungen … Kurt Goldstein, … Bruni de la Motte … Wir sind dankbar, dass Fritz uns diese bemerkenswerten Diskussionen und Erfahrungen ermöglicht hat. … Mit Fritz verlieren wir einen aufrichtigen, authentischen und leidenschaftlichen Freund und Kollegen. Uns bleibt, sein Werk, seine kritischen Analysen und sein unermüdliches Engagement in Erinnerung zu behalten und in unserem gewerkschaftlichen Tun, ihn und sein Bestreben für eine gerechtere und bessere Gesellschaft am Leben zu halten. …“

Klaus Jann, der „Rote Reporter“, schrieb im Internetportal linsdemokraten.de: „Für mich war der Fritz ein ganz Großer. Er war, als ich Ende der 60er-Jahre in die Redaktion der UZ kam, mein Chef. Nicht irgendeiner, sondern Fritz war mein großes Vorbild. Journalistisch – aber vor allem wegen seiner Leidenschaftlichkeit …“

Ein Kämpfer schon in der KPD

Fritz Noll war aktives KPD-Mitglied und arbeitete nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst als freier Autor, dann als Redakteur für die kommunistische Hamburger Volkszeitung – bis zum rechtsbeugerischen Verbot der KPD. Er teilte danach das Schicksal vieler seiner in der Adenauer-Ära so unbarmherzig verfolgten Genossen: Er musste untertauchen und floh in die DDR – Konsequenz der gnadenlosen Kommunistenjagd, die in der jungen Bundesrepublik abermals begonnen hatte, in der Altnazis in neuem Gewande und Erzreaktionäre schon wieder das Sagen hatten.

Dass ihm die DDR eine zweite Heimat bot, prägte nachhaltig Fritz’ Weltbild und Persönlichkeit. Er wurde ein entschiedener Anhänger des „real existierenden Sozialismus“ und blieb das auch nach seiner Rückkehr in die BRD, 1968, zwölf Jahre später. Er wurde nicht immer und nicht von jedem verstanden, seine Ansichten wurden nicht von allen Parteimitgliedern geteilt und brachten ihm neben unverbrüchlichen Freundschaften auch Gegnerschaft ein.

Fritz kam und half ab 1969, die neu gegründete Deutsche Kommunistische Partei in Westdeutschland aufzubauen. Er wurde Mitglied des Parteivorstands der DKP, des Sekretariats und schließlich Erster Sekretär, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit und Chefredakteur der UZ. Ein wesentlicher Teil seiner Arbeit war, die Gründung von DKP-Betriebsgruppen in den bundesdeutschen Konzernmedien und Rundfunkanstalten zu fördern und mitzuhelfen beim Aufbau eigenständiger Betriebszeitungen. An einem dieser Blätter (für die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten) arbeitete ich mit: „O-Ton“, Betriebsausgabe NDR Hamburg. Das Blatt hatte zu Fritzens und unser aller Genugtuung viele Leser und großen Nachhall im Norddeutschen Rundfunk und erregte auch häufig Aufmerksamkeit weit über die Betriebsgrenzen hinaus.

Bei aller Trauer über seinen Tod bekenne ich mich in Freude und großer Dankbarkeit zu Fritz Noll. Er war und bleibt auch mir in vieler Hinsicht ein Vorbild. Besonders wenn es darum ging, schriftlich oder in freier Rede die Ursachen von gesellschaftlichen Missständen und politischen Fehlentwicklungen darzustellen und deren Kern herauszuarbeiten. Fritz war rhetorisch begabt, ein kenntnis- und hilfreicher Wegbegleiter in den Zeiten harter Kämpfe im NDR, wo (August 1988) die ersten programmwirksamen Streiks in der deutschen Rundfunkgeschichte stattfanden. Selbst eine 20-Uhr-„Tagesschau“-Sendung konnte dabei ausfallen – wer erinnert sich noch daran? Fritz war unser unermüdlicher Helfer, Ratgeber und Freund in guten und in schwierigen Zeiten.

Dass Unsere Zeit trotz des Niedergangs der DKP nach dem Anschluss der DDR die historische Zäsur überdauerte und heute als Wochenzeitung fortexistiert, ist wesentlich der unermüdlichen Arbeit und dem Engagement Fritz Nolls zu verdanken. Dennoch hat das Blatt auf einen adäquaten Nekrolog verzichtet,  wie er selbst der Gewerkschaft ver.di unverzichtbar erschien.

Würdeloser Umgang mit dem Tod eines Genossen

Meine Partei, die DKP, bemüht sich seit der „Wende“, als „moderne“ kommunistische Organisation das Ende der DDR und seine Folgen zu überwinden. Ihre Mitgliederzahlen blieben dennoch äußerst bescheiden. Die Alten gehen, und wenig Junge rücken nach. Das mag für viele Genossen eine ärgerliche Feststellung sein, aber Selbsttäuschung dient der kommunistischen Sache nicht. Noch viel weniger  aber dient es ihr und ist es ihr angemessen, wenn sich neue vermeintliche Vordenker von alten Mitkämpfern distanzieren, wie das im fehlenden Gedenken an Fritz Noll seitens der Parteizeitung zum Ausdruck kommt. Fritz Noll hätte die Würdigung hoch verdient. Sie ihm, seinen Angehörigen und seinen Genossen versagt zu haben, war schändlich. Schon um ihrer Selbstachtung willen hätten Parteivorstand und Redaktionsleitung der UZ einen ehrenvolleren Umgang mit dem Tod dieses guten Genossen für geboten finden müssen. Mitstreiter wie Fritz Noll werden der kommunistischen Bewegung fehlen. Sie wird das noch bitter erfahren.

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