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Gesteuertes Chaos: Wie Washington die multipolare Welt sabotiert und Europa opfert

Angesichts der eskalierenden Energieblockaden und des Krieges gegen den Iran im Frühjahr 2026 zieht der italienische Publizist Thomas Fazi eine radikale Bilanz der globalen Unordnung. Im Gespräch mit ÉVA PÉLI analysiert der Autor von The Battle for Europe, wie Washington die aktuelle Destabilisierung als kalkuliertes Werkzeug nutzt, um eine neue Weltordnung im Keim zu ersticken. Fazi beschreibt die europäische Krise dabei nicht als Unfall, sondern als Resultat eines »stillen Putsches« der Brüsseler Bürokratie, der den Kontinent – und insbesondere Deutschland – in eine dauerhafte industrielle und politische Unterordnung zwingt.

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Gesteuertes Chaos: Wie Washington die multipolare Welt sabotiert und Europa opfert

Angesichts der eskalierenden Energieblockaden und des Krieges gegen den Iran im Frühjahr 2026 zieht der italienische Publizist Thomas Fazi eine radikale Bilanz der globalen Unordnung. Im Gespräch mit ÉVA PÉLI analysiert der Autor von The Battle for Europe, wie Washington die aktuelle Destabilisierung als kalkuliertes Werkzeug nutzt, um eine neue Weltordnung im Keim zu ersticken. Fazi beschreibt die europäische Krise dabei nicht als Unfall, sondern als Resultat eines »stillen Putsches« der Brüsseler Bürokratie, der den Kontinent – und insbesondere Deutschland – in eine dauerhafte industrielle und politische Unterordnung zwingt.

HINTERGRUND Herr Fazi, während die Welt den Anbruch einer multipolaren Ära heraufbeschwört, deuten Sie die Außenpolitik aus Washington – insbesondere seit der Ära Trump – als kalkuliertes »gesteuertes Chaos«. Wie nutzen die USA diese systematische Destabilisierung als Werkzeug, um die Geburt einer neuen Weltordnung im Keim zu ersticken? Und wer zahlt den höheren Preis für diesen globalen Sabotageakt: der strategische Rivale China oder die zur Bedeutungslosigkeit degradierten europäischen »Partner«?

THOMAS FAZI Ich bin fest davon überzeugt, dass Washingtons Strategie keineswegs ziellos ist, sondern vielmehr eine bewusste Inszenierung von permanentem Chaos und globaler Unordnung darstellt. Da die USA unfähig sind, ihre Rivalen im direkten Schlagabtausch niederzuringen, setzen sie alles daran, die Konsolidierung jeder stabilen, alternativen Ordnung zu verhindern. Die Logik dahinter ist zwingend: Eine multipolare Welt erfordert per Definition ein gewisses Maß an internationaler Stabilität und Berechenbarkeit. Indem Washington diese Ordnung jedoch systematisch zertrümmert – Verträge aufkündigt, Sanktionen als Waffe missbraucht, illegale Kriege entfesselt und Staaten an der Peripherie destabilisiert –, stellt es sicher, dass kein kohärentes Konkurrenzsystem jemals Wurzeln schlagen kann.

Sowohl China als auch Europa stehen im Fadenkreuz dieser globalisierten Stellvertreterkrieg-Strategie, die gezielt die schwächsten Glieder des rivalisierenden Systems attackiert. Dabei sind beide jedoch auf völlig unterschiedliche Weise betroffen: China ist zwar der fundamentale, langfristige Gegner, dessen Aufstieg um jeden Preis sabotiert werden soll; doch das Land ist zugleich groß, nuklear bewaffnet und ökonomisch viel zu tief in das Weltgefüge integriert, um direkt angegriffen zu werden. Europa hingegen ist weitaus verwundbarer und in vielerlei Hinsicht ein unmittelbar lohnenderes Ziel. Europa in einem Zustand der Destabilisierung und Abhängigkeit zu halten und es über die NATO sowie den Energiesektor fest an Washington zu ketten, verhindert den Aufstieg des einzigen geopolitischen Blocks, der – sollte er jemals echte Autonomie erlangen – das globale Gleichgewicht endgültig kippen könnte: ein eurasischer Wirtschaftsraum, der vollumfänglich in einen neuen multipolaren Rahmen integriert ist.

Europa ist daher das primäre Opfer dieser Strategie, wohl noch in weitaus stärkerem Maße als China. Der Krieg in der Ukraine, die Sabotage von »Nord Stream«, der erzwungene Umstieg auf teures US-Flüssiggas sowie der Krieg gegen den Iran und dessen verheerende energetische Konsequenzen für den Kontinent sind keine Unfälle. Es handelt sich um die kalkulierten Resultate einer Strategie, die darauf abzielt, Europa schwach, gespalten und in dauerhafter Unterordnung zu halten.

HINTERGRUND Ist die europäische Energieinfrastruktur im März 2026 zur ultimativen Erpressungswaffe Washingtons und Kiews verkommen? Angesichts der gezielten Blockaden strategischer Pipelines wie der »Druschba« stellt sich die Frage: Wird hier eine künstliche Knappheit inszeniert, um »ungehorsame« EU-Staaten wie Ungarn oder die Slowakei durch energetischen Entzug politisch zu zertrümmern?

FAZI Dass die Energieinfrastruktur zu einem Instrument des geopolitischen Diktats geworden ist, ist längst keine Hypothese mehr, sondern eine dokumentierte Tatsache. Die Nationale Sicherheitsstrategie der USA definiert »amerikanische Energiedominanz« explizit als strategische Priorität. Dabei hat die Trump-Administration nie einen Hehl daraus gemacht, LNG-Exporte gezielt als Hebel einzusetzen, um politische und wirtschaftliche Konzessionen von europäischen Regierungen zu erpressen.

Die Situation um die »Druschba«-Pipeline erfordert jedoch eine noch präzisere Analyse. Die Angriffe auf die ungarische und slowakische Energieinfrastruktur sind am plausibelsten jenen transatlantischen Machtstrukturen in Brüssel und der NATO zuzuschreiben, die zwar liberale Fraktionen innerhalb des US-Staatsapparats umfassen, aber nicht deckungsgleich mit dem Weißen Haus betrachtet werden sollten. Der Zeitpunkt der Eskalation ist hierbei entlarvend: Diese Manöver zielen unmissverständlich darauf ab, die Regierung von Ministerpräsident Viktor Orbán unmittelbar vor den Wahlen zu destabilisieren. Da Orbán einer der engsten europäischen Verbündeten Trumps ist, wäre es widersinnig, die Urheberschaft beim Weißen Haus zu suchen. Was wir hier vielmehr erleben, ist der permanente transatlantische Verwaltungsapparat, der seine eigenen institutionellen Interessen verfolgt und ein störendes Element eliminiert – selbst wenn er damit gegen die Interessen eines Verbündeten des amtierenden US-Präsidenten operiert.

Der entscheidende Punkt bleibt dennoch unberührt: Energie ist zum zentralen Hebel geworden, mit dem sowohl Washington als auch der Brüsseler Machtapparat jene Mitgliedstaaten disziplinieren, die eine souveräne Politik wagen. Ungarn und die Slowakei werden letztlich nicht für den Bruch von EU-Regeln abgestraft, sondern für ihre Weigerung, die eigenen nationalen Interessen dem transatlantischen Konsens bedingungslos unterzuordnen.

HINTERGRUND In Ihrem Bericht für das MCC Brüssel sprechen Sie offen von einem »stillen Putsch« durch die EU-Kommission. Warum lässt sich die Brüsseler Bürokratie auf dieses ökonomische Selbstzerstörungsspiel ein, das faktisch nur Washington nutzt? Und wie systematisch wird die aktuelle Krise instrumentalisiert, um den souveränen Nationalstaaten ihre rechtmäßigen Befugnisse zu entreißen?

FAZI Washington unterstützt die europäische Integration bereits seit langem, basierend auf der rationalen Kalkulation, dass eine supranationale Regierung weitaus leichter zu steuern ist als Dutzende einzelne Nationalstaaten. Insofern fungierte die EU tatsächlich schon immer teilweise als Instrument zur Ausübung von US-Einfluss. Doch sie allein darauf zu reduzieren, hieße, einen entscheidenden Punkt zu übersehen: Die tiefere Funktion der EU besteht im systematischen Transfer von Macht – weg von demokratischen Nationalstaaten und hin zu elitären, oligarchischen Interessen im finanziellen, korporativen und bürokratischen Sektor. Deren Einfluss wächst genau in dem Maße, in dem die Regierungsführung in Institutionen verlagert wird, die jeglicher demokratischen Rechenschaftspflicht entzogen sind. Der Brüsseler Machtapparat dient somit einer transnationalen Superklasse; die Verbindung zu Washington ist dabei lediglich eine Dimension des Ganzen, aber keineswegs die gesamte Geschichte.

Was sich unter Ursula von der Leyen jedoch grundlegend geändert hat, sind das Tempo und die Unverfrorenheit dieser Zentralisierung. Der Iran-Krieg bot hierfür eine willkommene Gelegenheit, die von der Kommission umgehend instrumentalisiert wurde, um die Kontrolle über außenpolitische Bereiche zu übernehmen, die formell eigentlich dem Hohen Vertreter der Union für Außen- und Sicherheitspolitik zustehen. Im Zuge dessen wurden gezielt Parallelstrukturen geschaffen, darunter eine Geheimdienstzelle unter direkter Aufsicht der Kommission sowie eine neue Generaldirektion für den Nahen Osten. Das Muster dahinter ist konsistent: Jede neue Krise dient als Vorwand für einen weiteren Souveränitätstransfer nach oben – weg von den Mitgliedstaaten und weg von jenen Institutionen, die zumindest noch über eine minimale demokratische Verankerung verfügen.

HINTERGRUND Während die EU eine fast vollständige Abkopplung von Russland erzwingt, hält Budapest an strategischen Großprojekten wie dem Kernkraftwerk »Paks II« fest. Dabei handelt es sich keineswegs um eine rein bilateral-russische Kooperation; neben der Technologie von Rosatom sind auch führende westliche Konzerne wie die französische Framatome oder europäische Zulieferer für das Leitsystem massiv involviert. Können solche grenzüberschreitenden technologischen Kooperationen als unverzichtbare Ankerpunkte für eine multipolare Integration Europas dienen? Und warum scheint Ungarn das einzige EU-Land zu sein, das den Begriff der »strategischen Autonomie« tatsächlich ernst nimmt?

FAZI Ungarns Beharren auf der Fertigstellung von »Paks II«, die Aufrechterhaltung der Energiebeziehungen zu Russland und die konsequente Pflege der Handelskontakte zu China spiegeln ein kohärentes Verständnis dessen wider, was strategische Autonomie in der Praxis tatsächlich erfordert. Dies steht im krassen Gegensatz zu der rein rhetorischen Version, die aus Brüssel feilgeboten wird. Projekte wie »Paks II« sind dabei nicht nur wegen ihres Energieertrags von Bedeutung, sondern fungieren als langfristige Anker: Sie schaffen technologische und ökonomische Bindungen, die weitaus schwerer zu kappen sind als bloße politische Übereinkünfte. Zudem signalisieren sie den Partnern, dass Budapest entschlossen ist, ungeachtet des massiven institutionellen Drucks ein ernstzunehmender Gesprächspartner zu bleiben.

Dass Ungarn in dieser Hinsicht weitgehend allein steht, lässt sich zum einen durch die Persönlichkeit von Ministerpräsident Viktor Orbán erklären – ein im Vergleich zu den kläglichen Standards der gegenwärtigen europäischen Politik wahrhaft außergewöhnlicher Staatsmann. Er hat bewiesen, dass er bereit ist, dauerhafte finanzielle und institutionelle Bestrafungen in Kauf zu nehmen, um die nationalen Interessen Ungarns zu verteidigen. Doch es gibt auch eine tiefere, strukturelle Erklärung: Bis in die 1990er Jahre hinein waren die mittel- und osteuropäischen Länder weitgehend vor jener kulturellen und ideologischen Kolonialisierung geschützt, welche die jahrzehntelange Soft Power der USA, die mediale Dominanz und der transatlantische Institutionenaufbau Westeuropa aufgezwungen haben. Das Ergebnis ist ein robusteres, unbefangeneres Nationalbewusstsein; diese Gesellschaften wurden nie vollständig »umprogrammiert«. Ungarn unter Orbán ist heute das Land, das am entschlossensten bereit ist, auf Basis dieser historischen Differenz zu handeln.

HINTERGRUND Als Ungarn im März 2026 als Reaktion auf die Blockaden der »Druschba«-Pipeline die Diesellieferungen an die Ukraine vorübergehend einstellte, wurde dies in Brüssel umgehend als »unsolidarisch« gebrandmarkt. Ist der Begriff der »europäischen Solidarität« heute verkommen zu einer ideologischen Waffe, um nationale Interessen zu unterdrücken und jede souveräne Diplomatie – etwa gegenüber Russland oder den BRICS-Staaten – zu stigmatisieren?

FAZI Die selektive Anwendung der »europäischen Solidarität« verrät im Grunde alles, was man über die tatsächliche Praxis dieses Konzepts wissen muss. Während die EU-Mitgliedstaaten Ungarn und die Slowakei durch die ukrainischen Pipeline-Unterbrechungen messbaren wirtschaftlichen Schaden erleiden, werden sie von Brüssel herablassend über ihre Verpflichtungen gegenüber dem Block belehrt. Paradoxerweise wird die Ukraine, die kein Mitgliedstaat ist, so behandelt, als könne sie bedingungslose Loyalität von jeder europäischen Regierung einfordern. Dass Ungarn die Diesellieferungen als direkte Reaktion auf die Angriffe gegen die eigene Infrastruktur aussetzte, wurde umgehend verurteilt; wenn jedoch die Ukraine die Infrastruktur von EU-Mitgliedern attackiert, hüllt sich Brüssel in Schweigen.

Damit ist das Konzept der Solidarität faktisch zu einem ideologischen Disziplinierungsinstrument geworden. Es dient heute weniger der gegenseitigen Unterstützung als vielmehr der Delegitimierung jeder Regierung, die vom transatlantischen Konsens abweicht. Länder, die eine souveräne Diplomatie gegenüber Russland, China oder dem Globalen Süden pflegen, werden systematisch als Bedrohung für die europäische Einheit dargestellt. Solidarität bedeutet in diesem Sprachgebrauch lediglich noch die bedingungslose Angleichung an die strategischen Prioritäten der EU, der NATO und des liberal-transatlantischen Lagers. Wer diese Ausrichtung hinterfragt, wird als Feind Europas gebrandmarkt, anstatt als legitimer Verteidiger nationaler und europäischer Interessen anerkannt zu werden. 

HINTERGRUND Deutschland folgt der Linie aus Washington am treuesten, leidet aber gleichzeitig am stärksten unter der Deindustrialisierung. Warum leistet die deutsche politische Elite – in starkem Gegensatz zur Führung in Budapest – keinen nennenswerten Widerstand gegen die systematische Schwächung des eigenen Wirtschaftsfundaments.

FAZI Deutschlands Unfähigkeit, sich gegen den eigenen wirtschaftlichen Abstieg aufzulehnen, wurzelt in der tiefgreifenden Neuausrichtung des Landes nach 1945. Diese transatlantische Umprogrammierung der Nachkriegszeit verlief in Deutschland konsequenter als irgendwo sonst in Westeuropa und transformierte nicht nur die politischen Institutionen, sondern auch Universitäten, Medien und Thinktanks. Über Jahrzehnte hinweg wurden so ganze Generationen von Führungskräften in einem Weltbild ausgebildet, das sich ausschließlich innerhalb transatlantischer Rahmenbedingungen bewegt.

Inzwischen ist dieser Machtblock in Deutschland absolut hegemonial und weist in anderen Ländern kaum Parallelen auf. Sobald ein Politiker vom Konsens Washingtons abweicht, setzt eine sofortige Pathologisierung ein; solche Abweichungen werden dann meist als gefährliches Echo der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte gerahmt.

Dennoch konnte Deutschland bis zu einem gewissen Punkt eine halbautonome Politik betreiben, etwa unter dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder. In dieser Ära erarbeitete sich das Land eine gewisse strategische Halbsouveränität im Verhältnis zu Russland, wofür »Nord Stream« der greifbarste Ausdruck war. Dieses Experiment wirkte jedoch offenbar bedrohlich genug, um eine konsequente Gegenbewegung zur Wiederherstellung der vollständigen Kontrolle zu provozieren. In der Folge wurden Politiker, die deutsche Wirtschaftsinteressen verteidigen wollten, schrittweise marginalisiert, während jene Kräfte gezielte Förderung erfuhren, die dazu nicht bereit waren. Bundeskanzler Friedrich Merz ist das Resultat dieses Selektionsprozesses: Er verbindet eine forsche Rhetorik mit totaler strategischer Unterordnung und moderiert so den verwalteten Niedergang der deutschen Industrie, ohne diesen jemals ernsthaft infrage zu stellen.

HINTERGRUND Sie haben vor einer »übermäßigen Zuversicht« in den Erfolg der Multipolarität gewarnt. Was ist die größte strukturelle oder politische Schwachstelle innerhalb des BRICS-Bündnisses, die Washington ausnutzen könnte, um die Entstehung dieser neuen Weltordnung zum Einsturz zu bringen?

FAZI In Kreisen, die eine multipolare Welt befürworten, beobachte ich eine gefährliche Selbstzufriedenheit sowie die Tendenz, den Übergang zu einer neuen internationalen Ordnung als quasi zwangsläufig zu betrachten. Oft wird dabei unterstellt, dass die USA diesen Prozess nur noch geringfügig verlangsamen können, doch ich vertrete hier eine weitaus weniger deterministische Sichtweise. Da eine neue Weltordnung per Definition ein gewisses Maß an Stabilität erfordert, kann Washington dem BRICS-Projekt bereits durch die Strategie einer permanenten Destabilisierung ernsthafte strukturelle Probleme bereiten, ohne dafür eine direkte Konfrontation gewinnen zu müssen.

Die kritischste Verwundbarkeit liegt dabei in der strategischen Inkohärenz, mit der die »Globale Mehrheit« kollektiv auf Herausforderungen reagiert. Während sich Russland in einer offenen militärischen Konfrontation mit der NATO befindet, versucht China weiterhin, einen direkten Konflikt um fast jeden Preis zu vermeiden. Parallel dazu wurde der Iran weitgehend sich selbst überlassen, um mit eigenen militärischen Mitteln auf die Aggressionen der USA und Israels zu antworten – ungeachtet der indirekten Unterstützung durch China und Russland.

Da die BRICS-Staaten bisher weder über eine einheitliche Sicherheitsdoktrin noch über einen gemeinsamen Rahmen zur Abschreckung verfügen, berufen sich ihre Mitglieder weiterhin auf UN-Mechanismen, deren fiktiver Charakter angesichts der Lage in Gaza kaum noch zu leugnen ist. Dieses Festhalten an nachweislich funktionslosen Strukturen signalisiert dem westlichen Block jedoch lediglich, dass eine weitere Eskalation mit keinerlei ernsthaften Kosten verbunden ist. Trotz seiner schwindenden Macht agiert der westliche imperiale Block weiterhin bemerkenswert geeint; eine vergleichbare strategische Kohärenz unter den Ländern der Globalen Mehrheit zu entwickeln, bleibt daher die wohl wichtigste Aufgabe für einen erfolgreichen Übergang zur Multipolarität.

HINTERGRUND Wie fügt sich der aktuelle Krieg unter Beteiligung der USA, Israels und der »enthaupteten« iranischen Führung in diesen breiteren Kampf um die globale Vorherrschaft ein? Handelt es sich hierbei um den Versuch, die unipolare Kontrolle über eine Schlüsselregion der multipolaren Welt gewaltsam wiederherzustellen?

FAZI Der Krieg gegen den Iran folgt exakt der Logik, die ich bereits beschrieben habe: Anstatt die großen Mächte direkt zu konfrontieren, zielen die USA auf die schwächeren Knotenpunkte des rivalisierenden Systems ab. Der Iran füllt diese Rolle präzise aus, da er nicht nur etwa 13 bis 15 Prozent der chinesischen Ölimporte liefert, sondern auch einen zentralen Pfeiler der entstehenden strategischen Achse zwischen Russland, China und dem Iran bildet. Zudem stellt das Land seit langem das Haupthindernis für eine uneingeschränkte westliche Militärpräsenz in der energiereichsten Region der Erde dar. Eine Ausschaltung des Irans dient somit gleichzeitig den Zielen der US-Energiedominanz sowie den regionalen Interessen Israels – zwei Agenden, die nun in einer einzigen Operation vollständig verschmolzen sind.

Was den gegenwärtigen Krieg jedoch qualitativ von früheren Episoden der US-iranischen Konfrontation unterscheidet, ist die schiere Rücksichtslosigkeit, mit der er entfesselt wurde. Frühere Administrationen begriffen zumindest teilweise, warum ein direkter Angriff auf den Iran katastrophale Folgen haben würde, weshalb sie sich trotz jahrzehntelangen israelischen Drucks stets zurückhielten. Diese institutionelle Vorsicht ist nun verschwunden. Europa absorbiert bereits die Konsequenzen: einen schweren Energieschock, das Risiko massiver Flüchtlingsströme und wachsende Forderungen nach einer direkten militärischen Beteiligung. Damit toben nun gleichzeitig zwei verheerende Kriege vor der Haustür des Kontinents – einer im Osten, den die USA schürten, und einer im Süden, den sie aktiv führen. Während der erste Krieg Europa tiefer in die Vasallität drängte, birgt der zweite das reale Risiko, den Kontinent in den wirtschaftlichen und sozialen Kollaps zu treiben.

HINTERGRUND Blicken wir auf den weiteren Verlauf des Jahres 2026: Sehen Sie einen realistischen Pfad für eine »souveränistische« Wende innerhalb Europas, oder hat die strukturelle Abhängigkeit von Washington und der Brüsseler Bürokratie für die meisten EU-Mitgliedstaaten bereits einen unumkehrbaren Punkt erreicht?

FAZI Zwei grundlegende strukturelle Probleme machen eine echte souveränistische Wende in Europa auf absehbare Zeit äußerst schwierig. Das erste Hindernis ist das Fehlen einer bedeutenden politischen Kraft, die bereit wäre, die EU als Institution frontal anzugreifen, anstatt sich lediglich über sie zu beklagen. Wir erleben hier faktisch einen Rückschritt gegenüber der Debatte von vor zehn Jahren. Das zweite und in gewisser Weise fundamentalere Problem besteht darin, dass sich bisher kaum eine rechtspopulistische oder souveränistische Partei ernsthaft mit der strukturellen Unterordnung Europas unter die USA auseinandergesetzt hat – einer Unterordnung, für welche die EU maßgeblich als Instrument fungiert. Brüssel zu attackieren, während man gleichzeitig Washington hofiert, ist kein kohärenter Souveränismus. Es umgeht die entscheidende Frage, um die sich letztlich alles dreht: Wer kontrolliert am Ende die europäische Außenpolitik, die Energieversorgung und die militärische Ausrichtung?

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Wir stehen somit vor einem Paradoxon. Die objektiven Bedingungen für einen Bruch mit der atlantischen Ordnung sind heute günstiger als seit Jahrzehnten. Die Macht der USA schwindet sichtlich, die Trump-Administration provoziert Verwerfungen in der europäischen Öffentlichkeit, wie es keiner Regierung zuvor gelungen ist, und die institutionelle Legitimität der EU steckt in einer tiefen Krise. Doch ausgerechnet jene politischen Kräfte, die am besten positioniert wären, um diese historische Öffnung zu nutzen, sind entweder im Tiefschlaf, korrumpiert oder verfügen nicht über die notwendige geopolitische Bildung, um die Tragweite der Ereignisse zu begreifen. Der einzige echte Lichtblick ist, dass das Bewusstsein für die Notwendigkeit eines radikalen Bruchs in der breiten Bevölkerung wächst. In dieser zentralen Frage sind es ausgerechnet die sogenannten Anti-Establishment-Parteien, die am weitesten hinter ihren eigenen Wählern zurückgefallen sind.

THOMAS FAZI ist in Rom lebender Journalist, Publizist und Dokumentarfilmer (u. a. Standing Army). Er ist Autor zahlreicher Bücher zur europäischen Souveränität und Neoliberalismus-Kritik, zuletzt erschien von ihm The Covid Consensus (2023). Fazi schreibt regelmäßig für internationale Publikationen wie UnHerd und Compact und ist Fellow am MCC Brussels.

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