Zeitfragen

Überwachungskapitalismus to go

Die von Amazon eingeführten kassenlosen stationären Amazon-Go-Läden werden wieder geschlossen. Über die Auswirkungen einer total transparenten Menschheit.

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Foto: Alexas_Fotos Quelle: Pixabay Lizenz
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Die Meldung ist eine kleine Sensation. Ende Januar gab der US- Online-Händler Amazon bekannt, seine stationären Amazon-Go-Läden wieder dichtzumachen, also jene Mini-Supermärkte, die komplett ohne Kassen auskommen. Kunden konnten dort die Produkte einfach aus dem Regal nehmen und den Laden wieder verlassen. Personal wurde nur noch für einfache Serviceleistungen wie das Einräumen der Regale gebraucht. Diese »Just Walk Out«-Läden, wie Amazon das Konzept nennt, sind deutlich kleiner als übliche Supermärkte. Zuletzt gab es in Nordamerika noch 14 davon. 1

Das Aus dieser Amazon-Go-Läden ist bemerkenswert. Denn bei ihrer Einführung im Jahr 2018 galten sie noch als Vorbote einer dystopischen Konsumwelt, in der sich die Kunden mithilfe modernster Überwachungstechnik lückenlos tracken und analysieren lassen. Dazu mussten sie sich nur die Amazon-App auf ihr Smartphone laden und beim Betreten des Ladens den entsprechenden Code scannen, dann erfassten Gewichtssensoren und Kameras den Einkauf, abgerechnet wurde wieder über die App. Der Vorteil schien klar: Der Händler spart sich das Kassenpersonal, der Kunde das Schlangestehen.

Ähnlichkeit mit chinesischem Sozialpunktesystem

Der Wirtschaftsjournalist und Bargeld-Aktivist Norbert Häring hatte seinen 2018 erschienenen Bestseller Schönes neues Geld sogar mit einem Bericht über die Eröffnung des ersten Amazon-Go-Ladens in Seattle aufgemacht. Er schrieb: »Die Zukunft des Bezahlens ist 2018 in der Gegenwart angekommen. In Seattle, an der Westküste der USA, eröffnete das erste Amazon-Go-Ladengeschäft für die Allgemeinheit.« 2 Häring ging dann sogar so weit, die sich neu auftuende Amazon-Bezahlwelt mit dem chinesischen Sozialpunktesystem zu vergleichen. »Grundlage beider Systeme ist die zuverlässige automatische Identifizierung der Handelnden und die lückenlose automatische Überwachung ihres Handelns. In den chinesischen Städten erfassen Kameras mit Gesichtserkennungssoftware die Passanten auf Schritt und Tritt, genauso wie im Amazon-Go-Laden.« 3

In Europa betrieb Amazon lediglich in der britischen Hauptstadt London einen derartigen Shop, nach Deutschland haben es die Läden dann nicht mehr geschafft. Allerdings gab es Nachahmer. Der Handelskonzern REWE etwa hat 2021 in Köln den ersten kassenlosen Testmarkt auf deutschem Boden aufgemacht.4 Nahezu zeitgleich eröffnete der Discounter ALDI SÜD in London einen Testmarkt. 5 ALDI NORD zog ein Jahr später mit einer »Shop & Go«- Testfiliale in der niederländischen Stadt Utrecht nach. 6 Die Deutsche Bahn nahm 2023 dann am Berliner Ostbahnhof den ersten kassenlosen Shop in Betrieb. 7 Und auch in dem Örtchen Wenningstedt auf der Ferieninsel Sylt gab es Pläne, einen komplett kassenlosen Supermarkt aufzuziehen. Der dortige EDEKA-Kaufmann Jörg Meyer begründete sein Ansinnen mit dem akuten Fachkräftemangel auf der Insel. 8

»Pay as you go« in der »Sharing Economy«

Die »Pay as you go«-Logik dieser kassenlosen Supermärkte ist freilich keine Erfindung von Amazon, sondern liegt bereits vielen Geschäftsmodellen der »Sharing Economy« (Plattformökonomie) zugrunde. Autofahrer kaufen keine Autos und Fahrradfahrer kaufen keine Fahrräder, sie leihen oder teilen sie und zahlen pro Stunde oder gefahrenem Kilometer. Heimwerker besorgen sich ihr Werkzeug auf Stundenbasis, Filmfans kaufen keine DVDs, sie streamen. All dies erinnert frappant an den Spruch »Ihr werdet nichts besitzen, und ihr werdet glücklich sein!« des Weltwirtschaftsforumsgründers Klaus Schwab. Im Grunde ist dieses »Pay as you go«-Konzept überall dort anwendbar, wo eine exakte digitale Abrechnung pro Nutzungseinheit möglich ist – so etwa beim Autobahnbau, wo per Maut direkt beim Autofahrer (Nutzer) abkassiert wird, die Steuerfinanzierung kann dann entfallen.

Über das Für und Wider dieser Entwicklung lässt sich trefflich streiten. Umweltschützer betonen, dass sich durch gemeinsames Nutzen Ressourcen einsparen lassen. Konsumkritiker monieren dagegen, dass gerade eine Welt im Begriff ist zu entstehen, in der alles vermarktet und privatisiert wird, in der jeder Schritt, jeder Tritt und jeder Klick einen Bezahlvorgang auslöst. Wo diese Entwicklung endet, wenn man sie auf die Spitze treibt, lässt sich hervorragend in dem 1969 erschienenen Zukunftsroman Ubik des Autors Philip K. Dick bestaunen. Dort verliert der Protagonist Joe Chip komplett die Kontrolle über sein Leben. Sein Haus kann er nur noch verlassen, wenn jemand die Tür dafür bezahlt, dass sie sich öffnet.

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THOMAS TRARES ist Diplom-Volkswirt. Seit 2004 arbeitet er als freier Wirtschaftsjournalist in Berlin.

1 https://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-konsumgueter/amazon-go- amazon-macht-mini-supermaerkte-ohne-kassen-dicht/100195345.html
2 Häring, Norbert, Schönes Neues Geld, Frankfurt/New York 2018, S. 7
3 Ebd., S. 8
4 https://www.golem.de/news/amazon-go-konkurrenz-rewe-eroeffnet-ersten-
kassenlosen-supermarkt-2110-160605.html
5 https://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-konsumgueter/discounter-
aldi-testet-geschaeft-ohne-kasse/27628958.html
6 https://www.heise.de/news/Aldi-Nord-Kassenlose-Testfiliale-in-Utrecht-
eroeffnet-7184497.html
7 https://www.stores-shops.de/neueroeffnungen/pick-go-deutsche-bahn-eroeffnet-
8 https://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-konsumgueter/einzelhandel-die- technik-ist-herausragend-edeka-kaufmann-plant-kassenlose-laeden/29121638.html

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