Kriege

Brisantes aus London

Der Bericht eines militärischen Think Tank kommt zu dem Ergebnis: der Krieg in Afghanistan ist „ein in die Länge gezogenes Desaster“ –

Von ERIC S. MARGOLIS, 28. September 2010 –

Das in London ansässige International Institute for Strategic Studies / IISS ist der führende Think Tank der Welt für militärische Angelegenheiten. Dazu gehören bekannte Verteidigungsexperten, pensionierte Offiziere und höhere Militärs aus der ganzen Welt – von den USA und Großbritannien bis nach China, Russland und Indien.

Auch ich war über 20 Jahre lang Mitglied des IISS. Die Berichte des IISS werden sehr ernst genommen, sind normalerweise abwägend und diplomatisch, manchmal aber auch langweilig. Vor zwei Wochen hat das IISS allerdings einen brisanten Bericht über Afghanistan veröffentlicht, der Washington und seine NATO-Verbündeten erschüttern dürfte.

Der Bericht, der unter Leitung des ehemaligen stellvertretenden Direktors des britischen Auslandsgeheimdienstes MI-6 erarbeitet wurde, besagt, dass die Westmächte die Bedrohung durch Al Qaeda und die Taliban „übertrieben“ hätten. Die US-geführte Intervention in Afghanistan habe das ursprüngliche Ziel – Al Qaeda zu zerschlagen und zu beseitigen – aus den Augen verloren und sich stark „aufgebläht“. Nach einer ungewöhnlich deutlichen Aussage des IISS ist der US-Krieg in Afghanistan „ein in die Länge gezogenes Desaster“.

Erst kürzlich gab CIA-Chef Leon Panetta zu, dass es in Afghanistan heute nur noch etwa 50 Al Qaeda-Mitglieder gibt. Und doch hat US-Präsident Barack Obama die Anzahl der US-Soldaten, die Al Qaeda dort bekämpfen sollen, auf 120.000 verdreifacht.

In dem IISS-Bericht wird auch eingestanden, dass die Anwesenheit der westlichen Truppen in Afghanistan den nationalen Widerstand in Wirklichkeit erst richtig angeheizt hat. Das gleiche Phänomen habe ich schon in 1980er Jahren während der sowjetischen Besetzung Afghanistans beobachten können.

Interessanterweise steht in dem Teil des Berichts, der unter Aufsicht des ehemaligen stellvertretende MI-6-Chefs Nigel Inskster erstellt wurde, dass auch in anderen Ländern – namentlich in Somalia und im Jemen – kaum eine Bedrohung durch Al Qaeda besteht. Trotzdem hat Washington gerade in diesen von Unruhen heimgesuchten Ländern den Kampf gegen Al Qaeda verstärkt.

Die Empfehlungen des IISS dürften Obama, dem neuen britischen Premierminister David Cameron und den Regierungschefs anderer US-Verbündeter, die Truppen in Afghanistan haben, nicht gefallen. Der IISS-Bericht widerlegt alle Argumente, mit denen sie die Fortsetzung des immer unpopulärer werdenden Krieges zu begründen versuchen. Er stützt hingegen die Behauptungen der Skeptiker, der Konflikt in Afghanistan hätte mit Öl zu tun, solle China aus dieser Region fernhalten und die Überwachung des Atomwaffen-Staates Pakistan ermöglichen.

Der IISS-Bericht schlägt sogar vor, die westlichen Besatzungstruppen sollten sich aus dem Afghanistan-Krieg zurückziehen und sich darauf beschränken, nur Kabul und das nördliche Afghanistan zu halten, das größtenteils von Tadschiken und Usbeken besiedelt ist.

Das südliche Afghanistan, das traditionell von den Taliban beherrscht wird, sollten die westlichen Truppen räumen und sich selbst überlassen. Den Taliban müsse erlaubt werden, ihre Hälfte des Landes selbst zu verwalten, bis die Errichtung eines lose verbundenen, dezentralisierten Bundesstaates möglich sei. Fast genau so war Afghanistan schon vor der sowjetischen Invasion im Jahr 1979 strukturiert.

Inzwischen wendet sich das Kriegsglück in Afghanistan gegen die immer stärker wankenden westlichen Besatzungstruppen. Der von den USA eingesetzte Staatschef Hamid Karzai bereitet sich ganz offen auf direkte Friedensgespräche mit den Taliban und deren Verbündeten vor – gegen den erklärten Willen der USA, Großbritanniens und Kanadas.

Die Kräfte, welche die afghanische Regierung stützen, werden zunehmend demoralisiert. Nur die tadschikischen und usbekischen Milizen und die afghanische kommunistische Partei, die von Indien, Russland und dem Iran unterstützt werden, wollen den Kampf gegen die den Paschtunen entstammenden Taliban fortsetzen.

Talibanführer Mullah Omar hat letzte Woche öffentlich verkündet, dass die westlichen Besatzer den Krieg bald verlieren werden. Er könnte recht behalten, denn für das US-Marionettenregime in Kabul und seine westlichen Verteidiger läuft es nicht gut. Sogar die hochgejubelte US-Offensive bei Marjah, die den Widerstand der Taliban brechen sollte, war ein beschämender Misserfolg. Nur die Verluste unter der Zivilbevölkerung durch US-Bombenangriffe steigen weiter an.

Nicht nur die Europäer haben den Afghanistan-Krieg satt. Nach neuesten Umfragen lehnen ihn auch 60 Prozent der US-Amerikaner ab.

Der explosive IISS-Bericht folgt dem dramatischsten Teil der ebenfalls in Großbritannien durchgeführten Chilcot-Untersuchung über die Ursprünge der Irak-Invasion auf dem Fuß. Baroness Manningham-Buller, die frühere Chefin des britischen Inlandsgeheimdienstes MI-5, bezeugte, dass die Regierung Blair den Krieg gegen den Irak durch ein Gemenge aus Lügen und gefälschten Beweisen ausgelöst habe. Was der Westen „Terrorismus“ nenne, sei hauptsächlich durch die westlichen Überfälle auf Afghanistan und den Irak verursacht worden, fügte sie hinzu.

Die Wahrheit über die Kriege im Irak und in Afghanistan kommt endlich heraus.

Afghanistan könnte sich erneut als „Friedhof der Imperien“ erweisen.


Der Text wurde geringfügig gekürzt.

Der Artikel erschien im Original am 14. September 2010 unter dem Titel Bombshell from London in der Toronto Sun.

Der Autor: Eric S. Margolis war Mitherausgeber der TORONTO SUN-Zeitungskette und schreibt hauptsächlich über den Mittleren Osten und Südasien.

Übersetzung: Wolfgang Jung, Luftpost Kaiserslautern – Friedenspolitische Mitteilungen

Drucken

Drucken

Teilen

Voriger Artikel Kriege Die neuen Skalpjäger. Wie Obamas Krieg aus jungen US-Soldaten brutale Mörder macht
Nächster Artikel Kriege Die New York Times verteidigt staatlichen Mord