Kriege

Afghanistan – Taliban in der Offensive

Von REDAKTION, 23. Juni 2015 – 

Ein Angriff der Taliban auf das Parlament in Kabul wurde am Montag von Polizeieinheiten abgewehrt. Zunächst hatte sich ein Selbstmordattentäter in einem Auto am Westtor des Parlaments in die Luft gesprengt, um seinen Mitkämpfern Zugang zu verschaffen. Nach Feuergefechten mit der Polizei, die ein Eindringen der Angreifer in das Parlamentsgebäude verhinderte, hatten sich die Mitglieder des Taliban-Kommandos in einem nahegelegenen Gebäude verschanzt, wo sie schließlich getötet wurden. „Sieben Angreifer, die versuchten, das Parlamentsgebäude zu stürmen, wurden alle durch Sicherheitskräfte getötet“, erklärte der Sprecher des Innenministeriums, Sedik Sedikki. Abgeordnete seien nicht zu Schaden gekommen. Nach Krankenhausangaben wurden mehr als dreißig Zivilisten verletzt.

Im Parlament wollte sich am Montag der designierte neue Verteidigungsminister, Masum Staniksai, den Abgeordneten vorstellen. Am Montag hätte zudem die neue Legislaturperiode des Parlaments begonnen. In einem umstrittenen Schritt hatte Präsident Aschraf Ghani am Samstag die derzeitige Sitzungsperiode jedoch auf unbestimmte Zeit verlängert, da sich die Abgeordneten nicht auf den Termin und Ablauf der nächsten Wahl einigen konnten. Die Taliban übernahmen die Verantwortung für den gescheiterten Sturm auf das Abgeordnetenhaus. „Das Parlamentsgebäude ist unter schwerem Angriff der Mudschaheddin und ist umstellt worden“, teilte Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid über Twitter mit, während die Gefechte noch anhielten. Von einem ernsthaften Versuch, das Parlament zu „umstellen“ oder gar zu erobern, kann jedoch kaum gesprochen werden, denn dazu war das Taliban-Kommando zu klein. Vielmehr handelte es sich bei dem Angriff um eine propagandistische Aktion, mit der die Aufständischen ihre Fähigkeit demonstrieren wollten, die Regierungskräfte auch in deren Kerngebiet angreifen zu können.

Taliban weiter auf dem Vormarsch

Nach der zum Jahreswechsel erfolgten Einstellung der NATO-geführten ISAF-Mission und dem Abzug der internationalen Kampftruppen wird die Lage für die Regierung in Kabul immer prekärer. Der Einsatz der noch im Land stationierten NATO-Kräfte beschränkt sich auf die Ausbildung und Beratung der afghanischen Sicherheitskräfte im Rahmen der Mission „Resolute Support“. Diese sind jedoch nicht in der Lage, den Vormarsch der Taliban aufzuhalten – seit Jahresbeginn erlitten sie schwere Verluste.

Den Aufständischen ist es hingegen gelungen, selbst in einstige Bastionen ihrer Gegner vorzudringen.  In den vergangenen Tagen gelang es den islamistischen Kämpfern, die Bezirke Chahar Dara und Daschti Artschi in der nordöstlich gelegenen Provinz Kundus zu erobern – die Provinz stand im Rahmen der ISAF-Mission unter Kontrolle der Bundeswehr. Kundus gehörte zu jenen Provinzen, die sich zur sogenannten Nordallianz zusammengeschlossen hatten, nachdem die Taliban mit der Ausrufung des „Islamischen Emirat Afghanistan“ vor neunzehn Jahren ihre Herrschaft errichtet hatten. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 eroberte die Nordallianz mit Unterstützung des US-Militärs weite Teile des Landes und vertrieb die Islamisten von der Macht.

Seit Jahresbeginn haben die Taliban ihre Aktivitäten in Kundus stark ausgeweitet. Erstmals führten sie Operationen durch, an denen gleichzeitig hunderte Kämpfer beteiligt waren. Zuvor mussten sie sich noch auf kleinere Guerilla-Aktionen beschränken. Immer näher rücken sie an die gleichnamige Hauptstadt der Provinz heran. Dort hatte die Bundeswehr 250 Millionen Euro in ein Feldlager investiert, in dem zwischenzeitlich zweitausend ISAF-Soldaten stationiert waren. Voller Pathos übergab der damalige deutsche Verteidigungsminister Thomas de Maizière Ende 2013 den Stützpunkt an die afghanischen Kräfte. In Kundus habe die Bundeswehr gelernt, „zu kämpfen“. „Vergessen werden wir diesen Ort niemals. Kundus hat die Bundeswehr geprägt wie kaum ein anderer Ort. Hier wurde aufgebaut und gekämpft, geweint und getröstet, getötet und gefallen“, erklärte de Maizère bei der Übergabe. (1)

Ein halbes Jahr später glich der Militärstützpunkt bereits einer weitgehend verfallenen Geisterstadt (2) – ein Sinnbild für das Scheitern der ISAF-Mission, deren vorrangiges Ziel es war, die Taliban nachhaltig zu schwächen. Für den Siegeszug seiner Kämpfer in der Provinz Kundus macht der von den Taliban als „Gouverneur“ der Provinz eingesetzte Mulla Abdul Salam Baryalai vor allem zwei Faktoren verantwortlich. Neben dem mit dem Abzug der ISAF-Truppen erfolgten Rückgang der Angriffe auf die Taliban-Kämpfer, insbesondere aus der Luft, sei der Vormarsch der Islamisten vor allem der wachsenden Unterstützung der Bevölkerung geschuldet. Insbesondere das von den Taliban errichtete Parallel-Justizsystem verzeichne viel Zustimmung. „Die gewöhnlichen Leute vertrauen diesem mehr als den korrupten Gerichten der Regierung“, so der Taliban-Gouverneur. (3)

Aufstand gegen die Aufständischen

Mulla Abdul betont auch, dass „alle Mudschaheddin“  im Norden des Landes, insbesondere in Kundus, „unter einem Kommando“ kämpften, und sich „völlig dem Anliegen und der Führung des Islamischen Emirats“ verpflichtet fühlten. Ohne ihn beim Namen zu nennen, spielt der Taliban-Gouverneur damit auf den wachsenden Konflikt mit dem „Islamischen Staat“ an. Insbesondere in der ostafghanischen Provinz Nangarhar ist es der Terrormiliz gelungen, Taliban-Kämpfer zum Überlaufen zu bewegen, die nun die einstigen Kampfgefährten ins Visier nehmen. Im Bezirk Schersad etwa gerieten Taliban, die die afghanische Armee angreifen wollten, in einen Hinterhalt. Im Bezirk Spinghar wurden die Häuser örtlicher Befehlshaber niedergebrannt und im Bezirk Achin wurden einige Kämpfer enthauptet.

Mehr als drei Dutzend Aufständische seien in den vergangenen zwei Monaten in Nangarhar von der rivalisierenden IS-Miliz umgebracht worden, berichten Stammesälteste und Regierungsvertreter der Deutschen Presse-Agentur. Erst vergangene Woche wurde Mir Ahmad Gul, der Schattengouverneur der Taliban für die Provinz, in der pakistanischen Stadt Peshawar erschossen. Hinter der Tat steckten IS-Unterstützer, berichtet ein Taliban-Kommandeur. Der Grund sei Guls Rolle als Anführer einer Offensive gegen den „Islamischen Staat“ gewesen. Ein Vertreter des afghanischen Innenministeriums geht davon aus, dass es mittlerweile in sieben der 34 Provinzen Kämpfer gibt, die sich dem IS angeschlossen haben.

Vor einer Woche warnten die Taliban in einem Schreiben IS-Anführer Abu Bakr al-Bagdadi davor, sich in ihren „Heiligen Krieg“ in Afghanistan weiter einzumischen. „Der Dschihad gegen die Invasionsarmee der Amerikaner und ihrer Diener in Afghanistan muss unter einer Flagge und einer Führung geführt werden“, hieß es in dem Brief des Taliban-Vizechefs Mullah Achtar Mohammad Mansur. Auch wenn der Aufruf darauf schließen lässt, dass die Taliban den „Islamischen Staat“ als ernsthafte Konkurrenz betrachten, so lässt sich der seit einem Jahr laufenden Rekrutierungskampagne des IS dennoch nur ein mäßiger Erfolg bescheinigen. Insgesamt dürfte die Zahl der Kämpfer, die nun unter dem Banner des „Islamischen Staates“ in Afghanistan operieren, die Schwelle zum vierstelligen Bereich kaum überschritten haben.   

Zudem mussten die IS-Anhänger jüngst in der an den Iran grenzenden westafghanischen Provinz Farah einen herben Rückschlag hinnehmen, nachdem die Taliban ein Ausbildungslager  des „Islamischen Staates“ nach einem Feuergefecht erobert hatten. Die Hälfte der IS-Anhänger kämpft laut eines Berichts der New York Times inzwischen (wieder) in den Reihen der Taliban. (4) Während sich die IS-Kämpfer als Teil eines internationalen Dschihad betrachten, der vor keinen Staatsgrenzen halt macht, begreifen sich die Taliban hingegen als eine national-islamistische Widerstandsbewegung, die in erster Linie die Präsenz ausländischer Truppen bekämpft.

Eine Beteiligung der Taliban an der Macht – in welcher Form auch immer – erscheint unumgänglich, wenn in Afghanistan Frieden einkehren soll. In gewisser Hinsicht begünstigt das Auftreten des „Islamischen Staates“ die Position der Taliban, erscheinen sie im Vergleich zum IS doch als moderat, und vor allem als kompromiss- und verhandlungsfähig. So entsandten die Taliban jüngst eine Delegation in den Iran – der Kampf gegen den „Islamischen Staat“ lässt selbst diese traditionellen Gegner näher zusammen rücken.


Anmerkungen

mit dpa
(1) Bundesverteidigungsministerium: Feldlager Kundus an die Afghanen übergeben
(2) Siehe: http://www.zeit.de/politik/ausland/2014-03/bundeswehr-feldlager-kundus-afghanistan
(3) http://shahamat-english.com/an-interview-with-mulla-abdul-salam-baryalai-the-jihadi-in-charge-of-kunduz-province/
(4) http://www.nytimes.com/2015/06/05/world/asia/afghanistan-taliban-face-insurgent-threat-from-isis.html

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