Die zehn Blindheiten

Der Ukraine-Krieg und der Realitätsverlust der Medien

Die etablierten Medien versagen in der Berichterstattung zum Ukraine-Krieg, stellt Patrik Baab fest. Das wurde dem Autor nicht nur durch Besuche auf beiden Seiten der Frontlinie bewusst. Genau dies zeigen auch seine Recherchen. Dass er sich an journalistische Standards hält, hat für ihn Folgen: Hierzulande wird er medial diffamiert. In der Ukraine steht er inzwischen auf der Abschussliste des Kiewer Geheimdienstes.

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Kriegsberichterstattung. Patrik Baab sieht den Unwillen, im Weg der Recherche den Dingen auf den Grund zu gehen. (Symbolfoto)
Foto: TreyYingst Lizenz: CC BY-SA 4.0, Mehr Infos

Am 25. September 2022 stehe ich am Fenster des Hotels „Park Inn“ in Donezk in meinem Zimmer im fünften Stock. Ich beobachte, wie eine Artilleriegranate ein Wohnhaus trifft. 800 Meter von mir entfernt kracht ein Teil der Fassade herunter. Etwa zur gleichen Zeit erreicht mich eine Textnachricht von T-Online. Der Redakteur Lars Wienand will wissen, ob ich ein Wahlbeobachter bei den Referenden in den von Russland besetzten Gebieten bin. Ich befinde mich auf einer von mehreren Recherche-Reisen in die Ukraine und nach Russland. Ich stelle klar, dass ich einer Journalistengruppe angehöre. Offenbar hat er aber nur pro forma angefragt. Denn mein Dementi hat ihn nicht weiter interessiert.

Während mein Begleiter und ich im Donbass Milizen, Scharfschützen, Artilleriegranaten und Minen zu entgehen suchen, blasen Sitzredakteure in Deutschland zum publizistischen Angriff. Ein Wahlbeobachter sei ich gewesen bei Putins Scheinreferenden, ein Apologet des Kremls, ein Journalist auf politischen Abwegen. In der Folge kündigen die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und die Hochschule für Medien und Kommunikation in Berlin meine Lehraufträge. Sie fallen auf eine Falschmeldung herein, die fabriziert worden ist, damit jemand darauf hereinfällt. Denn solche Denunziationskampagnen, für die T-Online bekannt ist, wirken nur, wenn andere mitmachen. Geprüft hat niemand.

Das zeigt den Zerfall der öffentlichen Debattenkultur und des journalistischen Handwerks. Dass ich dafür zwei Lehraufträge verloren habe, zeigt die Gleichschaltung der Universitäten und ihre Unterwerfung unter die Propaganda-Narrative der NATO. Die Vorgänge verweisen auf den weitgehenden Realitätsverlust der Mainstream-Medien und der bundesdeutschen Öffentlichkeit. Sie haben sich in die eigene Propaganda verrannt und sind nicht mehr in der Lage, die reale Situation zu begreifen.

Für diese Realitätsverweigerung der Presse gebe ich zehn Beispiele.

1. Militärische Blindheit

Der Krieg ist zu einem Stellungskrieg geworden. Jede Offensive ohne massive Luft- und Artillerieüberlegenheit kostet viel Blut. Beim Besuch von Außenministerin Annalena Baerbock Anfang September 2023 in Kiew sichert der mitreisende Leiter des Sonderstabs Ukraine im Verteidigungsministerium, Brigadegeneral Christian Freuding, bei einer Diskussion der Moderatorin Anne Applebaum zu: „Wir wollen die territoriale Integrität der Ukraine wiederherstellen.“ – „In den Grenzen des Jahres 1991?“ – „Exakt.“

Dies wird von den Medien ohne Einordnung transportiert. Der Tagesspiegel am 21. September 2023: „Vorstoß an der Südfront. Ukraine überwindet ‚Surowikin-Linie‘ offenbar erstmals mit schwerem Gerät.“ Das entspricht aber nicht der realen Lage an der Front. Der Wunsch ist Vater des Gedankens.

Experten sprechen dagegen von einem kolossalen Scheitern der Gegenoffensive, enormen ukrainischen Verlusten, dass es nie eine Chance gegeben habe, die russische Armee zu besiegen und die gesteckten Ziele zu erreichen. Seymour Hersh zitiert einen CIA-Mitarbeiter: „Der Krieg ist vorbei. Russland hat gewonnen. Es gibt keine ukrainische Offensive mehr, aber das Weiße Haus und die amerikanischen Medien müssen die Lüge aufrechterhalten.“

Auch die Presse in Deutschland folgt der Propaganda. Ohne die „Sozialen Medien“ und die Alternativpresse wüssten wir wenig über die tatsächliche Lage. In militärischer Perspektive zeigen die Journalisten einen beeindruckenden Realitätsverlust. Der Presse-Rummel um die sogenannte Gegenoffensive stellt Propaganda über Journalismus.

2. Moralisch-ethische Blindheit

Der Krieg hat für die Menschen im Donbass bereits im März 2014 begonnen, nicht erst mit dem russischen Angriff 2022. Beim Bürgerkrieg in der Ostukraine setzt die ukrainische Armee seit Jahren auch international geächtete Streumunition ein, beispielsweise Schmetterlingsminen, die in Kartuschen zu 20 Stück mit Granaten und Raketen verschossen werden und sich über eine große Fläche verbreiten. Es ist seither auch ein Krieg gegen die Zivilbevölkerung.

Anfang September 2023 gingen Schätzungen, die sich auf die Zahl der stillgelegten SIM-Karten von Mobilfunkbetreibern stützen, von etwa 400.000 getöteten ukrainischen Soldaten aus. Der Militär-Analyst und frühere US-Waffeninspektor Scott Ritter stellte fest: „Es gibt kein Szenario, in dem die Ukraine gewinnt. Sie haben keine ausgebildeten Truppen mehr. Die Zahl der Opfer ist erschreckend. Länder, die die Ukraine unterstützen, sind für den Tod Hunderttausender Männer verantwortlich.“ Über die vielen Toten an der Front berichtet die Presse kaum. Damit verhält sie sich selbst unmoralisch.

1983 hat der Philosoph Peter Sloterdijk vom „Informationszynismus“ gesprochen. Gerade hier findet er sich. Aber dieser Informationszynismus hat einen Grund: Der Militär-Analyst Jacques Baud sieht ihn darin, „dass wir die Menschen im Donbass als ‚Untermenschen‘ betrachtet haben, die es nicht verdienen, ein normales Leben zu führen. Deshalb berichten unsere Medien nie über die zivilen Opfer …“.

Die moralisch-ethische Blindheit der Medien zeigt sich in diesem Medien-Zynismus.

3. Kausalitäts-Blindheit

Zahlreiche Augenzeugen der Proteste auf dem Maidan im Winter 2013/2014 haben gesehen: Kamerateams, die jeden wegschickten, der sich nicht zustimmend zu den Protesten äußerte; Sicherheitskräfte, die von Oligarchen bezahlt wurden; scharfe Auswahl an der Bühne; vom Westen bezahlte Nicht-Regierungs-Organisationen, die Winterkleidung, Zelte, Heizkörper heranschafften; polnische und litauische Diplomaten, die Geld an Demonstranten verteilten; Westukrainer, die im Raum Lwiw angeheuert und im 14-tägigen Wechsel auf den Platz gekarrt wurden; die „Open Society Foundations“ des US-Milliardärs George Soros, die gekauften Demonstranten für zwei Wochen mehr bezahlten, als sie in vier Wochen in der Westukraine verdienen konnten; Tech-Camps, bei denen Vertreter der US-Botschaft in Kiew Aktivisten beibrachten, wie man mobilisiert für Proteste.

Dies alles lässt sich aus öffentlich zugänglichen Quellen zusammentragen. Deshalb sehe ich hier den Unwillen, im Weg der Recherche den Dingen auf den Grund zu gehen. Dann nämlich hätte man herausgefunden, dass seit Ende November 2013 Tag für Tag mehrere hundert bewaffnete Ultranationalisten aus den Gebieten Lwiw, Volyn und Ternopil nach Kiew befördert wurden. Aus den geplünderten Militär- und Polizeidepots im Westen, vor allem in Lwiw, Ternopil und Iwano-Frankiwsk, stammten massive Mengen an Waffen, die später in den Zusammenstößen mit der Polizei in Kiew zum Einsatz kamen.

Die Frage, wer auf dem Maidan geschossen hat, wird zum Kipppunkt. Ein Beitrag im ARD-Magazin „Monitor“ vom 10. April 2014 führt den Indizienbeweis, dass die tödlichen Schüsse auf dem Maidan aus Gebäuden kamen, die der „Rechte Sektor“ besetzt hielt. Danach kam nichts mehr. Über die zentrale Studie von Ivan Katchanovski von der Universität Ottawa wurde in deutschen Medien fast gar nicht mehr berichtet. In einer detaillierten Analyse kommt er zu dem Ergebnis, dass „das Massaker eine Operation unter falscher Flagge war, die wohlüberlegt, geplant und ausgeführt wurde mit dem Ziel, die Regierung zu stürzen und die Macht zu übernehmen.“

Diese Informationen stammen aus fachlich fundierten Quellen und sind systematischer Recherche zugänglich gewesen. Allerdings blieben sie in den Mainstream-Medien unerwähnt. Dies zeigt: Die größte Gestaltungsmacht von Medien liegt nicht nur im „Agenda Setting“, sondern auch und gerade im „Agenda Cutting“. Die Deutungsmacht der journalistischen Gatekeeper wird hier zum „Lügen durch Weglassen“.

Dieses „Framing“ bedeutet, dass durch sprachliche und bildliche Mittel das Narrativ, also der Bedeutungsinhalt, auf den Kopf gestellt wird: Aus dem Putsch ultranationalistischer Kräfte im Bunde mit NATO und EU wird eine demokratische Revolution gemacht. Es ging also darum, vorherrschende Deutungsmuster gezielt zu aktivieren und störende Fakten zu verschweigen. Das „strategische Framing“ wirkt wie eine gezielte Irreführung der Öffentlichkeit. Der Realitätsverlust der Öffentlichkeit wurde also bewusst herbeigeführt.

4. Soziale Blindheit

Ein Freund von mir, Wasja, hat in seinen Transporter sechs Kojen eingebaut. Er stellte vor dem Krieg Bautrupps zusammen, die sich bis nach Moskau oder Frankfurt als Schwarzarbeiter auf Baustellen verdingt haben. Wasja gehört zu den drei Millionen Ukrainern, die als Arbeitsmigranten mehrmals im Jahr ins Ausland pendeln. Dazu kommen noch einmal zwei Millionen, die dauerhaft im Ausland arbeiten. Bereits bis Ende der 1990er Jahre wanderten mehrere hunderttausend Ukrainer nach Russland aus. Dort waren damals zwar die Löhne auch nicht viel höher, aber die Verwestlichung des Lebensstils und die Verteuerung der Lebenshaltungskosten schlugen nicht so durch. Heute verdingen sich allein zwei Millionen Ukrainer in Polen vor allem in schlecht bezahlten Jobs. In Polen blühen auch die Geschäfte der Vermittlungsagenturen. Die deklarieren Ukrainer zu polnischen Staatsangehörigen und vermitteln sie als häusliche Pflegekräfte in die Schweiz und nach Deutschland.

Die Bezahlung solcher Jobs ist immer noch viel besser als in ihrer Heimat, wo der Mindestlohn bei der ersten Einführung 2015 ganze 34 Cent pro Stunde betrug. Bis 2021 wurde er dreimal erhöht und lag bei 1,21 Euro. Allerdings kommt er beispielsweise in der Textil- und Lederindustrie bei einem Drittel der meist weiblichen Beschäftigten nur durch erzwungene und nicht bezahlte Überstunden zustande.

Auch deshalb schrumpft die Bevölkerung der Ukraine. Von 52 Millionen im Jahr 1992 ging die Zahl der Ukrainer auf knapp 37 Millionen im Jahr 2020 zurück. Dazu kommen noch einmal ungefähr drei Millionen Einwohner im Donbass, Luhansk und auf der Krim. Die Abwanderung geht weiter. Durch den Krieg beschleunigte sich der Schrumpfungsprozess dramatisch: Bis September 2022 gingen mehr als sechseinhalb Millionen Menschen ins Ausland.

Die Mainstream-Medien zeigen sich ignorant gegenüber den sozialen Missständen in der Ukraine. Sie sind sozial blind und blenden die Lebenswirklichkeit der Menschen aus. Die medial verbreitete Propaganda will uns weismachen, dass im Krieg in der Ukraine unsere Werte verteidigt werden. In Wirklichkeit rechtfertigen die etablierten Medien die Kumpanei mit einem Regime, in dem genau diese Werte mit Füßen getreten werden.

Weiterlesen:

Dieser Artikel ist Teil eines längeren Beitrages von Patrik Baab aus Hintergrund – Das Nachrichtenmagazin 1|2 / 2024. Sie können das Heft bestellen – HIER oder im Handel kaufen – HIER.

 

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Patrik Baab ist Politikwissenschaftler und Publizist. Er hat Reportagen und Recherchen über Geheimdienste und Kriege veröffentlicht. Er berichtete u. a. aus Russland, Großbritannien, dem Balkan, Polen, dem Baltikum und Afghanistan. In Russland machte er mehrfach Bekanntschaft mit dem Inlandsgeheimdienst FSB. Auch die Staatsschutzabteilung des Bundesinnenministeriums führt eine Akte über ihn. Im Westend Verlag publizierte er zuvor „Im Spinnennetz der Geheimdienste. Warum wurden Olof Palme, Uwe Barschel und William Colby ermordet?“ (2017) und „Recherchieren. Ein Werkzeugkasten zur Kritik der herrschenden Meinung“ (2022). Siehe auch: www.patrikbaab.de

 

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