Irak

Der Kampf gegen den IS und die neuen, alten Probleme

Die Offensive auf Mossul schreitet voran – doch das Verhältnis von Befreiern und Befreiten macht schon jetzt deutlich, welche Probleme dem Irak zukünftig drohen

Der Sturm auf Mossul im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ geht weiter. Doch das Verhältnis von Befreiern und Befreiten macht schon jetzt deutlich, welche Probleme dem Irak in Zukunft drohen. Der erste Kontakt der Bevölkerung mit den irakischen Sicherheitskräften in den befreiten Gebieten ist von gegenseitigem Misstrauen geprägt.

Bei Adhbah, etwa zehn Kilometer südlich von Mossul, haben Hilfsorganisationen eine temporäre Auslieferungsstelle für Hilfsgüter eingerichtet. Auch der IS ist nur einen Kilometer entfernt, im Hintergrund wird durchgehend geschossen. Bevor Zivilisten Hilfe in Empfang nehmen dürfen, müssen sie sich bei der irakischen Armee registrieren lassen: „Eines muss euch klar werden, ihr seid jetzt nicht mehr im Kalifat, ihr seid im Irak“, brüllt der vermummte Soldat mit Schürhaken und Gewehr, während er versucht, im Getümmel gewaltsam für Ordnung zu sorgen. „Im Irak trägt man eine ordentliche Frisur! Hier wird geraucht, hier wird sogar manchmal getrunken“.

Ein paar Sekunden später ist ihm die Menge noch immer zu laut und er schießt in die Luft. Danach zielt er auf die Männer und Kinder und droht, einen Schritt weiterzugehen. Die Situation ist angespannt. Die Soldaten agieren aggressiv und nervös, die Zivilisten verängstigt. Diejenigen, die hier auf humanitäre Unterstützung warten, sind aus den umliegenden Orten geflohen, die durch Kämpfe zerstört wurden oder noch umkämpft sind. Der Soldat mit dem Schürhaken setzt seine Rede fort: „Wir haben euch geholfen, wir haben euch befreit. Nun seid ihr dran. Gebt uns die Namen derjenigen, die mit Daesh (Arabisches Akronym für den „Islamischen Staat“, Anm. d. Red.) kollaboriert haben. Gibt uns die Verräter des Iraks, damit wir für Gerechtigkeit sorgen können.“

Der Irak gleicht heute einem Flickenteppich. Die Mehrheit der Sicherheitskräfte ist wie auch die Gesamtbevölkerung schiitisch. Wenn also ein überwiegend sunnitisches Gebiet der Herrschaft des IS entrissen wird, ist das Misstrauen zwischen Befreiern und Befreiten groß. Teile der Bevölkerung begrüßen die neue Ordnungsmacht, viele aber sind mit ihrer Freude vorsichtiger. „Wir können es uns nicht leisten, uns zu beschweren“ meint ein Junge, der mit erhaltenen Hilfsgütern auf dem Weg zu seiner Familie ist. „Außerdem ist gerade alles besser als Daesh.“ Schon seit Jahrzehnten ist die Region Nährboden für radikalislamische Gruppierungen. Konfessionelle und ethnische Spannungen begleiten den Irak seit seiner Gründungszeit. Dieses konfliktgeladene Klima begünstigt, dass sich radikale und von Hass getriebene Gruppen wie einst al-Quaida, und nun auch der IS, immer wieder in der Region festbeißen konnten.

Soldaten waschen sich in den Heißwasserquellen von Hammam El-Ali

Selbstverständlich liegt es gegenwärtig in der Verantwortung der Sicherheitskräfte, diejenigen in den zurückeroberten Gebieten ausfindig zu machen, die die totalitäre Herrschaft des IS unterstützt haben. Doch der Druck ist enorm, der Prozess, die „guten“ Zivilisten von den Kollaborateuren der Terrorherrschaft auszusortieren, ist kompliziert. Eine zu brutale Vorgehensweise birgt die Gefahr, die schon vorhandenen Spannungen zwischen den Glaubensgemeinschaften hin zu einem neuen Konflikt zu katalysieren. Ein aktuelles Beispiel zeigt, wie komplex die Situation ist: Die Stadt Hammam El-Ali, gelegen direkt am aktuellen Frontverlauf, wird vor allem von Sunniten bewohnt. Der Ort selbst ist benannt nach seinen natürlichen Heißwasserquellen, von denen wiederum die Schiiten glauben, dass sie ein Geschenk Gottes sind. Das Wasser soll heilende Kräfte haben.

Hier hatte der „Islamische Staat“ bis vor kurzem einen seiner stärksten Außenposten vor Mossul. Die Ölraffinerie der Stadt war für die Terrormiliz eine wichtige Einnahmequelle. Die Schiiten, die nicht rechtzeitig fliehen konnten, litten in Hammam El-Ali besonders stark unter der Terrorherrschaft. Jetzt, nach der Vertreibung des IS, sinnen Teile der Sicherheitskräfte nach Rache. „Gott hat der Schia einst die Quellen gegeben und mit seiner Hilfe haben sie aus den Klauen der Terroristen entrissen“, erzählt Mohammed Badr. Er kommt aus Bagdad und ist mit seiner Einheit der Irakischen Bundespolizei hier stationiert.

Badr und seine Kameraden waschen sich in ihrer Freizeit in den Quellen und erfreuen sich eines Stückes göttlicher Gnade, während ein paar Meter weiter, an der Grenze der Stadt, Angehörige ihrer Glaubensgemeinschaft in einem Massengrab liegen. Etwa zweihundert Menschen sollen allein an einer Stelle exekutiert worden sein. Ein anderer vermummter Kämpfer, der stolz seine religiösen Tätowierungen zur Schau stellt, verkündet: „Wir werden uns rächen, für Ali und Hussein“. Freiwillig präsentieren sie Handyvideos von selbst verübten Racheakten an vermeintlichen Kollaborateuren. Eine kurze Recherche im Internet weist eine Vielzahl solch dokumentierter Grausamkeiten auf, bei denen teilweise ganze Familien brutal gefoltert wurden.

Religiöses Motiv: Ein Soldat präsentiert sein Tattoo

Die Zivilbevölkerung Hamam El-Alis ist der neuen Ordnungskraft komplett ausgesetzt. Ihr Handeln wird mitentscheiden, ob im vom IS befreiten Irak künftig religiöse Gemeinschaften kooperieren und damit die Grundlage für den Frieden geschaffen wird, den sich so viele Menschen erhoffen. Das aggressive Verhalten der Sicherheitskräfte, deren Flaggen mit schiitisch-religiösen Motiven fast provokativ jedes Fahrzeug und jede Stellung schmücken, lässt Zweifel aufkommen. Die Befreiung des Iraks vom IS wird von vielen derjenigen, die sie in aktiven Kampfhandlungen verwirklichen, zweifellos von einem religiösen Standpunkt aus geführt.

Das Gefühl, von der eigenen Regierung im Stich gelassen worden zu sein, hatte sich schon 2014 unter den Zivilisten verbreitet, als die irakische Armee vom IS in die Flucht geschlagen wurde. Millionen sind immer noch vom „Islamischen Staat“ im eigenen Land gefangen. Mit der wachsenden Zahl von Binnenflüchtlingen, einer leidenden Zivilbevölkerung und gebietsweise völlig zerstörter Infrastruktur steht der Irak auch ohne einen weiterhin eskalierenden Konflikt zwischen den Glaubensgemeinschaften vor gewaltigen Herausforderungen.

(Die Reportage aus Mossul verfasste Andreas Schmidt, die Fotos stammen von Sylvio Hoffmann)

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