Kriege

Bundeswehr erneut in schwere Gefechte im "Abenteuerland" verwickelt

Von REDAKTION, 4. November 2010 –

Bei einer Operation der Bundeswehr und anderer Truppen in der nordafghanischen Provinz Kundus sind nach afghanischen Polizeiangaben bislang mindestens zehn Taliban-Kämpfer getötet worden. 15 mutmaßliche Aufständische seien verwundet worden, sagte Provinz-Polizeichef Abdul Rahman Sajedchaili heute der Nachrichtenagentur dpa.

Die Operation im Unruhedistrikt Char Darah hatte am Sonntag begonnen und dauert noch an. Bislang sind drei deutsche Soldaten nach Angaben der Bundeswehr leicht verwundet worden. Laut Sajedchaili seien auch drei afghanische Polizisten verletzt worden. Unter den Toten befänden sich auch zwei Ausländer, die einer Extremistengruppe aus dem benachbarten Usbekistan angehörten. Um welche Gruppe es sich dabei handeln soll, wurde nicht genannt. An der Operation „Almasak“ (Blitz) nehmen 480 Angehörige der Internationalen Schutztruppe ISAF und der afghanischen Sicherheitskräfte teil. Unter den Soldaten sind zahlreiche Deutsche und US-Amerikaner.

Bereits am Montag wurde gemeldet, dass bei der Operation ein Schützenpanzer vom Typ Marder in eine Sprengfalle geraten und beschädigt worden sei. Auch ein zweites Bundeswehr-Fahrzeug sei zu Schaden gekommen.

Hinzu kommt der Ausfall von Fahrzeugen aufgrund von technischen Mängeln. So seien von fünf Schützenpanzern des Typs Marder, die in Char Darah stationiert sind, nur drei fahrbereit. Die Marder „fallen ständig altersbedingt aus, weil die Ersatzteillieferung schwierig ist“, so ein Hauptmann gegenüber dpa.

Die Kämpfe konzentrierten sich auf die Ortschaft Katliam rund sechs Kilometer westlich des deutschen Feldlagers, aus der die Taliban vertrieben werden sollen. Ziel ist auch die Sicherung einer Verbindungsstraße in Char Darah, die im Bundeswehr-Sprachgebrauch Little Pluto heißt. Mehrfach wurde bei den Gefechten die Panzerhaubitze 2000 eingesetzt. Sie wurde nach kontroversen Debatten im Sommer dieses Jahres in Afghanistan stationiert, um eine „wichtige Fähigkeitslücke“ zu schließen. Sie hat eine Reichweite von bis zu 40 Kilometern und ist das erste schwere Artilleriegeschütz, über das die Bundeswehr in Afghanistan verfügt.

Überraschend traf Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg heute zu einem Besuch beim norwegischen zivil-militärische Wiederaufbauteam (PRT) in der Hauptstadt der nordafghanischen Provinz Farjab ein. Dort sind 360 ISAF-Soldaten aus Norwegen, Lettland, den USA und Mazedonien stationiert. Die Bundeswehr hat in der ISAF das Regionalkommando für ganz Nordafghanistan.

Bei seinem mittlerweile sechsten Afghanistan-Besuch gab sich der Verteidigungsminister verhalten optimistisch. „In Teilen Afghanistans gibt es schon Trendwenden“, so Guttenberg. Er hoffe, dass man im kommenden Jahr wie geplant mit der Übergabe der Verantwortung an die afghanischen Sicherheitskräfte beginnen könne. „Das muss aber auch an Kriterien gebunden sein.“

Zu diesen Kriterien sagte Guttenberg: „Es müssen auch Ergebnisse vorliegen. Man hört hier von den Verantwortlichen, dass man diesen Ergebnissen näher kommt.“

Tatsächlich hört man von Verantwortlichen das genaue Gegenteil. Vor allem die Übergabe der Verantwortung an afghanische Sicherheitskräfte erscheint illusorisch. Das „Partnering“ war erst kurz vor Guttenbergs Besuch erneut von Bundeswehr-Angehörigen kritisiert worden.

Als „Partnering“ wird die Kooperation mit afghanischen Kräften bezeichnet. Durch gemeinsame Operationen sollen diese Erfahrungen sammeln und in die Lage versetzt werden, die Verantwortung zu übernehmen. Die Ausländer sollen dann die eigenen Truppen erst reduzieren und eines Tages ganz abziehen können. Soweit die Theorie.

„Das hört sich immer schön an, ASB (Ausbildungs- und Schutzbataillons der Bundeswehr, Anm. Red.) und Partnering“, sagt ein Unteroffizier gegenüber dpa, der anonym bleiben möchte. Die Realität nennt er allerdings ernüchternd. Beispielsweise hätten die Deutschen in Char Darah vor einiger Zeit in einem Gefecht mit den Taliban gelegen, 800 Meter entfernt von afghanischen Truppen. „Jeder normale Soldat hätte unterstützt“, sagt der Feldwebel. Die Afghanen dagegen „haben provisorische Betten aufgebaut und sich hingelegt“.

Andere Bundeswehrsoldaten klagen, beim Einsatz in der Nachbarprovinz Baghlan seien sie von afghanischen Soldaten bestohlen worden. Die einheimischen Truppen hätten zudem einen Getränkehändler, bei dem die Bundeswehr-Soldaten einkauften, verprügelt – um das Geschäft selber zu machen. „Das ist Partnering“, meint ironisch ein frustrierter Unteroffizier. „Die schlagen die Zivilbevölkerung zusammen. Man fragt sich, warum wir hier sind.“ Ein Offizier schätzt „den so genannten Partner“ als „völlig unberechenbar“ ein. Er fügte hinzu: „Kein Partnering- Projekt, das ich erlebt habe, hat geklappt.“ „Wir sind meilenweit hinter dem, wo wir hin wollten.“ sagte ein anderer Offizier in Char Darah bezüglich der Zusammenarbeit mit den Afghanen.

Offiziere beklagen auch, dass die ANA (Afghanische Nationalarmee) in Kundus bis ins Detail geplante Operationen kurz vor ihrer Ausführung ohne Begründung absage.

Tage zuvor hatten Offizielle die Lage noch wesentlich optimistischer skizziert.  Erstmals seit mehr als drei Jahren rechnete man in der Unruheprovinz Kundus wieder mit einer Verbesserung der Sicherheitslage. „Auf Grund unterschiedlichster Rahmenbedingungen erkennen wir eine leicht positive Tendenz“, sagte der Kommandeur des zivil-militärischen Wiederaufbauteams (PRT), Oberst Rainer Grube.

Die Sicherheitslage im Raum Kundus sei zwar weiterhin angespannt, aber man beobachte eine stetige Verbesserung. Diese sei nicht nur auf den einsetzenden Winter zurückzuführen, in dem die Kämpfe traditionell abflauen. Dazu habe auch der Aufbau der afghanischen Sicherheitskräfte sowie Operationen der US-Truppen und der Bundeswehr gegen die Taliban geführt. „Ich gehe davon aus, dass der Gegner geschwächt ist“, so Grube.

Ähnlich äußerte sich Verteidigungsminister Guttenberg. In einer eigensinnigen Dialektik macht er für die Tatsache, dass die ISAF-Kräfte so viele Tote wie nie zuvor zu beklagen haben, nicht ein Erstarken des Widerstands verantwortlich, sondern dessen Schwächung. Denn die große Anzahl der Toten gehe auf ein verstärktes Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen die Taliban zurück, so Guttenberg. Doch selbst bei allem Zweckoptimismus musste Guttenberg eingestehen, dass man sich von „manchen Traumbildern, die wir in den letzten Jahren aufgebaut haben“, verabschieden müsse. „Manche Ziele wird man nie erreichen können.“

Ursprünglich wurde der Kampf gegen al-Qaeda als Kriegsziel ausgegeben. Doch an dieses Ziel glauben selbst viele in der CDU nicht mehr. Ex-Verteidigungsminister Volker Rühe sagte am Samstag im Deutschlandradio Kultur, der konkrete Bezug zu den Anschlägen des 11. September 2001 sei verloren gegangen, denn mittlerweile bekämpfe man die Taliban, die nicht mit dem Terrornetz al-Qaeda gleichzusetzen seien. „Wir können aber nicht bestimmen, wer in Afghanistan regiert“, sagte Rühe. Die Manipulationen bei den jüngsten Wahlen hätten zudem gezeigt, dass man dort keinen glaubwürdigen Partner habe. Die Taliban seien nicht in der Lage, New York oder Hamburg anzugreifen. „Das sind unsympathische Zeitgenossen, aber die gibt’s in vielen Staaten.“

Auch wenn Rühe damit Recht hat, dass sich der Krieg nicht gegen al-Qaeda richtet, so irrt er doch in einer Sache. Der Krieg hatte nie – außer in der öffentlichen Legitimation – einen konkreten Bezug zu den Anschlägen des 11.September und zu al-Qaeda. Denn geplant wurde der Feldzug am Hindukusch bereits im Frühjahr 2001, nachdem Verhandlungen mit den Taliban gescheitert waren, die unter anderem den Bau einer Gaspipeline zum Inhalt hatten. Doch einer Aussage Volker Rühes ist unumwunden zuzustimmen: „Das Abenteuer Afghanistan muss beendet werden.“

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