Kriege

Syrien: Dschihadisten erobern Provinzhauptstadt

Von SEBASTIAN RANGE, 30. März 2015 – 

Unter Führung der mit al-Qaida verbündeten al-Nusra-Front haben Aufständische die nordsyrische Stadt Idlib erobert, Hauptstadt der an die Türkei angrenzenden gleichnamigen Provinz. An der Offensive sollen sich bis zu zweitausend Kämpfer beteiligt haben. Nach tagelangen Gefechten gelang es ihnen am Sonntag, das gesamte Stadtgebiet zu erobern, nachdem sich die syrische Armee aufgrund des Ansturms zurückziehen musste. Auf beiden Seiten soll es über einhundert Tote gegeben haben, die Zahl ziviler Opfer ist nicht bekannt. Dutzende Soldaten sollen von den islamistischen Kämpfern gefangen genommen worden sein. Laut Darstellung der oppositionellen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte seien fünfzehn gefangene Kämpfer der Aufständischen von der Armee vor ihrem Abzug exekutiert worden.

Für die Regierung unter Präsident Baschar al-Assad bedeutet der Verlust Idlibs einen herben Rückschlag, auch wenn sie weiterhin den Großteil der bevölkerten Gebiete kontrolliert. Der Einnahme der Stadt ging die Gründung eines gemeinsamen Militärbündnisses der im Nordwesten Syriens aktiven Anti-Assad-Kämpfer voraus. Unter der Führung als-Nusras vereinigten sich Mitte März verschiedene islamistische und „moderate“ Terrorgruppen zum Bündnis „Jaysh al Fateh“ (1) – damit konnten die Dschihadisten der al-Nusra-Front ihre Stellung gegenüber konkurrierenden Kräften deutlich ausbauen.

Laut syrischen Medien haben sich die Regierungstruppen südlich der Stadt konzentriert, um einen weiteren Vormarsch der Aufständischen zu verhindern, zudem sei die Entsendung weiterer Truppen in die Region befohlen worden. Ob die Armee über genügend Kräfte verfügt, Idlib zurückzuerobern, ist fraglich. Selbst wenn ihr das gelingen sollte, wird eine weitere Verteidigung der Provinzhauptstadt nur unter extrem hohen Aufwand möglich sein. Deren Umland wird seit geraumer Zeit von al-Nusra und mit ihr verbündeter Terrorgruppen beherrscht. Nur über den Südwesten ist die syrische Armee über einen von ihr kontrollierten Korridor mit dem Territorium verbunden, das von der Regierung beherrscht wird. Sie muss daher stets damit rechnen, dass ihre Versorgungswege abgeschnitten und ihre Truppen somit eingekesselt werden.

Vor dem Krieg zählte Idlib rund 160 000 Einwohner. Verlässliche Angaben darüber, wie viele Menschen noch in der Stadt leben, gibt es nicht. Nach der Eroberung durch die Aufständischen flüchteten tausende Bewohner aus der Stadt – aus Angst vor Vergeltungsschlägen der Armee, oder weil sie sich vor der Herrschaft der Dschihadisten fürchten. Neben einer christlichen Minderheit wird die Stadt mehrheitlich von Sunniten bewohnt. Beobachter fürchten, die Christen könnte dasselbe Schicksal ereilen wie ihren Glaubensbrüdern- und Schwestern in dem vom „Islamischen Staat“ beherrschten Gebiet, wo sie zum Übertritt zum Islam beziehungsweise zur Zahlung einer Sondersteuer gezwungen werden. Die Eroberer Idlibs kündigten jedoch an, kein islamisches Kalifat errichten zu wollen und die einheimischen Christen, soweit es sich nicht um Anhänger der Regierung handelt, zu schützen. Besonders bedrohlich stellt sich jedoch die Lage für die Bewohner der im Norden der Stadt gelegen Ortschaften Dörfer al-Fuah und Kafrayya dar, die der schiitischen beziehungsweise alawitischen Minderheit angehören. Für die Anti-Assad-Kämpfer ist das massakrieren von Angehörigen dieser Minderheiten mittlerweile zur blutigen Routine geworden. Anführer der Aufständischen drohten bereits damit, an den Einwohnern der beiden Dörfer „Vergeltung“ zu üben, sollte die syrische Armee versuchen, Idlib wieder unter ihre Kontrolle zu bringen. (2)

Laut türkischen Medienberichten begrüßen Vertreter der türkischen Regierung die Eroberung der Stadt durch die al-Qaida-Terroristen, wobei sie die Rolle der vom Westen unterstützen „Freien Syrischen Armee“ (FSA) bei der „Befreiung“ der Provinzhauptstadt betonen. (3)

Tatsächlich spielte die FSA bei der Offensive nur eine untergeordnete Rolle – in dem gemeinsamen Bündnis hat die al-Nusra-Front das Sagen. Mit dem Sieg in Idlib ist deren Führungsanspruch unter den Rebellengruppen im Nordwesten des Landes nunmehr unbestritten. Auch die vom Westen unterstützen „moderaten“ Kräfte bejubeln den Triumph des al-Qaida-Ablegers. Nach der Eroberung Idlibs erklärte der ehemalige Stabschef der FSA, Selim Idriss, sein Bedauern, in der Vergangenheit die Terrorgruppe kritisiert zu haben (4) – ein deutlicher Beleg dafür, dass jeder Versuch des Westens, die von ihr als Terrorgruppe eingestufte al-Nusra-Front innerhalb der syrischen Opposition zu isolieren, gescheitert ist. Laut unbestätigten Meldungen sollen die Eroberer bereits angekündigt haben, keine Aktivitäten des in Istanbul ansässigen Syrischen Nationalrats, dem politischen Dachverband der FSA, in Idlib zu dulden.  

Nach der vom „Islamischen Staat“ eroberten Stadt Raka ist Idlib die zweite Provinzhauptstadt, über die die Regierung die Kontrolle verloren hat. Die Konsolidierung der von den Dschihadisten ausgeübten Herrschaft schreitet damit voran: Während – abgesehen von den kurdischen Enklaven – der Nordwesten von al-Nusra kontrolliert wird, beherrscht der „Islamische Staat“ den (Nord-)Osten des Landes. Nur im Süden, in der Grenzregion zu Jordanien und den von Israel besetzten Golanhöhen, gibt es noch einen nennenswerten Einfluss sogenannter „moderater“ Rebellen – doch auch dort ist die al-Nusra-Front die treibende Kraft. Die gegenwärtigen Pläne der USA, die „moderaten“ Kräfte  mit Waffenlieferungen und Ausbildungsprogrammen zu stärken, um diese in die Lage zu versetzen, gleichzeitig gegen die Assad-Regierung sowie den Islamischen Staat zu kämpfen, dürften sich mit dem Sieg al-Nusras endgültig zerschlagen haben – zumindest im Norden des Landes. Dort kommt jede weitere Unterstützung der Freien Syrischen Armee und anderer „moderater“ Kräfte einer Schützenhilfe für al-Qaida gleich. Für die auf den Sturz Assads drängende westliche Staatenkoalition ist die aktuelle Entwicklung in Idlib daher ein zweischneidiges Schwert: Einerseits schwächt es den Präsidenten, andererseits stärkt es Assad in seiner Argumentation, den Kampf gegen Terroristen zu führen, und nicht gegen eine demokratisch gesinnte Opposition.


 

Anmerkungen
(1) http://www.longwarjournal.org/archives/2015/03/al-qaeda-and-allies-form-coalition-to-battle-syrian-regime-in-idlib.php
(2) https://en.zamanalwsl.net/news/9511.html
(3) http://www.hurriyetdailynews.com/turkey-welcomes-fall-of-key-city-in-syrias-north.aspx?pageID=238&nID=80306&NewsCatID=352
(4) https://twitter.com/Gen_Idriss/status/581870226440097792

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