Aleppo

Al-Qaidas Niederlage wird begleitet von westlicher Propagandakampagne

Der Vormarsch der syrischen Armee und ihrer Verbündeten wird begleitet von einer Dämonisierungskampagne westlicher Medien und Regierungen

In der vergangenen Woche ist es der syrischen Armee und ihren Verbündeten gelungen, rund sechzig Prozent des von Aufständischen kontrollierten Gebietes in Ostaleppo zurückzuerobern. Begleitet wird der rasche Vormarsch der syrischen Truppen von einer Propagandakampagne hiesiger Medien und Politiker, bei der kaum ein Superlativ aus der Mottenkiste der Dämonisierung ausgelassen wird, um fernab von jeglichen Grautönen ein Schwarz-Weiß-Bild zeichnen zu können, in dem die Rollen „gut“ und „böse“ eindeutig verteilt sind.

Während sich die Süddeutsche Zeitung über einen vermeintlich „monströsen Zivilisationsbruch“ echauffiert, unterstellt Spiegel-Online der syrischen Armee, „ethnische Säuberungen“ zu betreiben. Die BILD-Zeitung packt noch einen drauf und schreibt von einem „Vernichtungskrieg“, die israelische Haaretz vergleicht das Geschehen gar mit dem „Holocaust“. Es drohe „eines der schlimmsten Massaker an der Zivilbevölkerung seit dem Zweiten Weltkrieg“, behauptet der französische UN-Botschafter François Delattre.

Bezeichnenderweise wird in fast sämtlichen Medienberichten der Öffentlichkeit vorenthalten, wer überhaupt in Aleppo gegeneinander kämpft – denn sonst ließe sich dieses Schwarz-Weiß-Bild nicht zeichnen. Diesem zufolge stehen auf der einen Seite die in den Leitmedien durchweg als „Rebellen“ bezeichneten Guten. Unerwähnt bleibt, dass die von den Aufständischen gehaltenen Gebiete in Aleppo „vor allem von al-Nusra“ kontrolliert werden, wie ein Sprecher des Pentagon im April erklärte. Der syrische al-Qaida-Ableger, der sich einst vom „Islamischen Staat“ abspaltete, sei „natürlich kein Teil von Waffenstillstandsvereinbarungen“, so der Sprecher.

Seitdem konnte al-Qaida die Vormachtstellung in Ostaleppo weiter ausbauen, berichtete Foreign Policy im September. Neben al-Nusra zählt das US-Magazin mit der Ahrar al-Sham auch die größte islamistische Kampfgruppe zu al-Qaida, die als „zentraler Knotenpunkt“ des Terrornetzwerks beschrieben wird. Zusammen dominieren sie das Kampfbündnis Jaysh al-Fatah („Armee der Eroberer“), das gemeinsam mit dem Bündnis Fatah Halab („Eroberer Aleppos“), ein Zusammenschluss von islamistischen Gruppen und Kampfverbänden der „Freien Syrischen Armee“, gegen die Regierungstruppen in Aleppo kämpft.

Zur Fatah Halab zählt auch die „Armee des Islam“, die ebenso wie Ahrar al-Sham von US-Außenminister John Kerry als „Untergruppe“ al-Qaidas bezeichnet wurde. Eine der kampfstärksten Gruppen der „Eroberer Aleppos“, die islamistische Nour al-Din al-Zenki, bekannte sich Ende September ausdrücklich zur Nusra-Front.

Alle gegenwärtig in Aleppo gegen die Regierung kämpfenden Gruppen gehören al-Qaida an beziehungsweise kooperieren mit der Terrororganisation, deren Führungsanspruch sie sich untergeordnet haben – und sind damit Gegenstand der im November 2015 einhellig vom UN-Sicherheitsrat verabschiedeten Resolution, laut der al-Nusra und alle anderen mit al-Qaida kooperierenden Gruppen von der Staatengemeinschaft zu bekämpfen seien.

Dennoch gelten diese Terroristen in der hiesigen Berichterstattung als die Guten – obwohl sie von Russland und den USA ausgehandelte Waffenstillstandsvereinbarungen ablehnen; Checkpoints angreifen, um UN-Hilfskonvois zu blockieren; Bewohner an der Flucht aus Ostaleppo hindern; Zivilisten unter Beschuss nehmen, die dennoch zu fliehen wagen; oder auch mal zur eigenen Belustigung einem Kind den Kopf abschneiden.

Wer hingegen die Bösen sind, ist klar: Die syrische Armee und ihre Verbündeten – Iran, Russland und die libanesische Hisbollah. Die Rolle eines wichtigen Partners der syrischen Armee bei ihrem jüngsten Vormarsch in Ostaleppo wird dabei jedoch unterschlagen. Die Rede ist von den kurdischen Selbstverteidigungskräften (YPG), die den vor allem von Kurden bewohnten Stadtteil Sheikh Maqsud kontrollieren. Deren Kooperation mit der Armee war wesentlich für den bisherigen Erfolg der Offensive. Soldaten der Armee und Kämpfer der Kurdenmiliz hissten gemeinsam ihre jeweiligen Fahnen auf von ihnen eroberten Gebäuden.

Ein Bild, das so gar nicht zur vorherrschenden Berichterstattung passt, schließlich setzt sich die in Opposition zur Assad-Regierung stehende YPG im Unterschied zu den „Rebellen“ tatsächlich für demokratische Strukturen ein und ist der wichtigste Partner der US-geführten internationalen Koalition im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ in Syrien.

Einseitige Schuldzuweisungen

Von der Komplexität der Lage vor Ort will das Auswärtige Amt in Berlin aber nichts wissen. Für die „Tragödie“ in Aleppo „tragen das Regime und seine Unterstützer, allen voran Russland und Iran, die größte Verantwortung“, ließ das Amt verlauten. Die Verantwortung der Dschihadisten für diese „Tragödie“, die vor gut vier Jahren in die Hochburg der Regierungsanhänger eingefallen waren und damit den Krieg in die bis dahin vom Kämpfen verschonte Wirtschaftsmetropole brachten, wird vom Auswärtigen Amt mit keiner Silbe erwähnt.

Auch Norbert Röttgen, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages, schweigt sich zur Rolle al-Qaidas aus, um dafür umso lauter gegen Russland zu poltern. Mit der Vertreibung al-Qaidas aus Aleppo hat der CDU-Politiker mal wieder einen Anlass gefunden, um neue Sanktionen gegen Moskau zu fordern, denn „russische Handlanger“ seien für die „schlimmsten Verbrechen“ in Syrien verantwortlich. Gemeinsam mit Fraziska Brantner von den Grünen fordert er die Einrichtung einer Luftbrücke nach Aleppo.

London, Paris und Berlin drängen nun auf einen Waffenstillstand. Es ist bezeichnend, dass der Ruf nach einer Feuerpause seitens des Westens immer dann – und nur dann – ertönt, wenn die Assad-Gegner militärische Rückschläge erleiden. Nie haben westliche Regierungen einen Waffenstillstand gefordert, als al-Qaidas Truppen auf dem Vormarsch waren.

Läge ihnen wirklich das Leid der Bevölkerung am Herzen, würden sie die „Rebellen“ auffordern, ihren aussichtslosen Kampf in Aleppo einzustellen und die Bewohner in ein sicheres Gebiet abziehen zu lassen. Dann würden sie die Aufständischen in Aleppo drängen, einer Lösung zur Linderung des Leids der Bevölkerung zuzustimmen, wie es deren Gesinnungsbrüder in den vergangenen Wochen in verschiedenen Vororten von Homs und Damaskus bereits getan haben. Dort waren die von der Armee eingekesselten Kämpfer auf das Angebot der Regierung eingegangen, entweder die Waffen im Rahmen einer Amnestie niederzulegen, oder sich mitsamt leichten Waffen in die von der „Armee der Eroberer“ kontrollierte Provinz Idlib zu begeben.

Erst diese Woche wurden 1500 Kämpfer mitsamt ihren Familienangehörigen in von der Regierung bereitgestellten Bussen aus dem Damaszener Vorort Khan al-Shih nach Idlib gebracht, während gleichzeitig hunderte Militante das Amnestieangebot angenommen und ihre Waffen niedergelegt haben. Damaskus verbindet mit diesem Vorgehen vor allem zwei Interessen: Zum einen soll so die Sicherheit in den Städten erhöht werden, um die dort lebenden Menschen vor dem weiteren Raketenbeschuss aus diesen Vororten zu bewahren. Zum anderen geht es darum, die Spreu vom Weizen zu trennen, also diejenigen, die zur Versöhnung bereit sind, von denen, die unbedingt weiter kämpfen wollen.

Von solchen Befriedungsmaßnahmen, von der Evakuierung tausender Zivilisten, die in den eingeschlossenen und umkämpften Gebieten ausharren und um ihr Überleben bangen mussten, hält Spiegel-Autor Christoph Sydow überhaupt nichts. Was das Regime als humanitäre Geste preise, sei „nichts anderes als eine ethnische Säuberung. Sunniten, die den Großteil der Aufständischen stellen, werden gezielt vertrieben“, schreibt Sydow zum Ende der Kämpfe in Khan al-Shih. Die von den islamistischen Aufständischen in die Welt gesetzte Mär, Damaskus würde einen sektiererischen Krieg gegen Sunniten führen, machen sich deren Propagandisten – Sydow hatte im August die al-Qaida-Terroristen als „Aleppos letzte Hoffnung“ bezeichnet – gerne zu eigen.

Was nicht an diesem Bild stimmt? Zum einen besteht die syrische Armee mehrheitlich aus Sunniten, wie das Combating Terrorism Center in West Point in einer Studie feststellte. Zum anderen sind es nachweislich allein die „Rebellen“, die eine sektiererische Politik betreiben. Aus ihren Mordphantasien gegenüber Alawiten, Schiiten und Christen machen deren Vertreter keinen Hehl. Die von ihnen Anfang August begonnene Großoffensive zur Eroberung Aleppos hatten sie nach Ibrahim al-Youssef benannt, welcher 1979 nach einem Überfall auf eine Militärakademie im Rahmen eines Aufstands der Moslembrüder die sunnitischen von den alawitischen Kadetten trennen und letztere hinrichten ließ. Dasselbe werde mit den Alawiten heute passieren, erklärte ein Sprecher der „Rebellen“ zu Beginn der Offensive, die von vielen westlichen Medien regelrecht bejubelt wurde.

Dämonisierungskampagne

Während man die gute Nachricht darüber, dass vor Tagen die Anzahl der von Oppositionskräften kontrollierten Orte, die unter der Vermittlung Russlands ein Versöhnungsabkommen mit der Regierung unterzeichnet haben, auf über eintausend gestiegen ist, in hiesigen Leitmedien vergebens sucht, wird deren Leserschaft unentwegt eingehämmert, welches Ziel Moskau in Syrien scheinbar vor allem verfolgt: Möglichst viele Krankenhäuser zu bombardieren.

Wieder und wieder wurde in den letzten Monaten die Zerstörung des „letzten“ Krankenhauses in Ostaleppo vermeldet. Auf wundersame Weise entstand immer wieder ein neues, „letztes“ Krankenhaus. Oder bereits zerstörte Krankenhäuser erwachten plötzlich zu neuem Leben, wie das al-Quds-Krankenhaus, dessen komplette Zerstörung die Washington Post im April vermeldete, um dann im September darüber zu schreiben, wie knapp fünfzig Patienten in die besagte Einrichtung eingeliefert wurden, die doch laut eigener Berichterstattung gar nicht mehr existieren durfte.

„Die Anzahl der zerstörten Krankenhäuser ist ein Fall für das Guiness-Buch der Rekorde“, bemerkte kürzlich der Journalist und Nahost-Experte Elijah J. Magnier, der seit drei Jahrzehnten aus der Region berichtet. „Laut dem US-Außenministerium und der westlichen Presse wurden in den letzten Monaten über neunzig Krankenhäuser in Ostaleppo zerstört, was beinah einem zerstörten Krankenhaus pro Tag entspricht. Und jeden Tag hören wir, dass ‚das letzte Krankenhaus völlig zerstört wurde‘. Das Problem mit dieser Zahl belegt eine Statistik des syrischen Gesundheitsministeriums, laut der es „im gesamten Territorium Syriens nur 88 Krankenhäuser gibt‘“.

Bei den täglich vermeldeten Angriffen auf Krankenhäuser handelt es sich um durchsichtige Kriegspropaganda, die der Dämonisierung des Gegners dient. Die Behauptung, die syrische Armee führe einen Vernichtungskrieg in Aleppo, reiht sich da nahtlos ein. Warum sind in den vergangenen Tagen tausende Menschen in die Arme einer Armee geflüchtet, die sie angeblich massakrieren will? Warum versorgen syrische und russische Einsatzkräfte die Flüchtlinge mit Lebensmitteln, stellen Unterkünfte und medizinische Versorgung bereit, anstatt sie umzubringen, wo doch „für das Assad-Regime alle Bewohner des Ostteils als Terroristen gelten – egal ob es sich um Kinder, Ärzte oder auch Rebellen handelt“?

Natürlich sterben bei den Gefechten zwischen Armee und al-Qaida in Aleppo unschuldige Menschen. Das war bei der Eroberung Ramadis und Falludschas durch die irakische Armee aber nicht anders, und das verhält sich ebenso beim gegenwärtigen Kampf um Mossul. „Aus Mossul finden jedoch keine Bilder der dabei zerstörten Häuser und getöteten Zivilisten den Weg in die Medien, so wenig wie zuvor aus Ramadi und Falludscha“, weist Joachim Guilliard in der jungen Welt auf die völlige Schieflage der Berichterstattung hin. „Den Dschihadisten in Mossul wird vorgeworfen, die Bevölkerung den Bomben auszusetzen und sie als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen. Im Osten Aleppos ist davon keine Rede, obwohl nach UN-Angaben auch die Milizen, die sich dort verschanzt haben, die verbliebenen Bewohner gewaltsam am Verlassen der Viertel hindern.“

Oft wird die Situation in Aleppo mit der Zerstörung Grosnys im Tschetschenienkrieg verglichen. „Auf den viel näher liegenden Vergleich mit der irakischen Großstadt Ramadi, die vor fast einem Jahr durch die Bomben der US-Allianz zu achtzig Prozent zerstört wurde“, komme „merkwürdigerweise keiner“. Der Grund dafür liegt auf der Hand: In Ramadi, Falludscha und Mossul waren beziehungsweise sind die USA an der Eroberung der Städte beteiligt. Daher verzichten die transatlantisch ausgerichteten Medien und Politiker hierzulande darauf, wie im Fall Aleppos von einer „Auslöschung der Stadt“ zu sprechen, oder den Begriff „Massengrab“ in den Mund zu nehmen.

Die jüngsten Stellungnahmen westlicher Regierungen liefern kein Zeugnis darüber ab, was in Aleppo wirklich geschieht. Vielmehr bezeugen sie den eigenen Zynismus, wenn die Opfer eines Krieges beklagt – oder besser gesagt: instrumentalisiert – werden, den sie jahrelang selbst angeheizt haben, und dabei keine Skrupel kannten und nach wie vor kennen, gemeinsame Sache mit al-Qaida zu machen.

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