Kriege

Gibt es einen ‚Save Darfur‘-Industriellen Komplex?

Der PR-Bluff eines "getürkten" Genozids –

Von BRUCE DIXON, 11. Mai 2009 –

Afrikanische Tragödien, bemerkte der Uganda-Experte und Professor an der Columbia Universität Mahmood Mamdani am 20.März bei einem Vortrag an der Howard Universität (1), geschehen gewöhnlich im Dunkel der Nacht, außer Sicht- und Hörweite und Anteilnahme des westlichen Publikums. Mit Ausnahme, so merkte er an, von Darfur. Mamdani ist kein Beobachter im Elfenbeinturm, sondern hat ausgedehnte Reisen in Darfur unternommen und dort als Berater der Afrikanischen Union bei deren Versuchen, den dortigen Konflikt friedlich zu lösen, gearbeitet.

Mamdani nannte ‚Save Darfur‘ „die erfolgreichste Organisationsstory zu einem bestimmten Thema seit der Antikriegs-Bewegung der Vietnam-Ära, ja erfolgreicher als die Antikriegs-Bewegung“. Aber ‚Save Darfur‘ ist mit Parolen wie „Stiefel vor Ort“, „Raus aus dem Irak, rein nach Darfur“ und anhaltenden Forderungen zur Schaffung von „no fly zones“ (gesperrten Flugzonen) bei weitem keine Friedensbewegung.

Wie der Black Agenda Rerport (BAR) in dem Artikel „Zehn Gründe weshalb ‚Save Darfur‘ ein PR-Bluff ist, um die nächsten US-Kriege um Erdöl und andere Ressourcen in Afrika zu rechtfertigen“ (2) von 2007 hervorhob, ist ‚Save Darfur‘ auch keine Graswurzel-Bewegung.

Die Förderer und Gründer der ‚Save Darfur‘ Bewegung gehören zur gut verbandelten und finanziell reichlich ausgestatteten Elite der US-Außenpolitik. Laut einer Copyrightstory der Washington Post (3) wurde
„die ‚Save Darfur‘ Koalition 2005 von zwei Gruppen gegründet, die sich Sorgen um den Genozid in dem afrikanischen Land machten – dem American Jewish World Service und dem US Holocaust Memorial Museum …

Die Koalition hat einen Stab von 30 Leuten mit Erfahrung in Politik und Öffentlichkeitsarbeit. Ihr Budget beläuft sich auf ca. 15 Millionen US-Dollar im vergangenen Steuerjahr…

‚Save Darfur‘ will nicht exakt angeben, wie viel sie für ihre Anzeigen ausgegeben hat, die in dieser Woche versuchten, China anzuschwärzen, Gastgeber der Olympischen Spiele 2008, um es zur Lockerung seiner Unterstützung für den Sudan zu bringen. Aber ein Sprecher der Koalition sagte, der Betrag liege bei einigen Millionen Dollar.“

Auch wenn die ‚Save Darfur‘ PR-Kampagne Werbespots verwendet, die sich an Hochschulstudenten richten, sogar an schwarze Blogger, ist sie keine Graswurzel-Angelegenheit wie es die Bewegung gegen Apartheid und zur Unterstützung der afrikanischen Befreiungsbewegung in Südafrika, Namibia, Angola und Mozambique vor einer Generation gewesen ist. Die ‚Save Darfur‘ Bewegung, oberlastig mit Evangelikalen Christen, die den kommenden Krieg für das Ende der Welt predigen und mit Elementen, die für ihre unkritische Unterstützung der israelischen Ablehnungsfront im Nahen Osten bekannt sind, ist eindeutig eine Angelegenheit des Establishments, eine Propaganda-Kampagne, die jeden Monat Millionen Dollar ausgibt, um Stimmung für eine US-Militär-Intervention in Afrika zu machen unter dem Deckmantel, einen Genozid zu stoppen oder zu verhüten.

Kein Pfennig der Gelder, die von der „Save Darfur Koalition“, dem Flaggschiff der ‚Save Darfur Bewegung’ eingetrieben werden, geht laut Berichten sowohl in der Washington Post als auch der New York Times in die Hilfe für bedürftige Afrikaner vor Ort in Darfur.

Der Anklang von ‚Save Darfur‘ beim US-amerikanischen Publikum

Mamdani erklärt den einzigartigen Anklang der ‚Save Darfur Bewegung‘ beim US-amerikanischen Publikum damit, dass anders als bei der US-Verantwortung für die eine Million tote Iraker in den vergangenen sechs Jahren, die ‚Save Darfur Bewegung‘ nicht verlangt, dass wir die Geschichte, Ethnographie oder die komplexen Verhältnisse des gegenwärtigen Konfliktes dort verstehen oder irgendeine eigene Schuld eingestehen müssen.

Anders als bei den Toten im Irak verlangt ‚Save Darfur‘ nicht, dass die US-Amerikaner als Bürger agieren mit dem Bedürfnis, Verantwortlichkeiten und Aktionen zu übernehmen, sondern einfach als menschliche Wesen mit dem Bedürfnis, sich wirksam und schuldlos zu fühlen. ‚Save Darfur‘, so argumentiert Mamdani, hat den Konflikt für sein US-amerikanisches Publikum enthistorisiert und entpolitisiert, indem ein simples Moralstück aufführt, in dem sie die Helden sein können.

Jedermann möchte ein Held sein. Niemand will Bürger sein.

Und was könnte mehr heroisch selbstrechtfertigend und selbstbestätigend sein, als an der Seite von Engeln im Stück eines reinen Rassenkonflikts aufzutreten, wie er uns von der ‚Save Darfur Bewegung‘ dargeboten wird? Das Dumme ist nur, dass es ein extrem falsches Stück ist. Die historischen und gegenwärtigen Anwendungen und Definitionen von Rasse in Amerika sind nicht annähernd dieselben wie jene in Afrika. Die meisten von Darfurs Dschandschawiden, die Gräuel an Zivilisten in Darfur verübten, sind ebenso schwarz wie die Ermordeten und ebenso einheimisch. Die Staatsanwälte am Internationalen Gerichtshof, die kürzlich den sudanesischen Präsidenten anklagten, sind nur den reichen Nationen des UNO-Sicherheitsrates verantwortlich und niemandem auf dem afrikanischen Kontinent. Und die Opferzahlen, mit denen ‚Save Darfur‘ um sich wirft, sind extrem überhöht.

Die Zahl der Opfer in Darfur ist von ‚Save Darfur‘ und den US-Behörden aufgeblasen

Professor Mamdani bemerkte, dass in einer Antwort auf die Anfrage von Mitgliedern des Kongresses die GAO, eine unabhängige US-Behörde, deren Aufgabe es ist, die Richtigkeit von Informationen zu prüfen, die von anderen Regierungsorganen verbreitet werden, die stark voneinander abweichenden Opferzahlen bewertete, die 2006 aus Darfur kamen. 2004-2006 war die Zeit, in der die Verbrechen in Darfur ihren Höhepunkt erreichten. Man nahm die niedrigste Zahl von 50-70 000 Toten, die von der Weltgesundheitsorganisation kamen sowie die viel höhere Zahl von 200-400 000 Toten, die von Leuten aus dem Umkreis von ‚Save Darfur‘ kamen und schickte sie an die Nationale Akademie der Wissenschaften. Die Wissenschaftler sagten der GAO, dass die niedrigere Zahl die korrektere ist, und sie wurde auch 2006 für die Einschätzung der Situation in Darfur benutzt.

Das Außenministerium jedoch gab Berichte mit zwei verschiedenen Opferzahlen heraus: niedrige für den Gebrauch der Politiker und höhere, die von ‚Save Darfur‘ und ihren Leuten produziert waren, für den Gebrauch des Publikums.

Bis auf den heutigen Tag, behauptet Mamdani, ist die US-Öffentlichkeit mit den stark erhöhten Opferzahlen gefüttert worden. Er berichtete von einer Besprechung, der er beiwohnte, wo der Kommandeur der Streitkräfte der Afrikanischen Union von alles in allem 1500 Toten in Darfur für 2008 berichtete, so viele, wie laut ‚Save Darfur‘ und den US-Behörden jeden Monat sterben.

Vergleich zwischen Darfur und Kongo, einem getürkten und einem echten Genozid

Niemand bezweifelt, dass es in den USA einen zwei Parteien vertretenden militärisch-industriellen Komplex gibt, der die ”Fakten” schafft, die notwendig sind, um Interventionen rundum in der Welt zu rechtfertigen. Die ‚Save Darfur Koalition‘, die Figuren umfasst, deren Aktivismus auf das Freedom Movement (Freiheits-Bewegung) zurückgeht, wie den Kongressabgeordneten John Lewis zusammen mit den Landsleuten des verstorbenen Jerry Falwell, würde sich um nichts in der Welt mit irgendeinem anderen Thema beschäftigen. Sie ist die Schöpfung des außenpolitischen Zweiparteien-Establishments, das dringend einen „humanitären“ Vorwand braucht, um seine imperialen Ambitionen zur Kontrolle von Afrikas Erdöl- und sonstigen Ressourcen zu vertuschen.

Die lärmende Heuchelei der ‚Save Darfur Bewegung‘ ist am offensichtlichsten, wenn man die fabrizierte Sorge um die 50 bis 70 000 Toten in Darfur mit dem vergleicht, was in Wort und Bild den fünf Millionen Toten im benachbarten Kongo gewidmet wird. Doch wenn man Professor Mamdanis Maßstab nimmt, ist es nicht schwer zu verstehen. In Darfur zu intervenieren macht uns zu Helden. Aber im Kongo haben Stellvertreter der USA und des Westens die Invasion und Entvölkerung und Plünderung des ganzen östlichen Kongos angezettelt. Unter dem Sudan liegt ein See von Erdöl, der größte Teil in Darfur. Aber es sind die Chinesen, die das Öl pumpen und nicht Chevron oder BP oder Exxon.

Gehen wir zurück zu unserem Artikel von 2007 über die ‚Save Darfur Bewegung‘:

„Die selektive und zynische Anwendung des Wortes "Völkermord" für den Sudan statt für den Kongo, wo zehn- bis zwanzigmal mehr Afrikaner ermordet worden sind, enthüllt das Ausmaß der Heuchelei der ‚Save Darfur Bewegung‘. Im Kongo, wo örtliche Gangster, Söldner und Warlords zusammen mit Invasionsarmeen aus Uganda, Ruanda, Burundi, Angola an den Schlächtereien, Massenvergewaltigungen und örtlicher Entvölkerung teilnehmen, in einem Ausmaß, das alles, was im Sudan geschieht weit hinter sich lässt, wetteifern alle Akteure eifrig miteinander zu garantieren, dass die Ausbeutung des wichtigen Coltan (4) für die westlichen Computer und Handys, der Export von Uran für die westlichen Atomreaktoren und Atomwaffen sowie von Diamanten, Gold, Kupfer, Holz und anderen kongolesischen Ressourcen weiterhin nicht behindert wird.

Der frühere UNO-Botschafter Andrew Young und George H.W. Bush saßen beide im Vorstand der Barrick Gold (5), einer der größten und aktivsten Bergbaukonzerne in dem von Kriegen zerrissenen Kongo. Offensichtlich kann es bei den üppig in den Westen fließenden Profiten durch die brutale Ausbeutung des kongolesischen Reichtums im Kongo keinen ”Genozid” geben, der es wert wäre, genannt zu werden, geschweige denn, gestoppt zu werden. Für ihre Zwecke mögen die US-Strategie-Planer ihr kongolesisches Modell gar als ideales Mittel betrachten, um den afrikanischen Reichtum zu minimalen Kosten an sich reißen zu können, ohne sich um offizielle US-Stiefel vor Ort kümmern zu müssen.“

Auf den äußerst realen Genozid im Kongo zu reagieren, würde von den gewöhnlichen US-Amerikanern erfordern, als Bürger statt als heroische Selbst-Bestätiger zu denken. Aber das lässt sich nur schwer verkaufen. Wir können nur hoffen, dass die Mitglieder des Congressional Black Caucus (Vereinigung der afro-amerikanischen Mitglieder des Kongresses) und andere Mitglieder des Kongresses, die im vergangenen Monat ihre Glaubwürdigkeit der ‚Save Darfur Bewegung‘ schenkten, ihren selbstbestätigenden ”Heroismus” überwinden und anfangen, die Herausforderung von Dr. Mamdani anzunehmen: als Bürger und als Führer von Bürgern zu handeln, ihre Hausarbeiten zu machen und sich unserer Verantwortung an dem realen Genozid im Kongo und der Verlängerung des Krieges in Darfur zu stellen. Dafür ist es nicht zu spät.

Der Autor: Bruce Dixon ist leitender Redakteur des Black Agenda Report. Er war Mitglied der Black Panther Party und bezeichnet sich selber als ein „unverbesserlicher Aktivist“ der Menschenbefreiung. Er lebt in Atlanta, Georgia.

Anmerkungen / Quellen:

(1) http://www.c-spanarchives.org/library/vip/285331-1.html

(2) http://www.blackagendareport.com/?q=content/ten-reasons- why-save-darfur-pr-scam-justify-next-us-oil-and-resource-wars-africa

(3) http://www.overbrook.org/newsletter/06_07/pdfs/AJWS_Washington_Post.pdf

(4) http://de.wikipedia.org/wiki/Coltan

(5) http://www.zmag.org/content/showarticle.cfm?ItemID=9832



Der Artikel erschien im Original unter dem Titel " Is There a Save Darfur Industrial Complex?" am 6. Mai 2009.

Übersetzt von Einar Schlereth und Fausto Giudice bei Tlaxcala

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