Literatur

„Kommunisten-Arzt“ und „verrückter Sexdoktor“

Der Fall Wilhelm Reich –

Von SUSANN WITT-STAHL, 30. Juni 2013

Die von Antonin Svoboda in Szene gesetzte tragische Lebensgeschichte des österreichischen Psychoanalytikers, Psychiaters, Sexualforschers und Soziologen ist nicht nur ein „biographisches Denkmal ganz aus Film” (Wiener Bezirksblatt). „Der Fall Wilhelm Reich“ (1) ist auch ein bedrückendes Sittengemälde der McCarthy-Ära. Ein Wissenschaftler wie Reich, der angewidert war von der Idee, sein Können zum Zwecke der Auslöschung, Unterdrückung oder Kontrolle von Menschen zur Verfügung zu stellen, und der die Ansicht vertrat, „Ängste lassen sich nicht durch Massenvernichtungswaffen beseitigen“, lebte gefährlich in jener Zeit – als die Kalten Krieger der Überzeugung waren, dass sie aus einem totalen Atomkrieg als „Sieger“ hervorgehen könnten.

Reich zahlte einen hohen Preis für sein vom antikommunistischen, bellizistischen und sexualfeindlichen Konsens abweichenden Verhalten: Er fristete sein Dasein als „einsamer Rebell“ – wie ihn Film-Produzent Alexander Glehr nennt –, der „unaufhörlich an die Grenzen des menschlichen Verstandes und Moralempfindens“, die „bestehenden Gesetze der Medizin und der Physik“ und „an die Grenzen der Akzeptanz der Autoritäten im Amerika der 1950er-Jahre“ stieß.

Der „Tausendsassa und Querulant“, wie ihn Reich-Darsteller Klaus Maria Brandauer bezeichnet, überschritt aber auch den Rubikon. Er verlor sich im Irrationalen, möglicherweise im Wahnsinn. Nicht nur mit den von ihm in die Welt gesetzten Neologismen wie „Orgon“ katapultierte Reich sich in den Kreis von Personen, die nicht ganz zu Unrecht in Verdacht stehen, in ihrem Garten einen Landeplatz für Klingonen-Raumschiffe zu unterhalten. Auch ein Teil seiner „Entdeckungen“ gilt als wissenschaftlich fragwürdig.

Während Reich in Svobodas Filmbiographie lediglich als ein von glühendem Forschergeist und Weltretter-Emphase Besessener dargestellt wird, bescheinigt ihm der Psychologe und Wissenschaftsjournalist Colin Goldner „verrückt“ geworden zu sein (das gelte zumindest für die letzten Lebensjahre): „Seine abstrusen Orgon-Akkumulatoren und seine zunehmende Verstrickung in Verschwörungstheorien – unter anderem glaubte er die Erde von bösartigen Außerirdischen bedroht, die die Atmosphäre mit tödlicher negativer Orgon-Energie vergifteten (1954 wollte er gar eines der feindlichen UFOS höchstpersönlich vertrieben haben) – deuten sehr auf wahnhaftes Geschehen hin“, meint Goldner. Gleichzeitig verwahrt er sich aber dagegen, Reichs wissenschaftliche Leistungen gering zu schätzen, geschweige denn sein Lebenswerk in toto zu verwerfen: „Die psychoanalytischen Schriften Reichs, die er vor seiner Emigration in die USA verfasste, insbesondere seine Studie zur ,Massenpsychologie des Faschismus‘, sind von seinen späteren Orgon-Verirrungen klar getrennt zu sehen; auch der Wert seiner in den späten 1920er-Jahren begründeten sozialistischen Sexualaufklärungsarbeit ist unbestritten.“ (2)

Sexualwissenschaft – politisch und links

Reichs Jugend war gezeichnet von traumatischen Erfahrungen. Der Gutsbesitzer-Sohn wurde 1897 in Dobzau in Galizien (das sich damals noch unter österreichischer Herrschaft befand) geboren. Die Mutter beging Suizid, als er gerade einmal 14 Jahre alt war. Der Vater litt an Depressionen, wurde schwer krank und starb 1914. Während des Ersten Weltkrieges floh der junge Reich vor den nahenden russischen Truppen und meldete sich zur K.u.K.-Armee.

Nach Kriegsende ging er nach Wien, studierte ein Semester Rechtswissenschaften und wechselte dann zur Medizin. Er fing an, sich für die Psychoanalyse zu interessieren. Noch als Student wurde er 1920 von Sigmund Freud in die Wiener Psychoanalytische Gesellschaft aufgenommen. Bereits im Alter von 23 Jahren begann der begabte junge Mann zu praktizieren. Ab 1924 leitete er das Wiener Seminar für Psychoanalytische Therapie, in dem Behandlungsprobleme systematisch erforscht wurden.

Er arbeitete an der Freudschen Libido-Theorie und entwickelte eine Orgasmus-Theorie. Danach sind alle Neurosen eine Folge von angestauter Sexualenergie. Die hat ihre Ursachen in der gesellschaftlichen Unterdrückung des Individuums im Kapitalismus, in der entfremdeten Arbeit und Unfreiheit, im Bereich der Sexualität in falschen Tabus und rigiden Moralvorstellungen. Ausweg sei die Erlangung „orgastischer Potenz“, die zur Humanisierung des Individuums führt. „Orgastische Potenz“ lässt sich aber, so Reichs Überzeugung, nicht durch Einzeltherapien, sondern nur durch fundamentale gesellschaftliche Veränderungen erreichen.  

So war es eine logische Konsequenz, dass Reich sich für eine Verbindung von Marxismus und Psychoanalyse aussprach, die später als „Freudomarxismus“ bekannt wurde und nicht zuletzt durch die Kritische Theorie beachtliche Verbreitung erfuhr. Zu den zentralen Thesen des Freudomarxismus gehört, dass die sexuelle Befreiung des Einzelnen Voraussetzung und Resultat einer revolutionären Bewegung für die gesellschaftliche Befreiung des Menschen sei. Das hieß für Reich, dass die Sexualwissenschaft „politisch und links ist, ob sie will oder nicht“.

1930 zog er nach Berlin, trat der KPD bei und gründete 1931 den Deutschen Reichsverband für Proletarische Sexualpolitik, eine kommunistische Plattform für Sexualreformer und -revolutionäre. Die von ihnen propagierte Sexualpolitik (Sexpol) beinhaltete Forderungen nach Lockerung von Gesetzen, die Vorschriften und Verbote zum Sexualverhalten, zur Ehe und zu Schwangerschaftsabbrüchen enthielten.

Ressentiment und Hass

1932 veröffentlichte Reich seine Studie „Der Einbruch der Sexualmoral“. Mit seinen Vorstellungen von befreiter Sexualität machte er sich in der KPD Feinde: „Reich will, dass wir aus den Turnhallen unserer Vereine Bordelle machen“, war ein verbreitetes Ressentiment. Sein 1933 erschienenes Buch „Massenpsychologie des Faschismus“, in dem er auch psychologische Gründe für die Wahlniederlage der KPD anführte, bescherte ihm den Parteiausschluss.   

Als Marxist mit revolutionärem Optimismus setzte Reich sich auch in Widerspruch zur Auffassung der Psychoanalyse von Freud, der in den 1920er-Jahren zu einer mehr und mehr negativen Charakterisierung der menschlichen Natur gelangt war. Die unterschiedliche Auffassung über mögliche Wege zur psychischen Gesundheit des Menschen, aber auch divergierende Weltanschauungen wucherten zu einem Konflikt zwischen den beiden Wissenschaftlern, der 1934 zu Reichs Rauswurf aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung führte.

Mit seiner jüdischen Herkunft, vor allem aber als Urheber der These,  dass die Entstehung, Verbreitung und Internalisierung der faschistischen Ideologie nicht losgelöst von der brutalen Triebunterdrückung des Menschen in der bislang nicht emanzipativ verlaufenen Zivilisationsgeschichte analysiert werden kann – die Grundlage für Erich Fromms Konzept des „autoritären Charakters“, später für Theodor W. Adornos „Studien zum autoritären Charakter“ –, wurde Reich zum Hassobjekt der Nazis. „Faschismus ist das Resultat jahrtausendealter Verunstaltung der Menschen“ oder „Die moralische Hemmung der natürlichen Geschlechtlichkeit macht ängstlich, scheu, autoritätsfürchtig, gehorsam“ – solche Thesen reichten den braunen Kameraden völlig aus, um Wilhelm Reichs Bücher 1933 auf den Scheiterhaufen zu werfen. Er musste fliehen und landete 1939 nach diversen Zwischenstationen in New York.

„Orgon“ – Orgasmus und Organismus

In den USA beginnt ein neues Kapitel in seiner Schaffensgeschichte, Reich, so seine Kritiker, nach und nach auf die schiefe Bahn der Parawissenschaften zu geraten – und Svobodas Film zu erzählen: Reich widmete sich voller Enthusiasmus und mit der Unterstützung seiner dritten Frau Ilse und Eva, seiner Tochter aus erster Ehe, der krönenden Vollendung seines Lebenswerks: Dem von ihm entdeckten „Orgon“ (Lebensenergie), der „Orgonomie“ (der Begriff setzt sich aus den Worten „Orgasmus“ und „Organismus“ zusammen und bezeichnet die Wissenschaft der kosmischen, präatomaren, urweltlichen, universellen Energie, aus der das Leben entsteht) und der von ihm entwickelten „Orgon-Therapie“, die Spannungen im Menschen lösen und blockierte Energien zum Fließen bringen sollte.

Für die Sammlung der Bioenergie im Menschen erfand er den „Orgon-Akkumulator“, einen Kasten, in den sich der Patient für eine bestimmte Zeit hineinsetzen sollte. Er kreierte einen „Cloudbuster“, eine Art Kanone, die Regen produzieren sollte (Wunder oder Zufall – 1953 ist ihm das, trotz Trockenheit prognostizierenden Wetterberichts, in Maine im Auftrag von dort ansässigen Farmern gelungen), indem sie „Orgon“-Strahlen in die Atmosphäre schoss.

Im Visier von McCarthys Ermittlern

Eine Würdigung seiner Arbeit durch den Physiker Albert Einsteins blieb Reich verwehrt. Aber nicht nur das: Bald wurde er vom Establishment der US-amerikanischen Wissenschaft offen bekämpft. Im Film ist der Psychiater Donald Ewan Cameron sein erbittertster Feind. Cameron hatte sich in den Dienst der Herren des Kalten Krieges gestellt und ab 1953 für die CIA eine Reihe äußerst brutaler, zum Teil tödlich endender Menschenversuche zur Bewusstseinskontrolle (Name des Programms: MK ULTRA) an mutmaßlich schizophrenen, aber auch anderen völlig ahnungslosen Krankenhauspatienten mit Elektroshocks durchgeführt.

Reich – der derartige Praktiken verabscheute, zudem entschiedener Gegner der kriegerischen Nutzung der Atomkraft war –, geriet ins Visier von McCarthys Ermittlern und der Gesundheitsbehörde. Er wurde bespitzelt, beschattet, bedroht, denunziert. Galten die Repressionen mehr dem „verrückten Sexdoktor“ und dem gefährliche Therapien praktizierenden „polternden Agitator“, für den ihn ZEIT-Redakteur Stefan Müller hält (3), oder dem „Kommunisten-Arzt“, als welcher Reich in den Vereinigten Staaten nicht zuletzt stigmatisiert und gejagt wurde? Die Hauptmotive für die gerichtlichen Anordnungen gegen Reich, die etwa die Anwendung und Distribution der „Orgon-Akkumulatoren“ untersagten, bleiben nicht nur im Film weitgehend im Dunkeln.

Schließlich landeten seine Apparaturen und (erneut, diesmal im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“) seine Bücher unter Aufsicht der amerikanischen Lebensmittelüberwachung, Food and Drug Administration, im Feuer – und Reich, nachdem er immer wieder Verfügungen der Gerichte ignoriert hatte, 1956 im Gefängnis. Das Ende seiner zweijährigen Haftstrafe sollte er nicht mehr erleben. Er starb am 3. November 1957 in Lewisburg, Pennsylvania. Die offizielle Ursache:  Herzversagen. Reichs Anhänger sprechen bis heute ohne fundierte Begründung von „mysteriösen  Umständen“ seines Todes.   

Als Freudomarxist ein radikaler Aufklärer

Sein umfangreiches interdisziplinäres Werk wurde zehn Jahre später von der 68er-Bewegung wiederentdeckt und Reich als politischer Psychoanalytiker und sexueller Revolutionär gefeiert: Dem „Tagträumer“, „Wunderheiler“ und „genialischen Außenseiters“ sei ein „später Triumph“ beschert. „Durch die Straßen Berlins trugen rebellierende Studenten Transparente mit dem Namen Wilhelm Reichs. Apo-Verlage brachten in Raubdrucken seine Schriften neu heraus. Neben Mao, Marx und Marcuse wurde Reich zu einem Propheten der Neuen Linken“, vermeldete 1969 Der Spiegel. „Es waren die Mitglieder der Berliner Kommunen, die Reich zu ihrem Heros erkoren.“ (4)

Der Wissenschaftsjournalist Bernd Nitzschke gab 2007 bei der Eröffnung einer Ausstellung im Jüdischen Museum Wien anlässlich Wilhelm Reichs 50. Todestag zu bedenken: „Wenn Psychoanalyse und Neurowissenschaften heutzutage fröhlich Hochzeit feiern, dann mag manche ,biologische‘ Idee Reichs nicht mehr ganz so abstrus erscheinen.“ (5)

Nicht nur das. In einer Zeit, in der die Menschen der westlichen Welt vorsätzlich von ihren Regierungen – nicht von real existierenden Terroristen! – mit Daueralarmen permanent in Schockstarre versetzt werden, alles und jeder für den Weltkrieg „gegen den Terror“ zwangsrekrutiert wird, könnte Wilhelm Reich ein großes Comeback als radikaler Aufklärer feiern. Denn heute, wo die Methoden der Psycho-Folter perfektioniert und mit Tools wie PRISM ganz neue Dimensionen der Überwachung und Kontrolle erreicht worden sind, gilt mehr denn je, was schon McCarthys Schergen begriffen und befürchtet hatten: Jemand, der sich so verdammt gut auskennt mit der Angst des Menschen, ihren Ursachen und auch den Mitteln, sich von ihr effektiv zu befreien, kann denjenigen, die sie skrupellos als Herrschaftsinstrument benutzen, gehörig in die Parade fahren.

Umso bedauerlicher, dass Svoboda Wilhelm Reich in seinem Film nur als apolitischen Weltverbesserer und kompromisslosen Menschenfreund, nicht aber als Freudomarxist zu Wort kommen lässt (dessen Bücher – erführen diese denn wieder eine nennenswerte Rezeption – die modernen Antiterror-Inquisitoren vermutlich nicht zögern würden, ein drittes Mal den Flammen zu übergeben). Damit bleiben dem Zuschauer leider auch brillante Diagnosen des fortgeschrittenen Kapitalismus und Kritiken des blinden Verharrens in den falschen idealistischen Vorstellungen vom Menschen als außernatürliches Wesen wie diese verschlossen: „Die charakterliche Struktur des heutigen Menschen, der eine sechstausend Jahre alte patriarchalisch-autoritäre Kultur fortpflanzt, ist durch charakterliche Panzerung gegen die innere Natur und gegen die äußerlich gesellschaftliche Misere gekennzeichnet. Sie ist die Grundlage von Vereinsamung, Hilfsbedürftigkeit, Autoritätssucht, Angst vor Verantwortung, mystischer Sehnsucht, sexuellem Elend, neurotisch hilfloser Rebellion, ebenso wie krankhaft-widernatürlicher Duldsamkeit. Die Menschen haben sich dem Lebendigen in sich feindselig entfremdet. Die Entfremdung ist nicht biologischen, sondern sozial- ökonomischen Ursprungs.“ (6)


Anmerkungen

1 „Der Fall Wilhelm Reich“ läuft ab 5. September in den deutschen Kinos. Nähere Informationen: www.reich-derfilm.de
2 Colin Goldner, Die Psycho-Szene, Aschaffenburg 2000
3 http://www.zeit.de/2013/02/Film-Der-Fall-Wilhelm-Reich-Orgontherapie
4 http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45317956.html
5 http://www.zeit.de/2007/52/W-Reich-Ausstellung
6 Wilhelm Reich, Die Funktion des Orgasmus/Entdeckung des Orgons I, 1940

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