Medien

Babyklappe für brisante Informationen

Die Enthüllungsplattform Openleaks will netzdemokratisch verfahren und geheimdienstsicher sein –

Von THOMAS WAGNER, 12. August 2011 –

Dieser Tage soll das Enthüllungs- oder Whistleblower-Portal Openleaks (http://www.openleaks.org/) in Dauerbetrieb gehen. Im Unterschied zu der Praxis von Wikileaks veröffentlicht die Plattform selbst keine Dokumente, sondern leitet diese lediglich an Kooperationspartner weiter, die der Tippgeber selbst aussucht. Die Betreiber wollen den Absender verschleiern und sicherstellen, dass die Dokumente anonymisiert sind. Das teilte Openleaks-Sprecher Daniel Domscheit-Berg bereits am Mittwoch im Sommercamp des Chaos Computer Clubs (CCC) in Finowfurt bei Eberswalde mit. Er war einer der Sprecher von Wikileaks, bevor er das Portal nach Streitigkeiten mit Gründer Julian Assange verließ.

Die Openleaks-Aktivisten wollen keine eigene Internetseite betreiben, auf der Informanten geheime Dokumente hochladen können, sondern Organisationen mit jeweils eigenen sicheren elektronischen Briefkästen ausstatten. Die Auswertung und Veröffentlichung der Dokumente sollen komplett die Partner übernehmen. Openleaks strebt an, dass jeder Whistleblower sein Material eine Zeit lang exklusiv einem oder mehreren Redaktionen zur Verfügung stellen kann. Nach Ablauf einer vom Informanten gesetzten Frist, stehen die Daten dann auch den anderen Partnern zur Verfügung.

Zur Stunde lassen die Openleaks-Betreiber  ihre Technik von Hackern des Chaos Computer Clubs auf Herz und Nieren prüfen. Sobald die Hacker keine Sicherheitslücke mehr finden, soll das Portal in den Dauerbetrieb gehen. „Jeder der will, kann sich Openleaks fünf Tage lang ansehen und soll versuchen, die Plattform zu hacken, sie kaputt zu machen oder was auch immer. Wir hoffen, dass wir durch diesen Stresstest ein paar Einsichten gewinnen, wie wir das System noch sicherer machen können – oder im Idealfall die Rückmeldung bekommen: Openleaks ist so sicher, dass es selbst nach fünf Tagen Dauerbeschuss noch seine Dokumente bewahrt“, sagte Domscheit-Berg im Freitag. (1)  

Doch schon jetzt halten sie die Daten von Informanten auf ihrem Portal für sicher aufgehoben: „Jedes hochgeladene Dokument wird sofort mit einem Code verschlüsselt, den nicht einmal Geheimdienste knacken können. Der digitale Schlüssel, der zum Lesen der Dateien benötigt wird, liegt wiederum gar nicht auf den Openleaks-Servern. Das bedeutet: Selbst wenn ein Hacker an eines der hochgeladenen Dokumente herankommen würde, könnte er es nicht öffnen“, so Domscheit-Berg. (2)

Als erste Kooperationspartner benannte Openleaks die Tageszeitung taz, die Wochenzeitung Der Freitag und die Verbraucherorganisation Foodwatch. Im Ausland sind das portugiesische Wochenblatt Expresso und die dänische Tageszeitung Dagbladet Information dabei. Der Journalismus sei auf anonyme Tippgeber angewiesen, erklärte der stellvertretende taz-Chefredakteur Reiner Metzger. Die heutige Gesellschaft brauche eine Kultur des konstruktiven Verrats. Openleaks allein werde aber nicht reichen. „Eine einzelne Seite kann ausgeschaltet werden, eine einzelne Person kann nie auf Dauer für etwas garantieren.“  (3)

Freitag-Herausgeber Jakob Augstein hält das Enthüllungsprojekt zumindest potenziell für „einen ungeheuren Fortschritt für die Netzdemokratie“. (4) Das System, so hofft er, solle  „Knotenpunkte der Freiheit schaffen, an denen sich eine neue Gegenöffentlichkeit festmachen kann.“ (5)

Im Unterschied zu Wikleaks, so Domscheit-Berg, sei ein Informant von Openleaks nicht mehr auf eine zentrale Webseite angewiesen, auf der er sein Dokument hochlädt und dann darauf warten muss, wie Wikileaks es bewertet. „Bei uns hat ein Informant mehr Möglichkeiten, um zu bestimmen, was mit seinem Material passiert: Er kann es zum Beispiel gezielt an einen Partner seiner Wahl geben, also zum Beispiel einer Zeitung, der er vertraut und von der er weiß, dass sie die Ressourcen hat und sich auch mit Material beschäftigt, das andere links liegen lassen. Anders als Wikileaks wird Openleaks gar keine Dokumente selbst veröffentlichen. Wir werden die Materialien nicht einmal selbst lesen können – weil alles sofort automatisch mit Codes der Partner verschlüsselt wird. Wie Dokumente am besten veröffentlicht werden, wie sie aufgearbeitet werden, ob Teile davon zum Schutz von Unbeteiligten geschwärzt werden müssen – all die inhaltlichen und redaktionellen Fragen wollen wir jenen überlassen, die sich professionell damit be
schäftigen. Journalisten zum Beispiel.“ (6)

Die Finanzierung des Projekts, das derzeit von Spenden getragen wird, soll jederzeit nachvollzogen werden können. Momentan arbeiteten die Aktivisten auf eigene Kosten. Auf größere Financiers werde im jetzigen Stadium bewusst verzichtet, um in der wichtigen Aufbauphase inhaltlich unabhängig zu sein. Wie sich die Finanzierung langfristig gestalten wird und welche Organisationen und Medien außer den bereits genannten letztlich an dem Projekt beteiligt werden, ist noch nicht geklärt. An die Frage an Domscheit-Berg, nach welchen Kriterien die Partner ausgewählt werden, schloss sich der folgende Wortwechsel im Freitag an:
„Wir haben noch keinen finalen Spruch dazu, wie wir die Partner auswählen. Aber wir möchten etwa 50 der 100 Partnerschaften über ein öffentliches Vorschlagsverfahren vergeben, so dass die Leute über das Internet mitbestimmen können, wer mitmachen darf.
Und die anderen 50 Plätze?
Die bekommen jene Organisationen, die schon an uns herangetreten sind.
Darf denn jeder bei Openleaks mitmachen?
Wir verstehen uns als politisch neutrale Organisation. Wir sind keine Journalisten, sondern ein technischer Dienstleister, der für die sichere Datenübermittlung sorgt.
Rechtspopulisten sind Ihnen als Partner auch willkommen?
Parteien können grundsätzlich nicht Partner von Openleaks werden. Ich kann Sie beruhigen: Wir haben bisher keine Anfragen aus irgendeinem extremen Umfeld.
Und was, wenn einmal welche kommen?
Das ist schwer zu sagen, einfach deshalb weil wir darauf noch keine definitive Antwort haben. Im Moment haben wir erst einmal andere Sorgen.“ (7)
Ungeklärt ist zudem die folgende Frage:
Und was, wenn die Journalisten einer Zeitung sagen: Dieses Dokument darf auf keinen Fall weiter veröffentlicht werden, sonst sind Menschenleben in Gefahr. Bietet Openleaks eine Möglichkeit, ein Dokument gegen den Willen der Quelle unter Verschluss zu halten?
Auf diese Frage haben wir zwar verschiedene Antworten, aber noch keine abschließende. Wir müssen während der Testphase noch ein internes Bewertungsverfahren ausarbeiten, um mit solchen Fällen verantwortungsvoll umgehen zu können.“ (8)



Quellen

(1) http://www.freitag.de/politik/1132-wir-fordern-kein-vertrauen
(2) http://www.freitag.de/politik/1132-wir-fordern-kein-vertrauen
(3) http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=a2&dig=2011%2F08%2F11%2Fa0087&cHash=c99e661a71
(4) http://www.freitag.de/politik/1132-raushalten-geht-nicht-warum-der-freitag-mit-openleaks-kooperiert
(5) http://www.freitag.de/politik/1132-raushalten-geht-nicht-warum-der-freitag-mit-openleaks-kooperiert
(6) http://www.freitag.de/politik/1132-wir-fordern-kein-vertrauen
(7) http://www.freitag.de/politik/1132-wir-fordern-kein-vertrauen
(8) http://www.freitag.de/politik/1132-wir-fordern-kein-vertrauen

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