Terrorismus

Tote und Verletzte bei Boston-Marathon

Von SEBASTIAN RANGE, 16. April 2013 –

Der Bombenanschlag von Boston hat weltweit Entsetzen ausgelöst und Ängste vor einer neuen Terrorwelle geschürt. Bei der Explosion von zwei Sprengsätzen während des traditionsreichen Marathons in der US-Ostküstenstadt waren am Montagnachmittag (Ortszeit) drei Menschen ums Leben gekommen und weit mehr als 100 verletzt worden. Unter den Toten ist auch ein achtjähriger Junge.

Bislang hat sich niemand zur Tat bekannt. Das Weiße Haus geht von einem Terroranschlag aus. US-Präsident Barack Obama kündigte an, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon verurteilte die „sinnlose Gewalt“. Kremlchef Wladimir Putin sprach von einem barbarischen Verbrechen und forderte eine aktive Koordination des weltweiten Anti-Terror-Kampfes. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen, EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy und der britische Premierminister David Cameron reagierten schockiert.

In mehreren TV-Sendern äußerten Experten die Vermutung, dass die Tat eher auf das Konto einheimischer Extremisten („homegrown terrorism“) gehen dürfte und es sich wohl nicht um eine internationale Terroraktion gehandelt habe. So sei der Angriff augenscheinlich zwar sorgfältig geplant, aber die Sprengsätze seien nicht sehr ausgeklügelt gewesen. Sonst hätte es weitaus mehr Todesopfer gegeben, so die einhellige Meinung der Fachleute. Bostons Polizeidirektor Ed Davis sprach jedoch von einer „starken Sprengkraft“ der Bomben.

„Jeder Vorfall mit mehreren Sprengsätzen – wie es in diesem Fall erscheint – ist klar ein Terrorakt und wird als Terrorakt behandelt“, erklärte ein Sprecher des Weißen Hauses. Im Zuge einer gründlichen Untersuchung müsse geklärt werden, ob der Angriff auf das Konto von ausländischen oder einheimischen Terroristen gehe. Ein Sprecher der pakistanischen Taliban bestritt indes eine Beteiligung seiner Organisation. (1)

Die Explosionen ereigneten sich binnen 12 Sekunden in der Nähe der Ziellinie. US-Sender zeigten Bilder von Rauchsäulen und fliehenden Menschen, die Erinnerungen an die Terroranschläge des  11. September 2001 weckten. Rettungskräfte brachten Verletzte auf Tragen zu Krankenwagen. Kliniksprecher berichteten von Opfern, denen Gliedmaßen abgerissen worden seien.

Kurz nach den Explosionen schalteten die Behörden vorübergehend das Mobilfunknetz in Boston ab, um mögliche Fernzündungen weiterer Sprengsätze zu verhindern. Auch der Luftraum über der 625 000 Einwohner-Stadt wurde zwischenzeitlich gesperrt. In anderen größeren US-Städten wurden die Sicherheitsvorkehrungen an strategisch wichtigen Orten ebenfalls verstärkt.

Unterdessen wies die Polizei Berichte zurück, nach denen ein Tatverdächtiger gefasst worden sei. Es würden mehrere Menschen vernommen, wurde lediglich bestätigt.

Widersprüchliche Aussagen

Kurz nach den Detonationen der Sprengsätze war die Rede von einer dritten Explosion, die sich in der Kennedy-Bibliothek der Stadt ereignet habe. Die Bostoner Polizei relativierte später diesbezüglich ihre Aussagen. Der Vorfall scheine in Zusammenhang mit einem Feuer zu stehen, und nicht mit den in den US-Medien inzwischen als Twin Bombing bezeichneten Explosionen während des Marathons.

Widersprüchlich sind die Angaben über weitere Bombenfunde. Am Montag (Ortszeit) war noch die Rede von bis zu fünf Sprengsätzen, die von den Sicherheitskräften sichergestellt worden seien. Inzwischen ist die Rede von fünf Gegenständen, die als verdächtig eingestuft worden waren, sich aber als harmlos erwiesen hätten.

Unmittelbar nach dem Anschlag liefen Meldungen über die US-Nachrichtenticker, in denen von Spezialeinheiten der Polizei die Rede ist, die Sprengsätze entschärft hätten. Auch die deutsche Nachrichtenagentur dpa sprach in der Nacht zu Dienstag von einem entschärften „Sprengkörper an einem anderen Ort in Boston“, und bezog sich auf eine Aussage des Polizeichefs Ed Davis. Die Nachrichtenagentur AP zitierte des Weiteren einen US-Geheimdienstbeamten, laut dem zwei nicht explodierte Bomben am Ende der Rennstrecke entschärft werden konnten. (2)

Augenzeugen berichteten zudem von einer ungewöhnlich hohen Präsenz von Sicherheitskräften bereits während des Rennbeginns. Eine Zeugin bemerkte die Anwesenheit von Militärangehörigen auf den Dächern, die die Szenerie mit Ferngläsern überwachten. „Es sah nicht normal aus“, schilderte Suzann Taylor, deren Ehemann beim Marathon mitlief, ihre Eindrücke. (3)

Ein anderer Zeuge teilt diese Einschätzung. In dem lokalen Fernsehsender Local 15 sprach Ali Stevenson, Trainer an einer Bostoner Universität, von einem ungewöhnlich hohen Sicherheitsstandard, den er bei keinem anderen Marathon zuvor beobachtet habe. Besonders ein Sachverhalt erschien im merkwürdig:  Sprengstoffspürhunde der Polizei suchten den Bereich an der Ziellinie ab. „Sie machten gegenüber Passanten ständig die Durchsage, sie sollten sich nicht sorgen, es sei nur eine Übung“, sagte Stevenson „Ich glaube nicht, dass es sich nur um eine Übung handelte. Ich denke, sie hatten irgendeine Drohung oder einen verdächtigen Anruf erhalten“, so der Trainer. (4)

Hatten die Behörden zuvor Kenntnis über einen bevorstehenden Anschlag erhalten? Bostons Polizeidirektor verneinte die Frage und erklärte, es habe „keine spezifischen Hinweise, dass irgendetwas passieren würde“ gegeben.

Fragwürdige Erfolgsquote

Bei den Explosionen in Boston handelt es sich um die ersten tödlichen Bombenanschläge in den USA seit den Terrorangriffen vom 11. September 2001. Sämtliche in der Zwischenzeit erfolgten Anschlagspläne konnten von den Behörden erfolgreich unterbunden werden – nicht zuletzt, weil sie selbst darin durch V-Leute involviert waren.

„Ein Möchtegern-Selbstmordattentäter wurde auf dem Weg ins Capitol abgefangen; ein Plan, Synagogen mit Bomben anzugreifen und Stinger-Raketen auf Flugzeuge des Militärs abzuschießen, wurde von einer Gruppe Männer in Newburgh ausgeheckt;  und die abstruse Idee, mit Sprengstoff beladene Modellflugzeuge ins Pentagon und das Capitol krachen zu lassen, wurde in Massachusetts ausgebrütet“, schrieb die New York Times vor einem Jahr.

„Aber all diese Dramen wurden durch das FBI ermöglicht, dessen verdeckt arbeitende Ermittler und Informanten sich als Terroristen ausgaben, die Raketen-Attrappen anboten, falschen C4-Sprengstoff, eine entschärfte Selbstmord-Sprengweste sowie eine rudimentäre Ausbildung. Die mutmaßlichen Täter spielten naiver Weise ihre Rolle, bis sie verhaftet wurden“, so die Zeitung. (5)

Die Praxis des FBI, vornehmlich junge Männer mit psychischen Problemen zu Terrorakten anzustiften, um diese anschließend zu vereiteln und Erfolgsmeldungen im Kampf gegen den Terror verkünden zu können, wurde in den vergangenen Jahren mehrfach in der englischsprachigen Presse einer kritischen Würdigung unterzogen. (6)

Unabhängig davon, wer  für den gestrigen Anschlag in Boston verantwortlich ist, werden die Bombenexplosionen denjenigen Vertretern des Staates und der Sicherheitsindustrie Auftrieb geben, die unter dem Stichwort des „homegrown terrorism“ eine immer stärkere Überwachung der US-Bevölkerung fordern und sich für eine entsprechende Ausweitung staatlicher Befugnisse einsetzen. 
dpa


Anmerkungen

(1) http://nation.time.com/2013/04/16/feds-seek-suspects-motive-in-boston-bombings/
(2) http://www.cbc.ca/news/world/story/2013/04/16/boston-marathon-bombings-tuesday.html
(3) http://blog.al.com/breaking/2013/04/boston_marathon_explosions_hun.html
(4) http://www.youtube.com/watch?v=MUnLu2XHsHM&feature=youtu.be
(5) http://www.nytimes.com/2012/04/29/opinion/sunday/terrorist-plots-helped-along-by-the-fbi.html?pagewanted=all&_r=0
(6) Siehe: http://www.hintergrund.de/201011021223/globales/terrorismus/selbstgemachte-terroristen-wie-die-usa-islamistischen-nachwuchs-erzeugen-und-rekrutieren.html
http://www.guardian.co.uk/world/2011/nov/16/fbi-entrapment-fake-terror-plots
http://www.businessinsider.com/the-fbi-hatched-some-crazy-terror-plots-2013-3

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