Russischer Agentenring in den USA ausgehoben

(29.06.2010/dpa)

US-Ermittler haben ein Netz von Agenten ausgehoben, die schon seit Jahrzehnten für Russland spioniert haben sollen. Insgesamt seien zehn Verdächtige in verschiedenen Städten im Nordosten der USA festgenommen worden, teilte das US-Justizministerium am Montag mit.

Gegen alle sei Anklage wegen des Verdachts der Agententätigkeit erhoben worden, acht von ihnen werde überdies Geldwäsche vorgeworfen. Daten seien über ein geheimes elektronisches Netz von Laptop zu Laptop weitergegeben worden.

Laut FBI sollten sie unter anderem Informationen über die US-Politik gegenüber Afghanistan und Iran sowie über einen damals geplanten Rüstungsvertrag zwischen Washington und Moskau sammeln.

Das Ministerium machte aber keine Angaben dazu, was genau sie ausspioniert haben sollen. Die Missionen der meisten Verdächtigen seien langfristig angelegt und extrem verdeckt gewesen.

Die Behörden hätten die mutmaßlichen Spione mehr als zehn Jahre lang überwacht, sie in ihren Wohnungen und in Hotelzimmern abgehört, ihre Anrufe mitgeschnitten und ihre E-Mails gelesen.  US-Agenten hätten sich unter anderem als russische Regierungsbeamte getarnt und mit den Verdächtigten getroffen.

Die Fahnder schlugen am Wochenende in den US-Staaten New Jersey, New York, Massachusetts und Virginia zu.

Neben den zehn Festgenommenen sei ein weiterer Verdächtiger angeklagt, der zunächst noch auf der Flucht sei. Den Angeklagten droht nun eine Haftstrafe von bis zu 20 Jahren.

Erst am Donnerstag waren im Weißen Haus US-Präsident Barack Obama und sein russischer Kollege Dmitri Medwedew zusammengetroffen. Dabei vereinbarten sie eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit sowie eine im Hinblick auf den Agentenvorfall ironisch klingende stärkere Kooperation der Geheimdienste. Obama hatte den Kremlchef dabei als „Freund und Partner“ bezeichnet. Medwedew sei „solide und verlässlich“.

Russland will die Vorwürfe nun prüfen. Die US-Informationen zur Festnahme der zehn mutmaßlichen Agenten seien „widersprüchlich“, teilte das russische Außenministerium am Dienstag  mit. „Wir werten alle Informationen aus“, hieß es in Moskau. Der russische Auslandsgeheimdienst SWR lehnte einen Kommentar zu den Anschuldigungen ab.

Dass aus Russland kein Dementi kam, lässt darauf schließen, dass die erhobenen Vorwürfe im Kern berechtigt sind. Doch die Bedeutung des Agentennetzwerkes wird von der US-Presse offenbar überschätzt. US-Behörden ermittelten über zehn Jahre gegen das Netzwerk. Offenbar hatte man keine Eile, es auszuheben. Sei es, weil nicht genügend belastendes Material vorlag oder weil man das Netzwerk nicht für so relevant hielt, als dass dringender  Handlungsbedarf bestand. Denn wenn es sich hier wirklich um ein für den russischen Auslandsgeheimdienst wertvolles Netzwerk gehandelt haben sollte, so hätte man den Kontakt zu diesem über feste Verbindungsleute aufrecht erhalten. Dass sich US-Agenten als russische Verbindungsleute ausgeben konnten und auch in der Lage waren, verschlüsselte E-Mails über Jahre zu lesen, zeigt eher, dass man in Russland keinen großen Aufwand betrieben hat, die Agenten in den USA zu unterstützen. Es scheint so, als handele es sich bei dem Netzwerk um ein Relikt des kalten Krieges, welches nur halbherzig am Leben gehalten wurde.

Dass Geheimdienste selbst befreundeter Länder sich gegenseitig ausspionieren, ist kein Geheimnis. Von daher ist die Nachricht über in den USA tätige russische Agenten auch keine Überraschung. Interessanter wäre die Frage, warum ausgerechnet jetzt nach zehn Jahren Beobachtung der Agentenring ausgehoben wurde.

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