Umwelt

Der Tsunami war es nicht

Ein Jahr nach der Fukushima-Katastrophe räumen Studien mit den neuesten Legenden der Atomindustrie auf –

Von REDAKTION, 8. März 2011 –

Wenn am kommenden Sonntag in vielen Teilen Deutschlands die Menschen auf die Straße gehen, um an die Reaktorkatastrophe vom 11. März 2011 zu erinnern und Druck für eine rasche Umsetzung der angekündigten Energiewende zu machen, können sie sich dabei auch auf eine Reihe von neueren Untersuchungen stützen.

Ein Jahr nach dem Super-Gau im japanischen Kraftwerk Fukushima fordern die Gegner der Atomenergie in Deutschland die unverzügliche Abschaltung der noch in Betrieb befindlichen Anlagen. Unterstützt wird ihr Anliegen durch die Ergebnisse aktueller Studien. Aus denen geht hervor: Die Gefahren der atomaren Stromerzeugung werden von Konzernen und Politik nach wie vor unterschätzt und nicht selten auch vertuscht.

Bereits in der vergangenen Woche wurde eine Greenpeace-Studie bekannt, der zufolge schwere Unfälle in Atomkraftwerken deutlich wahrscheinlicher sind als bislang angenommen. Greenpeace fordert daher einen schnelleren Ausstieg aus der Atomkraft bis 2015.

Die vom Beraterbüro cervus nuclear consult durchgeführte Untersuchung nennt verschiedene Faktoren, die in der gängigen Risikoanalyse unberücksichtigt bleiben. „Weder komplexes menschliches Fehlverhalten noch Schlampigkeit oder fehlende Behördenaufsicht sowie Terrorgefahren können in einer solchen Risikoanalyse berechnet werden“, sagte Atomexperte Helmut Hirsch kürzlich in Berlin. Er hatte die Studie geleitet. (1)

Allein aus den vergangenen elf Jahren stellte er fünf kritische Ereignisse aus westlichen Atomkraftwerken vor, die alle auf bis dahin unterschätzte Risiken zurückzuführen sind. So kam es 2001 im schleswig-holsteinischen Brunsbüttel zu einer Wasserstoffexplosion an einer Rohrleitung – was bis dahin niemand für möglich gehalten hatte. Im US-Reaktor Davis-Besse trat 2002 nur durch Zufall zutage, dass der Druckbehälterdeckel fast durchgerostet war. Im hessischen Reaktorblock Biblis A stellte sich 2006 heraus, dass die Hälfte von 15.000 Dübeln zur Erdbebensicherung falsch verankert waren. 2009 stand die Kühlung im französischen Kernkraftwerk Cruas auf der Kippe: Ein Hochwasser der Rhone hatte so viele Wasserpflanzen angeschwemmt, dass die Kühlwasserzufuhr verstopfte.

„Atomkraftwerke dürfen in Deutschland nur betrieben werden, weil die Wahrscheinlichkeit für einen schweren Unfall als absolut gering erachtet wird“, sagte Greenpeace-Atomexperte Heinz Smital. Die dafür zugrunde gelegte Risikoanalyse sei jedoch fehlerhaft. Ähnlich verhalte es sich mit der Sicherheitsbewertung von Endlagerstätten. Den Maßgaben der sogenannten Probabilistischen Risiko-Analyse (PRA) zufolge müsste der Zeitabstand zwischen Kernschmelzunfällen in Jahrhunderten zu messen sein. Tatsächlich haben sich in den letzten 30 Jahren aber fünf Kernschmelzunfälle ereignet.

Auch über die Ursachen der Atomreaktor-Katastrophe im japanischen Fukushima gibt es neue Erkenntnisse, die das Anliegen der Atomkraft-Gegner nach einem unverzüglichen Ausstieg aus der Hochrisiko-Technologie stützen. Am Dienstag stellte die Deutsche Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges – Ärzte in sozialer Verantwortung e.V. (IPPNW) eine Studie vor, laut der nicht der Tsunami, sondern sträfliche Verstöße gegen die Gebote der Reaktorsicherheit für die Katastrophe verantwortlich gemacht werden. Die Betreiberfirma Tepco habe sich große Mühe gegeben, um diesen Sachverhalt zu vertuschen.

In der Presseerklärung des IPPNW heißt es: „Weltweit wird der Legende geglaubt, ausschließlich der dem Erdbeben folgende Tsunami sei für die atomare Katastrophe verantwortlich gewesen. Denn: die Ereignisse wurden von der Bertreiberfirma Tepco und der japanischen Regierung so dargestellt, dass in der Öffentlichkeit als Ursache mehr der Tsunami und weniger das Erdbeben wahrgenommen worden ist. Dieser offensichtlich interessengeleitete Versuch einer Geschichts(um)schreibung geht an der Realität vorbei. Dies kann mit einer minutiösen Analyse der Geschehnisse nachvollzogen werden. Der Super-GAU ist eingetreten, weil wichtige Hochdruck-Einspeisesysteme unabhängig von behaupteten Tsunami-Schäden ausgefallen sind. Die Tsunami-Welle wurde mit 14 Metern deutlich höher dargestellt als sie vermutlich war. Es fehlen Beweise für die behaupteten Überflutungen in der angegebenen Höhe und für die Schäden an sicherheitstechnischen Einrichtungen. Mit unzureichender räumlicher Trennung, Redundanz und Diversität wurde zudem das Einmaleins der Reaktorsicherheit sträflich missachtet.“ (2)

Sollte die Darstellung der Nichtregierungsorganisationen auch nur ansatzweise zutreffen, dann hätten die Demonstranten am Sonntag eine ganze Reihe von weiteren guten Argumenten im Gepäck, um die letzten verbliebenen Anhänger der Atomenergie von der Notwendigkeit des unverzüglichen Ausstiegs zu überzeugen.

Unter dem Motto „Fukushima mahnt – Atomanlagen jetzt abschalten“ sind für Gundremmingen, Neckarwestheim, Gronau, Hannover, Brokdorf und im Braunschweiger Land Demonstrationen und eine 75 Kilometer lange Lichterkette angekündigt worden. Die Veranstalter erwarten mindestens 20. 000 Teilnehmer.


(1) http://www.greenpeace.de/fileadmin/gpd/user_upload/themen/atomkraft/Studie_Wahrscheinlichkeit_Reaktorunfaelle.pdf

(2) http://www.fukushima-disaster.de/fukushima_supergau_studie.pdf

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