Terrorismus

Mehr offene Fragen zu dem geplanten Bombenanschlag auf Flug 253

Von PATRICK MARTIN, 7. Januar 2009 –

Zehn Tage nach dem fehlgeschlagenen Bombenanschlag mehren sich die Fragen über das Verhalten amerikanischer Regierungsbehörden. Der Anschlag auf Flug 253 der Northwest Airline von Amsterdam nach Detroit hätte beinahe 300 Menschen das Leben gekostet.

Die Obama-Regierung verbreitet die Geschichte – und die Medien plappern sie kritiklos nach – dass mehrere Abteilungen des amerikanischen Sicherheitsapparats einfach unfähig gewesen seien, die folgenden bekannten Fakten zu einem Bild zusammenzufügen:

* Im Mai entzog die britische Regierung dem jungen Nigerianer Umar Farouk Abdulmutallab sein Studentenvisum. Er hatte am University College in London studiert. Sie setzte ihn auf eine Überwachungsliste und verwehrte ihm die Wiedereinreise.

* Im August erfuhren amerikanische Nachrichtendienste, dass eine Al Qaeda-Operation gegen ein US-Ziel geplant sei, dass sie vom Jemen aus organisiert und von einem Nigerianer ausgeführt werden solle.

* Am 19. November suchte der Vater Abdulmutallabs, ein prominenter nigerianischer Banker, die amerikanische Botschaft in Abuja auf und teilte Mitarbeitern des Außenministeriums und der CIA mit, dass sein Sohn unter den Einfluss radikaler Islamisten geraten sei. Er sei in den Jemen gereist, um sich ihnen anzuschließen, und habe den Kontakt zu seiner Familie abgebrochen.

* Auf der Grundlage dieses Berichts des Vaters informierten Beamte des Außenministeriums und der CIA Washington am 20. November, und beim Nationalen Zentrum für Terrorismusabwehr, der zentralen Sammelstelle für Terrorinformationen in Washington, wurde eine Sicherheitsakte über Abdulmutallab angelegt.

* Am 16. Dezember ging Abdulmutallab zu einer Ticketverkaufsstelle in Ghana und bezahlte dort 2.831 Dollar in bar für einen Northwest-Flug von Lagos über Amsterdam nach Detroit, der am Weihnachtstag landen sollte.

* Am 25. Dezember bestieg Abdulmutallab den Transatlantikflug in Amsterdam nur mit Handgebäck. Routinemäßig wurde das amerikanische Heimatschutzministerium mindestens eine Stunde vor Flugbeginn über seine Anwesenheit in dem Flugzeug informiert.

Keine halbwegs intelligente Person kann der offiziellen Darstellung der amerikanischen Regierung Glauben schenken, warum sie nicht in der Lage gewesen sei, den versuchten Bombenanschlag auf Flug 253 von Northwest Airlines zu stoppen. Die Behauptung der US-Sicherheitsdienste, sie seien trotz der zahlreichen, frühzeitigen Warnungen nicht in der Lage gewesen, den Anschlagsplan aufzudecken, ist schlicht und ergreifend unglaubwürdig.

In der Öffentlichkeit wird der gleiche Mythos verbreitet, der schon die Rolle der amerikanischen Geheimdienste vor den Terroranschlägen von 2001 verschleiern sollte. Danach hätten sie versäumt, „Informationen zusammenzuführen“. Diese Metapher unterstellt einen höchst abstrusen Prozess, in dem viele kleine Details, die für sich genommen scheinbar unschuldig waren, durch hochentwickelte Analysemethoden von Experten, die sich mit den Mustern terroristischer Operationen auskennen, zu einem schlüssigen Bild zusammengeführt werden.

Solche komplizierten Analysen waren nicht nötig, um den geplanten Anschlag auf Northwest aufzudecken. Die oben aufgeführten Tatsachen mussten jede für sich die Alarmglocken läuten lassen. Es hätte bloß einer Routinehandlung der Polizei bedurft, um Abdulmuttalab am Besteigen des Flugzeugs zu hindern. Dazu müsste die Regierung jedes mittelgroßen Landes problemlos in der Lage sein, ganz zu schweigen von dem mächtigsten Militär- und Geheimdienstapparat auf Erden.

Wenn der Nigerianer das Flugzeug in Amsterdam besteigen konnte, dann deshalb, weil auf irgendeiner Ebene des amerikanischen Militär- und Geheimdienstapparats die Entscheidung getroffen wurde, das zuzulassen.

In Wirklichkeit ging es hier um eine bewusste Weigerung, aus der Inaktivität der Geheimdienste die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen. Wer traf die Entscheidung, nicht zu handeln? Warum wurde diese Entscheidung getroffen? Sollte der Attentäter erfolgreich sein oder nicht? War es ein bewusster Versuch, die Obama-Regierung in Schwierigkeiten zu bringen? War es ein bewusster Versuch, einen Vorwand für eine weitere amerikanische Militäraktion im Nahen Osten zu schaffen?

Die großen Geheimdienste der Welt – der russische FSB, der britische MI5, der israelische Mossad, der französische SGDN und das chinesische Geheimdienstministerium – werfen zweifellos diese Fragen auf. Eine weitere Frage lautet: Kontrolliert die Obama-Regierung noch ihren eigenen nationalen Sicherheitsapparat? Ohne Zweifel betrachten all diese Geheimdienste die offizielle Darstellung des fehlgeschlagenen Anschlags von Weihnachten als eine Desinformation zur Täuschung der amerikanischen Öffentlichkeit – was sie auch wirklich ist.

Wir behaupten nicht, die Antworten auf alle diese Fragen zu kennen. Aber sie müssen der Ausgangspunkt jeder ernsthaften Untersuchung sein. Wenn sie von vorneherein nicht zugelassen werden, wie in den amerikanischen Medien, dann kann dabei nur eine Verschleierung herauskommen, wie bei den zahllosen offiziellen „Untersuchungen“ der Anschläge vom 11. September.

Typisch in dieser Hinsicht ist der Leitartikel der New York Times vom Sonnabend (02.01.2009) mit der Überschrift „Warum haben sie es nicht gesehen?“ Der Artikel schluckt die offizielle Darstellung, die Geheimdienste und die Bürokratie des Heimatschutzministeriums seien unfähig gewesen, die Informationen über Abdulmutallab zusammenzuführen.

„Ohne Zweifel ist das Durchforsten von Bergen von Informationen und die Entscheidung, was dringend ist, und was überhaupt wert ist, weiterverfolgt zu werden, eine echte Herausforderung“, kommentierte die Times. „Trotzdem ist es unglaublich, und gleichzeitig erschreckend, dass die Regierung nicht in der Lage ist, zumindest so schnell wie Google Informationen zu updaten und zusammenzuführen.“

Es stimmt, es ist buchstäblich unglaublich, d.h. nicht zu glauben. Und es ist eher unwahrscheinlich, dass die Herausgeber der Times das selbst glauben. Sie werden aber von der informellen, aber praktisch vollständigen Selbstzensur der kapitalistischen Medien in den USA daran gehindert, das laut zu sagen.

Bei mehreren Auftritten in den Sonntagmorgen-Programmen der Fernsehsender erklärte Obamas oberster Berater für Terrorismusbekämpfung im Weißen Haus, der ehemalige CIA-Mitarbeiter John Brennan, die Datenverarbeitungsmethoden der amerikanischen Regierung seien mindestens so gut wie die von Google und Amazon. Das wirft aber nur umso stärker die Frage auf: Wer hat die Entscheidung gefällt, Abdulmuttalab in das Flugzeug einsteigen zu lassen?

Am Wochenende drangen zusätzliche Informationen in die Medien, die eine unschuldige Erklärung für diese Entscheidung noch unglaubwürdiger machen.

Die Washington Post zitierte einen „Cousin der Familie“ mit dem Verweis auf folgenden Hinweis von Abdulmuttalabs Vater an die US-Regierung: „Schaut auch die SMS an, die er schickt. Er ist ein Sicherheitsrisiko.“

Angesichts der ungeheuren Möglichkeiten der National Security Agency, die weltweite elektronische Kommunikation zu überwachen, die durch den USA Patriot Act noch vervielfacht wurden, ist kaum zu bezweifeln, dass nach einem solchen Hinweis sämtliche elektronische Kommunikation mit diesem und über diesen jungen Nigerianer sofort überwacht worden ist.

Der Vater soll US-Vertretern auch die Passnummer seines Sohnes mitgeteilt haben, die an das Nationale Zentrum für Terrorismusabwehr (NCTC) weitergeleitet wurde. Aber weder das Außenministerium noch das NCTC haben überprüft, ob der junge Abdulmutallab ein gültiges US-Visum besaß – was problemlos in internen Regierungsdateien hätte überprüft werden können – noch unternahmen sie Schritte, um es zu widerrufen.

Das Time-Magazin zitierte „eine der Familie (des Bombers) nahestehende Quelle“ und schrieb: „Seine Eltern waren offenbar von der angeblichen Drohung, ein amerikanisches Flugzeug zum Absturz zu bringen, beunruhigt und warnten deshalb die amerikanische Botschaft.“ Das lässt darauf schließen, dass die USA schon einen Monat vorher über das spezifische Anschlagsziel informiert waren.

Das Magazin Newsweek berichtete, der Terrorabwehrchef der Saudis, Muhammad bin Nayaf, habe Brennan schon im Herbst im Weißen Haus über die spezielle Technik ins Bild gesetzt, die der Northwest-Attentäter anwenden sollte. Er hatte PETN-Sprengstoff in seiner Unterwäsche versteckt. Auf die gleiche Weise war ein fehlgeschlagener Anschlag von Al Qaeda auf Nayaf selbst geplant gewesen.

Newsweek berichtet weiter, dass die NSA Telefongespräche zwischen Abdulmutallab und Mohammed al-Awlaki mitgehört habe, einem in den USA geborenen, radikal-islamischen Geistlichen, der jetzt im Jemen lebt. Dieser stand in Kontakt zu Major Nidal Malik Hasan, der einen Anschlag auf Soldaten im texanischen Fort Hood verübte. Damals waren dreizehn Menschen gestorben. Al-Awlaki sagte im November in einer Erklärung eine „Weihnachtsüberraschung“ voraus, die den Jemen zu einem wichtigen Schlachtfeld für den Kampf gegen die Vereinigten Staaten machen werde.

Wie im Fall der Anschläge vom 11. September ist von der amerikanischen Regierung oder den Medien keine ehrliche oder kritische Erklärung für das Geschehene zu erwarten. Diese Tatsache bezeugt die weitere Unterhöhlung demokratischer Rechte in den Vereinigten Staaten und die enorme Gefahr, die dadurch für die amerikanische Bevölkerung und die Völker der Welt besteht.


Der Artikel erschien im Original am 4. Januar unter dem Titel Questions mount over attempt to bomb Detroit-bound jetliner bei WSWS.org.

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