Literatur

Kolbus gegen Handke. Oder: Ein Lehrstück über Kultursponsoring im Zeichen des Imperialismus

Von THOMAS WAGNER, 22. September 2009 –

Wo Krieg geführt wird, ist die Lüge nicht weit. Politiker betreiben Propaganda. Die Medien der kriegsführenden Parteien degenerieren zu offiziellen Verlautbarungsorganen oder gieren nach immer neuen Schreckensmeldungen. Wer dagegen als einzelner im Interesse der Leidenden die Stimme erhebt, wird schnell selbst zur Zielscheibe. So ist es dem österreichischen Schriftsteller Peter Handke ergangen.

Als sich beinahe die gesamte westliche Öffentlichkeit darauf verständigt zu haben schien, die Serben zum Hauptbösewicht der jugoslawischen Zerfallskriege zu stilisieren, hielt er tapfer dagegen. Nicht mit plumper Gegenpropaganda, sondern mit genauen Beobachtungen der verzerrten Berichterstattung, differenzierten Beschreibungen von Land und Leuten sowie klaren Stellungnahmen gegen die NATO-Bombardierungen.

Was folgte, war eine Ächtung des Künstlers in weiten Kreisen des hiesigen Feuilletons. Als im Jahr 2006 Handke den Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf bekommen sollte, nutzten die dortigen Politiker die Gelegenheit sich auf Handkes Kosten zu profilieren, worauf dieser auf den erstmals mit 50.000 Euro dotierten Preis verzichtete.

Nun geht der Streit um Handke in eine erneute Runde. Wieder entzündet sich die Kontroverse am Umgang mit einem dem Schriftsteller zuerkannten Literaturpreis. Denn der Allein-Sponsor des betreffenden Mindener „Candide“- Literaturpreises, der Buchbindemaschinenhersteller Kolbus, machte einen Rückzieher und zog die zugesagten 15.000 Euro Preisgeld zurück.

Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung handelt es sich um den Weltmarktführer, einen global player in dieser Sparte. „Kolbus und sein geschäftsführender Gesellschafter Kai Büntemeyer hatten große Pläne mit dem Candide-Preis, sogar ein eigener Stand auf der Frankfurter Buchmesse sollte Mindens Ruf als Stadt der Literatur in die Welt hinaustragen. Doch von Messe-Präsenz und Preisgeld will Büntemeyer nichts mehr wissen, seit sich die Preisjury, deren Unabhängigkeit im Sponsorenvertrag festgeschrieben ist, augenscheinlich für den falschen Kandidaten entschieden hat“, schreibt das Blatt. (1)

Der Sponsor habe seinen Rückzug damit begründet, dass Handkes Haltung zu Serbien ein Reizthema für dessen amerikanische Kunden sein könnte, sagte der Jury-Vorsitzende Gerd Voswinkel am Mittwoch der Nachrichtenagentur dpa.

Ein Angebot des Jury-Mitglieds Franziska Augstein, einmalig einzuspringen und das Preisgeld aus ihrem Privatvermögen zu stiften, habe Handke nicht annehmen wollen, berichtet die Süddeutsche Zeitung. Nun werde Handke der Preis als ideelle Auszeichnung zuerkannt, sagte Voswinkel. Die für den 30. Oktober geplante feierliche Übergabe wurde aber abgesagt, da Handke nun nicht nach Minden kommen wollte.

(1) http://www.sueddeutsche.de/kultur/eklat-um-ehrung-von-peter-handke-falscher-kandidat-1.1146559.

(2) http://www.sueddeutsche.de/kultur/eklat-um-ehrung-von-peter-handke-falscher-kandidat-1.1146559.

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