Terrorismus

„Wir waren Geiseln – wie Vieh“

Israels Überfall auf die Gaza-Hilfsflotte: Passagiere berichten ihre Horror-Erlebnisse auf hoher See –

Von AL JAZEERA, 3. Juni 2010 –

Israel hat die meisten der 700 Aktivisten freigelassen. Sie waren gefangen genommen worden, als israelische Truppen die Schiffe der humanitären Hilfsflotte für Gaza stürmten.

Die Türkei hat drei Flugzeuge geschickt, einschließlich zwei Militär-Ambulanz-Flugzeuge, um ihre Staatsbürger nach Hause zu bringen.

Sechs griechische Passagiere kehrten nach Athen zurück, nachdem sie von Israel ausgewiesen wurden, und ein ehemaliger US-Botschafter, der auch auf einem der Schiffe war, ist auf dem Weg nach Hause.

Hier sind einige Ausschnitte der Berichte von befreiten Passagieren::

Mohamed Vall, Al Jazeera Journalist

Der israelische Überfall war für alle von uns auf dem Schiff eine totale Überraschung.

Während dieser anderthalb Stunden am frühen Morgen dachte jedermann an Bord, dass niemand die israelische Attacke überleben würde, weil wir etwa 30 Kriegsschiffe sahen, die das Schiff einzukesseln begannen und Helikopter, die mit Leuchtraketen feuerten, deren Geräusch dich glauben macht, dass du tot bist.

Da herrschte Angst vor Krieg, richtigem Krieg, auf einem Schiff voller Männer, Frauen und sogar Kindern.

Die ersten Soldaten auf dem Schiff wurden nicht getötet, sie wurden nicht beschossen, sie wurden nur eingefangen von den Verteidigern des Schiffes.

Augenblicke später landete ein anderer, größerer Helikopter mehr Truppen, und diesmal feuerten sie unmittelbar auf die Leute und töteten so viele, wie sie konnten, damit sie die (Kapitäns-)kajüte erreichen konnten, um das Schiff unter Kontrolle zu bringen.

Ich sah Blut auf dem Schiff, und jeder wusste, dass es keine Waffen gab – wir alle wussten, dass die Israelis uns abfangen und versuchen würden, uns zu stoppen, aber wir dachten nicht, dass sie uns vom ersten Augenblick an beschießen würden.

Mir wurde das Bild von einem Mann aus Jemen gezeigt, der sich auf dem Schiff befand, und das ist lächerlich, denn die meisten Menschen wissen, dass jeder Mann aus Jemen ein jemenitisches Messer hat, das ist eine kulturelle Sache und hat nichts mit Gewalt zu tun.

Ich verstehe jetzt, dass die Israel daraus eine große Affäre machen wird und sagen wird, dass das Schiff voller gewalttätiger Menschen war, nur wegen dieses einen Mannes.

Othman Battiri, Mitglied des Al Jazeera-Teams

Um 4.15 Uhr kamen dutzende Marineboote mit jeweils zehn Soldaten, die versuchten, die Schiffe zu entern. Sie trafen auf Widerstand. Friedlichen Widerstand. Dann kamen Helikopter und versuchten, Soldaten zu landen. Das ging nicht. Da begannen sie, mit scharfer Munition zu schießen.

Zuerst schossen sie Leucht- und Gasraketen und Gummigeschosse. Einige Leute wurden verwundet durch die Gummigeschosse. Wir versuchten, einigen der Verwundeten zu helfen. Ich sah vier Leute, die getötet wurden.

Ich sah zwei Leute vor meinen Augen sterben. Einer von ihnen hatte eine Kugel in der Brust. Der andere blutete, aber ich wusste nicht, wo er getroffen worden war.

Wir gingen hinunter, um die anderen Toten zu sehen. Einer hatte eine Kugel in seinem Kopf, als ob er von einem Scharfschützen getroffen worden wäre. Überall waren Kugeln.

Sie respektierten nicht, dass alle auf den Schiffen Zivilisten waren. Es gab keine Waffen.

Es gab kein Feuer von den Aktivisten auf die Soldaten. Als Medienleute können wir das bezeugen.

Die vier Toten, die ich sah, waren alles Türken. Zwei waren alte Männer. Die beiden anderen waren jünger. Einer der Jüngeren war Koordinator im Medienraum. Sein Name war Juwdat.

Wir hörten, dass mehr Leute getötet wurden. Ich sah nur vier. Der größte Teil des Kampfes spielte sich auf dem Oberdeck ab, um die Kapitänskajüte herum, wo die Aktivisten versuchten, die Soldaten daran zu hindern, in die Kajüte einzudringen. Dort wurde scharfe Munition verwendet.

Der Angriff begann um 4.15 Uhr und endete gegen 5.30 Uhr, als wir hörten, dass das Schiff von Israelis kontrolliert wird.

Gegen 7.00 Uhr verlangten sie, dass wir unsere Räume verlassen, und sie begannen, unsere Hände zu fesseln.

Hazem Farouq, Mitglied des ägyptischen Parlaments für die Muslimbruderschaft

Helikopter flogen über uns. Vier Militärschiffe und zehn Marineboote umringten uns. Sie ließen Licht- und Gasraketen auf uns herabregnen, als herrschte richtiger Krieg.

Vier Menschen starben vor meinen Augen und unter meinen Händen. Wir konnten kein Erste-Hilfe-Material finden. Diese Fälle erforderten ein Feldkrankenhaus, um die Verwundeten zu behandeln. Ich hatte nicht das notwendige Material, um ihre blutenden Wunden zu behandeln.  

Als wir versuchten, die Verwundeten zu tragen, verboten die israelischen Soldaten, die Verwundeten wegzubringen. Sie hielten ihre Lasergewehre an die Köpfe. Sie befahlen den Frauen, die Verwundeten zu tragen. Einige Frauen konnten nicht.

Die Verwundeten hatten große Schmerzen, weil sie nicht richtig getragen wurden über die Treppen und durch die engen Türen.

Farouq ist ein Zahnarzt, der an Bord der Mavi Marmara war, dem Leitschiff der Flotille. Er sprach mit AlJazeera nach seiner Ankunft in Kairo.

Issam Zaatar, Al Jazeera Kameramann

Ich filmte und dann rannte er (ein israelischer Soldat) hinter mir her mit einem Elektroschocker.

Er konnte mich nicht fangen. Einer seiner Kollegen schlug mir mit einer solchen Waffe auf die Hand. Meine Kamera fiel zu Boden. Er rannte, um sie zu zertreten.

Ich sagte ihm: „Zerbrich nicht meine Kamera. Wenn du die Filme willst, gebe ich sie dir.“ Ich sagte ihm, dass es eine Medienausrüstung wäre. Sie kannten keine Grenzen.

Sie benutzten Gummigeschosse. Sie benutzten Tränengasbomben. Es war eine unglaubliche Szene.

Haneen Zubi, palästinensisches Mitglied der Knesset

Wir erwarteten, dass die israelische Armee uns stoppen würde, um zu verhindern, dass wir nach Gaza kämen, aber wir erwarteten nicht so einen Krieg gegen uns.

Es waren 14 Schiffe, die auf uns zukamen, kurz vor 4.30 früh. Vierzehn Schiffe, die ich zählen konnte und ein Helikopter. Vielleicht mehr als 10 Soldaten, ich konnte nicht genau sagen, (wie viele) aus dem Helikopter kamen.

Im zweiten Stock des Schiffes gab es nur Passagiere, die Journalisten waren, eine Krankenschwester und die Organisatoren der Flottille, die nichts in den  Händen hatten.

Nach 20 Minuten, vielleicht 15 Minuten, gab es drei Tote.

Um 6 Uhr war es vorbei, als eine Stimme aus dem Mikrofon sagte, dass das Schiff unter Kontrolle der Israelis wäre und „Bitte geht auf eure Zimmer“.

Norman Paech, ehemaliges Mitglied des deutschen Bundestags

Dies war kein Akt der Selbstverteidigung (der israelischen Armee), sondern es war vollständig unverhältnismäßig – obwohl wir damit rechneten, dass unser Schiff angehalten und vielleicht untersucht werden würde.

Dies war ein sehr ernster Übergriff – ein Kriegsverbrechen.

Ich persönlich sah zweieinhalb hölzerne Stöcke, die benutzt wurden (von Aktivisten).

Wir waren in keiner Weise auf einen Kampf vorbereitet. Wir haben es nicht einmal in Betracht gezogen.

Keine Gewalt, keinen Widerstand – weil wir sehr wohl wussten, dass wir absolut keine Chance gegen Soldaten wie diese hätten.

Mihalis Grigoropoulos, Griechenland

Ich steuerte das Schiff, wir sahen sie (die israelischen Soldaten), wie sie ein anderes Schiff vor uns kaperten. Es war das türkische Passagierschiff mit mehr als 500 Leuten an Bord, und wir hörten Schüsse.

Wir leisteten keinerlei Widerstand, konnten wir gar nicht, selbst wenn wir gewollt hätten. Was hätten wir gegen die Kommandos ausrichten können, die an Bord kletterten?

Das einzige, was einige Leute versuchten, war zu verzögern, dass sie auf die Brücke kamen, indem sie eine menschliche Kette bildeten. Sie wurden mit Plastikgeschossen und Elektrowaffen beschossen.

Es gab nach unserer Verhaftung viele Misshandlungen. Wir waren wirklich Geiseln, wie Vieh.

Sie ließen uns keine Toilette aufsuchen, sie gaben uns weder Nahrung noch Wasser, und sie machten von uns Videoaufnahmen, was nach internationalem Recht verboten ist.

Nilufer Cetin, Türkei

Wir blieben in unserer Kabine und machten Spiele, während geschossen wurde.

Mein Sohn ist seit gestern Nachmittag sehr nervös … Ich brauchte meinen Sohn nicht zu beschützen.

Sie wussten, dass ein Baby an Bord war. Ich legte meinem Sohn eine Gasmaske und einen Rettungsring an.

Wir hatten keine sonstigen Probleme an Bord, nur Wassermangel.

Wir gingen auf dem Deck umher, spielten mit meinem Sohn. Die Vorhänge waren zugezogen, so dass ich nicht den Überfall sehen konnte. Ich hörte nur Stimmen.

Es gibt leicht und schwer verwundete Menschen.

Es gibt Tausende Babies in Gaza. Mein Sohn und ich wollten mit diesen Babies spielen. Wir wollten ihnen Hilfe bringen. Wir wollten sagen: „Schau, dies ist ein sicherer Ort, ich bin mit meinem Baby gekommen.“

Ich sah meinen Mann aus der Entfernung, ihm schien nichts zu fehlen. Das Schiffspersonal war nicht verwundet, weil sie (die Soldaten) es brauchten, um das Schiff in den Hafen zu bringen.

Ich werde wieder gehen, wenn ein anderes Schiff fährt.

Cetin kehrte mit ihrem einjährigen Baby nach Istanbul zurück.

Youssef Benderbal, Frankreich

Die Anweisungen waren eindeutig. Keine Provokation, ruhig bleiben und begegnet ihnen (den Kommandos) mit den Worten: „Wir sind Pazifisten und nicht Terroristen“.

Maskierte Kommandos ergriffen Besitz von dem Schiff. Sie gingen zur Kajüte des Kapitäns.

Benderbal war nicht an Bord der Mavi Marmara, dem Leitschiff der Flotille, sondern auf einem der anderen fünf Schiffe. Er gab seinen Bericht Radio Europe 1 bei seiner Ankunft in Paris.

Dimitris Gielalis, Griechenland

Plötzlich sahen wir von überall her Schlauchboote auf uns zukommen und innerhalb von Sekunden kamen voll ausgerüstete Kommandos an Bord.

Sie kamen hoch und benutzten Plastikgeschosse. Wir erhielten Schläge, wir bekamen Elektroschocks, alles, was man sich nur denken kann, benutzten sie.

Gielalis war an Bord des Schiffes Sfendoni.

Mutlu Tiryaki, Türkei

Als wir an Deck gehen wollten, tauchten sie aus ihren Helikoptern und Militärbooten auf und griffen uns an.

Sie näherten sich unserem Schiff mit Militärschiffen, nachdem sie Warnungen verlauten ließen. Wir sagten ihnen, wir seien unbewaffnet. Unsere einzige Waffe war Wasser.


Der Artikel erschien im Original am 2. Juni unter dem Titel Passengers recount mid-sea horror bei Al Jazeera.

Übersetzung: Einar Schlereth


Vgl. auch den Hintergrund-Artikel:  Massaker im Mittelmeer. Israels Armee stürmt die Schiffe der Gaza-Solidaritätsflotte v. 31. Mai 2010

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