Literatur

Gegen die Produktion systemtreuer Deppen

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Hans Frickes Buch  Eine feine Gesellschaft lockert kollektive Denkblockaden

Eine Rezension von VOLKER BRÄUTIGAM, 24. September 2010 –

„Unrechts-Ossi“. Mit diesem Zusatz (in Klammern) signiert mein Freund Günter jetzt seine Briefe, E-Mails und sonstige Dokumente. Der  „gelernte DDR-Bürger“ fühlt sich von der verzerrenden Darstellung der jüngeren deutschen Geschichte in den Massenmedien und seitens der Politik mental vergewaltigt. – Als Lothar de Maiziere, letzter, frei gewählter Ministerpräsident der DDR, kürzlich gegenüber der Passauer Neuen Presse anmerkte, die DDR sei  „kein vollkommener Rechtsstaat“, aber auch  „kein Unrechtsstaat“ gewesen, fiel eine aufheulende Meute von Journalisten und Politikern über ihn her. –

Für de Maiziere empfinde ich, anders als für Günter, keine sonderliche Sympathie. Jedoch erbittert mich der heuchlerische Schmäh gegen ihn. Weil nämlich nicht die geringste Aussicht besteht, den selbstherrlichen, rechthaberischen und herrschsüchtigen Zensoren das Maul zu stopfen: Den höchst angebrachten Vermerk, der Bundesrepublik könne man keine vollkommene Rechtsstaatlichkeit nachsagen, würden sie nicht begreifen. Günters erweiterte Unterschrift ist bedauerlicherweise auch eher Ausdruck der Hilflosigkeit als eines souveränen Protests gegen die Borniertheit, mit der hierzulande die DDR, die BRD und der auf deutschem Boden ausgetragene Kampf der politischen Systeme verzerrend dargestellt werden: So wird Geschichte zum Popanz verkrüppelt, passend in die Lücke zwischen PISA-Studie und Spaßgesellschaft, nur dienlich der Verformung des Bundesbürgers zum systemtreuen Deppen, zum Opfer von verblödendem Antikommunismus.

Statt eines um Fakten bemühten Rückblicks

Am 3. Oktober vollendet sich das 20. Jahr der Herstellung staatlicher Einheit. Das Jubiläum der beiden Gedenkjahre 2009 und 2010 wäre Anlass genug für die überfällige sachliche Beurteilung der DDR und der BRD. Anlass genug für einen um Objektivität bemühten Rückblick auf den Prozess des Anschlusses der DDR an die BRD sowie auf die verfehlte Berliner Politik der vergangenen zwei Jahrzehnte. Wer aber hätte nicht unter der aggressiven  „Erinnerungsorgie“ gelitten, mit der stattdessen die vor 20 Jahren stattgehabte  „Wiedervereinigung“ gefeiert wurde in ungezählten, der Volksverdummung dienenden politischem Hochämtern?

Da sind politische Hygieneartikel gefragt, wie z.B. das Buch Eine feine Gesellschaft. Autor Hans Fricke nennt zwei Hauptmotive für den verlogenen Zirkus: Die lästige Jubelstimmungsmache von Politik und Massenmedien sollte die Menschen von Krieg, Krise, Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit, Hartz IV, Zerschlagung unserer Sozialsysteme, Armut und Bildungsmangel, kurz: unserer gesamtgesellschaftlichen Misere ablenken. Darüber hinaus habe die BRD-Beweihräucherung zum 60. Jahrestag des Grundgesetzes einem massiv fälschenden Geschichtsrevisionismus gedient.

Frickes zur diesjährigen Leipziger Buchmesse erschienener Band ist literarischer Widerstand gegen absichtsvolle Geschichtsklitterung, mit der einerseits die DDR als abgewirtschafteter, maroder Unrechtsstaat niedergemacht und andererseits die BRD als Hort von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Wohlstand verherrlicht werden. Der Untertitel Jubiläumsjahre und ihre Tücken – Kritische Betrachtung der  „Wiedervereinigung” weist die Richtung: Eine feine Gesellschaft ist das Angebot, sich mit geleugneten und verdrängten Fakten (wieder) vertraut zu machen. Es ermutigt, sich  „des eigenen Verstandes zu bedienen“, wie Kant das Wesen der Aufklärung beschreibt.

Der zweite Triumph der Sieger

Fricke schildert den politischen Narkotisierungsprozess:  „Mit der ‚Aufarbeitung’ ihrer (die DDR. V.B.) Realität waren zwei Enquete-Kommissionen unter Leitung von Rainer Eppelmann beauftragt. Mitgewirkt haben überdies 3000 Bedienstete der Gauck-Birthler-Behörde. Filmische Pseudodokumentationen und ‚Unterhaltungsstreifen’ werden wie zu Zeiten der Goebbelsschen Reichsfilmkammer generalstabsmäßig produziert (Das Leben der Anderen, Die Frau vom Checkpoint Charlie und andere). An der Entstellung der Geschichte der DDR beteiligen sich mehr als 1200 ‚Forschungsprojekte’, etwa 250 Archive und Bibliotheken, rund 50 Institutionen der politischen Bildung sowie 65 Museen und Gedenkstätten. Hinzu kommen 20 Fachzeitschriften. ‚Die Geschichtsschreibung ist der zweite Triumph der Sieger über die Besiegten’, schrieb Bernhard L. Montgomery. …“

Objektiv und angemessen beginnt Frickes Auseinandersetzung mit der  „feinen Gesellschaft „ der BRD bei der Verkündung des Grundgesetzes. Die Bundesrepublik war das Politerzeugnis der westlichen Siegermächte. Die bis heute ignorierten, geleugneten bzw. bemäntelten Gebrechen der BRD, die Ursache für ihre friedenspolitischen, demokratischen, rechtsstaatlichen und sozialen Defizite, reichen bis in ihre  „Stunde Null“ zurück. Fricke:  „In keinem Geschichtsbuch wird erwähnt, dass die ‚Väter des Grundgesetzes’ wie seine Urheber oft genannt werden, sich bei der Erfüllung ihres Auftrages (der westlichen Militärgouverneure zur Erarbeitung eines Grundgesetzes) gar nicht wohl fühlten. Sie befürchteten nämlich, wegen nationalen Verrats geächtet zu werden. Das Unbehagen drückte Württemberg-Badens damaliger Ministerpräsident Reinhold Maier (FDP) mit folgenden Worten aus: ‚Wir haben alle miteinander (…) wirkliche Manschetten davor gehabt, einen deutschen Beitrag zur Teilung Deutschlands zu leisten.’ Deshalb mieden sie auch die Öffentlichkeit und leisteten ihren Beitrag zur Teilung Deutschlands hinter verschlossenen Türen.“

Volksvermögen: veruntreut, verschleudert

Der  „maroden DDR-Wirtschaft“ nähern wir uns mit Zeitzeugen wie Fricke selbst:  „Nach der Währungsreform und Einführung der D-Mark im Sommer 1990 sowie als Folge des brachialen Wirkens der ‚Treuhand’-Anstalt ging die ostdeutsche Industrieproduktion innerhalb eines Jahres um 67 Prozent zurück (…) Obwohl der damalige Treuhandchef Detlef Karsten Rohwedder in den vielen Gesprächen (…) davon ausging, dass 70 bis 80 Prozent der DDR-Betriebe gerettet werden könnten und nur einige durch den Rost fallen würden, beschloss nach Rohwedders Ermordung am 1. April 1990 die Treuhand unter Birgit Breuel, die DDR-Wirtschaft in nur drei Jahren ‚abzuwickeln’, was zur Liquidierung von 3244 DDR-Betrieben in weniger als drei Jahren führte.“

Man muss hinzufügen: Die gesamte DDR hatte anno 1989 weniger Staatsschulden als allein das Bundesland Berlin heute.

Jüngsten Umfrage-Ergebnissen zufolge dämmert einer Bevölkerungsmehrheit inzwischen: Die Art und Weise, wie die deutsche  „Einheit“ hergestellt wurde und die sich daran anschließende Politik sind kein Grund zum Jubel. Fricke spricht die Ostdeutschen an: „Je besser die früheren DDR-Bürger die ‚freiheitlich-demokratische Grundordnung’ der BRD kennen lernen, je mehr sie erfahren, was es mit dem viel gepriesenen ‚Rechtsstaat’ und dem nicht minder gepriesenen ‚Einigungsvertrag’ in Wahrheit auf sich hat, je offensichtlicher es wird, was die Mächtigen und Einflussreichen unter ‚Freiheit’ verstehen und je gründlicher wir Deutschen die ‚Vorzüge’ der kapitalistischen Marktwirtschaft sowie die ‚Fürsorge’ des Staates gegenüber sozial Schwachen, Arbeitslosen und Kranken am eigenen Leibe erleben, umso größer wird die Anzahl derjenigen, die begreifen, was in den vergangenen 20 Jahren mit ihnen geschehen ist.“

Man möchte hinzufügen: Das dämmert mittlerweile auch vielen  „Wessis“.

Haben wir´s nicht anders gewollt?

Fricke:  „Was, so müssen sich die DDR-‚Aufarbeiter’ fragen lassen, ist an einer sachlichen Rückschau, an einer angemessenen Bewertung der Leistungen eines seit knapp 20 Jahren nicht mehr existierenden Staates denn so gefährlich, dass sie auf jedes neue ihnen unangenehme Umfragergebnis derartig hysterisch reagieren?“ Seine Ergänzungsfrage ist schon  Antwort:  „Könnte es sein, dass die Enttäuschung über 20 Jahre Raubtierkapitalismus und die Empörung über die Krise mit ihren verheerenden Folgen für Millionen Menschen in eine andere Richtung gelenkt werden und sich an einer mit allen Schreckensattributen ausgestatteten DDR abarbeiten sollen, und dass das nicht wunschgemäß klappt?“

„Wir Deutschen haben es nicht anders gewollt“, möchte man seufzen. Fricke zitiert aber bemerkenswerte Zeitgenossen, die belegen, dass wir zumindest Anderes verdient hatten. Beispielsweise im Kapitel Die ‚ersten wirklich freien und demokratischen’ Wahlen in der DDR:  „Die Wahl, die Kohl großsprecherisch mit obigen Adjektiven versah (…) bezeichnete Egon Bahr, der gewiss kein Sympathisant der DDR war, als die ‚schmutzigste Wahl, die (er) je in seinem Leben beobachtet’ habe.“  Oder (im Kapitel Erpresster ‚Einigungsvertrag’ und seine ersten Folgen):  „Der ehemalige Regierende Bürgermeister von West-Berlin, Pastor Albertz, eine allseits geachtete Persönlichkeit, sprach bereits im Zusammenhang mit der Währungsunion am 1. Juli 1990 von einer brutalen Invasion Westdeutscher: ‚Manchmal denke ich, ein Einmarsch von Truppen ist ehrlicher als das, was jetzt geschieht.’“

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Nun, dem entspricht die aggressive aber eben so unehrliche Gegenwart: Deutsche Soldaten kämpfen heute in Afghanistan, stehen auf dem Balkan und in etlichen afrikanischen Staaten, deutsche Kriegsmarine kontrolliert das östliche Mittelmeer ebenso wie Teile des Indischen Ozeans, die deutsche Luftwaffe unterstützt NATO- und US-Bombenterror, und unsere  „Elitesoldaten“ von der KSK agieren als Todesschwadronen. Frickes Buch hilft uns, diese deutsche Realität zu begreifen, indem es uns ihre Ursachen beschreibt.

Hans Fricke:  „Eine feine Gesellschaft – Jubiläumsjahre und ihre Tücken, „ Kritische Betrachtung der ‚Wiedervereinigung’ , 252 Seiten, 15.00 €, GNN-Verlag, GNN-Buchversand, Badeweg 1, 04435 Schkeuditz. ISBN 978-3-89819-341-2

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