Zeitfragen

Mehr Bürokratie und weniger Freiheit – wie die KI den Kapitalismus perfektioniert

Die Digitalisierung steht in engem Zusammenhang mit dem Kapitalismus. Der Schweizer Ökonom Mathias Binswanger erläutert im Interview, warum die sogenannte künstliche Intelligenz (KI) die Wirtschaft zunehmend vom Menschen abkoppelt, ihn überwacht, die Produktivität in der Wirtschaft weiter steigert und zugleich zu mehr Bürokratie führt. Mit ihm sprach TILO GRÄSER.

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Foto: geralt Quelle: pixabay Lizenz
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HINTERGRUND Herr Binswanger, in Ihrem letzten Buch beschreiben Sie die Verselbst­ständigung des Kapitalismus. Ich bin immer dafür, zu Beginn eines Gesprächs Begriffe zu klären. Da wäre die erste Frage: Was ist Kapitalismus?

MATHIAS BINSWANGER Das ist ein Wirt­schaftssystem, das im 19. Jahrhundert ent­standen ist, im Wesentlichen nach der in­dustriellen Revolution, als Kapital zum wichtigsten Produktionsfaktor neben Arbeit wurde. Und dieses Wirtschafts­system ist charakterisiert durch einige spezielle Eigenschaften. Unter anderem gehört dazu, dass es auch eine Geldwirt­schaft ist, in der es darum geht, möglichst hohe Gewinne zu erzielen, dass es Märkte gibt und wichtige Güter auf Märkten ge­ handelt werden, die Preise durch Angebot und Nachfrage bestimmt werden und dass es dort einen Wettbewerb gibt, der die ein­ zelnen Unternehmen dazu zwingt, ständig zu versuchen, besser zu sein als die Konkur­renz. In diesem System gibt es keinen Still­stand. Stattdessen müssen Unternehmen ständig versuchen, neue Produkte auf den Markt zu bringen und effizienter zu produ­zieren mithilfe des technischen Fortschritts. Das führt am Schluss zu einem System, das nur erfolgreich ist, wenn es auch ein Wirt­schaftswachstum gibt.

HINTERGRUND Dann die nächste Grund­satzfrage in dem Zusammenhang des Themas: Was ist künstliche Intelligenz? Was verstehen Sie darunter?

BINSWANGER Wir wissen nicht mal genau, was Intelligenz ist, geschweige denn, was künstliche Intelligenz ganz genau ist. Die beste Definition dafür stammt immer noch von Marvin Minsky, einem der Pio­niere dieser künstlichen Intelligenzen, aus den 1980er Jahren. Der hat gesagt: Wenn Menschen Intelligenz brauchen würden, dasselbe zu tun, was eine KI leis­tet, dann nennen wir es intelligent. Unab­hängig davon, ob es tatsächlich intelligent ist oder nicht. Aber das wissen wir ja bei Menschen auch nicht, wenn sie Antworten geben, ob sie tatsächlich intelligent sind oder nur so tun, als ob sie intelligent sind. Das ist letztlich eine sehr pragmatische Definition. Wenn Algorithmen irgendet­was leisten, was uns intelligent erscheint, dann sprechen wir von künstlicher Intel­ligenz.

HINTERGRUND Programmierer sagen ja, das ist alles nur Programmierung …

BINSWANGER Genau, die sagen dann: Das ist ja gar nicht wirklich intelligent. Wir soll­ten gar nicht von künstlicher Intelligenz sprechen. Aber wie gesagt, wir wissen nicht genau, was Intelligenz ist. Und des­halb müssen wir uns einigen, was wir mit künstlicher Intelligenz beschreiben. Unab­hängig davon, ob wir das nach irgendwel­chen anderen Kriterien tatsächlich als in­telligent bezeichnen oder nicht.

HINTERGRUND In Ihrem Buch beschäfti­gen Sie sich mit der Verselbstständigung des Kapitalismus durch die KI. Sie hatten in Ihrem vorherigen Buch über den Wachs­tumszwang festgestellt, dass sich der Kapi­talismus bereits durch diesen Wachstums­ zwang verselbstständigt hat. Was ist jetzt das Neue durch die KI?

BINSWANGER Traditionell von Menschen getroffene Entscheide werden an KI de­legiert, welche diese Entscheide schnel­ler und informierter treffen kann als ein Mensch. Sie kann in kürzerer Zeit viel mehr Informationen erfassen und dann entspre­chend verarbeiten und Entscheidungen daraus ableiten. Insbesondere Unterneh­men delegieren gerne Entscheide an die KI. Diese kann zum Beispiel viel schneller alle relevanten Entwicklungen auf Finanzmärkten auf der ganzen Welt erfassen. Sie kann dann entsprechend daraus Investitionsent­scheidungen auf Finanzmärkten ableiten. Damit werden diese Entscheidungen an die KI delegiert. Das Ziel ist ja, eine möglichst hohe Rendite bei einem bestimmten Risiko zu erzielen. Damit verselbstständigen sich dann die Investitionsentscheidungen und werden vom Menschen unabhängig.

HINTERGRUND Da fällt mir noch eine andere Frage ein: KI braucht ja einen hohen Energieaufwand. Es gibt Berichte über die Rechenzentren, die immer größer werden und immer mehr Strom verbrauchen. Ist KI für die Wirtschaft tatsächlich effektiv? Und ist sie ökologisch? Wie sehen Sie die Ökonomie der KI?

BINSWANGER Das ist nicht zwingend ef­fektiv, und gerade beim Energieverbrauch sieht man ja auch die Schizophrenie. Auf der einen Seite soll KI dazu dienen, die Wirtschaft ökologischer zu machen. Auf der anderen Seite ist sie an einen enor­men Energiebedarf gekoppelt, sodass wir gar nicht wissen, ob die KI tatsächlich dazu beitragen kann, die Wirtschaft ökologischer zu machen. Also braucht es weitere Tech­nologiefantasien. Eine solche Fantasie be­ trifft das Quantencomputing, welches an­geblich den Energieverbrauch drastisch senken wird. Aber das ist eine Utopie, und wir haben keine Ahnung, ob Quantencom­puting jemals kommen wird.

HINTERGRUND Mit der Digitalisierung wird ja auch der Abbau von Bürokratie versprochen in Wirtschaft und Staat. Sie weisen in Ihrem Buch darauf hin. Gleich­ zeitig sagen Sie aber, KI führe im Gegen­teil zu mehr Bürokratie. Warum ist das so?

BINSWANGER Weil die KI nie gekannte Möglichkeiten für das Controlling eröffnet, da sich Menschen und Prozesse jetzt in Echt­zeit überwachen und optimieren lassen. Also werden jetzt noch viel mehr Daten erhoben und ausgewertet, als dies jemals der Fall war, und das Controlling wird entsprechend in­tensiviert. Wann immer man die Möglichkeit schafft, eine Tätigkeit zu intensivieren, dann wird diese Chance wahrgenommen, und bei der KI ist das nicht anders. Intensivere Datenbeschaffung und Controlling mithilfe von KI schaffen zusätzlich auch neue Komplexitäten. So haben wir heute zum Beispiel das Problem des Datenschutzes. Deshalb muss man die Datenverwendung entspre­chend regulieren, und es entstehen Bürokra­tiemonster wie die Datenschutzgrundverordnung. Auf diese Weise haben wir am Schluss nicht weniger, sondern mehr Bürokratie.

HINTERGRUND Wie kann man das dann den Menschen erklären, denen weniger Bü­rokratie versprochen wird, wenn das so ist, wie Sie es beschreiben?

BINSWANGER Es wird im Kleinen Büro­kratie abgebaut, indem vielleicht irgendein Formular, das man bisher selbst ausfüllen musste, mithilfe von KI ausgefüllt werden kann. In solchen Einzelfällen spricht man dann von Bürokratieabbau. Im Kleinen vereinfacht man ein paar Dinge, aber im Großen wird die Bürokratie weiter ausge­baut. KI ermöglicht auch eine viel inten­sivere Regulierung und Dokumentierung.

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MATHIAS BINS­ WANGER ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten und Privatdozent an der Universität St. Gallen. Er ist Autor des 2006 erschienenen Buches Die Tretmühlen des Glücks, das in der Schweiz zum Bestseller wurde. 2024 erschien sein neuestes Werk Die Verselbstständigung des Kapitalismus. Wie KI Menschen und Wirtschaft steuert und für mehr Bürokratie sorgt. Laut dem Ökonomen-Ranking der Neuen Zürcher Zeitung gehört Mathias Binswanger regelmäßig zu den einflussreichsten Ökonomen in der Schweiz.

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