»Epstein war ein Konstrukt«
Auszug aus dem Buch "Wem diente Jeffrey Epstein?"
Vorbemerkung der Redaktion: Der sogenannte Epstein-Skandal mit den dazu freigegebenen unzähligen Unterlagen und Daten erschüttert die bürgerliche Welt, von Politik über die Medien bis zur allgemeinen Öffentlichkeit. Da gibt es viel moralische Empörung, noch mehr Vermutungen – und am Ende wenig tatsächliche Aufklärung, bis auf ein paar Rücktritte mutmaßlicher Mittäter. Dabei sind die Vorgänge um den verurteilten Sexualstraftäter und mutmaßlichen Geheimdienstagenten Jeffrey Epstein vielleicht in ihrer Dimension neu, aber nicht grundsätzlich. Wie hatte doch schon Karl Marx geschrieben:
Indem die Finanzaristokratie die Gesetze gab, die Staatsverwaltung leitete, über sämtliche organisierte öffentliche Gewalten verfügte, die öffentliche Meinung durch die Tatsachen und durch die Presse beherrschte, wiederholte sich in allen Sphären, vom Hofe bis zum Café Borgne dieselbe Prostitution, derselbe schamlose Betrug, dieselbe Sucht, sich zu bereichern, nicht durch die Produktion, sondern durch die Eskamotage schon vorhandenen fremden Reichtums, brach namentlich an den Spitzen der bürgerlichen Gesellschaft die schrankenlose, mit den bürgerlichen Gesetzen selbst jeden Augenblick kollidierende Geltendmachung der ungesunden und liederlichen Gelüste aus, worin der aus dem Spiele entspringende Reichtum naturgemäß seine Befriedigung sucht, wo der Genuß crapuleux wird, wo Geld, Schmutz und Blut zusammenfließen. Die Finanzaristokratie, in ihrer Erwerbsweise wie in ihren Genüssen, ist nichts als die Wiedergeburt des Lumpenproletariats auf den Höhen der bürgerlichen Gesellschaft.[…] Die industrielle Bourgeoisie sah ihre Interessen gefährdet, die kleine Bourgeoisie war moralisch entrüstet, die Volksphantasie war empört […]
Das war 1850. Was in Bruchstücken über Epstein, seine Taten und Kumpane sowie seine Netzwerke bisher bekannt ist, zeigt: Es hat sich kaum etwas verändert im Kapitalismus. Wir bringen dazu Auszüge aus dem Buch von Tahir Chaudhry über die Vorgänge und den Skandal. Der Autor, deutsch-indischer Journalist und Filmemacher, geht vor allem auf die Hintergründe ein.
Um das Jahr 2012, drei Jahre nach seiner Haftentlassung, startet Epstein eine Image-Kampagne. Dabei wirft er mit Millionen von Dollar um sich, um sich als großzügiger Wohltäter zu inszenieren. Über PR Newswire werden fast täglich Pressemitteilungen veröffentlicht, die Spenden der Jeffrey Epstein VI Foundation für wohltätige Zwecke verkünden. Ob Epstein all seine großspurigen Versprechen tatsächlich erfüllt hat, bleibt jedoch ungewiss.
In den Pressemitteilungen wird Epstein als »Wissenschafts-Philanthrop«, »Bildungsaktivist«, »Evolutionist«, »Wissenschaftspatron« und »ungewöhnlicher Hedgefonds-Manager« vorgestellt. Seine Stiftung etabliert ein Stipendienprogramm am International Peace Institute (IPI), in dessen Vorstand zwei seiner engen Kontakte sitzen: der norwegische Diplomat Terje Rød-Larsen als Präsident und der US-amerikanische Medienmogul Mortimer Zuckerman als Chairman Emeritus.
Rød-Larsen, der Präsident des International Peace Institute war, wird im Oktober 2020 in die Schlagzeilen geraten. Das Wall Street Journal deckt auf, dass er im Lauf der Jahre mehrere Treffen mit Epstein hatte und dass das IPI beträchtliche Spenden von Epstein erhalten hat. Daraufhin wird er von seinem Posten zurücktreten. Zuckerman, lange Besitzer der New York Daily News, wird ebenfalls im Wall Street Journal erwähnt, weil er in Jeffrey Epsteins Terminkalender mit mehreren Treffen auftaucht. Er hat sich bis heute nicht dazu geäußert.
Epstein kündigt im Rahmen seiner Image-Kampagne auch an, Schulen im vom Erdbeben zerstörten Haiti zu bauen, Musiktherapie für Frühgeborene zu unterstützen, Computerprogramme für Kleinkinder zu entwickeln und das Online-Lernprogramm NeuroTV zur Gehirnforschung zu starten. Auf den Amerikanischen Jungferninseln gründet er ein Jugend-Fußball-Trainingslager, ein Jugendorchester, die erste Tierschutzorganisation, das erste Bildungsförderungsprogramm und den ersten Studenten-Radiosender. Er finanziert Forschungsprojekte zu unheilbaren Krankheiten wie Multiple Sklerose, Alzheimer, Parkinson und AIDS sowie zu künstlicher Intelligenz, freidenkenden Robotern, humanoider Software und einem Haiflossenverbot in China.
Auf seiner Website jeffreyepsteinscience.com, die 2013 online geht, präsentiert sich Epstein zudem als ehemaliges Vorstandsmitglied der Rockefeller University, der von John D. Rockefeller, dem Industriellen und Vorstand der Standard Oil Company, gegründeten Universität. Die Rockefeller-Familie, bekannt für ihr immenses Vermögen und ihren weltweiten Einfluss, hat Generationen von Wirtschafts- und Politikstrategien geprägt.
Auch David Rockefeller, der Enkel von John D. Rockefeller, taucht in dem Adressbuch von Epstein auf. Er war Finanzier, Ehrenvorsitzender und Treuhänder der Universität. In den 1990er-Jahren berief David Rockefeller Epstein in den Vorstand der Rockefeller University. Um das Jahr 2000 kursierten sogar Gerüchte, dass Epstein das Milliardenvermögen von David Rockefeller verwaltet.
Zu dieser Zeit war Epstein laut Eigendarstellung auf seiner Website jeffreyepstein.org auch Mitglied der von Rockefeller gegründeten Trilateralen Kommission, einem exklusiven Club, der aus führenden Vertretern von Wirtschaft, Medien und Politik aus aller Welt besteht. Diese Kommission ist dafür bekannt, Einfluss auf politische Entscheidungen zu nehmen. Sie mobilisiert ihre Mitglieder, darunter ehemalige Präsidenten, Premierminister und hochrangige Regierungsbeamte, um, wie jüngst, globale Initiativen voranzutreiben. Etwa die Schaffung eines globalen CO2-Preises oder die Regulierung von digitalem Handel und künstlicher Intelligenz. Zuvor hat sie zur Entwicklung globaler Institutionen wie der Welthandelsorganisation (WTO) und der Europäischen Union (EU) beigetragen, hat die Gestaltung einer koordinierten globalen Energiepolitik unterstützt und hat transatlantische Allianzen zur Förderung einer stabilen internationalen Ordnung vorangetrieben. Weder die Kommission noch ihre Mitglieder haben sich jemals zu Epsteins Rolle oder zu dessen Einfluss auf ihre Aktivitäten geäußert.
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TAHIR CHAUDHRY, Jahrgang 1989, ist deutsch-indischer Journalist und Filmemacher. Er studierte Philosophie und Orientalistik an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Er war Hospitant und Redakteur bei verschiedenen Zeitungen. 2020 gründete er den YouTube-Kanal »Grenzgänger Studios« (heute mehr als 120.000 Abonnenten), auf dem er Interviews und politische Analysen veröffentlicht. Im Jahr 2024 veröffentlichte er sein erstes Buch, den Bestseller Wem diente Jeffrey Epstein?
