Kriege

Russland erweitert militärische Hilfe für US-Besatzung in Afghanistan

Von NIALL GREEN, 4. August 2010 –

Der russische Botschafter in Kabul, Andrei Avetisjan, gab am 12. Juli bekannt, dass der Kreml mit der Lieferung von Waffen und Militärausrüstung an das Regime von Hamid Karzai beginnen werde. Es ist das erste Mal seit dem Rückzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan im Jahre 1989, dass Moskau einer afghanischen Regierung direkte militärische Unterstützung anbietet.

Avetisjan erklärte der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua: „Wir bestätigen unsere Bereitschaft militärische Ausrüstung an Afghanistan zu liefern und wir sind bereit Afghanistan und die NATO in dieser Hinsicht ohne Gegenleistung zu unterstützen.“

Matrjoschka
Kriegs-Matrjoschkas: Die männliche Variante dieser Püppchen soll entsprechend der Tradition und dem russischem Aberglauben Kriegstüchtigkeit und Stärke symbolisieren.

Einige Tage später bot der russische Außenminister Sergei Lawrow Afghanistan bei einem Besuch des Landes mehrere Zugeständnisse an. Diese beinhalten die Abschreibung von afghanischen Schulden gegenüber Moskau in Höhe von 900 Millionen US-Dollar und das Versprechen, ein Hilfsprogramm beizubehalten, nach welchem Russland Weizen an Afghanistan liefert.

„Wir untersuchen mit unseren Partnern auch weitere Maßnahmen, insbesondere der Ausrüstung und der Ausbildung der afghanischen Armee und Polizei.“ erklärte Lawrow auf einer internationalen Konferenz über Afghanistan, die am 20. Juli in Kabul stattfand. „Wir werden unseren Beitrag zur Ausbildung des Personals der staatlichen Kräfte Afghanistans erweitern.“

Mit seiner Zusammenarbeit mit der US-amerikanischen Besatzung in Afghanistan und der Unterstützung des Marionetten-Regimes unter Karzai in Kabul, versucht Moskau den fast neun Jahre anhaltenden Krieg der USA zu retten. Angesichts eines drohenden militärischen Debakels kommt das US-amerikanische politische Establishment zum Schluss, dass Afghanistan nur durch eine massive Eskalation militärischer Gewalt gegen die afghanische Zivilbevölkerung und deren Widerstand gegen die fremde Besatzung unterworfen werden kann.

Dass die russische Elite bereit ist, Washington in diesem kriminellen Unterfangen zu unterstützen, obwohl die USA das Ziel verfolgen, ihre Vormachtstellung in der Region zu behaupten, ist ein Ausdruck der Befürchtung Moskaus, eine Niederlage des  US-Imperialismus würde seine eigenen Interessen in der Region gefährden.

Aus dem gesamten zentralasiatischen Gebiet werden Öl und Erdgas im Wert von Milliarden von Dollars exportiert, während dem die arbeitende Bevölkerung in der Region in Armut lebt und von selbstherrlichen Regierungen unterdrückt wird, die von Moskau oder Washington gestützt werden. Der afghanische Aufstand und der Sturz des Diktators Kurmanbek Bakijew im März zeigen, dass diese Fußtruppen der Großmächte stark durch Widerstand von unten gefährdet sind.

Afghanistan wurde lange als unerlässlich für die strategischen Interessen Moskaus betrachtet. Im neunzehnten Jahrhundert kämpfte das zaristische Russland in dem „Grossen Spiel“ gegen das britische Empire um die Vorherrschaft in Zentralasien.

Der Kreml hat die Beziehungen zu den Kriegsherren der Nordallianz beibehalten und diese nach der sowjetischen Besetzung weiter gestützt. Die Nordallianz bildet heute den größten nationalen Block, der die Regierung von Karzai unterstützt. Jeder Sieg der Taliban würde auf Kosten dieser langjährigen Verbündeten gehen. Moskau fürchtet weiter, dass ein Sieg der Taliban in Afghanistan die islamistischen Milizen in den mehrheitlich muslimischen Kaukasusprovinzen, insbesondere in Tschetschenien, ermutigen könnte.

Im Januar des letzten Jahres stellte die Regierung unter Präsident Dmitri Medwedew und Ministerpräsident Wladimir Putin den russischen Luftraum und per Eisenbahn den Landweg zur Verfügung, um den Truppen der Vereinigten Staaten und der NATO den Transport von nicht-tödlicher militärischer Ausrüstung nach Afghanistan zu ermöglichen.

Seitdem gelangen regelmäßig Konvois von Eisenbahnwagen mit militärischer Fracht über Russland nach Afghanistan. Diese Eisenbahnversorgungslinien, von den US-amerikanischen Militärstrategen Nördliches Verteilnetz (NDN) genannt, haben sich zu einem notwendigen Nachschubweg für die Besatzung entwickelt.

Gemäss Al Jazeera werden die Vereinigten Staaten und die NATO dieses Jahr 16.000 bis 26.000 Container mit Material nach Afghanistan über die nördliche Verbindungslinie transportieren. Dies entspricht gegenüber 2009 einer Verdreifachung der Fracht und macht ein Fünftel der insgesamt 120.000 geschätzten Ausrüstungscontainer aus, die von der Besatzungsmacht in diesem Jahr benötigt werden.

Die Züge werden in der lettischen Hauptstadt Riga mit militärischen Gütern beladen. Lettland ist eine frühere Sowjetrepublik und seit 2004 Mitglied der NATO. Die Züge durchqueren anschließend Russland, Kasachstan und Usbekistan, bevor sie in Afghanistan eintreffen und schließlich die Stadt Mazar-i-Sharif erreichen. Eine Nebenroute umgeht Usbekistan und gelangt über Kirgistan und Tadschikistan nach Afghanistan.

Ironischerweise benutzt die nördliche Nachschublinie die gleichen Eisenbahnschienen, die von der Sowjet-Regierung für die Versorgung der Besatzung von Afghanistan in den 1980er Jahren gebaut wurden, die von der US-Regierung mit Hilfe der Mujaheddin-Krieger, aus denen später die Taliban und Al-Qaida entstanden, bekämpft wurde.

Hinzukommt, dass gemäß der New York Times, russische Transportflugzeuge bereits seit Ende 2008 militärische Fracht vom Nahen Osten nach Afghanistan transportiert haben.

Gemäß Schätzungen des US-amerikanischen Center for Strategic and International Studies (Zentrum für strategische und internationale Studien) werden die von Präsident Obama um 60.000 zusätzliche Soldaten verstärkten US-Truppen in Afghanistan allein in den Jahren 2010 und 2011 drei bis viermal mehr nicht-militärische Versorgungsgüter benötigen, als im Jahr 2008 verbraucht wurden. Der wütende Aufstand im Süden des Landes hat die Hauptversorgungswege der USA und der NATO über Pakistan stark eingeschränkt. Hunderte von Lastwagen, die Ausrüstung der US-Amerikaner und der NATO über den Khaiberpass transportierten, der Hauptverbindung zwischen den zwei Ländern, wurden von Aufständischen auf beiden Seiten der Grenze angegriffen.

Das Pentagon war besorgt, dass die umkämpften Versorgungswege aus Pakistan nicht ausreichend sein würden, um mit dem höheren Aufkommen an benötigten Gütern klarzukommen. Hinzukommt, dass Washington je länger je mehr an der Zuverlässigkeit des Verbündeten in Islamabad zweifelt. Wie aus den kürzlich auf WikiLeaks veröffentlichten Dokumenten zu entnehmen ist, äußern die Strategen der Vereinigten Staaten Bedenken, dass hohe pakistanische Regierungsvertreter womöglich Teile der afghanischen Aufständischen unterstützen, was Washington genug Gründe liefert, alternative Versorgungslinien aufzubauen.

Obschon der größte Teil der Ausrüstung mittels Luftfracht nach Afghanistan transportiert wird, könnte die Bedeutung der nördlichen Landroute stark an Bedeutung gewinnen, nachdem Bakijew gestürzt worden ist und dies Zweifel an der Verlässlichkeit des US-amerikanischen Luftwaffenstützpunktes Manas in Kirgistan aufkommen ließ. Bei dieser Episode hat sich Russland ebenfalls kooperativ gegenüber den Vereinigten Staaten gezeigt und beide Großmächte haben ihren Einfluss umgehend nach dem Sturz von Bakijew dazu eingesetzt, die Machtergreifung von Rosa Otunbajewa, einer ehemaligen Botschafterin in Washington, und weiterer Führungspersönlichkeiten zu unterstützen, die einer Präsenz der US-amerikanischen und russischen Luftwaffenstützpunkte in Kirgistan freundlich gesonnen sind.

Die Abhängigkeit der Besetzung Afghanistans von russischer Kooperation war einer der Hauptfaktoren für die „Neujustierung“ der Beziehungen der Obama-Regierung zum Kreml. In einem eindeutigen Tauschhandel mit Moskau distanzierte sich das Weiße Haus von einigen der provokativsten Maßnahmen der Bush-Regierung gegenüber Russland.

Im letzten Jahr hat das Pentagon seine geplanten Raketenschild-Stützpunkte in Polen und Tschechien aufgegeben, da diese von Moskau als eine Gefahr für seine ballistischen Einsatzmöglichkeiten wahrgenommen wurden. Washington hat praktisch für den Moment auch den Plan aufgegeben, die Ukraine und Georgien, zwei ehemalige Republiken der UdSSR, die an Russland angrenzen, in die NATO aufzunehmen. Allerdings verfolgen die US-Militärstrategen weiterhin den Plan zum Bau eines Raketenschildes, wobei Stützpunkte in den NATO-Mitgliedsstaaten Bulgarien und Rumänien vorgesehen sind.

Moskau hofft darüber hinaus, dass die guten Beziehungen zu den Vereinigten Staaten die russischen Interessen gegenüber den anderen Großmächten stärken werden. Während die Europäer und die Chinesen stark in Zentralasien und in der kaukasischen Region investieren, versucht Moskau seine Interessen im „nahen Ausland“, den ehemaligen Sowjetrepubliken, auszubauen, auch wenn dies ein zeitlich begrenztes Bündnis mit Washington bedeutet.

Dies ist, gelinde gesagt, eine unstabile Allianz. Das langjährige Ziel der Vereinigten Staaten, bestimmenden Einfluss im Nahen Osten und den ehemaligen Sowjet-Gebieten auszuüben, wird Washington auch weiterhin in Konflikt mit Moskau bringen.

Washington baut zusätzlich eine parallele Versorgungsstrecke auf, um Russland zu umgehen. Neben der nördlichen Eisenbahnverbindung, die in Riga beginnt, haben die Vereinigten Staaten ein Versorgungskette aufgebaut, die im georgischen Hafen Poti im Schwarzen Meer seinen Ausgangspunkt hat und über Aserbaidschan und das Kaspische Meer schließlich zur Eisenbahnlinie Kasachstan-Usbekistan-Afghanistan führt.

Das Hauptziel Washingtons ist es, diese militärischen Versorgungswege nach Afghanistan in ein permanentes US-amerikanisches Militär-Transport-Netzwerk in der Region umzuwandeln, das es ermöglicht, den Einfluss Moskaus und die wachsende Macht Pekings in Zentralasien anzufechten.

Vor dem Außenpolitischen Ausschuss des US-Senats forderte Stephen Blank von der Militärakademie der Vereinigten Staaten im Dezember 2009, das nördliche Versorgungsnetzwerk zum Mittelpunkt einer koordinierten Strategie in der Region zu machen. Blank beanstandete, dass zu wenige Anstrengungen in die Erweiterung der US-amerikanischen Handels- und Investitionsprogramme gesteckt würden, um dem russischen und chinesischen Einfluss nachhaltig zu begegnen. Er forderte die Bündnis-Strategie mit Afghanistan und Pakistan in eine überregionale Strategie umzuwandeln, welche die ganze Region umfasst und die wahre strategische Bedeutung in seiner ganzen Dimension erfasst.

Blank sagte den Senatoren: „Gerade jetzt, wo wir die Truppen in Afghanistan erhöhen und diese neue nördliche Versorgungslinie aufbauen, kommen Herausforderungen und Möglichkeiten zusammen, um eine längerfristige Basis für einen dauerhaften Beitrag der Vereinigten Staaten zur langfristigen Sicherheit Zentralasiens zu gewährleisten. Tatsächlich bringt die aktuelle Krise in Afghanistan die Angelegenheiten an einen Punkt, an dem die Vereinigten Staaten eine zweite Chance in Zentralasien erhalten haben, zumal diese Region im Weltgeschehen an Bedeutung gewinnt.“

Quelle: wsws.org

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