Terrorismus

„Wir sind im Krieg!“

Terrorwahn in Großbritannien –

Von SUSANN WITT-STAHL, 23. Mai 2013 –

Zwei Männer haben gestern Nachmittag in London einen Soldaten der britischen Armee angefahren  und schließlich mit einem Fleischerbeil und einem Messer regelrecht abgeschlachtet. Zwar spricht bisher alles dafür, dass es sich bei den mutmaßlichen Mördern um Einzeltäter handelt. Aber neokonservative Politiker, Islam-Experten und Rechtsradikale nutzen die Gunst der Stunde, verunsichern die Bevölkerung wieder einmal mit Terror-Alarm und Hass-Kampagnen gegen „den Islam“.    

Die zwei Angreifer töteten ihr Opfer unweit der Royal Artillery Barracks, einer Kaserne in dem Stadtteil Woolwich im Südosten Londons. Der britische Sender ITV veröffentlichte ein von einem Passanten aufgenommenes Video, das einen der mutmaßlichen Täter mit blutverschmierten Händen und den Waffen zeigt. „Wir schwören beim allmächtigen Allah, wir hören nie auf, Euch zu bekämpfen, bis Ihr uns in Ruhe lasst“, ruft der Mann in die Kamera. „Auge um Auge, und Zahn um Zahn. Es tut mir leid, dass Frauen das mit ansehen mussten. Aber in unserem Land müssen Frauen dasselbe sehen. Ihr werdet nie sicher sein. Setzt Eure Regierung ab. Sie kümmert sich nicht um Euch!“ Die beiden mutmaßlichen Täter sollen laut Zeugenaussagen auch „Allahu Akbar!“ („Gott ist groß!“) gerufen haben, berichtete die BBC unter Berufung auf Regierungskreise.

Die Täter legten ein mehr als merkwürdiges Verhalten an den Tag. Sie verblieben am Ort des Geschehens und unternahmen keinen Fluchtversuch. Sie ließen sich offenbar sogar von einer 48-jährigen Mutter von zwei Kindern, die herbeigeeilt war, um dem blutüberströmten Soldaten Erste Hilfe zu leisten – allerdings feststellen musste, dass das Opfer bereits tot war –, in ein Gespräch verwickeln. Ingrid Loyau-Kennett berichtete dem Daily Telegraph von dem Mord, den sie vorher beobachtet hatte: „Sie haben auf ihn eingehackt. Diese Typen waren wie wahnsinnig, wie Tiere.“ Dann habe sie die beiden Männer mit den Worten „Sie stehen jetzt gegen viele Menschen, und wenn Sie verlieren, was werden sie tun?“ angesprochen. „Ich werde hier bleiben und kämpfen“, habe einer der beiden erwidert. Begründet habe er seine Tat folgendermaßen: „Ich habe ihn getötet, weil er Muslime getötet hat, und ich habe genug davon, dass Muslime in Afghanistan getötet werden. Die Soldaten haben dort nichts verloren.“

Schüsse ohne Vorwarnung

Als die Polizei eintraf, sollen die beiden Männer versucht haben, sich den Beamten zu nähern. Inwiefern das auf aggressive Weise, ob das mit vorgehaltenen Waffen geschah und die Polizisten in Notwehr handelten, ist noch nicht endgültig geklärt. Zeugen sagten, dass einer der mutmaßlichen Täter von einer Polizeistreife umgefahren worden sei, bevor er etwas ausrichten konnte. Offenbar hat die Polizei auch ohne Vorwarnung das Feuer auf die beiden Männer eröffnet. Wenig später lagen sie von mehreren Kugeln getroffen auf der Straße. Einer von ihnen soll in Lebensgefahr schweben. Derzeit werden sie im Krankenhaus behandelt. Mittlerweile wurde in der Grafschaft Lincolnshire im Zusammenhang mit dem „Terrorakt“ ein weiterer Verdächtiger verhaftet, bestätigte ein Polizeisprecher. Über die Gründe dieser Maßnahme äußerte er sich nicht.

Nach den sehr vagen Angaben der Ermittler handelt es sich bei den beiden jungen Männern um Afrobriten mit Verbindungen nach Nigeria, die „zu einer radikalen Form des Islam konvertiert“ seien. Es lägen aber bislang keine Hinweise vor, dass sie Kontakt zu radikal-islamistischen Terrorgruppen wie Boko Haram in Nigeria haben.

Trotz der vorläufigen Entwarnung, der wenigen Informationen, die es über die Männer gibt und trotz ihres mehr als dubiosen Verhaltens, das viele Fragen aufwirft – dass die Bluttat unter Drogeneinfluss, beispielsweise Crack, verübte wurde, ist bislang alles andere als ausgeschlossen ¬–, sprach Premierminister David Cameron sofort von „Terrorismus“. Noch am gestrigen Abend berief er eine Sondersitzung des Nationalen Sicherheitskabinetts ein und machte sich umgehend von einem Besuch in Paris auf den Weg nach London.

Kaum hatte er heimischen Boden betreten, ließ er nichts unversucht, die Bevölkerung in Alarmbereitschaft zu versetzen: Er gab Durchhalteparolen aus, als hätte eine Großmacht seiner Nation den Krieg erklärt: Großbritannien werde vor Terroristen „niemals einknicken“, erklärte Cameron mit heroischem Gestus. Die Sicherheitsvorkehrungen vor und in britischen Militäreinrichtungen wurden verstärkt. Die Polizei erklärte, sie werde in den kommenden drei Tagen mit mehr als 1.000 zusätzlichen Beamten im Einsatz sein, vor allem dort, wo sich Menschenmassen versammelten – eine Lage, die, wenngleich sie eine ganz andere ist als damals, unweigerlich an die Londoner Anschläge auf U-Bahnen und Busse von 2005 erinnert, bei denen 52 Menschen getötet worden waren.

Auch Innenministerin Theresa May ist sichtlich bemüht, die Situation so dramatisch wie möglich darzustellen: Der Mord an dem Soldaten sei ein Anschlag „auf alle in Großbritannien“ gewesen, findet sie und drohte, „ein solches Verbrechen wird nicht unbestraft bleiben“.

Steilvorlage für Islamhasser-Szene

Obwohl dieses nach allem anderen als nach einer Tat organisierter militanter Islamisten aussieht, will auch Usama Hasan von der Londoner Quilliam Foundation, einer umstrittenen  Denkfabrik zur Bekämpfung von „islamischen Extremismus“, die neokonservativ ausgerichtet ist und als regierungshörig gilt, unbedingt von einem Terrorakt ausgehen. Als Indiz führt er die Aussagen der mutmaßlichen Soldatenmörder an. Sie hätten sich „derselben Rhetorik“ bedient, „die wir bei früheren Anschlägen gesehen haben“, sagte Hasan gegenüber BBC und setzte die muslimische Gemeinschaft im Vereinigten Königreich unter moralischen Druck: „Die Muslime müssen diese Rhetorik bekämpfen.“

Derartige Übertreibungen, unqualifizierte Analysen und pauschale In-Haftung-Nahmen von Seiten der Regierung und Islam-Experten werden von Großbritanniens sehr gut vernetzter und gewaltbereiter Islamhasser-Szene als Steilvorlagen genutzt. Obwohl der britische Muslimrat das Verbrechen umgehend scharf verurteilt und verlautbart hatte, dass „barbarische Akte in keiner Weise mit dem Islam entschuldigt werden können“, heizen Neokonservative und Rechtsradikale die Stimmung in der Bevölkerung an.

„Wir sind im Krieg!“, meint die English Defence League (EDL). Die Zehntausende von Anhängern zählende Organisation wurde 2009 in Luton, einer Kleinstadt in der Nähe von London, als „Verteidigungsliga“ der britischen Kultur gegen eine angebliche Islamisierung der westlichen Welt gegründet. Viele Anhänger der EDL rekrutieren sich aus der faschistischen British National Party und ultrarechten Hooligan-Gruppen. Die EDL vertritt radikal neokonservative und rechtspopulistische Positionen. Sie versteht sich als Unterstützer der britischen Armee und wirbt aggressiv für den „War on Terror“. Sie ist nach militärischem Vorbild streng hierarchisch organisiert. Ihre Ortsgruppen heißen „Divisionen“. In ihren Reihen finden sich viele ehemalige Irak- und Afghanistan-Kämpfer. Während der Unruhen in den Londoner Armenvierteln im Sommer 2011 spielte sich die EDL als Hilfspolizei auf und übte Selbstjustiz an mutmaßlichen Randalierern. In den Internet-Foren diskutierten EDL-Sympathisanten auch die Möglichkeit, das Chaos in den Städten auszunutzen, um Moscheen anzugreifen.

Nun will die EDL offenbar Kapital aus der Terror-Angst der Briten schlagen: Noch gestern Abend gelang es ihr, in der Nähe des Tatorts 250 Personen zu einer Demonstration gegen „den Islam“ zu versammeln. Einige trugen „Hasskappen“ (Motorradmasken), und Fahnen mit dem EDL-Emblem und stimmten nationalistische Lieder und obszöne Schmähgesänge gegen Muslime an. Sie warfen Steine und Flaschen und machten Jagd auf Menschen, die nach ihrer Auffassung islamisch aussahen. Die Polizei musste eingreifen und den wütenden Mob zurückdrängen. In Essex und Kent wurden Moscheen angegriffen; in einer tauchten zwei Männer mit einem Messer auf.

Die britische Linke indes versucht, der Hetzpropaganda mit Aufklärung und Kritik den Wind aus den Segeln zu nehmen: „Die schlichte Wahrheit ist, dass es solche Fälle in Großbritannien nicht gegeben hat, bevor 2001 der ,War on Terror‘ begonnen wurde, der zu dem Besatzungsregimes in Afghanistan und Irak führte. Die USA und ihre Alliierten sind für Bombenangriffe auf diese Länder mit vielen tausend Toten verantwortlich“, erinnerte Lindsey German, Sprecherin der Stop the War Coalition. „Der ,War on Terror‘ hat Terrorismus nicht verhindert – er hat seine Ausbreitung bewirkt.“ Es gebe keine Alternative zu einer „politischen Lösung“, so German weiter. Vorangehen müsse die Einsicht, dass Kriege niemals die richtige Antwort seien und im Gegenteil die Lage immer nur noch verschlimmern würden.

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