Vortrag von Daniele Ganser

In der Handballarena für den Frieden

Zwischen Heimniederlage und Roland Kaiser ist in der Kieler Wunderino-Arena Frieden das Thema: Daniele Ganser ist auf Vortragstournee und spricht dabei vor so vielen Menschen wie nie zuvor. Nach 2900 Zuhörern in Rostock sind am Mittwoch 1800 Menschen in die Landeshauptstadt Schleswig-Holsteins gekommen. In der Spielstätte des deutschen Handball-Rekordmeisters sprach der Schweizer zweieinhalb Stunden mit Witz, Charme und viel Faktenwissen über den Ukraine-Krieg. Umjubelter Star des Abends war jedoch ein anderer. Ein Hintergrund-Ortstermin in Kiel.

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Daniele Ganser spricht vor 1800 Menschen in Kiel.
Foto: Dirk Wächter, Mehr Infos

Beifall brandet auf. Die Menschen in der altehrwürdigen Ostseehalle, die jetzt nach dem Online-Casino Wunderino-Arena heißt, erheben sich. Einige stehen auf den Stühlen. Wer in der Mitte der Halle sitzt, weiß schon, wem der Applaus gilt. Denn der Bejubelte kommt über den Mittelgang. Unter dem Rest der Anwesenden spricht es sich rasch herum. Der Star des Abends ist kurz vor Beginn eingetroffen. Als Ehrengast setzt er sich in die erste Reihe. Es ist ein kleiner Mann, Mitte 70, asiatische Gesichtszüge, freundlich und zugewandt. Prof. Dr. Sucharid Bhakdi freut sich über den Applaus der 1800 Anwesenden. Es wird nicht der Einzige für ihn bleiben.

Viele Zuschauer kommen nach vorne, wechseln einige Worte mit ihm und seiner Frau, Prof. Dr. Karina Reiss. Viele Handys werden gezückt, Selfies gemacht. Alles in freundlicher Stimmung, ruhig und höflich. Man ist hier unter sich. Wer den kritischen Vortrag zum Ukraine-Krieg von Daniele Ganser hören will, der hat schon vorher die oppositionellen Stimmen wahrgenommen. So wie die von Bhakdi, der wie kaum ein anderer für die medizinische Kritik an der Corona-Politik der Regierung steht und der in einem Maße wie nur wenige andere diffamiert wurde. Aufgrund unglücklicher Äußerungen werden ihm Volksverhetzung und Antisemitismus vorgeworfen, wofür es durchaus Gründe gibt. Die Äußerungen sind aber nach Ansicht kritischer Juristen zumindest nicht strafbar.1 Ein Verfahren gegen Bhakdi, der im Kieler Umland lebt, gab es noch nicht.

Wer sich im Widerstand gegen die Regierung wähnt, wer gegen die Corona-Maßnahmen auf die Straße gegangen ist, der steht hinter Bhakdi. Trotz oder gerade wegen der Vorwürfe. Das hat der emeritierte Medizinprofessor mit thailändischen Wurzeln mit dem promovierten Historiker gemein; seinetwegen sind die Zuschauer gekommen. Auch Daniele Ganser wird regelmäßig diffamiert, ihm werden Antisemitismus und die Verharmlosung des Holocaust vorgeworfen, weswegen einige Hallenbetreiber Verträge für Auftritte gekündigt haben.2

In Kiel gab es im Vorfeld Kritik und Proteste, aber der Vortrag findet statt. Drei Tage nach einer der seltenen Heimniederlagen von Handball-Rekordmeister THW Kiel und drei Tage vor dem Auftritt von Roland Kaiser füllt ein Schweizer Friedensforscher an einem Mittwochabend die Ränge der Halle. Alle drei Veranstaltungen sind ausverkauft und sorgen für Einnahmen – unter anderem der örtlichen Zeitung, denn die Kieler Nachrichten sind Miteigentümer der Halle. Auch die Gastronomie macht ein gutes Geschäft. Es fließt viel Bier durch die Zapfhähne, es wird gekocht und gebraten. Die „norddeutsche Friedensbewegung“, wie Veranstalter Dirk Wächter die Anwesenden von der Bühne aus zu Beginn anspricht, hat Hunger und Durst.


Daniele Ganser in Kiel.
Foto: Dirk Wächter, Mehr Infos

Bewegen müssen sie sich heute nicht, an diesem Abend bewegt sich vor allem einer: Daniele Ganser. Kurz nach 20 Uhr betritt er in legerem Anzug und mit weißen Turnschuhen die große Bühne. Bis auf einen Stehtisch mit Laptop ist sie leer. Dahinter eine große Leinwand, auf der Ganser seine Präsentation zeigt. In zehn Punkten arbeitet er sich durch Geschichte und Gegenwart des Ukraine-Krieges. Wobei diese Arbeit ihm leicht von der Hand geht. Er schreitet am Bühnenrand von links nach rechts und wieder zurück. Bleibt immer wieder stehen, um einen besonders wichtigen Punkt zu machen. Und um zu wiederholen.

„Realität entsteht durch Wiederholung“. Das hat Ganser gleich zu Beginn seines Vortrags festgestellt. Denn bevor er ins Thema einsteigt, geht es ums Lernen und um Propaganda. „Nur Dinge, die man wiederholt, prägen sich ein. Es ist nicht notwendig, dass sie wahr sind“, sagt Ganser. Wenn etwas immer wieder wiederholt werde, verknüpfen sich die Neuronen im Gehirn. Und wer dann abweicht von der Erzählung, die durch Wiederholung zur Realität geworden ist, der wird mit einem Schimpfwort bedacht. So wie Daniele Ganser, der in den Augen des Mainstream ein Verschwörungstheoretiker ist.

Ganser präsentiert an diesem Abend viele Fakten. Mit Charme, mit deutlichem Schweizer Akzent und immer wieder mit ironischen Bemerkungen, mit denen er sein Auditorium zum Lachen bringt, bestätigt er seinen Ruf als brillanter Redner. Ohnehin hat der Betrachter zuweilen den Eindruck, da steht ein Künstler auf der Bühne. Ganser arbeitet die Fakten so auf, dass sie jeder verstehen kann. War in den vergangenen Jahren die Grenze zwischen politischem Kabarett und politischer Aufklärung oftmals vonseiten der Kabarettisten überschritten worden – Volker Pispers, Georg Schramm oder auch die Macher der Anstalt im ZDF haben lange Zeit mehr für die politische Bildung getan als viele Journalisten –, überschreitet sie hier ein Aufklärer in die andere Richtung. Ganser nimmt Anleihen beim politischen Kabarett und zitiert Volker Pispers: „Wenn man weiß, wo der Feind steht, dann hat der Tag Struktur.“ In seinem Vortrag überspitzt er immer wieder, so dass die Verwirrung der heutigen Zeiten deutlich wird.

Es ist ein Vortrag gegen die Angst. War vor gut zwanzig Jahren nach dem 11. September die Angst vor Terrorismus aktuell, so war es zuletzt Corona und jetzt Putin. „Sie sollten wissen, was die aktuelle Angst ist“, sagt Ganser. Wer vor zwanzig Jahren vor Viren warnte, der sei schief angeschaut worden. Gegen die Angst empfiehlt Ganser eine beobachtende Haltung. Den Medienkonsum reduzieren und in die Natur, in den Wald gehen. Das helfe. Heute Abend aber hilft auch die Gemeinschaft der Gleichgesinnten in der Arena. Hierher sind die Menschen gekommen, um mehr über den Krieg zu erfahren, auch wenn die meisten vermutlich schon vieles wissen. Protest gegen Gansers Vortrag ist aus der Halle nicht zu vernehmen, auch vor Beginn sind keine Demonstranten zu sehen gewesen. Dafür viel Polizei mit Helmen neben vielen Sicherheitsleuten. Das Publikum in der Halle ist sich mit dem Vortragenden einig, es klatscht und lacht an den richtigen Stellen.

Ganser zieht die Menschen in seinen Bann. Er spricht über den illegalen Einmarsch Russlands in die Ukraine und gibt Putin die erste Rote Karte des Abends. Der Einmarsch sei schließlich ein Verstoß gegen das UNO-Gewaltverbot. Weitere Rote Karten gibt es für Kanzler Olaf Scholz, der Waffen liefert, und für Ex-US-Präsident Bill Clinton, der die NATO-Osterweiterung anschob und Jugoslawien bombardierte. Dass dies „niemand interessiert“ habe, wie Ganser an einer Stelle sagt, ist falsch. Die alte Friedensbewegung hat sich interessiert, war 1999 auf der Straße gegen den ersten Angriffskrieg von deutschem Boden seit 1945. Aber die alte Friedensbewegung ist nicht in der Halle und so gibt es keinen Widerspruch. Die nächste Rote Karte erhält Ex-US-Präsident Georg W. Bush, der versucht hat, 2008 auch die Ukraine in die NATO zu führen. Auch Bushs Nachfolger Barack Obama und dessen Vize Joe Biden erhalten rote Karten – für die Unterstützung des Maidan-Putsches, der alles andere als friedlich war. Ganser leitet alle diese Punkte her, zeigt Bilder und Presseausschnitte. Stimmen aus dem Mainstream und solche, die kaum zu Gehör kommen. Zwischendurch in der Pause signiert er Bücher.

Kurz nach der Pause geht es dann noch einmal um Corona. Ganser dankt Bhakdi auf offener Bühne mit einer Verbeugung für seine Aufklärungsarbeit. Auch wegen seiner Videos habe er sich nicht impfen lassen, was in seinem Freudeskreis für scharfe Diskussionen sorgte. Tosender Applaus und erneut stehende Ovationen. Bhakdi steht auf, hebt die Hand, bedankt sich. Dann geht es wieder um die Ukraine. Auch die Nord-Stream-Sprengung ist Thema. Er glaube Seymour Hersh, sagt Ganser. Er vergleicht den Krieg mit Krebs. „Der bildet Metastasen, man weiß aber nicht wo“, sagt er. Die Pipeline sei so eine Metastase, die sich anderswo gebildet habe. Es bestehe die Gefahr, dass weitere entstünden. Auch deswegen seien Verhandlungen, sei ein Waffenstillstand unvermeidlich. Und auch wenn er die Gefahr eines nuklearen Weltkriegs als nicht sehr hoch einschätzt, da dieser nicht im Interesse von Putin, Selenskyj, Biden oder Scholz sei. Weiter in Richtung Eskalation dürfe dieser Konflikt nicht getrieben werden, so Ganser.

Am Ende, nach etwa zweieinhalb Stunden kurzweiligem Vortrag, dem die ganze Halle aufmerksam folgt, wiederholt Ganser noch einmal die Roten Karten. Seine Darstellung ist sehr auf Personen fixiert. Die geopolitischen Strukturen hinter den aktuellen Auseinandersetzungen kommen an einigen Stellen vor. Eine tiefere, gerade auch ökonomische Analyse fehlt dem Vortrag. Es ist in zweieinhalb Stunden natürlich nicht möglich, alle Aspekte auszubreiten. Aber jedenfalls ein deutlicher Hinweis auf die ökonomischen Profiteure des Krieges hätte das Bild abgerundet. Dass das deutsche Gas jetzt aus den USA kommt, dass die Rüstungskonzerne immer mehr Aufträge erhalten. Das müsste doch möglich sein. Denn vermutlich hätte eine tiefere Kapitalismuskritik, so Daniele Ganser sie überhaupt teilt, dem Konsens in der Halle nicht gutgetan. So blieb am Ende für die Zuhörer das Gefühl, einmal mit Gleichgesinnten eine andere Position zum Krieg gehört und die 30 Euro Eintritt gut angelegt zu haben. Der tosende Applaus zum Schluss zeugte von der Dankbarkeit der Anwesenden. Auch wenn er zweimal an diesem Abend noch etwas lauter gewesen war.

Verwaltungsgericht Gelsenkirchen macht Weg für Ganser-Vortrag in Dortmund frei

Der Vortrag von Daniele Ganser in der Westfalenhalle Dortmund kann am 27. März nach derzeitigem Stand stattfinden. Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen hat entschieden, dass die Stadt Dortmund auf die Westfalenhalle GmbH einwirken müsse, damit diese die Veranstaltung ermöglicht, heißt es in einer Pressemitteilung des Gerichts.3 Die Veranstaltung bewege sich nach Ansicht der Richter im Rahmen des Widmungszwecks der Westfalenhalle, die für „Veranstaltungen aller Art“ zur Verfügung stehe. Dies habe die Stadt nicht wirksam eingeschränkt. Gegen den Beschluss des Gerichts kann noch Beschwerde eingelegt werden, über die das Oberverwaltungsgericht für das Land Nordrhein-Westfalen entscheiden müsste.

Nachtrag, 11.03.2023, 14:45 Uhr: Laut WDR hat die Stadt Dortmund angekündigt, diese Beschwerde vor dem Oberverwaltungsgericht in Münster einzulegen.

Der Autor

Johannes M. Schacht ist freier Autor aus Hamburg. Für Hintergrund schreibt er aus aktuellem Anlass unter Pseudonym.

Quellen

1 Zusammenfassung und rechtliche Bewertung der Vorwürfe beim Netzwerk kritischer Richter und Staatsanwälte: https://netzwerkkrista.de/2022/06/12/ist-professor-bhakdi-ein-volksverhetzer/

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2 https://www.hintergrund.de/allgemein/rundschau/neue-treibjagd-auf-daniele-ganser/

3 https://www.vg-gelsenkirchen.nrw.de/behoerde/presse/pressemitteilungen/05_230308/index.php

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