Terrorismus

Dschihad im Irak

Von SEBASTIAN RANGE, 13. Juni 2014 – 

Nach dem Vormarsch der Terrorgruppe „Islamischer Staat im Irak und Syrien“ (ISIS) – auch als „Islamischer Staat im Irak und der Levante“ (ISIL) bezeichnet – im Norden des Iraks holt die Armee zum Gegenschlag aus. Irakische Streitkräfte eroberten nach Berichten des staatlichen Fernsehens die von den Dschihadisten eingenommene Provinzhauptstadt Tikrit am Donnerstag zurück.

Die Stadt sei „nach gewalttätigen Auseinandersetzungen“ wieder unter Kontrolle der Armee. Ein Zusammenschluss von Armee- und Polizeikräften habe bereits über 60 Fahrzeuge der Terrorgruppe zerstört. Auch „tausende Stammeskämpfer“ seien mobilisiert, die Streitkräfte zu unterstützen. Gemeinsam werde eine Front im 60 Kilometer nördlich von Bagdad gelegenen Bakuba errichtet.

ISIS-Kämpfer hatten am Dienstag zunächst die nordirakische Millionenmetropole Mossul, zweitgrößte Stadt des Landes, nahezu widerstandslos eingenommen. Dort befindet sich auch die größte Ölraffinerie des Iraks. Im Verlauf des Mittwochs drangen die ISIS-Truppen dann bis Samara vor, rund 130 Kilometer nördlich von Bagdad. Unterwegs wurden die Regionen Ninive, Anbar und Salah ad-Din erobert.

In Baidschi, rund 200 Kilometer nördlich von Bagdad, soll ISIS die Ölraffinerie und das Elektrizitätswerk unter ihre Kontrolle gebracht haben. Von hier aus wird auch die Hauptstadt Bagdad mit Strom versorgt. Laut dem irakischen Minister für  Wasserressourcen übe die Terrorgruppe auch die Kontrolle über den Falludschah-Damm am Euphrat aus, der als einer der wichtigsten Wasserzufuhren für Zentral- und Südirak gilt.

In Mossul flohen nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen binnen weniger Stunden eine halbe Million Menschen vor den islamistischen Milizen. Fast 50 Mitarbeiter des türkischen Konsulats, darunter der Konsul, wurden als Geiseln genommen. Nach der Eroberung eines Militärstützpunktes befinden sich nun auch Panzer, Haubitzen, einige Kampfhubschrauber sowie gepanzerte Truppentransporter in den Händen der Terroristen. Manches Kriegsgerät stammt aus den Arsenalen der USA.

Nach Berichten des kurdischen Fernsehens erbeuteten die ISIS-Kämpfer in Mossul zudem 500 Milliarden irakische Dinar (318 Millionen Euro) in der Zentralbank. Damit wäre die Terrorgruppe finanziell unabhängig, nachdem sie in den letzten Jahren – neben Einnahmen aus den inzwischen von ihr in Syrien kontrollierten Regionen – vor allem von saudi-arabischen Sponsoren abhing.  

Der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki schlug die Bildung einer neuen Brigade aus Soldaten und Zivilisten vor, die gegen die Terroristen vorgehen soll, wie die Nachrichtenseite Al-Sumaria News den Ministerpräsidenten zitierte. Auch die unabhängigen kurdischen Truppen im Norden des Landes, die „Peschmerga“, forderte Al-Maliki auf, bei der Gegenwehr zu helfen.

Die Bedrohung durch die selbst ernannten Gotteskrieger könnte die alten Rivalen allmählich zusammenrücken lassen. Bagdad und die kurdischen Autonomieregion streiten seit Jahren wegen Gebietsansprüchen – zum Beispiel auf die erdölreiche Stadt Kirkuk, mit ihren knapp eine Million Einwohnern. Die Stadt steht seit Donnerstag unter vollständiger Kontrolle der kurdischen Peschmerga, nachdem sich die irakische Armee zurückgezogen hat.

Ministerpräsident al-Maliki bat die US-Regierung um Unterstützung im Kampf gegen ISIS und forderte den Einsatz von Drohnen, wie US-Beamte dem Fernsehsender NBC News am Mittwoch bestätigten. Laut New York Times lehnt Washington Drohneneinsätze bislang ab. Aber die USA versprachen „im Kampf gegen die Bedrohung zusätzliche Hilfe“, wie Außenamtssprecherin Jen Psaki mitteilte. Wie diese Hilfe aussehen soll, sagte sie nicht.

ISIS-Kämpfer kontrollieren seit Jahresbeginn bereits Gebiete der westlichen Provinz Al-Anbar mit ihren Städten Falludscha und Ramadi. Dort liefern sie sich immer wieder heftige Gefechte mit Regierungstruppen. Die sunnitisch geprägte Region war einst Hochburg des Widerstands gegen die US-Besatzer in den Jahren nach dem Einmarsch der US-Armee. Dort sickerten auch Kämpfer des Al-Qaida-Netzwerks ein, damals noch als Islamischer Staat im Irak (IAI) firmierend. Ihre Angriffe richteten sich weniger gegen das US-Militär, als vielmehr gegen Schiiten, Christen und konkurrierende Widerstandsorganisationen. Die extrem brutale und sektiererische Gewalt der Terrorgruppe führte schließlich zum Schulterschluss zwischen den örtlichen sunnitischen Stämmen und den US-Besatzern. Es bildeten sich sogenannte „Awakening-Councils“ (Erweckungsräte), deren Angehörige zuvor oftmals selbst gegen die US-Armee gekämpft hatten, und die nun in Kooperation mit dieser gegen die Al-Qaida-Gruppen vorgingen. Die irakische Regierung brach jedoch 2008 ihr Versprechen, die Kämpfer in die staatlichen Sicherheitskräfte zu integrieren, nachdem diese den Einfluss der Terrorgruppe erfolgreich zurückdrängen konnten.

Die mangelnde Fähigkeit der schiitisch dominierten Maliki-Regierung, die sich von Bagdad benachteiligt fühlende sunnitische Bevölkerung in den Staat zu integrieren, lieferte den Bodensatz für den Wiederaufstieg Al-Qaidas in einer Region, in der die staatliche Armee über wenig Rückhalt in der Bevölkerung verfügt. Entsprechend gering fällt die Motivation der Soldaten aus, sich dort gegen die ISIS-Kämpfer zu behaupten.    

Die Provinz Anbar diente der Organisation als Sprungbrett nach Syrien, von hier aus drangen ihre Kämpfer entlang des Euphrat in das Nachbarland ein. Und damit begann erst der kometenhafte Aufstieg der Terrorgruppe. Im Zuge der Bemühungen, Syriens Präsidenten Assad zu stürzen, konnten die sunnitischen Dschihadisten auf die Unterstützung verschiedener Länder der Region bauen. Traditionell eng sind die Verbindungen zu Saudi-Arabien. Der Golfmonarchie geht es vor allem um eine Schwächung des schiitischen Irans, weshalb sie Aufständische in Syrien und Irak, beides Partner Teherans, unterstützt. (1) Zu den Unterstützern der islamistischen Kämpfer zählt auch die Türkei, deren Grenzregion zu Syrien die wichtigste Nachschubroute an Kämpfern und Waffen für die Dschihadisten bildet. Diese nutzen die Türkei auch als Rückzugsraum nach Angriffen, ihre Verwundeten werden in türkischen Krankenhäusern behandelt. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch wirft der Türkei daher vor, Kriegsverbrechen in Syrien zu unterstützen. (2)

Diese Unterstützung könnte sich nun für die türkische Regierung rächen. Die Türkei unterhält enge wirtschaftliche Beziehungen zum ölreichen Nordirak. Das nun von ISIS eroberte türkische Konsulat in Mossul gilt als heimliche Regierung der Region. Saudi-Arabien dürfte die Entwicklung hingegen mit einer gewissen Genugtuung beobachten, stößt es dem Königreich doch sauer auf, dass es in jüngster Zeit zu einer Annäherung zwischen der Türkei und dem verhassten Iran gekommen ist. Der Erdoğan-Regierung dämmert es langsam, dass die Kosten für das Projekt „Regime-Change“ im arabischen Nachbarland deutlich höher ausfallen könnten als der Nutzen. Das gilt auch für das Königshaus in Riad, das zukünftig große Probleme damit haben wird, der „Hunde“  Herr zu werden, die sie von der Leine gelassen hat. Denn den ISIS-Kämpfern sind die saudischen Herrscher wegen ihrer Kooperation mit den USA beinahe ebenso verhasst wie die „ungläubigen“ Schiiten, Alawiten und Christen.


 

Anmerkungen

(mit dpa)

(1) Siehe: http://www.hintergrund.de/201307042664/politik/welt/gewollte-spaltung.html

(2) Siehe: http://www.spiegel.de/politik/ausland/human-rights-watch-tuerkei-unterstuetzt-in-syrien-kriegsverbrechen-a-927332.html

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