Kriege

Ein Kriegsverbrechen, keine „Tragödie“

US-Kampfjets haben das letzte Krankenhaus im afghanischen Kundus zerstört. 22 Menschen starben, darunter drei Kinder. Medien und westliche Politiker verharmlosen den Vorfall –

Von THOMAS EIPELDAUER, 5. Oktober 2015 –

„Es war absolut entsetzlich. Es war gegen zwei Uhr morgens, als ich vom Knall einer großen Explosion aufwachte“, erzählt der Krankenpfleger Lajos Zoltan Jecs. „Ich kann eigentlich nicht beschreiben, was sich dort abspielte, es gibt keine Worte dafür, wie schrecklich es war: Auf der Intensivstation brannten sechs Patienten in ihren Betten.“

Mindestens 22 Menschen verloren in der Nacht von Samstag auf Sonntag in einem von der unabhängigen Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) betriebenen Krankenhaus im afghanischen Kundus ihr Leben, Dutzende weitere wurden verletzt. „Die ersten Momente waren nur Chaos. Genügend Mitarbeiter hatten überlebt, um denjenigen zu helfen, die behandelbare Verletzungen hatten. Aber es gab zu viele, denen wir nicht helfen konnten“, schildert Jecs die dramatischen Ereignisse.

Die Täter: Keine „radikalislamischen Aufständischen“, sondern das US-Militär. Dieses unterstützte in den vergangenen Tagen afghanische Sicherheitskräfte bei einer Gegenoffensive gegen die Taliban, die zuvor Kundus zumindest teilweise unter ihre Kontrolle gebracht hatten. Das Bombardement, bei dem das Krankenhaus vollständig zerstört wurde, dauerte, so erinnert sich  Lajos Zoltan Jecs beinahe eine Stunde. Danach war kaum etwas übrig von der Klinik, die nun außer Betrieb ist. Eine der letzten Einrichtungen zur Gewährleistung einer zumindest basalen Gesundheitsversorgung in der Region ist damit verschwunden. MSF hat bereits angekündigt, sich aus Kundus auf absehbare Zeit zurückzuziehen.

Der Sprecher der NATO-Mission in Afghanistan, Sernando Estreooa, erklärte zu dem Vorfall: „Die US-Streitkräfte haben am 3. Oktober um 2.15 Uhr Ortszeit einen Luftangriff nahe der Einrichtung durchgeführt, wo einzelne Personen die Truppen bedrohten.“ Ein Sprecher des US-Militärs sprach davon, dass es „möglicherweise zu einem Kollateralschaden“ gekommen sei. Aus dem Weißen Haus war „Bestürzung“ zu vernehmen. Es handle sich um eine „Tragödie“, ließ US-Präsident Barack Obama verlauten, die allerdings noch nicht „abschließend beurteilt“ werden könne. Bequem, denn „Tragödien“ haben keine Verantwortlichen, die man zur Verantwortung ziehen müsste. Sie sind unausweichliche Schicksalsschläge.

In einer ersten Stellungnahme von Ärzte ohne Grenzen heißt es: „Derzeit deutet alles darauf hin, dass die Bombardierungen von den Truppen der Internationalen Koalition durchgeführt wurden.“ Das Hauptgebäude der Einrichtung sei „mehrmals präzise getroffen“ worden. Zudem wird betont, dass die Koordinaten der Klinik allen Konfliktparteien mitgeteilt worden waren, um Angriffe auf das Krankenhaus zu vermeiden. Ganz klar betont Meinie Nicolai, Präsidentin der belgischen Sektion von Ärzte ohne Grenzen: „Dieser Angriff ist eine abscheuliche Verletzung internationalen humanitären Rechts.“

MFS-Generalsekretär Christopher Stokes sagte, er sei „angewidert“ von Rechtfertigungsversuchen der afghanischen Regierung. „Diese Stellungnahmen deuten darauf hin, dass afghanische und US-Streitkräfte sich zusammen entschlossen haben, ein voll funktionierendes Krankenhaus dem Erdboden gleichzumachen.“

Das afghanische sowie das US-Verteidigungsministerium hatten die Luftschläge zuvor damit begründet, dass die Taliban die Klinik als „Schutzschild“ missbraucht hätten. Doch laut Mitarbeitern des Krankenhauses hätten sich keine bewaffneten Kämpfer in dem Gebäude aufgehalten. Auch die Taliban dementierten den Vorwurf. Stokes fordert eine unabhängige internationale Untersuchung – „unter der klaren Annahme, dass ein Kriegsverbrechen begangen wurde“.

Ob es eine solche jemals geben wird, ist äußerst fraglich. Derzeit wird berichtet, dass das US-Militär zusammen mit afghanischen Sicherheitskräften den Vorfall untersuchen will. Dass in einem solchen Prozess überhaupt in Erwägung gezogen wird, es könnte sich um einen vorsätzlichen Angriff gehandelt haben, ist auszuschließen. Transparent wäre diese Aufarbeitung selbstverständlich nicht. Erinnert man sich zudem an das Massaker von Kundus im September 2009, bei dem der deutsche Oberst Georg Klein 142 Zivilisten, darunter Kinder, durch einen Luftangriff auslöschen ließ, sind ohnehin kaum Konsequenzen für die Täter zu erwarten. Vorermittlungen gegen Klein wurden 2010 eingestellt, 2013 wurde er zum Brigadegeneral befördert.

Die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kommende Entschärfung der Brisanz des Angriffs auf das Krankenhaus in Kundus wird bereits jetzt vorbereitet. Kritische Medien müssten eigentlich zumindest den Anfangsverdacht verfolgen, dass es sich um einen gezielten Beschuss gehandelt haben könnte: Präzise Treffer, dem US-Militär bekannte Koordinaten der Klinik, die Dauer des Bombardements sprechen dafür.

In der Mainstream-Debatte ist dagegen bereits jetzt eine Tendenz zur Verharmlosung zu beobachten. „Einer der schlimmsten Fehlschläge der Nato in Afghanistan“ (Focus), „fataler Fehler“ (n-tv), „Verhängnisvoller Fehler“ (B.Z.), „fataler Fehlschlag“ (dpa). Die Einschätzung der betroffenen Organisation, dass es zumindest einen Anfangsverdacht auf ein Kriegsverbrechen gibt, wird bei vielen großen Zeitungen und Sendern ausgespart. Es gilt die Devise: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Während russische Luftschläge in Syrien von vornherein unter Generalverdacht gestellt werden, absichtlich Zivilisten zu treffen oder dies zumindest bewusst in Kauf zu nehmen, genießen die USA einen Vertrauensvorschuss, der auch durch starke Indizien offenbar kaum beschädigt wird.

Dennoch werden nach Jahren der „Kollateralschäden“ und „fatalen Fehler“ nun auch kritische Töne laut: „In Kundus verbrannten schwer verletzte Patienten bei lebendigem Leibe in ihren Betten, weil sie nicht fliehen konnten. Weil der Luftangriff auch nach den Hilferufen der Ärzte ohne Grenzen (MSF) Richtung Amerikaner und Afghanen noch mehr als eine halbe Stunde weitergeht. Warum? Wie abgestumpft muss man sein, um hier von einem Kollateralschaden zu sprechen?“ kommentiert die WDR-Journalistin Sandra Petersmann. „Es geht um die Aufarbeitung eines mutmaßlichen Kriegsverbrechens.“

(mit dpa)

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